Pro­fes­sio­nel­le Sozia­le Arbeit zwi­schen Wahr­neh­mung, Kom­mu­ni­ka­ti­on und Ver­ant­wor­tung: Refle­xio­nen zu zen­tra­len Brenn­punk­ten im Hilfeprozess

Hand­out Sozia­le Arbeit Reflexion Professionelle Soziale Arbeit zwischen Wahrnehmung, Kommunikation und Verantwortung: Reflexionen zu zentralen Brennpunkten im Hilfeprozess Reflexion ist Schlüssel professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit. Wahrnehmung, Kommunikation, Motivation und Diagnostik stehen dabei im Spannungsfeld fachlicher Verantwortung und struktureller Bedingungen. Dieser Beitrag beleuchtet zentrale Brennpunkte im Hilfeprozess – mit dem Ziel, Partizipation zu fördern, Stigmatisierung zu vermeiden und die Würde der Klient*innen jederzeit zu wahren.

Inhalts­ver­zeich­nis

  1. Vor­wort
  2. Die Bedeu­tung der All­tags­be­ob­ach­tung – Wahr­neh­mung kri­tisch reflektieren
  3. Kom­mu­ni­ka­ti­on auf Augen­hö­he in insti­tu­tio­nel­len Kon­tex­ten – Wunsch und Wirklichkeit
  4. Emo­tio­na­le und moti­va­tio­na­le Ein­bin­dung – Vor­aus­set­zung für nach­hal­ti­gen Lernerfolg
  5. Dia­gnos­tik und Stig­ma­ti­sie­rung – Refle­xi­on über fach­li­che Verantwortung
  6. Resü­mee
  7. Lite­ra­tur

Vor­wort

In den fol­gen­den vier Kom­men­ta­ren wer­den zen­tra­le Aspek­te the­ma­ti­siert, die im Hil­fe­pro­zess beson­de­re Rele­vanz besit­zen. Dabei ste­hen punk­tu­el­le Brenn­punk­te einer pro­fes­sio­nel­len Sozia­len Arbeit im Vor­der­grund, die nicht nur die mensch­li­che Wür­de als obers­tes Gebot betrach­tet, son­dern auch aner­kennt, dass unse­re Klient:innen Indi­vi­du­en sind, die ihre Umwelt indi­vi­du­ell wahr­neh­men und verarbeiten.

Ein zen­tra­ler Punkt pro­fes­sio­nel­ler Hil­fe ist daher sowohl die Wahr­neh­mung der Sozi­al­ar­bei­terinnen als auch die der Kli­entinnen, wel­che im Hil­fe­pro­zess berück­sich­tigt wer­den müs­sen. Durch Wahr­neh­mung set­zen wir uns in Bezie­hung zu unse­rer Umwelt, inter­agie­ren mit ihr und gewin­nen not­wen­di­ge visu­el­le und ande­re Infor­ma­tio­nen, die wir zur Hand­lungs­pla­nung benötigen.

Ein wesent­li­ches Hand­lungs­mus­ter in der Sozia­len Arbeit ist die sozia­le Inter­ak­ti­on, ins­be­son­de­re das Gespräch. Neben der visu­el­len Wahr­neh­mung tre­ten Sozialarbeiter:innen mit ihrer Kli­en­tel in wech­sel­sei­ti­ge Bezie­hun­gen. Pro­fes­sio­nel­le Set­tings beein­flus­sen dabei maß­geb­lich, wie Kli­en­tin­nen Situa­tio­nen wahrnehmen.

Im Mit­tel­punkt fach­li­cher Arbeit ste­hen stets die Bedürf­nis­se der Kli­entinnen, die Sozi­al­ar­bei­terinnen jedoch gegen­über Gesetz­ge­ber und Trä­gern recht­fer­ti­gen müs­sen. Daher sind Lern­pro­zes­se ent­schei­dend für Ver­hal­tens­ver­än­de­run­gen im Hil­fe­pro­zess. Die Art und Wei­se, wie Klient:innen Infor­ma­tio­nen auf­neh­men und umset­zen, ent­schei­det wesent­lich dar­über, wie wirk­sam die ange­bo­te­ne Hil­fe ist.

Nicht nur die Gestal­tung des Hilf­e­set­tings ist für Klient:innen rele­vant. Hil­fe­pro­zes­se, beson­ders sol­che mit dia­gnos­ti­scher Ursa­chen­for­schung, wir­ken sich auf die Klient:innen und deren Umfeld sowie auf die Sozialarbeiter:innen selbst aus. Des­halb bedür­fen die­se Pro­zes­se stän­di­ger Refle­xi­on, um die Wür­de der Kli­en­tin­nen jeder­zeit zu wahren.

Die Bedeu­tung der All­tags­be­ob­ach­tung – Wahr­neh­mung kri­tisch reflektieren

„Ich den­ke, also bin ich“ (Des­car­tes, 1644) beschreibt den Kern ratio­na­lis­ti­scher Phi­lo­so­phie: Die Welt ent­steht im Kopf des Indi­vi­du­ums, und nur das eige­ne Den­ken gilt als ver­läss­li­che Gewiss­heit (vgl. Hagen­dorf et al., 2011, S. 4). Für die Ver­ar­bei­tung von Sin­nes­ein­drü­cken ist die­ser Ansatz bis heu­te von Rele­vanz – auch für die All­tags­be­ob­ach­tun­gen in der Sozia­len Arbeit (vgl. Bräu­ti­gam, 2018, S. 16; Ger­rig & Zim­bar­do, 2008, S. 75).

Wahr­neh­mung beginnt mit der Auf­nah­me von Sin­nes­rei­zen durch Sin­nes­or­ga­ne. Die­ser ers­te Schritt, die Sin­nes­emp­fin­dung, wird im Gehirn wei­ter­ver­ar­bei­tet. In einem soge­nann­ten bot­tom-up-Pro­zess gelan­gen Sin­nes­rei­ze über das Ner­ven­sys­tem zur Ver­ar­bei­tung. Ergän­zend dazu wirkt eine top-down-gesteu­er­te Wahr­neh­mung, beein­flusst durch men­ta­le Pro­zes­se wie Wis­sen, Erfah­rung und Erwar­tun­gen. Die­se Wahr­neh­mungs­sets prä­gen unse­re Inter­pre­ta­ti­on von Rei­zen und wir­ken – teils unbe­wusst – auch als Schutz­me­cha­nis­mus im Arbeits­all­tag (vgl. Myers, 2014a, S. 234 ff.).

Beob­ach­tung im enge­ren Sin­ne ist vor allem visu­el­le Sin­nes­emp­fin­dung. Bereits mit dem mor­gend­li­chen Öff­nen der Augen beginnt die­ser Pro­zess (vgl. Gaz­z­ani­ga et al., 2017, S. 263 ff.; Myers, 2014a, S. 245 ff.). Auch in der Pra­xis der Sozia­len Arbeit ist das Sehen zen­tral. Die visu­el­le Inau­gen­schein­nah­me ist eines der wich­tigs­ten Werk­zeu­ge zur Ein­schät­zung von Situa­tio­nen und Per­so­nen (vgl. Bräu­ti­gam, 2018, S. 62 ff.).

All­tags­be­ob­ach­tun­gen sind jedoch stets von sub­jek­ti­ven Fak­to­ren beein­flusst. Den­noch behal­ten sie ihre Bedeu­tung als Aus­gangs­punkt unse­rer pro­fes­sio­nel­len Arbeit. Die Welt mag indi­vi­du­ell kon­stru­iert sein, doch ist sie für jeden Ein­zel­nen die ein­zig wahr­nehm­ba­re Rea­li­tät. Dar­aus ergibt sich die Not­wen­dig­keit, sen­si­bel für Ver­än­de­run­gen zu blei­ben, Wahr­neh­mun­gen zu hin­ter­fra­gen und ins­be­son­de­re sich selbst kri­tisch zu reflek­tie­ren. Eine pro­fes­sio­nel­le Hal­tung drückt sich daher auch in fol­gen­der Maxi­me aus: „Wie man selbst die Welt wahr­nimmt, sagt mehr über sich aus als über die Umwelt.“

Kom­mu­ni­ka­ti­on auf Augen­hö­he in insti­tu­tio­nel­len Kon­tex­ten – Wunsch und Wirklichkeit

Gesprä­che bil­den einen essen­zi­el­len Bestand­teil der Sozia­len Arbeit als metho­di­sches Hand­lungs­in­stru­ment (vgl. Widul­le, 2012, S. 30). Kom­mu­ni­ka­ti­on wird dabei als wech­sel­sei­ti­ge, inten­tio­na­le Ver­stän­di­gung über Sinn­zu­sam­men­hän­ge ver­stan­den, die durch Sym­bo­le – ins­be­son­de­re Spra­che – ver­mit­telt wird (ebd., S. 23). Wäh­rend Kom­mu­ni­ka­ti­on im All­ge­mei­nen kei­nen zwi­schen­mensch­li­chen Kon­takt vor­aus­setzt, ist die­ser für ein Gespräch unab­ding­bar (ebd., S. 27 f.). In insti­tu­tio­nel­len Kon­tex­ten, etwa in der Jugend­hil­fe oder der Ein­glie­de­rungs­hil­fe, sind Gesprächs­si­tua­tio­nen häu­fig von unglei­chen Macht­ver­hält­nis­sen geprägt (vgl. Brock & Meer, 2004, S. 2).

Kon­zep­te wie Macht, Hier­ar­chie und Asym­me­trie wer­den im kom­mu­ni­ka­ti­ons­ana­ly­ti­schen Dis­kurs oft­mals unein­heit­lich ver­wen­det. Nach Fou­cault lässt sich Macht als Ergeb­nis struk­tu­rel­ler Ungleich­hei­ten zwi­schen Gesprächs­be­tei­lig­ten begrei­fen, die in spe­zi­fi­schen insti­tu­tio­nel­len Kon­tex­ten wirk­sam wer­den (ebd., S. 18). Hier­ar­chie ver­weist auf insti­tu­tio­nel­le Rang­un­ter­schie­de, wäh­rend Asym­me­trie kom­mu­ni­ka­ti­ve Ungleich­ver­tei­lun­gen beschreibt – etwa hin­sicht­lich des Rede­rechts oder der Ein­fluss­nah­me auf den Gesprächs­ver­lauf (ebd., S. 19).

Das dop­pel­te Man­dat der Sozia­len Arbeit – Hil­fe und Kon­trol­le – führt zwangs­läu­fig zu Hier­ar­chien im Hil­fe­pro­zess (vgl. Widul­le, 2012, S. 45 ff.). Die­se struk­tu­rel­len Gege­ben­hei­ten beein­flus­sen die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­zie­hun­gen zwi­schen Fach­kräf­ten und Klient:innen maß­geb­lich. Um den­noch eine mög­lichst gleich­be­rech­tig­te Kom­mu­ni­ka­ti­on zu ermög­li­chen, bedarf es einer pro­fes­sio­nel­len Gesprächs­füh­rung, die auf Trans­pa­renz, Mode­ra­ti­on und Eva­lua­ti­on setzt (vgl. Brock & Meer, 2004, S. 42 ff.).

Auch Sozialarbeiter:innen unter­lie­gen Macht­struk­tu­ren: Sie gestal­ten Hil­fe­pro­zes­se, kon­trol­lie­ren deren Umset­zung und beein­flus­sen somit maß­geb­lich die Gesprächs­dy­na­mik. Den­noch kön­nen sie durch reflek­tier­te Gesprächs­füh­rung einen Bei­trag dazu leis­ten, Macht­asym­me­trien abzu­bau­en und sich dem Ide­al einer Kom­mu­ni­ka­ti­on auf Augen­hö­he anzu­nä­hern. In die­sem Sin­ne soll­te Kom­mu­ni­ka­ti­on in der Sozia­len Arbeit als gesell­schaft­lich mit­struk­tu­rier­ter Mög­lich­keits­raum ver­stan­den wer­den, in dem Sym­me­trien und Asym­me­trien gleich­zei­tig und wech­sel­sei­tig wirk­sam sind (ebd., S. 2).

Emo­tio­na­le und moti­va­tio­na­le Ein­bin­dung – Vor­aus­set­zung für nach­hal­ti­gen Lernerfolg

Nach­hal­ti­ger Lern­erfolg meint lang­an­hal­ten­de Ver­än­de­run­gen im Ver­hal­ten oder in men­ta­len Pro­zes­sen, die auf wahr­ge­nom­me­nen Erfah­run­gen beru­hen (vgl. Edel­mann & Witt­mann, 2012, S. 220). In der beruf­li­chen Bil­dung und Wei­ter­bil­dung ste­hen vor allem kogni­ti­ves Ler­nen (Aneig­nung von Wis­sen und Begrif­fen) sowie Beob­ach­tungs­ler­nen (Ler­nen durch Modell­ver­hal­ten) im Vor­der­grund (vgl. Bräu­ti­gam, 2018, S. 78 f.; Myers, 2014b, S. 290 ff.).

Lern­pro­zes­se sind untrenn­bar mit Emo­tio­nen und Moti­va­ti­on ver­bun­den. Dabei wird in der Moti­va­ti­on zwi­schen intrin­si­schen und extrin­si­schen Antrie­ben unter­schie­den. Wäh­rend extrin­si­sche Moti­va­ti­on auf äuße­re Anrei­ze zurück­geht (z. B. mate­ri­el­le Beloh­nung), basiert intrin­si­sche Moti­va­ti­on auf inne­rem Antrieb, etwa durch Neu­gier, Inter­es­se oder Freu­de am Ler­nen (vgl. Myers, 2014b, S. 309; Edel­mann & Witt­mann, 2012, S. 229 ff.).

Beson­ders nach­hal­ti­ge Lern­ef­fek­te zei­gen sich bei intrin­sisch moti­vier­ten Per­so­nen. Nach der Selbst­be­stim­mungs­theo­rie von Deci und Ryan beru­hen opti­ma­le Lern­pro­zes­se auf drei Grund­be­dürf­nis­sen: Kom­pe­tenz, Auto­no­mie und sozia­ler Ein­ge­bun­den­heit. Ler­nen gelingt dann beson­ders gut, wenn Ler­nen­de sich kom­pe­tent, eigen­ver­ant­wort­lich und sozi­al ein­ge­bet­tet erle­ben (vgl. Edel­mann & Witt­mann, 2012, S. 233 ff.).

In der Ein­glie­de­rungs­hil­fe wird des­halb auf Ziel­pla­nung gesetzt. Sie för­dert Selbst­steue­rung, Akti­vie­rung und Par­ti­zi­pa­ti­on und greift damit die genann­ten Prin­zi­pi­en auf (vgl. Schä­fer, 2017, S. 8). Eine indi­vi­dua­li­sier­te Ziel­pla­nung kann auch in Bil­dungs­kon­tex­ten för­der­lich sein. Denn Lern­erfolg lässt sich nicht erzwin­gen – er ent­steht im Zusam­men­spiel von Moti­va­ti­on, Emo­ti­on und einer lern­för­der­li­chen Umgebung.

Dia­gnos­tik und Stig­ma­ti­sie­rung – Refle­xi­on über fach­li­che Verantwortung

Die WHO defi­niert Gesund­heit als einen Zustand „voll­kom­me­nen kör­per­li­chen, see­li­schen und sozia­len Wohl­be­fin­dens“ (vgl. Fal­ler, 2019, S. 4). Die­se ide­al­ty­pi­sche Defi­ni­ti­on führt dazu, dass nahe­zu jede Abwei­chung als Krank­heit ver­stan­den wird. Unter­su­chun­gen zei­gen jedoch, dass die­ses Ide­al in unse­rer Gesell­schaft sel­ten erreicht wird und somit ein dau­er­haft uner­reich­ba­rer Zustand bleibt – mit mög­li­chen nega­ti­ven Kon­se­quen­zen für das indi­vi­du­el­le Wohl­be­fin­den (vgl. Böh­nisch & Schrö­er, 2012, S. 188).

In der medi­zi­ni­schen und psy­cho­lo­gi­schen Pra­xis wer­den zur Fest­stel­lung von Stö­run­gen dia­gnos­ti­sche Ver­fah­ren ange­wen­det. Dia­gnos­tik ist ein struk­tu­rier­tes Sys­tem zur Erhe­bung psy­chisch rele­van­ter Merk­ma­le und erfor­dert eine recht­lich wie ethisch ver­ant­wor­tungs­vol­le Umset­zung. Dabei spie­len ins­be­son­de­re die Sorg­falts­pflicht, Trans­pa­renz und der Schutz sen­si­bler Daten eine zen­tra­le Rol­le (vgl. Ame­lang et al., 2006, S. 2; Schmidt-Atz­ert & Ame­lang, 2012, S. 4, 27 ff.).

Dia­gno­sen die­nen in der Fach­pra­xis als Grund­la­ge für ziel­ge­rich­te­te Hil­fe­pla­nung. Gleich­zei­tig kön­nen sie jedoch zur Stig­ma­ti­sie­rung bei­tra­gen. Eine Eti­ket­tie­rung ver­än­dert nicht nur die Wahr­neh­mung durch Drit­te, son­dern mög­li­cher­wei­se auch das Selbst­bild der betrof­fe­nen Per­so­nen. Der Mensch wird mit­un­ter auf sei­ne Dia­gno­se redu­ziert – ein Phä­no­men, das beson­ders bei psy­chi­schen Stö­run­gen deut­lich wird (vgl. Myers, 2014c, S. 660 ff.).

Ein Bei­spiel hier­für ist die Arbeit mit Men­schen, die auf Hilfs­mit­tel wie einen Roll­stuhl ange­wie­sen sind: Die­se Per­so­nen wer­den häu­fig auf das sicht­ba­re Hilfs­mit­tel redu­ziert. Ähn­lich ver­hält es sich mit psy­chi­schen Dia­gno­sen. Die Gefahr besteht, dass sich das Umfeld ent­spre­chend der Dia­gno­se ver­hält – und somit das Sym­ptom­ver­hal­ten ver­stärkt oder sogar unge­wollt bestä­tigt. Dia­gno­sen kön­nen so zu sich selbst bestä­ti­gen­den Pro­phe­zei­un­gen werden.

Die Sozia­le Arbeit steht daher in beson­de­rer Ver­ant­wor­tung, Dia­gno­sen reflek­tiert und dif­fe­ren­ziert zu nut­zen. Fach­lich begrün­de­te Dia­gno­sen dür­fen nicht zur Her­ab­wür­di­gung der Klient:innen füh­ren. Viel­mehr müs­sen sie als Grund­la­ge für eine men­schen­wür­di­ge, par­ti­zi­pa­ti­ve und res­sour­cen­ori­en­tier­te Hil­fe­pla­nung die­nen. Die Wah­rung der Wür­de der Klient:innen steht dabei über jeder dia­gnos­ti­schen Klassifikation.

Resü­mee

Für eine pro­fes­sio­nel­le Sozia­le Arbeit ist die kri­ti­sche Refle­xi­on der eige­nen Wahr­neh­mung unver­zicht­bar. Dabei ist es essen­zi­ell, den kon­ti­nu­ier­li­chen und zykli­schen Cha­rak­ter die­ses Refle­xi­ons­pro­zes­ses zu ver­in­ner­li­chen. Sowohl unse­re Wahr­neh­mung als auch die dar­aus ent­ste­hen­den Schluss­fol­ge­run­gen unter­lie­gen wie­der­keh­ren­den Mus­tern und soll­ten regel­mä­ßig hin­ter­fragt wer­den. Fach­li­che Wei­ter­ent­wick­lung ist auf Kri­tik und kon­struk­ti­ves Feed­back ange­wie­sen, um neue Per­spek­ti­ven zu inte­grie­ren und das eige­ne Han­deln zu schärfen.

Zen­tral ist zudem die Refle­xi­on der eige­nen Rol­le und ihres Ein­flus­ses im Hil­fe­pro­zess. Sozialarbeiter:innen agie­ren aus einer struk­tu­rell über­le­ge­nen Posi­ti­on her­aus mit oft­mals benach­tei­lig­ten Men­schen. Die­se Kon­stel­la­ti­on erzeugt Hier­ar­chien und asym­me­tri­sche Macht­ver­hält­nis­se, die auch bei reflek­tier­tem Han­deln nicht voll­stän­dig auf­ge­ho­ben wer­den kön­nen. Die bewuss­te Aus­ein­an­der­set­zung mit die­sen Dyna­mi­ken ist des­halb ein zen­tra­ler Bestand­teil pro­fes­sio­nel­len Handelns.

Im Zen­trum sozi­al­ar­bei­te­ri­scher Pra­xis steht das Ziel, Klient:innen in ihrer Ein­zig­ar­tig­keit wahr­zu­neh­men, ihre Rech­te zu ach­ten und sie im Hil­fe­pro­zess zu selbst­be­stimm­tem Han­deln zu befä­hi­gen. Par­ti­zi­pa­ti­on und Selbst­be­stim­mung sind fach­lich unver­zicht­ba­re Vor­aus­set­zun­gen für gelin­gen­de Hil­fe­pro­zes­se. Sie för­dern nicht nur die Wirk­sam­keit von Unter­stüt­zungs­leis­tun­gen, son­dern stär­ken auch die Selbst­wahr­neh­mung und das Selbst­wert­ge­fühl der Klientinnen.

Ein auf Selbst­be­stim­mung aus­ge­rich­te­ter Hil­fe­pro­zess schützt dar­über hin­aus wirk­sam vor der Stig­ma­ti­sie­rung von Hil­fe­ge­su­chen und der Hil­fe durch die Sozia­le Arbeit selbst. Es darf nicht dar­um gehen, staat­li­che Kon­trol­le und Für­sor­ge als auto­ri­tä­res Macht­in­stru­ment zu leben. Viel­mehr müs­sen Dia­gno­sen und insti­tu­tio­nel­le Ver­fah­ren als fach­li­che Dis­kus­si­ons­grund­la­gen für par­ti­zi­pa­ti­ve Hil­fe­pla­nun­gen genutzt wer­den. Im Mit­tel­punkt steht nicht die Dia­gno­se – son­dern die Ent­wick­lung hilf­rei­cher, wirk­sa­mer und wür­de­vol­ler Settings.

Lite­ra­tur

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Hagen­dorf, H., Krum­men­acher, J., Mül­ler, H.-J. & Schu­bert, T. (Hrsg.). (2011). Wahr­neh­mung und Auf­merk­sam­keit: all­ge­mei­ne Psy­cho­lo­gie für Bache­lor (All­ge­mei­ne Psy­cho­lo­gie für Bache­lor). Ber­lin: Sprin­ger. https://link.springer.com/book/10.1007/978–3‑642–12710‑6

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