Kategorie: Soziale Arbeit

  • Psy­chi­sche und Ver­hal­tens­stö­run­gen: Ein kom­pak­ter Über­blick für die Pra­xis in der Sozia­len Arbeit

    Psy­chi­sche und Ver­hal­tens­stö­run­gen: Ein kom­pak­ter Über­blick für die Pra­xis in der Sozia­len Arbeit

    Hand­out — Psy­chi­sche Erkran­kun­gen Überblick Psychische und Verhaltensstörungen: Ein kompakter Überblick für die Praxis in der Sozialen Arbeit Überblick über psychische Erkrankungen als allgemeine Orientierung.

    Inhalts­ver­zeich­nis

    1. Psy­chi­sche Erkran­kun­gen ver­ste­hen – eine Ori­en­tie­rungs­hil­fe für die Sozia­le Arbeit
    2. Psy­chi­sche und Ver­hal­tens­stö­run­gen durch psy­cho­tro­pe Sub­stan­zen (ICD-10: F10–F19)
    3. Psy­cho­sen und Neu­ro­sen – eine grund­le­gen­de Unter­schei­dung (ICD-10: F20–F49)
    4. Schi­zo­phre­ne und nich­t­or­ga­ni­sche psy­cho­ti­sche Stö­run­gen (ICD-10: F20–F29)
    5. Affek­ti­ve Stö­run­gen – Depres­si­on, Manie und bipo­la­re Erkran­kun­gen (ICD-10: F30–F39)
    6. Schi­zo­af­fek­ti­ve Stö­run­gen – Zwi­schen Psy­cho­se und affek­ti­ver Erkran­kung (ICD-10: F25)
    7. Pho­bi­sche Stö­run­gen und ande­re Angst­stö­run­gen (ICD-10: F40–F41)
    8. Zwangs­stö­run­gen (ICD-10: F42)
    9. Reak­tio­nen auf schwe­re Belas­tun­gen und Anpas­sungs­stö­run­gen (ICD-10: F43)
    10. Dis­so­zia­ti­ve Stö­run­gen (Kon­ver­si­ons­stö­run­gen) (ICD-10: F44)
    11. Somat­o­for­me Stö­run­gen – Kör­per­li­che Beschwer­den ohne orga­ni­schen Befund (ICD-10: F45)
    12. Ande­re neu­ro­ti­sche Stö­run­gen (ICD-10: F48)
    13. Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten mit kör­per­li­chen Stö­run­gen und Fak­to­ren (ICD-10: F50–F59)
    14. Per­sön­lich­keits­stö­run­gen – Sta­bi­le Mus­ter mit star­kem Ein­fluss auf das Leben (ICD-10: F60)
    15. Andau­ern­de Per­sön­lich­keits­än­de­run­gen nach Extrem­be­las­tung (ICD-10: F62)
    16. Stö­run­gen der Impuls­kon­trol­le und abnor­me Gewohn­hei­ten (ICD-10: F63)
    17. Stö­run­gen der Geschlechts­iden­ti­tät, Sexu­al­prä­fe­renz und sexu­el­len Ent­wick­lung (ICD-10: F64–F66)
    18. Intel­li­genz­min­de­rung (ICD-10: F70–F79)
    19. Ent­wick­lungs­stö­run­gen im Kin­des­al­ter (ICD-10: F80–F89)
    20. Gesamt­fa­zit: Psy­chi­sche Erkran­kun­gen im Fokus der Sozia­len Arbeit

    Psy­chi­sche Erkran­kun­gen ver­ste­hen – eine Ori­en­tie­rungs­hil­fe für die Sozia­le Arbeit

    Ein­lei­tung zur Blog­rei­he über psy­chi­sche Stö­run­gen nach ICD-10

    Psy­chi­sche Erkran­kun­gen gehö­ren zu den häu­figs­ten und fol­gen­reichs­ten Gesund­heits­pro­ble­men unse­rer Gesell­schaft. Sie betref­fen Men­schen aller Alters­grup­pen, sozia­len Schich­ten und Lebens­la­gen – und sie wir­ken sich oft­mals tief­grei­fend auf die Selbst­be­stim­mung, das Sozi­al­ver­hal­ten und die Lebens­füh­rung der Betrof­fe­nen aus. In der Sozia­len Arbeit und ins­be­son­de­re im Rah­men der recht­li­chen Betreu­ung ist es daher uner­läss­lich, ein grund­le­gen­des Ver­ständ­nis für psy­chi­sche und ver­hal­tens­be­zo­ge­ne Stö­run­gen zu entwickeln.

    Die­se Blog­rei­he bie­tet eine struk­tu­rier­te und pra­xis­na­he Ein­füh­rung in die wich­tigs­ten psy­chi­schen Erkran­kun­gen gemäß ICD-10, der inter­na­tio­nal aner­kann­ten Klas­si­fi­ka­ti­on der Welt­ge­sund­heits­or­ga­ni­sa­ti­on. Die Bei­trä­ge rich­ten sich an Fach­kräf­te, ehren­amt­li­che Betreuer*innen, Aus­zu­bil­den­de im sozia­len Bereich sowie an alle Inter­es­sier­ten, die sich einen ers­ten fun­dier­ten Über­blick über psych­ia­tri­sche Stö­rungs­bil­der und ihre Rele­vanz für die Pra­xis der Sozia­len Arbeit ver­schaf­fen möchten.

    Ziel und Auf­bau der Reihe

    Ziel die­ser Rei­he ist es, psy­chi­sche Erkran­kun­gen ver­ständ­lich, kom­pakt und pra­xis­ori­en­tiert dar­zu­stel­len – ohne medi­zi­ni­sche Detail­tie­fe, aber mit Fokus auf das, was im All­tag zählt: Ver­ste­hen, beglei­ten, sta­bi­li­sie­ren.

    Die ein­zel­nen Arti­kel fol­gen einer ein­heit­li­chen Struktur:

    • Klas­si­fi­ka­ti­on und For­men (gemäß ICD-10)
    • Ursa­chen und Einflussfaktoren
    • Behand­lungs­mög­lich­kei­ten und all­tags­be­zo­ge­ne Begleitung

    Die­se Glie­de­rung erleich­tert es, Sym­pto­me ein­zu­ord­nen, Hand­lungs­be­dar­fe zu erken­nen und hilf­rei­che Unter­stüt­zungs­an­ge­bo­te zu reflek­tie­ren. Ergänzt wird die Rei­he um Hin­wei­se zur recht­li­chen Betreu­ung, sozi­al­päd­ago­gi­schen Inter­ven­tio­nen sowie zur inter­dis­zi­pli­nä­ren Zusammenarbeit.

    Fach­lich fun­diert – pra­xis­nah gedacht

    Die Tex­te basie­ren auf aktu­el­len fach­li­chen Stan­dards und sozi­al­ar­bei­te­ri­schen Per­spek­ti­ven. Sie ver­ste­hen sich nicht als medi­zi­ni­sches Dia­gno­se­instru­ment, son­dern als Ori­en­tie­rungs­hil­fe für die pro­fes­sio­nel­le Bezie­hungs­ge­stal­tung, Hil­fe­pla­nung und ethisch reflek­tier­te Unter­stüt­zung.

    Gera­de in der recht­li­chen Betreu­ung sind Ver­ständ­nis, kla­re Kom­mu­ni­ka­ti­on, Struk­tur und Empa­thie zen­tra­le Ele­men­te, um Men­schen mit psy­chi­schen Erkran­kun­gen im All­tag zu stär­ken und ihnen ein mög­lichst selbst­be­stimm­tes Leben zu ermög­li­chen. Die­se Blog­rei­he möch­te dazu bei­tra­gen, den oft schwer fass­ba­ren Begrif­fen wie „Psy­cho­se“, „Depres­si­on“, „Angst­stö­rung“ oder „Per­sön­lich­keits­stö­rung“ ein kla­res, respekt­vol­les und hand­lungs­re­le­van­tes Pro­fil zu geben.

    Hin­weis: Die Inhal­te die­ser Rei­he die­nen der fach­li­chen Ori­en­tie­rung und erset­zen kei­ne ärzt­li­che oder psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Dia­gnos­tik oder The­ra­pie. Sie sol­len jedoch Brü­cken schla­gen zwi­schen Theo­rie, Klas­si­fi­ka­ti­on und sozia­ler Praxis.

    Psy­chi­sche und Ver­hal­tens­stö­run­gen durch psy­cho­tro­pe Sub­stan­zen (ICD-10: F10–F19)

    Miss­brauch, Abhän­gig­keit und Ent­zug im Überblick

    1. Klas­si­fi­ka­ti­on und Formen

    Die ICD-10-Kate­go­rie F10–F19 beschreibt psy­chi­sche und ver­hal­tens­be­zo­ge­ne Stö­run­gen, die durch den Gebrauch, Miss­brauch oder die Abhän­gig­keit von psy­cho­tro­pen Sub­stan­zen ent­ste­hen. Hier­zu zäh­len legal wie ille­gal ver­füg­ba­re Sub­stan­zen, die das zen­tra­le Ner­ven­sys­tem beein­flus­sen – durch sedie­ren­de, sti­mu­lie­ren­de oder hal­lu­zi­no­ge­ne Wirkungen.

    Jede Sub­stanz­grup­pe wird dabei mit eige­nem ICD-10-Code klassifiziert:

    ICD-10Sub­stanz­grup­peTypi­sche Störungen
    F10Alko­holAbhän­gig­keit, Ent­zug, Korsakow-Syndrom
    F11Opio­ide (z. B. Hero­in, Methadon)Abhän­gig­keit, Opiat-Entzug
    F12Can­na­bi­no­ide (z. B. THC)Rausch­zu­stän­de, Psychosen
    F13Sedativa/Hypnotika (z. B. Benzodiazepine)Beru­hi­gungs­mit­tel-Abhän­gig­keit, Entzugsdelir
    F14Koka­inRausch, Reiz­bar­keit, para­no­ide Psychosen
    F15Sti­mu­lan­zi­en inkl. Kof­fe­in (z. B. Amphet­amin, Ecsta­sy, Ener­gy Drinks)Schlaf­lo­sig­keit, Angst, Suchtverhalten
    F16Hal­lu­zi­no­ge­ne (z. B. LSD, Psilocybin)Hal­lu­zi­na­tio­nen, Hor­ror­trips, Flashbacks
    F17TabakNiko­tin­ab­hän­gig­keit, Entzugserscheinungen
    F18Flüch­ti­ge Lösungs­mit­tel (z. B. Kleb­stof­fe, Lacke)Ver­gif­tungs­sym­pto­me, kogni­ti­ve Defizite
    F19Mul­ti­pler Substanzgebrauch/sonstige psy­cho­tro­pe SubstanzenMisch­kon­sum, Komplexproblematik

    Nicht erfasst ist der Miss­brauch von nicht­ab­hän­gig­keits­er­zeu­gen­den Sub­stan­zen, z. B. Abführ­mit­tel oder Schmerz­mit­tel (→ F55).

    2. Ursa­chen und Risikofaktoren

    Die Ent­wick­lung einer sub­stanz­be­zo­ge­nen Stö­rung beruht auf einem Zusam­men­spiel bio­lo­gi­scher, psy­chi­scher und sozia­ler Fak­to­ren (bio­psy­cho­so­zia­les Modell):

    • Gene­ti­sche Dis­po­si­ti­on und neu­ro­bio­lo­gi­sche Anfälligkeit
    • Psy­chi­sche Vor­er­kran­kun­gen (z. B. Depres­si­on, Angst­stö­rung, Persönlichkeitsstörungen)
    • Sozia­le Ein­fluss­fak­to­ren: Armut, Woh­nungs­lo­sig­keit, trau­ma­ti­sche Erfah­run­gen, Gruppendruck
    • Erlern­te Bewäl­ti­gungs­stra­te­gien: Kon­sum als (dys­funk­tio­na­le) Form der Emotionsregulation

    Beson­ders ris­kant ist der Ein­stieg im Jugend­al­ter, der Über­gang vom Kon­sum zur Sucht ist fließend.

    3. Sym­pto­ma­tik und Verlaufsformen

    Die ICD-10 beschreibt fol­gen­de Sym­ptom­ty­pen je nach Substanz:

    • Aku­te Into­xi­ka­ti­on (Rausch­zu­stand)
    • Schäd­li­cher Gebrauch ohne Abhängigkeitskriterien
    • Abhän­gig­keits­syn­drom (z. B. Cra­ving, Tole­ranz, Kontrollverlust)
    • Ent­zugs­syn­drom mit oder ohne Delir
    • Psy­cho­ti­sche Stö­run­gen im Zusam­men­hang mit Substanzgebrauch
    • Amnes­ti­sches Syn­drom (z. B. Kor­sa­kow bei Alkoholabhängigkeit)
    • Per­sis­tie­ren­de Per­sön­lich­keits­ver­än­de­rung nach Substanzkonsum

    Sub­stanz­ge­brauchs­stö­run­gen kön­nen epi­so­disch, chro­nisch oder rezi­di­vie­rend ver­lau­fen – mit hoher Rück­fall­wahr­schein­lich­keit bei feh­len­der Behandlung.

    Behand­lung und Alltagsbewältigung

    Die Behand­lung erfolgt in meh­re­ren Schrit­ten und ist inter­dis­zi­pli­när:

    Ent­gif­tung (Akut­pha­se)

    • Sta­tio­nä­re Ent­zugs­be­hand­lung (z. B. bei Alko­hol, Ben­zo­dia­ze­pi­nen, Opiaten)
    • Ärzt­lich über­wach­te Medi­ka­men­ten­ga­be zur Symptomkontrolle
    • Not­wen­dig­keit bei kör­per­li­cher Abhän­gig­keit oder Suizidalität

    Ent­wöh­nung (Reha­bi­li­ta­ti­on)

    • Psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Ver­fah­ren (Ver­hal­tens­the­ra­pie, Moti­va­ti­ons­ar­beit, Rückfallprophylaxe)
    • Grup­pen­an­ge­bo­te, Selbst­hil­fe (z. B. Anony­me Alko­ho­li­ker, NA)
    • Reha-Maß­nah­men gemäß SGB IX (ambu­lant oder stationär)

    Nach­sor­ge und Integration

    • Ambu­lan­te Suchtberatung
    • Sozi­al­päd­ago­gi­sche Beglei­tung (z. B. betreu­tes Woh­nen, beruf­li­che Wiedereingliederung)
    • Recht­li­che Betreu­ung bei schwer­wie­gen­der Des­ori­en­tie­rung, Schul­den oder Beschaffungskriminalität

    Lang­fris­ti­ge Sta­bi­li­tät erfor­dert struk­tu­rel­le Hil­fen, psy­cho­so­zia­le Sta­bi­li­sie­rung und Rück­fall­ma­nage­ment.

    Psy­cho­sen und Neu­ro­sen – eine grund­le­gen­de Unter­schei­dung (ICD-10: F20–F49)

    Psy­chi­sche Erkran­kun­gen wer­den tra­di­tio­nell in zwei gro­ße Grup­pen unter­teilt: Psy­cho­sen und Neu­ro­sen. Die­se Unter­schei­dung hilft, das Ver­ständ­nis über das Aus­maß der Beein­träch­ti­gung und den Rea­li­täts­be­zug der Betrof­fe­nen zu schärfen.

    Schi­zo­phre­ne und nich­t­or­ga­ni­sche psy­cho­ti­sche Stö­run­gen (ICD-10: F20–F29)

    1. Sym­pto­me, Ursa­chen und Behandlung

    Schi­zo­phre­ne und ande­re nich­t­or­ga­ni­sche psy­cho­ti­sche Stö­run­gen gehö­ren zu den schwer­wie­gen­den psy­chi­schen Erkran­kun­gen und sind durch tief­grei­fen­de Ver­än­de­run­gen des Den­kens, Wahr­neh­mens, Füh­lens und Ver­hal­tensgekenn­zeich­net. Die Sym­pto­me tre­ten in der Regel pha­sisch auf, d. h. in aku­ten Krank­heits­pha­sen mit stark aus­ge­präg­ten Beschwer­den und zwi­schen­zeit­li­chen sta­bi­le­ren Pha­sen.

    Typi­sche Sym­pto­me sind:

    • Hal­lu­zi­na­tio­nen (z. B. Stim­men­hö­ren ohne äuße­ren Reiz)
    • Wahn­vor­stel­lun­gen (z. B. Ver­fol­gungs­wahn, Größenideen)
    • Denk­stö­run­gen, Ver­lang­sa­mung oder Zer­fah­ren­heit des Denkens
    • Affekt­ver­fla­chung, sozia­ler Rück­zug, Antriebsverlust

    Im Unter­schied zu orga­nisch beding­ten Psy­cho­sen las­sen sich bei die­sen Stö­run­gen kei­ne kör­per­li­chen Ursa­chen (wie z. B. Hirn­er­kran­kun­gen oder Into­xi­ka­tio­nen) nach­wei­sen. Die Erkran­kun­gen zäh­len zu den nich­t­or­ga­ni­schen Psy­cho­senim enge­ren Sinne.

    2. For­men schi­zo­phre­ni­for­mer und nich­t­or­ga­ni­scher Psychosen

    • Schi­zo­phre­nie (F20): Die häu­figs­te Form mit aus­ge­präg­ten Posi­tiv- und Negativsymptomen
    • Schi­zo­ty­pe Stö­rung (F21): Per­sön­lich­keits­na­he Stö­rung mit bizar­ren Denk­in­hal­ten, aber ohne aus­ge­präg­te Psychose
    • Anhal­ten­de wahn­haf­te Stö­run­gen (F22): Lang­an­hal­ten­der Wahn ohne ande­re Sym­pto­me der Schizophrenie
    • Aku­te vor­über­ge­hen­de psy­cho­ti­sche Stö­run­gen (F23): Plötz­li­cher Beginn mit rascher Rückbildung
    • Indu­zier­te wahn­haf­te Stö­rung (F24): Über­nah­me von Wahn­in­hal­ten durch engen Bezug zu einer psy­cho­ti­schen Person

    Etwa 1 % der Bevöl­ke­rung erkrankt im Lau­fe des Lebens an einer schi­zo­phre­nen Stö­rung – Män­ner und Frau­en sind etwa gleich häu­fig betrof­fen. Die Ursa­chen gel­ten als mul­ti­fak­to­ri­ell: Bio­lo­gi­sche Vul­nerabi­li­tätgene­ti­sche Dis­po­si­ti­onfrüh­kind­li­che Belas­tun­gen, aber auch sozia­le Fak­to­ren wie Iso­la­ti­on oder Migra­ti­ons­er­fah­run­gen kön­nen das Risi­ko erhöhen.

    3. Behand­lung und Umgang im Alltag

    Die The­ra­pie basiert auf einem mehr­di­men­sio­na­len Behand­lungs­kon­zept:

    • Medi­ka­men­tö­se Behand­lung mit Anti­psy­cho­ti­ka (Neu­ro­lep­ti­ka) zur Symptomlinderung
    • Psy­cho­the­ra­pie, ins­be­son­de­re kogni­ti­ve Ver­hal­tens­the­ra­pie, zur Krankheitsverarbeitung
    • Sozio­the­ra­peu­ti­sche und psy­cho­so­zia­le Unter­stüt­zung, z. B. durch sozi­al­psych­ia­tri­sche Dienste
    • Psy­cho­edu­ka­ti­on für Betrof­fe­ne und Ange­hö­ri­ge zur Rückfallprophylaxe

    Lang­fris­tig ent­schei­dend sind Struk­tur, Sta­bi­li­tät und sozia­le Ein­bin­dung. Emp­feh­lens­wert sind:

    • Früh­warn­zei­chen für Rück­fäl­le erken­nen und recht­zei­tig Hil­fe einholen
    • Ein gere­gel­ter Tages­ab­lauf mit fes­ten Zei­ten für Schlaf, Ernäh­rung und Aktivität
    • Sozia­le Kon­tak­te und ein trag­fä­hi­ges Unterstützungsnetz
    • Ein­fühl­sa­me Beglei­tung durch recht­li­che Betreuer*innen, Ange­hö­ri­ge und Fachkräfte

    Affek­ti­ve Stö­run­gen – Depres­si­on, Manie und bipo­la­re Erkran­kun­gen (ICD-10: F30–F39)

    Affek­ti­ve Stö­run­gen – auch als affek­ti­ve Psy­cho­sen bezeich­net – umfas­sen psy­chi­sche Erkran­kun­gen, bei denen Stim­mung, Antrieb und emo­tio­na­les Erle­ben über einen län­ge­ren Zeit­raum erheb­lich ver­än­dert sind. Die Sym­pto­me kön­nen sich in depres­si­venmani­schen oder gemisch­ten Pha­sen äußern und tre­ten häu­fig epi­so­den­haft auf, wobei Rück­fäl­le kei­ne Sel­ten­heit sind.

    1. Klas­si­fi­ka­ti­on und For­men affek­ti­ver Stö­run­gen (ICD-10 F30–F39):

    • F30: Mani­sche Epi­so­de
      Über­stei­ger­te Stim­mung, erhöh­ter Antrieb, Schlaf­lo­sig­keit, gestei­ger­te Gesprä­chig­keit und Selbstüberschätzung
    • F31: Bipo­la­re affek­ti­ve Stö­rung
      Wech­sel zwi­schen mani­schen und depres­si­ven Pha­sen mit zwi­schen­zeit­lich sta­bi­len Intervallen
    • F32: Depres­si­ve Epi­so­de
      Tie­fe Nie­der­ge­schla­gen­heit, Inter­es­sen­ver­lust, Antriebs­lo­sig­keit, Schuld­ge­füh­le, Schlaf- und Konzentrationsstörungen
    • F33: Rezi­di­vie­ren­de depres­si­ve Stö­rung
      Wie­der­keh­ren­de depres­si­ve Epi­so­den ohne mani­sche Phasen
    • F34: Anhal­ten­de affek­ti­ve Stö­run­gen
      Chro­nisch ver­lau­fen­de Stö­run­gen mit leich­te­rer Sym­pto­ma­tik, z. B. Dys­thy­mie oder Zyklo­thy­mie

    2. Ursa­chen affek­ti­ver Störungen

    Die Ent­ste­hung wird durch ein Zusam­men­spiel bio­lo­gi­scher, gene­ti­scher und psy­cho­so­zia­ler Fak­to­ren beein­flusst. Dazu zählen:

    • Gene­ti­sche Ver­an­la­gung und fami­liä­re Häufung
    • Neu­ro­bio­lo­gi­sche Ver­än­de­run­gen (z. B. im Sero­to­nin- und Dopaminhaushalt)
    • Lebens­er­eig­nis­se wie Ver­lust, Über­for­de­rung, Iso­la­ti­on oder chro­ni­scher Stress
    • Trau­ma­ti­sche Erfah­run­gen oder belas­ten­de Kindheit

    3. Behand­lung und Alltagsbewältigung

    Die Behand­lung affek­ti­ver Stö­run­gen erfolgt mul­ti­mo­dal, also unter Ein­be­zug ver­schie­de­ner the­ra­peu­ti­scher Ebenen:

    Medi­ka­men­tö­se Therapie

    • Anti­de­pres­si­va bei Depressionen
    • Stim­mungs­sta­bi­li­sie­rer bzw. Pha­sen­pro­phy­lak­ti­ka (z. B. Lithi­um, Val­proat, Lamo­tri­gin) bei bipo­la­rer Störung
    • In aku­ten mani­schen Pha­sen ggf. Anti­psy­cho­ti­ka

    Psy­cho­the­ra­pie

    • Kogni­ti­ve Ver­hal­tens­the­ra­pie zur Umstruk­tu­rie­rung dys­funk­tio­na­ler Denkmuster
    • Inter­per­so­nel­le The­ra­pie oder acht­sam­keits­ba­sier­te Ansätze
    • Psy­cho­edu­ka­ti­on zur För­de­rung der Krank­heits­ak­zep­tanz und Rückfallprophylaxe

    All­tags­struk­tur und Selbstfürsorge

    • Fes­te Tages­struk­tur (Schlaf, Mahl­zei­ten, Bewegung)
    • Stress­re­duk­ti­on und Reizabschirmung
    • Auf­ga­ben prio­ri­sie­ren und Über­for­de­rung vermeiden
    • För­de­rung sozia­ler Kon­tak­te und Aktivitäten

    Ein acht­sa­mer Umgang mit sich selbst, regel­mä­ßi­ge the­ra­peu­ti­sche Beglei­tung sowie ver­ständ­nis­vol­le Unter­stüt­zung durch das Umfeld sind essen­zi­ell für die lang­fris­ti­ge Sta­bi­li­sie­rung und Lebensqualität.

    Schi­zo­af­fek­ti­ve Stö­run­gen – Zwi­schen Psy­cho­se und affek­ti­ver Erkran­kung (ICD-10: F25)

    Schi­zo­af­fek­ti­ve Stö­run­gen sind psy­chi­sche Erkran­kun­gen, bei denen Merk­ma­le einer schi­zo­phre­nen Psy­cho­se (z. B. Hal­lu­zi­na­tio­nen, Wahn­vor­stel­lun­gen, Denk­stö­run­gen) mit Sym­pto­men affek­ti­ver Stö­run­gen (z. B. depres­si­ve oder mani­sche Epi­so­den) gleich­zei­tig oder im Wech­sel auf­tre­ten. Die Betrof­fe­nen erle­ben also sowohl eine Beein­träch­ti­gung des Den­kens und der Wahr­neh­mung als auch Stö­run­gen von Stim­mung und Antrieb.

    Die­se Misch­form stellt für Dia­gnos­tik und The­ra­pie eine beson­de­re Her­aus­for­de­rung dar, da die Sym­pto­me einer­seits typisch schi­zo­phren, ande­rer­seits klar affek­tiv geprägt sind. Die genaue Aus­prä­gung kann indi­vi­du­ell sehr unter­schied­lich sein.

    1. Typi­sche Sym­pto­me schi­zo­af­fek­ti­ver Störungen

    • Wahn­vor­stel­lun­gen oder Halluzinationen
    • Mani­sche oder depres­si­ve Stimmungslagen
    • Denk­stö­run­gen und Realitätsverlust
    • Antriebs­lo­sig­keit oder gestei­ger­ter Aktivitätsdrang
    • Sozia­ler Rück­zug, Schlaf­stö­run­gen, Reizbarkeit

    2. Behand­lung schi­zo­af­fek­ti­ver Störungen

    Die The­ra­pie erfolgt meist medi­ka­men­tös, mit einer Kom­bi­na­ti­on aus Anti­psy­cho­ti­ka und stim­mungs­sta­bi­li­sie­ren­den Medi­ka­men­ten (z. B. Anti­de­pres­si­va oder Pha­sen­pro­phy­lak­ti­ka). Ergän­zend ist eine psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Beglei­tunghilf­reich, um emo­tio­na­le Belas­tun­gen zu bewäl­ti­gen, Krank­heits­ein­sicht zu för­dern und Rück­fäl­le vorzubeugen.

    Sozia­le Unter­stüt­zungs­sys­te­me, tages­struk­tu­rie­ren­de Maß­nah­men und psy­cho­edu­ka­ti­ve Ange­bo­te (z. B. für Ange­hö­ri­ge oder Betreuer*innen) spie­len eine wich­ti­ge Rol­le für den lang­fris­ti­gen Umgang mit der Erkrankung.

    Pho­bi­sche Stö­run­gen und ande­re Angst­stö­run­gen (ICD-10: F40–F41)

    Angst­stö­run­gen zäh­len zu den häu­figs­ten psy­chi­schen Erkran­kun­gen und kön­nen den All­tag der Betrof­fe­nen erheb­lich beein­träch­ti­gen. Dabei han­delt es sich um über­mä­ßi­ge, anhal­ten­de Ängs­te, die sich ent­we­der auf kon­kre­te Aus­lö­ser(pho­bi­sche Stö­run­gen) oder auf dif­fu­se, schwer ein­grenz­ba­re Situa­tio­nen (gene­ra­li­sier­te Angst­stö­run­gen) bezie­hen. Die emp­fun­de­nen Ängs­te ste­hen in kei­nem rea­lis­ti­schen Ver­hält­nis zur tat­säch­li­chen Gefahr und sind für Außen­ste­hen­de oft schwer nachvollziehbar.

    1. For­men von Angststörungen:

    • Pho­bi­sche Stö­run­gen (F40):
      Hier­un­ter fal­len unter anderem: 
      • Ago­ra­pho­bie (Angst vor öffent­li­chen Plät­zen oder Menschenansammlungen)
      • Sozia­le Pho­bie (Angst vor nega­ti­ver Bewer­tung in sozia­len Situationen)
      • Spe­zi­fi­sche Pho­bien (z. B. Höhen­angst, Tier­pho­bien, Flugangst)
    • Sons­ti­ge Angst­stö­run­gen (F41):
      • Panik­stö­rung (plötz­li­che Angst­an­fäl­le mit star­ken kör­per­li­chen Symptomen)
      • Gene­ra­li­sier­te Angst­stö­rung (andau­ern­de Sor­gen, Unru­he, Nervosität)

    Die­se Erkran­kun­gen gehen häu­fig mit kör­per­li­chen Sym­pto­men ein­her, z. B. Herz­ra­sen, Atem­not, Schwin­del, Zit­tern oder Schwitzen.

    2. Behand­lung von Angststörungen:

    Die Behand­lung erfolgt meist kom­bi­niert, mit:

    • Ver­hal­tens­the­ra­pie (z. B. Konfrontationstraining)
    • Ent­span­nungs­ver­fah­ren
    • Medi­ka­men­tö­ser Unter­stüt­zung, wenn erfor­der­lich (z. B. Anti­de­pres­si­va, kei­ne Dau­er­ga­be von Benzodiazepinen)

    Zwangs­stö­run­gen (ICD-10: F42)

    Zwangs­stö­run­gen sind gekenn­zeich­net durch wie­der­keh­ren­de, als quä­lend emp­fun­de­ne Gedan­ken (Zwangs­ge­dan­ken) und/oder Hand­lun­gen (Zwangs­hand­lun­gen), die das Leben der Betrof­fe­nen stark ein­schrän­ken. Die Betrof­fe­nen erle­ben die­se Zwän­ge oft als sinn­los, kön­nen sich ihnen jedoch nur schwer ent­zie­hen. Häu­fig geht dies mit einem hohen Maß an inne­rem Druck, Scham und Angst einher.

    1. Typi­sche Bei­spie­le für Zwänge:

    • Kon­troll­zwän­ge (z. B. mehr­fa­ches Über­prü­fen von Herd, Türen)
    • Wasch- und Reinigungszwänge
    • Ord­nungs- oder Zählzwänge
    • Zwangs­ge­dan­ken mit aggres­si­vem, reli­giö­sem oder sexu­el­lem Inhalt

    2. The­ra­pie von Zwangsstörungen:

    Die wirk­sams­te Behand­lung ist meist eine kogni­ti­ve Ver­hal­tens­the­ra­pie mit Expo­si­ti­on und Reak­ti­ons­ver­hin­de­rung (ERP). Auch medi­ka­men­tö­se Unter­stüt­zung (z. B. mit SSRI) kann hilf­reich sein, beson­ders bei star­kem Leidensdruck.

    Reak­tio­nen auf schwe­re Belas­tun­gen und Anpas­sungs­stö­run­gen (ICD-10: F43)

    Belas­tungs- und Anpas­sungs­stö­run­gen ent­ste­hen als psy­chi­sche Reak­ti­on auf ein außer­ge­wöhn­lich belas­ten­des Ereig­nis oder eine ein­schnei­den­de Lebens­ver­än­de­rung, die von der betrof­fe­nen Per­son nicht mehr adäquat ver­ar­bei­tet wer­den kann. Dabei kann es sich sowohl um plötz­li­che trau­ma­ti­sche Erleb­nis­se (z. B. Unfall, Gewalt, Ver­lust) als auch um andau­ern­de psy­cho­so­zia­le Belas­tun­gen (z. B. Schei­dung, Arbeits­platz­ver­lust, Migra­ti­on) handeln.

    1. For­men und Symptome:

    • Aku­te Belas­tungs­re­ak­ti­on:
      Tritt unmit­tel­bar nach dem belas­ten­den Ereig­nis auf, mit Sym­pto­men wie Angst, inne­rer Unru­he, Ver­wirrt­heit oder vege­ta­ti­ven Reak­tio­nen (z. B. Herz­klop­fen, Schweißausbrüche).
    • Post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­rung (PTBS):
      Ent­wi­ckelt sich ver­zö­gert, meist Wochen nach dem Trau­ma. Typi­sche Sym­pto­me sind Flash­backs, Alb­träu­me, emo­tio­na­le Taub­heit, Ver­mei­dungs­ver­hal­ten und Übererregbarkeit.
    • Anpas­sungs­stö­rung:
      Reak­ti­on auf belas­ten­de Lebens­ver­än­de­run­gen. Sym­pto­me kön­nen depres­si­ve Ver­stim­mung, Angst, Rück­zug, Reiz­bar­keit oder Kon­zen­tra­ti­ons­stö­run­gen sein.

    2. Behand­lung:

    Die Behand­lung rich­tet sich nach der Art und Schwe­re der Belas­tungs­re­ak­ti­on. Hilf­reich sind:

    • Psy­cho­the­ra­pie, ins­be­son­de­re Trau­ma-fokus­sier­te Verfahren
    • Sta­bi­li­sie­ren­de Gesprä­che und Psychoedukation
    • Kri­sen­in­ter­ven­ti­on
    • In bestimm­ten Fäl­len auch medi­ka­men­tö­se Unterstützung

    Ein ver­ste­hen­der, res­sour­cen­ori­en­tier­ter Umgang mit der belas­te­ten Per­son ist von zen­tra­ler Bedeutung.

    Dis­so­zia­ti­ve Stö­run­gen (Kon­ver­si­ons­stö­run­gen) (ICD-10: F44)

    Dis­so­zia­ti­ve Stö­run­gen, frü­her auch Kon­ver­si­ons­stö­run­gen genannt, beschrei­ben den teil­wei­sen oder voll­stän­di­gen Ver­lust nor­ma­ler psy­chi­scher Funk­tio­nen, ohne dass eine kör­per­li­che Ursa­che nach­weis­bar ist. Die Betrof­fe­nen erle­ben plötz­lich Ein­schrän­kun­gen in Berei­chen wie Bewusst­sein, Erin­ne­rung, Iden­ti­täts­wahr­neh­mung, Bewe­gung oder Sin­nes­emp­fin­dung – in direk­tem Zusam­men­hang mit psy­chi­schen Belas­tun­gen oder inne­ren Konflikten.

    1. Typi­sche Symptome:

    • Dis­so­zia­ti­ve Amne­sie: Erin­ne­rungs­lü­cken, oft bezo­gen auf belas­ten­de Ereignisse
    • Dis­so­zia­ti­ve Fugue: Plötz­li­che Orts­ver­än­de­rung mit Identitätsverlust
    • Dis­so­zia­ti­ve Krampf­an­fäl­le oder Bewe­gungs­stö­run­gen: Ohne orga­ni­sche Ursa­che, ähn­lich wie epi­lep­ti­sche Anfälle
    • Dis­so­zia­ti­ve Sen­si­bi­li­täts- und Emp­fin­dungs­stö­run­gen: Taub­heits­ge­füh­le, Läh­mun­gen oder Sehstörungen

    Die­se Sym­pto­me wer­den nicht wil­lent­lich gesteu­ert und ver­ur­sa­chen meist erheb­li­chen Leidensdruck.

    2. The­ra­peu­ti­scher Ansatz:

    • Psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Beglei­tung, ins­be­son­de­re tie­fen­psy­cho­lo­gisch fun­dier­te oder trau­ma­zen­trier­te Ansätze
    • Stär­kung von Ich-Funk­tio­nen und Selbstwahrnehmung
    • Bear­bei­tung zugrun­de lie­gen­der Kon­flik­te oder Traumata

    Eine wert­schät­zen­de und nicht-stig­ma­ti­sie­ren­de Hal­tung ist ent­schei­dend, da Betrof­fe­ne oft mit Unver­ständ­nis oder Schuld­zu­schrei­bun­gen kon­fron­tiert sind.

    Somat­o­for­me Stö­run­gen – Kör­per­li­che Beschwer­den ohne orga­ni­schen Befund (ICD-10: F45)

    Somat­o­for­me Stö­run­gen sind psy­chi­sche Erkran­kun­gen, bei denen anhal­ten­de kör­per­li­che Beschwer­den auf­tre­ten, ohne dass eine medi­zi­nisch erklär­ba­re kör­per­li­che Ursa­che gefun­den wer­den kann. Die Betrof­fe­nen lei­den meist unter Schmer­zen, Magen-Darm-Pro­ble­men, Herz-Kreis­lauf-Beschwer­den oder ande­ren kör­per­li­chen Sym­pto­men, die mit einem hohen Lei­dens­druck und häu­fi­gen Arzt­be­su­chen einhergehen.

    Typisch ist, dass trotz mehr­fa­cher ärzt­li­cher Unter­su­chun­gen und wie­der­holt nega­ti­ver Befun­de der Ein­druck besteht, schwer kör­per­lich erkrankt zu sein. Dies führt oft zu hart­nä­cki­gen For­de­run­gen nach wei­te­ren medi­zi­ni­schen Abklä­run­gen und einer aus­ge­präg­ten Sor­ge um die eige­ne Gesund­heit (Krank­heits­angst).

    1. For­men somat­o­for­mer Störungen:

    • Soma­ti­sie­rungs­stö­rung: Viel­fäl­ti­ge, wech­seln­de kör­per­li­che Beschwer­den über einen län­ge­ren Zeitraum
    • Hypo­chon­dri­sche Stö­rung: Über­zeu­gung, an einer schwe­ren kör­per­li­chen Krank­heit zu leiden
    • Somat­o­for­me auto­no­me Funk­ti­ons­stö­rung: Sym­pto­me in bestimm­ten Organ­sys­te­men (z. B. Herz, Magen), ohne Befund
    • Anhal­ten­de Schmerz­stö­rung: Chro­ni­scher Schmerz ohne aus­rei­chen­de orga­ni­sche Erklärung

    2. Behand­lung somat­o­for­mer Störungen:

    Die wirk­sams­ten Maß­nah­men sind psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Ver­fah­ren, ins­be­son­de­re kogni­ti­ve Ver­hal­tens­the­ra­pie. Ziel ist es, die Auf­merk­sam­keit vom Kör­per­sym­ptom auf zugrun­de lie­gen­de psy­chi­sche Belas­tun­gen zu len­ken und den Umgang mit dem eige­nen Kör­per­er­le­ben zu verändern.

    Psy­cho­edu­ka­ti­onärzt­lich-psy­cho­lo­gi­sche Koope­ra­ti­on sowie eine acht­sa­me Gesprächs­füh­rung sind ent­schei­dend für den Behand­lungs­pro­zess. Rein soma­ti­sche Behand­lun­gen füh­ren in der Regel nicht zum gewünsch­ten Erfolg.

    Ande­re neu­ro­ti­sche Stö­run­gen (ICD-10: F48)

    Die­se Kate­go­rie umfasst wei­te­re psy­chi­sche Stö­run­gen mit neu­ro­ti­schem Cha­rak­ter, die nicht ein­deu­tig einer spe­zi­fi­schen Dia­gno­se­grup­pe wie Angst‑, Zwangs- oder somat­o­for­men Stö­run­gen zuge­ord­net wer­den kön­nen. Sie sind häu­fig mit chro­ni­scher Erschöp­fung, Anspan­nung oder Ent­frem­dungs­er­le­ben verbunden.

    1. Bei­spie­le:

    • Neur­asthe­nie: Anhal­ten­de psy­chi­sche oder kör­per­li­che Erschöp­fung nach gerin­ger Anstren­gung, Kon­zen­tra­ti­ons­pro­ble­me, Reizbarkeit
    • Deper­so­na­li­sa­ti­ons- und Derea­li­sa­ti­ons­syn­drom: Gefühl, los­ge­löst vom eige­nen Kör­per oder der Umwelt zu sein, als ob alles „unwirk­lich“ erscheint

    Auch die­se Stö­run­gen kön­nen einen erheb­li­chen Ein­fluss auf Lebens­qua­li­tät und All­tags­be­wäl­ti­gung haben, obwohl sie für Außen­ste­hen­de oft schwer nach­voll­zieh­bar sind.

    2. The­ra­peu­ti­sche Ansätze:

    Im Vor­der­grund ste­hen sta­bi­li­sie­ren­de Gesprä­chepsy­cho­the­ra­peu­ti­sche Beglei­tung und gege­be­nen­falls medi­ka­men­tö­se Unter­stüt­zung bei kom­or­bi­den Sym­pto­men wie Depres­si­on oder Angst. Struk­tu­rie­rung des All­tags, Ent­span­nungs­ver­fah­ren und der Auf­bau trag­fä­hi­ger Bezie­hun­gen sind zen­tral für die Genesung.

    Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten mit kör­per­li­chen Stö­run­gen und Fak­to­ren (ICD-10: F50–F59)

    Wenn Kör­per und Psy­che sich wech­sel­sei­tig beeinflussen

    1. Klas­si­fi­ka­ti­on und Formen

    Die ICD-10-Kate­go­rie F50–F59 umfasst psy­chi­sche Stö­run­gen, bei denen das Ver­hal­ten in engem Zusam­men­hang mit kör­per­li­chen Funk­tio­nen oder Vor­gän­gen steht, ohne dass pri­mär eine orga­ni­sche Ursa­che zugrun­de liegt. Häu­fig tre­ten die Beschwer­den im Span­nungs­feld zwi­schen Kör­per und Psy­che auf und erfor­dern eine ganz­heit­li­che, inter­dis­zi­pli­nä­re Betrach­tung.

    F50 – Essstörungen

    Ess­stö­run­gen sind durch ein gestör­tes Ess­ver­hal­ten und ein gestör­tes Kör­per­bild gekenn­zeich­net. Sie tre­ten häu­fig im Jugend­al­ter auf und betref­fen über­pro­por­tio­nal häu­fig Frau­en, kön­nen aber auch Män­ner betreffen.

    Typi­sche Erkrankungen:

    • Anorexia ner­vo­sa: Selbst her­bei­ge­führ­tes Unter­ge­wicht durch Nahrungsverweigerung
    • Buli­mia ner­vo­sa: Heiß­hun­ger­an­fäl­le mit kom­pen­sa­to­ri­schen Maß­nah­men (Erbre­chen, Fasten)
    • Bin­ge-Eating-Stö­rung: Wie­der­hol­te Ess­an­fäl­le ohne kom­pen­sa­to­ri­sches Verhalten
    • Pica-Syn­drom: Ver­zehr nicht ess­ba­rer Stof­fe (z. B. Erde, Papier), v. a. im Kindesalter

    F51 – Nich­t­or­ga­ni­sche Schlafstörungen

    Die­se Stö­run­gen betref­fen Ein- und Durch­schlaf­stö­run­gen, die nicht durch kör­per­li­che Erkran­kun­gen erklär­bar sind. Der Schlaf ist dau­er­haft beein­träch­tigt – mit Aus­wir­kun­gen auf Tages­be­fin­den, Kon­zen­tra­ti­on und psy­chi­sche Stabilität.

    Bei­spie­le:

    • Pri­mä­re Insom­nie: Ein­schlaf- oder Durch­schlaf­stö­run­gen ohne kör­per­li­che Ursache
    • Para­s­om­ni­en: Auf­fäl­lig­kei­ten im Schlaf­ver­hal­ten (z. B. Schlaf­wan­deln – Som­nam­bu­lis­mus, Nacht­schreck – Pavor nocturnus)

    F52 – Sexu­el­le Funk­ti­ons­stö­run­gen ohne orga­ni­sche Ursache

    Die­se Stö­run­gen betref­fen die sexu­el­le Erreg­bar­keit, das Ver­lan­gen oder die Orgas­mus­fä­hig­keit, ohne dass eine kör­per­li­che Ursa­che vor­liegt. Kann bei Män­nern und bei Frau­en vorliegen.

    Bei­spie­le:

    • Sexu­el­le Appe­tenz­stö­rung (Libi­dom­an­gel)
    • Hyper­se­xua­li­tät, Nym­pho­ma­nie, Satyriasis
    • Psy­cho­ge­ne Impo­tenz, Anor­gas­mie, Dys­pa­reu­nie, Vaginismus

    F53 – Psy­chi­sche oder Ver­hal­tens­stö­run­gen im Wochenbett

    Erkran­kun­gen in direk­tem Zusam­men­hang mit der Geburt eines Kin­des, meist im Wochenbett:

    • Postpar­ta­le Depres­si­on, Angst­stö­run­gen oder Anpassungskrisen
    • Mög­li­cher­wei­se mit Aus­wir­kun­gen auf die Mutter-Kind-Beziehung

    F54 – Psy­cho­lo­gi­sche Fak­to­ren bei kör­per­li­chen Erkrankungen

    Hier sind psy­chi­sche oder Ver­hal­tens­fak­to­ren maß­geb­lich an der Ent­ste­hung, Aus­prä­gung oder Auf­recht­erhal­tung kör­per­li­cher Erkran­kun­gen betei­ligt, etwa bei:

    • Asth­ma bronchiale
    • Coli­tis ulcerosa
    • Urti­ka­ria (Nes­sel­sucht)
    • Reiz­darm­syn­drom

    F55 – Schäd­li­cher Gebrauch nicht­ab­hän­gig­keits­er­zeu­gen­der Substanzen

    Miss­brauch von Medi­ka­men­ten oder ande­ren Mit­teln, die nicht als klas­sisch „abhän­gig­keits­er­zeu­gend“ gel­ten – z. B.:

    • Schmerz­mit­tel, Abführ­mit­tel, Schlafmittel
    • Vit­amin­prä­pa­ra­te oder alter­na­ti­ve Heilmittel

    Beglei­tet von Absetz­erschei­nun­gen, Tole­ranz­ent­wick­lung oder psy­cho­so­zia­len Fol­gen.

    F59 – Nicht näher bezeich­ne­te Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­kei­ten bei kör­per­li­chen Faktoren

    Die­se Reser­ve­ka­te­go­rie wird ver­wen­det, wenn eine Ver­hal­tens­auf­fäl­lig­keit im Zusam­men­hang mit kör­per­li­chen Fak­to­ren besteht, aber kei­ner der ande­ren Dia­gno­sen ein­deu­tig zuge­ord­net wer­den kann.

    2. Ursa­chen

    Die Ursa­chen die­ser Stö­run­gen sind viel­schich­tig und bio­psy­cho­so­zi­al zu betrachten:

    • Psy­cho­dy­na­mi­sche Fak­to­ren: Unbe­wuss­te Kon­flik­te, unge­lös­te Beziehungsmuster
    • Lern­theo­re­ti­sche Ein­flüs­se: Ver­stär­kung durch kurz­fris­ti­ge Ent­las­tung oder Zuwendung
    • Neu­ro­bio­lo­gi­sche Grund­la­gen: z. B. Schlaf-Wach-Rhyth­mus, hor­mo­nel­le Regelkreise
    • Sozia­le Bedin­gun­gen: Leis­tungs­druck, fami­liä­re Span­nun­gen, Tabui­sie­rung von Sexualität
    • Kul­tu­rel­le Nor­men und Schön­heits­idea­le, ins­be­son­de­re bei Essstörungen

    Oft wir­ken meh­re­re Fak­to­ren gemein­sam – die Sym­pto­me die­nen dabei oft der Bewäl­ti­gung von inne­ren Span­nun­gen oder äuße­ren Belas­tun­gen.

    3. Behand­lung und Alltagsbewältigung

    Die The­ra­pie rich­tet sich nach der jewei­li­gen Stö­rungs­form und dem indi­vi­du­el­len Beschwer­de­bild. Grund­sätz­lich ist ein ganz­heit­li­cher Behand­lungs­an­satz emp­feh­lens­wert, der medi­zi­ni­sche, psy­cho­the­ra­peu­ti­sche und sozia­le Aspek­te integriert.

    Psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Verfahren:

    • Ver­hal­tens­the­ra­pie, z. B. bei Schlaf­stö­run­gen, Ess­an­fäl­len, sexu­el­len Funktionsstörungen
    • Tie­fen­psy­cho­lo­gisch fun­dier­te Psy­cho­the­ra­pie zur Bear­bei­tung unbe­wuss­ter Konflikte
    • Psy­cho­edu­ka­ti­on, ins­be­son­de­re bei Ess- und Schlafstörungen
    • Trau­ma­the­ra­pie bei postpar­ta­len oder sexu­el­len Störungen

    Medi­zi­ni­sche Unterstützung:

    • Sym­ptom­ori­en­tier­te Behand­lung (z. B. Schlaf­mit­tel, Anti­de­pres­si­va, Hormontherapie)
    • Inter­dis­zi­pli­nä­re Koope­ra­ti­on mit Gynä­ko­lo­gie, Gas­tro­en­te­ro­lo­gie, Der­ma­to­lo­gie oder Schlafmedizin

    Sozi­al­päd­ago­gi­sche und recht­li­che Begleitung:

    • Bera­tung in Lebens­kri­sen (z. B. nach Geburt, bei chro­ni­scher Erkrankung)
    • Ernäh­rungs­be­ra­tung, Sexu­al­päd­ago­gik, sozi­al­the­ra­peu­ti­sche Begleitung
    • Recht­li­che Betreu­ung bei schäd­li­chem Medi­ka­men­ten­ge­brauch oder schwe­rer psy­cho­so­zia­ler Desintegration

    Per­sön­lich­keits­stö­run­gen – Sta­bi­le Mus­ter mit star­kem Ein­fluss auf das Leben (ICD-10: F60)

    1. Klas­si­fi­ka­ti­on und Formen

    Per­sön­lich­keits­stö­run­gen sind tief­grei­fen­de, über­dau­ern­de Ver­hal­tens- und Erle­bens­mus­ter, die deut­lich von kul­tu­rell erwar­te­ten Nor­men abwei­chen. Sie zei­gen sich in der Wahr­neh­mung, im Den­ken, in der Affek­ti­vi­tät, der Impuls­kon­trol­le und im zwi­schen­mensch­li­chen Ver­hal­ten. Die Mus­ter begin­nen in der Jugend oder im frü­hen Erwach­se­nen­al­ter und blei­ben über das Leben hin­weg rela­tiv stabil.

    In der ICD-10 wer­den zehn spe­zi­fi­sche Per­sön­lich­keits­stö­run­gen unterschieden:

    1. Para­no­ide Per­sön­lich­keits­stö­rung (F60.0)

    • Miss­trau­en, Emp­find­lich­keit, über­trie­be­ne Wach­sam­keit gegen­über Zurückweisung
    • Nei­gung zu über­zo­ge­ner Selbst­be­haup­tung, streit­ba­rem Ver­hal­ten, Verschwörungsdenken

    2. Schi­zo­ide Per­sön­lich­keits­stö­rung (F60.1)

    • Emo­tio­na­le Küh­le, Rück­zug, gerin­ge Freu­de an sozia­len Kontakten
    • Inter­es­se an Ein­zel­gän­ger­tä­tig­kei­ten, gerin­ge emo­tio­na­le Resonanz

    3. Dis­so­zia­le Per­sön­lich­keits­stö­rung (F60.2)

    • Ver­ant­wor­tungs­lo­sig­keit, Miss­ach­tung sozia­ler Regeln und Rech­te anderer
    • Impul­si­vi­tät, gerin­ge Frus­tra­ti­ons­to­le­ranz, häu­fi­ge Kon­flik­te mit dem Gesetz

    4. Emo­tio­nal insta­bi­le Per­sön­lich­keits­stö­rung (F60.3)

    Zwei Unter­for­men:

    • Impul­si­ver Typus: Affekt­kon­troll­stö­rung, Reiz­bar­keit, aggres­si­ves Verhalten
    • Bor­der­line-Typus: Insta­bi­li­tät in Bezie­hun­gen, Selbst­bild und Stim­mung, star­ke Angst vor dem Verlassenwerden

    5. His­trio­ni­sche Per­sön­lich­keits­stö­rung (F60.4)

    • Thea­tra­li­sches Ver­hal­ten, gestei­ger­ter Wunsch nach Auf­merk­sam­keit und Anerkennung
    • Ober­fläch­li­che emo­tio­na­le Aus­drucks­wei­se, sug­ges­ti­bles Verhalten

    6. Anan­kas­ti­sche (zwang­haf­te) Per­sön­lich­keits­stö­rung (F60.5)

    • Per­fek­tio­nis­mus, über­mä­ßi­ge Beschäf­ti­gung mit Ord­nung, Kon­trol­le und Regeln
    • Schwie­rig­kei­ten, Auf­ga­ben zu dele­gie­ren, star­ke Zwei­fel und Entscheidungsunsicherheit

    7. Ängst­lich-ver­mei­den­de Per­sön­lich­keits­stö­rung (F60.6)

    • Sozia­le Unsi­cher­heit, aus­ge­präg­te Furcht vor Kri­tik und Zurückweisung
    • Ten­denz zur sozia­len Iso­la­ti­on trotz Wunsch nach Bindung

    8. Abhän­gi­ge (asthe­ni­sche) Per­sön­lich­keits­stö­rung (F60.7)

    • Über­mä­ßi­ges Bedürf­nis nach Unter­stüt­zung und Fürsorge
    • Ent­schei­dungs­un­fä­hig­keit, Unter­ord­nung der eige­nen Bedürf­nis­se, Trennungsängste

    9. Sons­ti­ge spe­zi­fi­sche Per­sön­lich­keits­stö­run­gen (F60.8)

    Beinhal­tet wei­te­re For­men wie:

    • Nar­ziss­ti­sche Per­sön­lich­keits­stö­rung (nicht als eige­ne Dia­gno­se in der ICD-10 gelistet)
    • Pas­siv-aggres­si­ve (nega­ti­vis­ti­sche) Persönlichkeitsstörung
    • Halt­lo­se, unrei­fe oder exzen­tri­sche Persönlichkeitsbilder

    10. Nicht näher bezeich­ne­te Per­sön­lich­keits­stö­rung (F60.9)

    Wird ver­wen­det, wenn kei­ne der spe­zi­fi­schen Dia­gno­sen ein­deu­tig zutrifft.

    2. Ursa­chen und Entstehung

    Die Ent­wick­lung von Per­sön­lich­keits­stö­run­gen ist mul­ti­fak­to­ri­ell bedingt:

    • Gene­ti­sche und neu­ro­bio­lo­gi­sche Prädispositionen
    • Frü­he Bin­dungs­er­fah­run­gen, ins­be­son­de­re insta­bi­le oder trau­ma­ti­sie­ren­de Beziehungen
    • Dys­funk­tio­na­le Erzie­hungs- und Sozialisationsbedingungen
    • Indi­vi­du­el­le Bewäl­ti­gungs­stra­te­gien, die in extre­men Aus­prä­gun­gen zu star­ren Mus­tern werden

    Die Über­gän­ge zu Per­sön­lich­keits­va­ri­an­ten oder akzen­tu­ier­ten Per­sön­lich­keits­zü­gen sind flie­ßend. Per­sön­lich­keits­stö­run­gen ent­wi­ckeln sich typi­scher­wei­se im Jugend­al­ter und mani­fes­tie­ren sich dau­er­haft bis ins Erwachsenenalter.

    3. Behand­lung und Alltagsbewältigung

    Per­sön­lich­keits­stö­run­gen sind lang­fris­ti­ge, aber behan­del­ba­re Stö­run­gen, wenn Betrof­fe­ne zur Mit­ar­beit bereit sind oder durch psy­cho­so­zia­le Umstän­de (z. B. Kri­sen, Kom­or­bi­di­tä­ten) zur Behand­lung moti­viert werden.

    Psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Verfahren

    • Tie­fen­psy­cho­lo­gisch fun­dier­te Psy­cho­the­ra­pie
      Auf­ar­bei­tung frü­her Bezie­hungs­er­fah­run­gen, Ent­wick­lung sta­bi­ler Ich-Funktionen
    • Kogni­ti­ve Ver­hal­tens­the­ra­pie (KVT)
      Ver­än­de­rung dys­funk­tio­na­ler Denk­mus­ter, Auf­bau sozia­ler Kompetenzen
    • Sche­ma­the­ra­pie
      Inte­gra­ti­on von bio­gra­fi­schen Mus­tern, Bedürf­nis­sen und Emotionen
    • Dia­lek­tisch-Beha­vi­ora­le The­ra­pie (DBT)
      Beson­ders wirk­sam bei Bor­der­line-Stö­run­gen zur Emo­ti­ons­re­gu­la­ti­on und Impulskontrolle

    Wei­te­re Interventionsformen

    • Psy­cho­edu­ka­ti­on zur För­de­rung von Ein­sicht und Selbstfürsorge
    • Sozi­al­päd­ago­gi­sche Unter­stüt­zung zur Struk­tu­rie­rung des Alltags
    • Medi­ka­men­tö­se The­ra­pie bei kom­or­bi­den Erkran­kun­gen wie Depres­sio­nen, Angst­stö­run­gen oder Impulskontrollstörungen
    • Recht­li­che Betreu­ung bei erheb­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen der Selbstbestimmung

    Zie­le der Behandlung

    • Ver­bes­se­rung der Selbst­wahr­neh­mung und Beziehungsfähigkeit
    • Erhö­hung der Stress­to­le­ranz und Impulskontrolle
    • För­de­rung von Selbst­wirk­sam­keit und sozia­ler Integration

    Andau­ern­de Per­sön­lich­keits­än­de­run­gen nach Extrem­be­las­tung (ICD-10: F62)

    Wenn sich die Per­sön­lich­keit lang­fris­tig verändert

    1. Klas­si­fi­ka­ti­on und Formen

    Die ICD-10-Dia­gno­se­grup­pe F62 umfasst andau­ern­de Per­sön­lich­keits­än­de­run­gen, die nicht Fol­ge einer orga­ni­schen Hirn­schä­di­gung sind. Die­se tief­grei­fen­den Ver­än­de­run­gen tre­ten nach extrem belas­ten­den Erleb­nis­senauf, wie z. B. wie­der­hol­ten Trau­ma­ti­sie­run­gen, lang­an­dau­ern­der Gewalt oder schwe­rer Vernachlässigung.

    Die bekann­tes­te Form ist die:

    Kom­ple­xe Post­trau­ma­ti­sche Belas­tungs­stö­rung (kPT­BS)

    Sie tritt häu­fig nach wie­der­hol­ter oder chro­ni­scher Trau­ma­ti­sie­rung auf und geht über die klas­si­sche PTBS hin­aus. Wäh­rend bei der klas­si­schen PTBS Flash­backs und Ver­mei­dungs­ver­hal­ten domi­nie­ren, ste­hen bei der kPT­BS zusätz­lich tief­grei­fen­de Per­sön­lich­keits­ver­än­de­run­gen im Vordergrund.

    Typi­sche Merkmale:

    • Chro­ni­sches Miss­trau­en gegen­über ande­ren Menschen
    • Sozia­ler Rück­zug, Iso­la­ti­on, Ver­lust von Bindungsfähigkeit
    • Emo­tio­na­le Taub­heit, Reiz­bar­keit oder erhöh­te Erregbarkeit
    • Gefühl der Ent­frem­dung, Sinn­lo­sig­keit, Wertlosigkeit
    • Dys­funk­tio­na­le Bewäl­ti­gungs­stra­te­gien, wie Selbst­ver­let­zung oder Substanzkonsum

    2. Ursa­chen

    Andau­ern­de Per­sön­lich­keits­ver­än­de­run­gen ent­ste­hen in der Regel nach:

    • Lang­fris­ti­ger psy­chi­scher oder phy­si­scher Gewalt (z. B. Miss­brauch, Kriegserfahrungen)
    • Chro­ni­scher Trau­ma­ti­sie­rung ohne Schutzfaktoren
    • Sozia­ler Depri­va­ti­on, z. B. bei Kin­dern in insti­tu­tio­nel­ler Fremdunterbringung
    • Unzu­rei­chen­der Nach­sor­ge nach trau­ma­ti­schen Erlebnissen

    Risi­ko­fak­to­ren sind u. a. feh­len­de sta­bi­le Bin­dun­gen, früh­kind­li­che Ent­wick­lungs­trau­ma­ta und man­geln­de Resilienzressourcen.

    3. Behand­lung und Alltagsbewältigung

    Die Behand­lung erfolgt lang­fris­tig und mul­ti­mo­dal. Zen­tra­le Zie­le sind Sta­bi­li­sie­rung, Trau­ma­be­wäl­ti­gung und sozia­le Wiedereingliederung.

    Psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Verfahren:

    • Trau­ma­zen­trier­te Psy­cho­the­ra­pie (z. B. EMDR, Sche­ma­the­ra­pie, psy­cho­dy­na­misch fun­dier­te Verfahren)
    • Sta­bi­li­sie­rungs­ar­beit zur För­de­rung von Sicher­heit, Ori­en­tie­rung und Selbstregulation
    • Bezie­hungs­ar­beit, da vie­le Betrof­fe­ne unter Bin­dungs­stö­run­gen leiden
    • Acht­sam­keits- und kör­per­ori­en­tier­te Ansät­ze zur Emotionsregulation

    Ergän­zen­de Maßnahmen:

    • Medi­ka­men­tö­se Unter­stüt­zung bei beglei­ten­der Depres­si­on, Angst oder Schlafstörung
    • Sozi­al­päd­ago­gi­sche Beglei­tung (z. B. betreu­tes Woh­nen, Tages­struk­tur, Hil­fe bei Behördenkontakten)
    • Recht­li­che Betreu­ung, wenn die Selbst­sor­ge stark ein­ge­schränkt ist

    All­tag und Integration:

    • Auf­bau eines ver­läss­li­chen sozia­len Netzes
    • Ent­wick­lung von Früh­warn­zei­chen und Notfallplänen
    • Inte­gra­ti­on in All­tag und Arbeits­welt (ggf. durch Teil­ha­be­as­sis­tenz oder Reha-Maßnahmen)

    Stö­run­gen der Impuls­kon­trol­le und abnor­me Gewohn­hei­ten (ICD-10: F63)

    Wenn der inne­re Drang stär­ker ist als der Wille

    1. Klas­si­fi­ka­ti­on und Formen

    Die ICD-10-Grup­pe F63 umfasst psy­chi­sche Stö­run­gen, bei denen Betrof­fe­ne wie­der­holt Ver­hal­tens­im­pul­sen nicht wider­ste­hen kön­nen, obwohl sie wis­sen, dass das Ver­hal­ten schäd­lich oder sozi­al uner­wünscht ist. Im Vor­der­grund steht eine ver­min­der­te Impuls­kon­trol­le, nicht sel­ten beglei­tet von Scham, Schuld und sozia­lem Rück­zug.

    Typi­sche Formen:

    • Patho­lo­gi­sches Spie­len (F63.0):
      Zwang­haf­tes Glücks­spiel­ver­hal­ten mit Kon­troll­ver­lust, Schul­den, fami­liä­ren und beruf­li­chen Problemen
    • Pyro­ma­nie (F63.1):
      Wie­der­hol­tes, absicht­li­ches Legen von Brän­den aus inne­rem Drang, ohne äuße­ren Nutzen
    • Klep­to­ma­nie (F63.2):
      Zwang­haf­tes Steh­len von Gegen­stän­den ohne tat­säch­li­chen Bedarf
    • Tricho­t­il­lo­ma­nie (F63.3):
      Unkon­trol­lier­tes Aus­rei­ßen von Kopf‑, Augen­brau­en- oder Kör­per­haa­ren, oft in Stresssituationen

    Die­se Ver­hal­tens­wei­sen sind nicht mit Befrie­di­gung durch den Akt selbst ver­bun­den, son­dern die­nen häu­fig der Span­nungs­re­gu­la­ti­on oder Selbst­be­ru­hi­gung.

    2. Ursa­chen

    Die genau­en Ursa­chen sind kom­plex und viel­schich­tig:

    • Neu­ro­bio­lo­gi­sche Fak­to­ren: Dys­re­gu­la­ti­on im Beloh­nungs­sys­tem (Dopa­min, Serotonin)
    • Psy­cho­dy­na­mi­sche Aspek­te: Unter­drück­te Kon­flik­te, Selbst­wert­pro­ble­me, Abwehrmechanismen
    • Lern­theo­re­ti­sche Erklä­run­gen: Erlern­te kurz­fris­ti­ge Span­nungs­re­duk­ti­on durch pro­ble­ma­ti­sches Verhalten
    • Sozia­le Fak­to­ren: Iso­la­ti­on, Stress, emo­tio­na­le Ver­nach­läs­si­gung, Man­gel an Alternativen

    Impuls­kon­troll­stö­run­gen tre­ten oft kom­or­bid mit Depres­sio­nen, Angst­stö­run­gen oder Per­sön­lich­keits­stö­run­gen auf.

    3. Behand­lung und Alltagsbewältigung

    Die Behand­lung zielt auf Ein­sichts­för­de­rung, Impuls­re­gu­la­ti­on und Ver­hal­tens­än­de­rung. Je frü­her die Inter­ven­ti­on erfolgt, des­to güns­ti­ger ist der Verlauf.

    Psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Maßnahmen:

    • Kogni­ti­ve Ver­hal­tens­the­ra­pie (KVT): Iden­ti­fi­ka­ti­on von Aus­lö­sern, Auf­bau alter­na­ti­ver Bewältigungsstrategien
    • Ver­hal­tens­ex­pe­ri­men­te und Expositionstraining
    • Moti­vie­ren­de Gesprächs­füh­rung (MI) zur För­de­rung von Veränderungsbereitschaft
    • Grup­pen­the­ra­pie, ins­be­son­de­re bei Glücks­spiel­sucht (z. B. SHG, Reha-Angebote)

    Medi­ka­men­tö­se Unterstützung:

    • Bei hoher Impul­si­vi­tät: Ein­satz von SSRI oder stim­mungs­sta­bi­li­sie­ren­den Medikamenten
    • Kei­ne Stan­dard­me­di­ka­ti­on – stets indi­vi­du­ell abzuwägen

    Sozia­le Maß­nah­men und Alltagshilfen:

    • Tages­struk­tur und kla­re Regeln
    • Acht­sam­keits­trai­ning und Impulskontrollübungen
    • Reha­bi­li­ta­ti­on oder Ein­glie­de­rungs­hil­fe bei erheb­li­chen sozia­len Folgen
    • Recht­li­che Betreu­ung, wenn Schul­den­re­gu­lie­rung oder Selbst­sor­ge nicht gewähr­leis­tet sind

    Stö­run­gen der Geschlechts­iden­ti­tät, Sexu­al­prä­fe­renz und sexu­el­len Ent­wick­lung (ICD-10: F64–F66)

    Zwi­schen Iden­ti­tät, Ori­en­tie­rung und Normabweichung

    1. Klas­si­fi­ka­ti­on und Formen

    Die ICD-10-Kate­go­rien F64 bis F66 fas­sen psy­chi­sche Stö­run­gen zusam­men, die im Zusam­men­hang mit Geschlechts­iden­ti­tätsexu­el­len Vor­lie­ben und sexu­el­ler Ent­wick­lung ste­hen. Es han­delt sich dabei um sehr unter­schied­li­che Phä­no­me­ne – von tie­fem Iden­ti­täts­kon­flikt bis hin zu norm­ab­wei­chen­den sexu­el­len Nei­gun­gen oder ent­wick­lungs­be­ding­ten Schwierigkeiten.

    F64 – Stö­run­gen der Geschlechtsidentität

    Stö­run­gen der Geschlechts­iden­ti­tät beschrei­ben Zustän­de, in denen die erleb­te Geschlechts­zu­ge­hö­rig­keit im Wider­spruch zum bei Geburt zuge­wie­se­nen bio­lo­gi­schen Geschlecht steht. Dazu zählen:

    • Trans­se­xua­lis­mus (F64.0):
      Der Wunsch, dem ande­ren Geschlecht anzu­ge­hö­ren und als die­ses aner­kannt zu wer­den, oft mit dem Stre­ben nach medi­zi­ni­scher Geschlechtsangleichung.
    • Trans­ves­ti­tis­mus unter Bei­be­hal­tung bei­der Geschlechts­rol­len (F64.1):
      Das wie­der­hol­te Tra­gen der Klei­dung des ande­ren Geschlechts zur Stär­kung der Geschlechts­iden­ti­tät, ohne Wunsch nach dau­er­haf­ter Geschlechtsangleichung.

    Die­se Dia­gno­sen sind nicht zu ver­wech­seln mit nicht-hete­ro­nor­ma­ti­ver Geschlechts­iden­ti­tät oder Tran­si­den­ti­tät, wie sie heu­te im Rah­men des ICD-11 unter „Gen­der Incon­gru­ence“ deut­lich ent­pa­tho­lo­gi­siert wurde.

    F65 – Stö­run­gen der Sexu­al­prä­fe­renz (Para­phi­lien)

    Hier­zu zäh­len sexu­el­le Vor­lie­ben, die deut­lich von gesell­schaft­li­chen Nor­men abwei­chen und/oder mit Lei­dens­druck oder Gefähr­dung Drit­ter ein­her­ge­hen. Die sexu­el­le Erre­gung bezieht sich hier­bei nicht auf ein­ver­nehm­li­che zwi­schen­mensch­li­che Sexualität.

    Bei­spie­le:

    • Feti­schis­mus: Erre­gung durch unbe­leb­te Objek­te (z. B. Kleidung)
    • Feti­schis­ti­scher Trans­ves­ti­tis­mus: Sexu­el­le Erre­gung durch das Tra­gen von Klei­dung des ande­ren Geschlechts
    • Exhi­bi­tio­nis­mus: Drang, Geschlechts­tei­le in der Öffent­lich­keit zu zeigen
    • Voy­eu­ris­mus: Beob­ach­tung ande­rer beim Ent­klei­den oder Geschlechts­ver­kehr ohne deren Wissen
    • Pädo­phi­lie: Sexu­el­les Inter­es­se an vor­pu­ber­tä­ren Kin­dern (straf­recht­lich relevant)
    • Sado­ma­so­chis­mus: Lust­ge­winn durch Zufü­gung oder Erle­ben von Schmerz oder Unterwerfung
    • Mul­ti­ple oder sons­ti­ge Para­phi­lien: z. B. Frot­teu­ris­mus, Nekrophilie

    Nicht jede norm­ab­wei­chen­de Nei­gung ist krank­heits­wer­tig – aus­schlag­ge­bend sind Lei­dens­druck, Kon­troll­ver­lust und Fremd­ge­fähr­dung.

    F66 – Psy­chi­sche und Ver­hal­tens­stö­run­gen in Ver­bin­dung mit der sexu­el­len Ent­wick­lung und Orientierung

    Die­se Kate­go­rie umfasst Stö­run­gen im Zusam­men­hang mit der sexu­el­len Rei­fung oder Ori­en­tie­rung, die mit erheb­li­chem inne­ren Kon­flikt oder psy­cho­so­zia­ler Belas­tung einhergehen.

    For­men:

    • Sexu­el­le Rei­fungs­kri­se (F66.0): Unsi­cher­heit über die sexu­el­le Ori­en­tie­rung wäh­rend der Adoleszenz
    • Ich­dys­tone Sexu­al­ori­en­tie­rung (F66.1): Ableh­nung der eige­nen sexu­el­len Ori­en­tie­rung bei ansons­ten sta­bi­ler Identität
    • Sexu­el­le Bezie­hungs­stö­rung (F66.2): Schwie­rig­kei­ten, sta­bi­le und erfül­len­de sexu­el­le Bezie­hun­gen zu füh­ren, ohne dass eine kla­re Dia­gno­se vorliegt

    2. Ursa­chen

    Die Ursa­chen die­ser Stö­run­gen sind je nach Kate­go­rie sehr unterschiedlich:

    Bei F64 (Geschlechts­iden­ti­tät):

    • Mul­ti­fak­to­ri­el­les Modell: Bio­lo­gi­sche, psy­cho­lo­gi­sche und sozia­le Einflüsse
    • Frü­he Kind­heits­er­fah­run­gen, Geschlech­ter­rol­len­bil­der, indi­vi­du­el­le Persönlichkeitsmerkmale
    • Stig­ma­ti­sie­rung und gesell­schaft­li­cher Druck ver­stär­ken das Lei­den oft mehr als die Iden­ti­tät selbst

    Bei F65 (Sexu­al­prä­fe­renz­stö­run­gen):

    • Ent­wick­lungs­psy­cho­lo­gi­sche und neu­ro­bio­lo­gi­sche Faktoren
    • Kon­di­tio­nie­rung, Erleb­nis­se in Kind­heit und Jugend
    • Man­gel an zwi­schen­mensch­li­cher Sexua­li­tät, emo­tio­na­le Depri­va­ti­on oder Traumatisierungen

    Bei F66 (sexu­el­le Rei­fungs- und Orientierungskonflikte):

    • Psy­cho­so­zia­le Span­nungs­fel­der, z. B. reli­giö­se, fami­liä­re oder kul­tu­rel­le Ablehnung
    • Iden­ti­täts­ent­wick­lung in der Adoleszenz
    • Inter­na­li­sier­te Homo­ne­ga­ti­vi­tät oder trans­feind­li­che Erfahrungen

    3. Behand­lung und Alltagsbewältigung

    Die The­ra­pie­an­sät­ze unter­schei­den sich je nach Dia­gno­se erheblich:

    Stö­run­gen der Geschlechts­iden­ti­tät (F64)

    • Psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Beglei­tung auf dem Weg zur Selbstakzeptanz
    • Beglei­ten­de Bera­tung bei geschlechts­an­glei­chen­den Maßnahmen
    • Stär­kung der Resi­li­enz gegen­über Diskriminierung
    • Mul­ti­dis­zi­pli­nä­re Behand­lungs­teams, z. B. Sexu­al­me­di­zin, Endo­kri­no­lo­gie, Psychotherapie

    Wich­tig: Tran­si­den­ti­tät ist kei­ne psy­chi­sche Erkran­kung! Nur der damit ver­bun­de­ne Lei­dens­druck ist behandlungsbedürftig.

    Para­phi­le Stö­run­gen (F65)

    • Ver­hal­tens­the­ra­peu­ti­sche Ver­fah­ren zur Impuls- und Triebkontrolle
    • Psy­cho­edu­ka­ti­on und Rück­fall­prä­ven­ti­on, ins­be­son­de­re bei pädo­se­xu­el­lem Risiko
    • Grup­pen­the­ra­pie und kon­trol­lier­te Sexu­al­the­ra­pie bei nicht straf­recht­lich rele­van­ten Paraphilien
    • Medi­ka­men­tö­se Unter­stüt­zung in Hoch­ri­si­ko­fäl­len (z. B. Anti­an­dro­ge­ne, SSRI)

    Stö­run­gen der sexu­el­len Ent­wick­lung oder Ori­en­tie­rung (F66)

    • Bera­tungs- und The­ra­pie­an­ge­bo­te mit wert­frei­er, affir­ma­ti­ver Haltung
    • Klä­rung der eige­nen Ori­en­tie­rung und Ent­wick­lung eines sta­bi­len Selbstkonzepts
    • Ein­be­zie­hung des sozia­len Umfelds, För­de­rung von Akzep­tanz und Selbstwert
    • Unter­stüt­zung bei Coming-out-Pro­zes­sen und Partnerschaftsgestaltung

    Intel­li­genz­min­de­rung (ICD-10: F70–F79)

    Geis­ti­ge Behin­de­rung ver­ste­hen, ein­ord­nen und begleiten

    1. Klas­si­fi­ka­ti­on und Formen

    Unter dem Begriff Intel­li­genz­min­de­rung (auch: geis­ti­ge Behin­de­rung) wer­den Stö­run­gen zusam­men­ge­fasst, die durch eine deut­lich unter­durch­schnitt­li­che intel­lek­tu­el­le Leis­tungs­fä­hig­keit gekenn­zeich­net sind. Zusätz­lich zur kogni­ti­ven Beein­träch­ti­gung bestehen Ein­schrän­kun­gen in der sozia­len Anpas­sungs­fä­hig­keit, ins­be­son­de­re in Berei­chen wie Kom­mu­ni­ka­ti­on, Selbst­ver­sor­gung, Ler­nen, zwi­schen­mensch­li­che Bezie­hun­gen und selbst­be­stimm­te Lebensführung.

    Die ICD-10 unter­schei­det die Aus­prä­gung der Intel­li­genz­min­de­rung anhand des Intel­li­genz­quo­ti­en­ten (IQ):

    ICD-10 CodeBezeich­nungIQ-BereichMerk­ma­le
    F70Leich­te IntelligenzminderungIQ ca. 50–69Lern­schwie­rig­kei­ten in der Schu­le, oft selbst­stän­dig im All­tag mit Hilfe
    F71Mit­tel­gra­di­ge IntelligenzminderungIQ ca. 35–49Erheb­li­che Beein­träch­ti­gung in All­tag und Kom­mu­ni­ka­ti­on, Schul­be­such mit son­der­päd­ago­gi­scher Förderung
    F72Schwe­re IntelligenzminderungIQ ca. 20–34Stark ein­ge­schränk­te Selbst­ver­sor­gung, lebens­lan­ge Betreu­ung erforderlich
    F73Schwers­te IntelligenzminderungIQ unter 20Tief­grei­fen­de Beein­träch­ti­gung, inten­si­ve Pfle­ge und Unter­stüt­zung notwendig
    F78Ande­re IntelligenzminderungAbwei­chen­de oder kom­bi­nier­te Erscheinungsformen
    F79Nicht näher bezeich­ne­te IntelligenzminderungVer­wen­dung, wenn kei­ne genaue­re Ein­ord­nung mög­lich ist

    Die Klas­si­fi­ka­ti­on erfolgt immer in Kom­bi­na­ti­on mit der Ein­schät­zung sozi­al-adap­ti­ver Fähig­kei­ten – der IQ-Wert allein ist nicht ausschlaggebend.

    2. Ursa­chen

    Die Ursa­chen für eine Intel­li­genz­min­de­rung sind viel­fäl­tig und häu­fig bereits in der frü­hen Ent­wick­lung wirk­sam. Sie las­sen sich grob in prä­na­ta­le, peri­na­ta­le und post­na­ta­le Fak­to­ren einteilen:

    • Prä­na­tal (vor der Geburt):
      • Gene­ti­sche Syn­dro­me (z. B. Tri­so­mie 21, Fragiles-X-Syndrom)
      • Stoff­wech­sel­stö­run­gen (z. B. Phenylketonurie)
      • Schä­di­gung durch Alko­hol, Dro­gen oder Infektionen
    • Peri­na­tal (wäh­rend der Geburt):
      • Sau­er­stoff­man­gel
      • Früh­ge­burt­lich­keit oder Kom­pli­ka­tio­nen bei der Geburt
    • Post­na­tal (nach der Geburt):
      • Hirn­haut­ent­zün­dun­gen, Schädel-Hirn-Trauma
      • Schwe­re sozia­le Ver­nach­läs­si­gung oder Reiz­ar­mut (Depri­va­ti­on)

    In man­chen Fäl­len bleibt die Ursa­che unbe­kannt (idio­pa­thisch).

    3. Behand­lung und Alltagsbewältigung

    Eine Intel­li­genz­min­de­rung ist nicht heil­bar, aber durch geziel­te För­de­rung kön­nen Fähig­kei­ten gestärkt und Teil­ha­be ermög­licht wer­den. Ziel ist immer die Ent­wick­lung von Selbst­stän­dig­keit, Lebens­qua­li­tät und sozia­ler Inte­gra­ti­on.

    Früh­för­de­rung und Bildung:

    • Früh­för­der­stel­len: Dia­gnos­tik, Ent­wick­lungs­för­de­rung, Elternberatung
    • Son­der­päd­ago­gi­sche För­de­rung in För­der­schu­len oder inklu­si­ven Settings
    • Sprach‑, Ergo- und Phy­sio­the­ra­pie bei Bedarf

    All­tags­un­ter­stüt­zung:

    • Assis­tenz im All­tag (z. B. Schul­be­glei­tung, Teilhabeassistenz)
    • Ambu­lan­te oder sta­tio­nä­re Wohn­for­men (z. B. betreu­tes Woh­nen, Wohngruppen)
    • Tages­struk­tu­rie­ren­de Ange­bo­te (z. B. Werk­stät­ten für Men­schen mit Behinderung)

    Psy­cho­so­zia­le und recht­li­che Begleitung:

    • Päd­ago­gi­sche Bera­tung und Unter­stüt­zung der Familie
    • Recht­li­che Betreu­ung bei Ein­schrän­kung der Selbstbestimmung
    • Ein­glie­de­rungs­hil­fe nach SGB IX, z. B. durch das Per­sön­li­che Bud­get oder Assistenzleistungen

    Auch Men­schen mit Intel­li­genz­min­de­rung haben ein Recht auf Selbst­be­stim­mung, Inklu­si­on und gesell­schaft­li­che Teil­ha­be.

    Ent­wick­lungs­stö­run­gen im Kin­des­al­ter (ICD-10: F80–F89)

    Sprach‑, Lern- und Ver­hal­tens­be­son­der­hei­ten ver­ste­hen und begleiten

    1. Klas­si­fi­ka­ti­on und Formen

    Ent­wick­lungs­stö­run­gen im ICD-10-Bereich F80 bis F89 umfas­sen eine Grup­pe von Stö­run­gen, die sich in der frü­hen Kind­heit bemerk­bar machen und die nor­ma­le Ent­wick­lung von Spra­che, Moto­rik, Ler­nen oder sozia­ler Inter­ak­ti­on beein­träch­ti­gen. Die Ursa­chen lie­gen nicht in einer all­ge­mei­nen Intel­li­genz­min­de­rung, son­dern betref­fen umschrie­be­ne Funk­ti­ons­be­rei­che oder mani­fes­tie­ren sich als tief­grei­fen­de, kom­ple­xe Stö­run­gen.

    F80 – Umschrie­be­ne Ent­wick­lungs­stö­run­gen des Spre­chens und der Sprache

    Die­se Stö­run­gen betref­fen die Sprach­ver­ar­bei­tung und ‑pro­duk­ti­on, ohne dass eine orga­ni­sche Ursa­che (z. B. Hör­stö­rung) vorliegt.

    Bei­spie­le:

    • Arti­ku­la­ti­ons­stö­rung (Dys­la­lie): Pro­ble­me mit der Laut­bil­dung („Lis­peln“)
    • Expres­si­ve Sprach­stö­rung: Ein­ge­schränk­ter Wort­schatz, kur­ze Sätze
    • Rezep­ti­ve Sprach­stö­rung: Schwie­rig­kei­ten beim Sprachverständnis
    • Erwor­be­ne Apha­sie mit Epi­lep­sie (Land­au-Kleff­ner-Syn­drom)

    F81 – Umschrie­be­ne Ent­wick­lungs­stö­run­gen schu­li­scher Fertigkeiten

    Hier steht die Beein­träch­ti­gung spe­zi­fi­scher schu­li­scher Fähig­kei­ten im Vor­der­grund – trotz nor­ma­ler Intelligenz.

    Bei­spie­le:

    • Lese- und Recht­schreib­stö­rung (Leg­asthe­nie)
    • Rechen­stö­rung (Dys­kal­ku­lie)
    • Iso­lier­te Rechtschreibstörung
    • Kom­bi­nier­te schu­li­sche Fertigkeitsstörungen

    F82 – Umschrie­be­ne Ent­wick­lungs­stö­rung der moto­ri­schen Funktionen

    • Auch als Dys­pra­xie oder Ent­wick­lungs­dys­pra­xie bezeichnet
    • Beein­träch­ti­gung grob- und fein­mo­to­ri­scher Koor­di­na­ti­on, z. B. beim Schrei­ben, Balan­cie­ren oder Han­tie­ren mit Gegenständen

    F83 – Kom­bi­nier­te umschrie­be­ne Entwicklungsstörungen

    • Stö­run­gen in meh­re­ren Ent­wick­lungs­be­rei­chen gleich­zei­tig (z. B. Spra­che + Moto­rik + schu­li­sche Fer­tig­kei­ten), ohne dass die Kri­te­ri­en für eine tief­grei­fen­de Ent­wick­lungs­stö­rung erfüllt sind

    F84 – Tief­grei­fen­de Entwicklungsstörungen

    Die­se Stö­run­gen beein­träch­ti­gen sozia­le Inter­ak­ti­on, Kom­mu­ni­ka­ti­on und Ver­hal­ten in erheb­li­chem Maße. Sie wer­den heu­te unter dem Begriff Autis­mus-Spek­trum-Stö­run­gen (ASS) zusammengefasst.

    Bei­spie­le:

    • Früh­kind­li­cher Autis­mus (Kan­ner-Syn­drom)
    • Asper­ger-Syn­drom
    • Aty­pi­scher Autismus
    • Rett-Syn­dromHel­ler­sche Demenz
    • Über­ak­ti­ve Stö­rung mit Intel­li­genz­min­de­rung und Bewegungsstereotypien

    F88 – Ande­re Entwicklungsstörungen

    • Z. B. ent­wick­lungs­be­ding­te Agno­si­en, also Stö­run­gen der Wahr­neh­mungs­ver­ar­bei­tung (z. B. visu­el­le oder audi­tive Agnosie)

    F89 – Nicht näher bezeich­ne­te Entwicklungsstörung

    • Wird ver­wen­det, wenn kei­ne spe­zi­fi­sche­re Zuord­nung mög­lich ist

    2. Ursa­chen

    Ent­wick­lungs­stö­run­gen sind mul­ti­fak­to­ri­ell bedingt und kön­nen gene­ti­sche, neu­ro­bio­lo­gi­sche oder umwelt­be­ding­te Ursa­chen haben.

    Typi­sche Einflussfaktoren:

    • Gene­ti­sche Syn­dro­me (z. B. Fra­gi­les-X-Syn­drom, Rett-Syndrom)
    • Früh­ge­burt­lich­keit oder Kom­pli­ka­tio­nen bei der Geburt
    • Stö­run­gen in der neu­ro­na­len Ver­net­zung (z. B. bei Autismus)
    • Sprach­ent­wick­lungs­stö­run­gen in der Fami­lie (erhöh­te gene­ti­sche Prävalenz)
    • Psy­cho­so­zia­le Fak­to­ren (Reiz­ar­mut, Bin­dungs­stö­run­gen) als ver­stär­ken­de, nicht aus­lö­sen­de Faktoren

    3. Behand­lung und Alltagsbewältigung

    Die Behand­lung erfolgt in einem mul­ti­dis­zi­pli­nä­ren Rah­men, ange­passt an die spe­zi­fi­sche Entwicklungsstörung.

    Dia­gnos­tik und Frühförderung

    • Inter­dis­zi­pli­nä­re Dia­gnos­tik (Kin­der- und Jugend­psych­ia­trie, Logo­pä­die, Ergo­the­ra­pie, SPZ)
    • Früh­för­der­stel­len: Ent­wick­lungs­dia­gnos­tik, Eltern­be­ra­tung, spie­le­ri­sche Förderung

    The­ra­pie und Förderung

    • Logo­pä­die bei Sprach- und Sprechstörungen
    • Ergo­the­ra­pie bei moto­ri­schen oder visuo­mo­to­ri­schen Defiziten
    • Lern­the­ra­pie bei schu­li­schen Entwicklungsstörungen
    • Autis­mus­the­ra­pie­pro­gram­me (z. B. TEACCH, ABA)
    • Sozi­al­päd­ago­gi­sche Beglei­tung zur Inte­gra­ti­on in Kita, Schu­le oder Freizeitangebote

    All­tags­be­wäl­ti­gung und Teilhabe

    • Inklu­si­ve oder son­der­päd­ago­gi­sche Beschulung
    • Assis­tenz im Schul- und Frei­zeit­be­reich (z. B. Schulbegleitung)
    • Bera­tung der Eltern und Bezugspersonen
    • Recht­li­che Betreu­ung im Erwach­se­nen­al­ter, sofern Selbst­sor­ge ein­ge­schränkt ist

    Ziel ist immer die best­mög­li­che Teil­ha­be, Selbst­stän­dig­keit und Lebens­qua­li­tät – unab­hän­gig vom Aus­maß der Einschränkung.

    Gesamt­fa­zit: Psy­chi­sche Erkran­kun­gen im Fokus der Sozia­len Arbeit

    Fach­kom­pe­tenz, Hal­tung und Hand­lungs­ori­en­tie­rung im Umgang mit psy­chisch erkrank­ten Menschen

    Die Aus­ein­an­der­set­zung mit den psy­chi­schen und ver­hal­tens­be­zo­ge­nen Stö­run­gen gemäß ICD-10 (F00–F99) macht deut­lich, wie viel­fäl­tig, kom­plex und facet­ten­reich psy­chi­sche Beein­träch­ti­gun­gen sein kön­nen. Vom miss­bräuch­li­chen Sub­stanz­kon­sum über affek­ti­ve Erkran­kun­gen und Per­sön­lich­keits­stö­run­gen bis hin zu Ent­wick­lungs­stö­run­gen im Kin­des­al­ter wird das gesam­te Spek­trum mensch­li­cher Vul­nerabi­li­tät sicht­bar – mit tief­grei­fen­den Aus­wir­kun­gen auf die Lebens­füh­rung, sozia­le Teil­ha­be und Selbstbestimmung.

    1. Bedeu­tung für die Sozia­le Arbeit

    Psy­chi­sche Erkran­kun­gen betref­fen nicht nur die medi­zi­ni­sche, son­dern in beson­de­rem Maße die sozi­al­ar­bei­te­ri­sche Pra­xis. Fach­kräf­te der Sozia­len Arbeit – ins­be­son­de­re in der recht­li­chen Betreu­ung, Ein­glie­de­rungs­hil­fe, Jugend­hil­fe und im psy­cho­so­zia­len Feld – sind gefor­dert, sen­si­bel, unter­stüt­zend und struk­tur­schaf­fend tätig zu wer­den. Denn:

    • Psy­chi­sche Erkran­kun­gen kön­nen die Ent­schei­dungs- und Hand­lungs­fä­hig­keit ein­schrän­ken und erfor­dern nicht sel­ten eine recht­li­che Betreu­ung zur Siche­rung von Rech­ten und Bedürfnissen.
    • Die sozia­le Dimen­si­on psy­chi­scher Erkran­kun­gen – etwa Aus­gren­zung, Stig­ma­ti­sie­rung, Woh­nungs- oder Arbeits­ver­lust – ist oft gra­vie­ren­der als die Dia­gno­se selbst.
    • Sys­te­mi­sches Den­ken, Inter­dis­zi­pli­na­ri­tät und Bezie­hungs­ge­stal­tung sind Schlüs­sel­kom­pe­ten­zen der Sozia­len Arbeit in die­sem Feld.

    2. Anfor­de­run­gen an Fachkräfte

    Die Blog­rei­he ver­deut­licht: Für Fach­kräf­te in der Sozia­len Arbeit ist fach­li­ches Wis­sen über psych­ia­tri­sche Klas­si­fi­ka­tio­nen eben­so wich­tig wie die Fähig­keit zur kom­mu­ni­ka­ti­ven und res­sour­cen­ori­en­tier­ten Beglei­tung. Dies beinhaltet:

    • Grund­le­gen­des Ver­ständ­nis der ICD-10-Klas­si­fi­ka­ti­on psy­chi­scher Erkrankungen
    • Dif­fe­ren­zier­te Ein­schät­zung von Sym­pto­men, Ver­läu­fen und psy­cho­so­zia­len Auswirkungen
    • Kennt­nis und Refle­xi­on der recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen (z. B. SGB, BtG, PsychKG)
    • Stär­kung von Selbst­be­stim­mung unter Berück­sich­ti­gung von Schutzbedarfen
    • Ein­be­zug von Ange­hö­ri­gen, mul­ti­pro­fes­sio­nel­len Netz­wer­ken und Versorgungsstrukturen

    3. Hal­tung und Ethik

    Die Beglei­tung psy­chisch erkrank­ter Men­schen erfor­dert mehr als Fach­wis­sen – sie ver­langt eine wert­schät­zen­de, res­sour­cen­ori­en­tier­te Grund­hal­tung, die Nicht­ver­ste­hen aus­hält und den­noch in Bezie­hung bleibt.

    „Nicht das Eti­kett bestimmt den Men­schen, son­dern der Mensch braucht Ver­ständ­nis, Struk­tur und Beziehung.“

    Die Sozia­le Arbeit ist als Men­schen­rechts­pro­fes­si­on auf­ge­for­dert, nicht nur auf Defi­zi­te zu reagie­ren, son­dern Stär­ken, Poten­zia­le und Teil­ha­be­chan­cen zu för­dern. Beson­ders im Umgang mit Per­sön­lich­keits­stö­run­gen, Trau­ma­fol­ge­stö­run­gen oder chro­ni­schen Erkran­kun­gen ist Kon­ti­nui­tät, Ver­läss­lich­keit und Hal­tung oft wirk­sa­mer als jede Intervention.

    Aus­blick: Pra­xis stär­ken – Zusam­men­ar­beit fördern

    Die Blog­rei­he lie­fert eine kom­pak­te, fach­lich fun­dier­te Ori­en­tie­rung über psy­chi­sche Stö­rungs­bil­der für alle, die in der sozia­len und recht­li­chen Betreu­ung tätig sind. Sie kann als Grund­la­ge für Fort­bil­dun­gen, Pra­xis­re­fle­xio­nen oder Fall­be­spre­chun­gen dienen.

    Für die Pra­xis der Sozia­len Arbeit gilt:

    • Dia­gno­sen erklä­ren Ver­hal­ten – aber sie erset­zen kei­ne Biografie.
    • Struk­tur, Bezie­hung und Teil­ha­be sind zen­tra­le Wirk­fak­to­ren sozi­al­ar­bei­te­ri­schen Handelns.
    • Inter­dis­zi­pli­nä­re Zusam­men­ar­beit, z. B. mit Psych­ia­trie, Pfle­ge, Schu­le oder Jus­tiz, ist unab­ding­bar für nach­hal­ti­ge Hilfeprozesse.
  • Beruf­li­chen Erfolg trotz Behin­de­rung ermöglichen!?

    Beruf­li­chen Erfolg trotz Behin­de­rung ermöglichen!?

    Ein­rich­tungs­in­ter­ne Koope­ra­ti­on als Gelin­gens­fak­tor für die Arbeits­markt­in­te­gra­ti­on von Men­schen mit Behinderungen

    1. Ein­füh­rung

    Das vor­lie­gen­de For­schungs­vor­ha­ben wird in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen (WfbM) durch­ge­führt. Werk­stät­ten für Men­schen mit Behin­de­run­gen sind nach dem neun­ten Sozi­al­ge­setz­buch (SGB IX) Ein­rich­tun­gen, die Men­schen mit Behin­de­run­gen (sie­he § 2 SGB IX) eine Teil­ha­be am Arbeits­le­ben ermög­li­chen sol­len (sie­he § 219 SGB IX; (Bie­ker, 2013a). Über­ge­ord­ne­tes Ziel der beruf­li­chen Reha­bi­li­ta­ti­on (sie­he Kulig, 2013b) bleibt eine Reinte­gra­ti­on (sie­he Hinz, 2013) in den all­ge­mei­nen Arbeits­markt i.S.v. §49 Abs. (3) SGB IX (sie­he Trost, 2013a). Beruf­li­cher Erfolg lässt sich in die­sem Kon­text als (Wieder-)Herstellung einer Anschluss­fä­hig­keit an beruf­li­che Kar­rie­ren defi­nie­ren, d.h. eine Beschäf­ti­gung außer­halb der Werk­statt, die eine Chan­ce für wei­te­re Ent­wick­lun­gen bie­tet (vgl. Böh­nisch, 2018, S. 225f.; vgl. Cors­ten, 2010, S. 12).

    Beruf­li­che Erpro­bun­gen bzw. Prak­ti­ka (vgl. Rebi­en & Spitz­na­gel, 2007, S. 4) sind gera­de „für die Älte­ren […, Anm. PK] über­wie­gend ein Weg aus der Arbeits­lo­sig­keit oder aus einer ande­ren Beschäf­ti­gung“ (sie­he Rebi­en & Spitz­na­gel, 2007, S. 5). Beruf­li­che Erpro­bun­gen sind auch im Sozi­al­recht als „Eig­nungs­fest­stel­lungs- und Trai­nings­maß­nah­men“ (sie­he Joz­wi­ak & Wolff, 2007, S. 1f.) ein bekann­tes Mit­tel, das von Arbeits­agen­tu­ren genutzt wird, um Men­schen aus der Hil­fe­be­dürf­tig­keit her­aus­zu­füh­ren (vgl. Joz­wi­ak & Wolff, 2007, S. 6f.). Die Gestal­tung des suk­zes­si­ven Über­gan­ges in den all­ge­mei­nen Arbeits­markt von Men­schen mit Behin­de­run­gen, sog. beschäf­tig­ten Mitarbeiter:innen (bMA), wird auch in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen über Prak­ti­ka im Sin­ne einer beruf­li­chen Erpro­bung umgesetzt.

    Der Über­gang kann ent­we­der im Sin­ne einer wei­ter­füh­ren­den beruf­li­chen Inte­gra­ti­on auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt fort­ge­führt wer­den, sich eine ande­re Mög­lich­keit zur Erpro­bung dar­an anschlie­ßen oder eine Rück­kehr in die Werk­statt erfol­gen. Die­se Über­gän­ge sind im Kon­text gesell­schaft­li­cher Nor­ma­li­tät eng ver­bun­den mit den Begrif­fen „gelin­gen“ oder auch „schei­tern“ und besit­zen damit einen bio­gra­fi­schen und damit sehr per­sön­lich­keits­re­le­van­ten Ein­fluss für die Kli­en­tel (sie­he Klin­govs­ky & Paw­le­wicz, 2015). Der Aus­ge­stal­tung von Über­gän­gen in der beruf­li­chen Inte­gra­ti­on kommt damit eine über­ge­ord­ne­te Rol­le zu, da sie ins­be­son­de­re Gefahr lau­fen kön­nen, bereits erleb­te beruf­li­che Exklu­si­on und deren Fol­gen zu repro­du­zie­ren (sie­he Güh­ne & Rie­del-Hel­ler, 2015). Die Mitarbeiter:innen in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen (MA) sol­len die Rah­men­be­din­gun­gen und Struk­tu­ren aus­ge­stal­ten, die eine Ein­glie­de­rung in den all­ge­mei­nen Arbeits­markt her­stel­len. Damit rückt das Ver­ständ­nis der eige­nen pro­fes­sio­nel­len Rol­le von MA selbst in den Fokus, da sie essen­zi­ell zur Aus­ge­stal­tung ihrer Maß­nah­men bei­tra­gen. Ins­be­son­de­re Koope­ra­ti­on zwi­schen MA und bMA wie auch in Über­ga­ben, d.h. die Koope­ra­ti­on zwi­schen MA unter­ein­an­der trägt damit zur Aus­ge­stal­tung des Über­gan­ges und erfolg­rei­cher Ein­glie­de­rung bei (vgl. Mer­ten et al., 2019, S. 13ff.).

    Im Fol­gen­den wird des­halb ein Ein­blick in den Per­so­nen­kreis der beschäf­tig­ten Mit­ar­bei­ten­den in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen gege­ben. Es soll der Fra­ge nach­ge­gan­gen wer­den, wer die­se Men­schen in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen sind und war­um sie der Ein­glie­de­rung in den all­ge­mei­nen Arbeits­markt bedür­fen. Wie die­ser Über­gang in den all­ge­mei­nen Arbeits­markt aus­ge­stal­tet wird, soll anhand ablau­fen­der Pro­zes­se und Struk­tu­ren her­aus­ge­ar­bei­tet wer­den. Orga­ni­sa­tio­na­le Abhän­gig­keits­ver­hält­nis­se schaf­fen immer auch Kon­flikt­po­ten­tia­le für Pro­fes­sio­nel­le in ihrer Arbeit. Ziel­kon­flik­te domi­nie­ren die Arbeit im Über­gang von der Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt und beein­flus­sen auch die gemein­sa­me Arbeit von Akteu­ren vor Ort. Des­halb ist ein grund­le­gen­des Ver­ständ­nis von Kon­flik­ten sowie von erfor­der­li­chen Kom­pe­ten­zen in der Bewäl­ti­gung erfor­der­lich für die Aus­ge­stal­tung von Koope­ra­tio­nen. Pro­fes­sio­nel­le in sozia­len Orga­ni­sa­tio­nen arbei­ten auf unter­schied­li­chen Ebe­nen im Kli­en­tel­kon­text zusam­men und in unter­schied­li­chen For­men zusam­men. Des­halb ist es not­wen­dig Koope­ra­ti­on und sei­ne Leit­prin­zi­pi­en zu ver­ste­hen, eben­so wie For­men und Ebe­nen der Koope­ra­ti­on in einer sozia­len Orga­ni­sa­ti­on. Dar­auf auf­bau­end wer­den Vor­aus­set­zun­gen sowie und Erfolgs­fak­to­ren für gelin­gen­de Koope­ra­ti­on dargestellt.

    Abbildung 1-1 Gliederung der vorliegenden Arbeit als Weg von einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen auf den allgemeinen Arbeitsmarkt.
    Abbil­dung 1–1 Glie­de­rung der vor­lie­gen­den Arbeit als Weg von einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen auf den all­ge­mei­nen Arbeitsmarkt. 

    Anhand von epi­so­dischen Inter­views (sie­he Flick, 1996) sol­len Pro­fes­sio­nel­le in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen zur Selbst­re­fle­xi­on über ihre fach­li­chen Koope­ra­tio­nen mit ihren Kolleg:innen ange­regt wer­den, um dadurch mög­li­che Zusam­men­hän­ge für die Wei­ter­ent­wick­lung bestehen­der und zukünf­ti­ger Koope­ra­tio­nen offen­zu­le­gen. Ins­be­son­de­re um das Ziel der Koope­ra­ti­on, den Über­gang auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt von Men­schen mit Behin­de­run­gen zu beglei­ten. Über das zir­ku­lä­re Dekon­stru­ie­ren (sie­he Jaeg­gi et al., 1998) wer­den die Inter­view­ge­sprä­che sys­te­ma­ti­siert und für die Aus­wer­tung und anschlie­ßen­de Dar­stel­lung der Ergeb­nis­se aufbereitet.

    2. Beschäf­tig­te Mitarbeiter:innen und ihr Über­gang auf den all­ge­mei­nen Arbeitsmarkt

    Im Fol­gen­den wird ein Ein­blick in den his­to­risch gewach­se­nen Per­so­nen­kreis und gesetz­lich begrün­de­ten Auf­trä­ge einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen gege­ben. Hier­bei wer­den die Auf­trä­ge nicht nur dar­ge­stellt, son­dern auch inwie­fern die dar­aus resul­tie­ren­den Rol­len einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen im Zusam­men­hang mit­ein­an­der ste­hen. Dabei wird ein beson­de­rer Fokus auf die Aus­ge­stal­tung des Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­trags , wel­cher Fokus die­ser Arbeit ist, gelegt.

    2.1 Per­so­nen­kreis und Auf­trä­ge einer Werk­statt für Men­schen mit Behinderungen

    Nur „Men­schen mit Behin­de­run­gen oder von Behin­de­rung bedroh­te Men­schen erhal­ten Leis­tun­gen […, Anm. PK]“ (§ 1 SGB IX) in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen. „Men­schen mit Behin­de­run­gen sind Men­schen, die kör­per­li­che, see­li­sche, geis­ti­ge oder Sin­nes­be­ein­träch­ti­gun­gen haben, die sie in Wech­sel­wir­kung mit ein­stel­lungs- und umwelt­be­ding­ten Bar­rie­ren an der gleich­be­rech­tig­ten Teil­ha­be an der Gesell­schaft […, Anm. PK] hin­dern kön­nen“ (§ 2 SGB IX) (sie­he Mar­bur­ger, 2020, S. 77). Der Teil­ha­be­be­griff im SGB IX ist an den Ter­mi­nus der Teil­ha­be aus der Behin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on ange­lehnt (vgl. Kulig, 2013a, S. 50) und ent­spricht damit dem bio-psycho-sozia­len Modell der Inter­na­tio­na­len Klas­si­fi­ka­ti­on der Funk­ti­ons­fä­hig­keit, Behin­de­rung und Gesund­heit (ICF) (vgl. Lind­mei­er, 2013, S. 175ff.). Nach Lind­mei­er (2013, S. 175) beschreibt die ICF die gesund­heit­li­che Situa­ti­on als Ergeb­nis von Wech­sel­wir­kun­gen von sog. gesund­heits­zu­sam­men­hän­gen­den Domä­nen und Kon­text­fak­to­ren. Behin­de­rung also eine behin­der­te Teil­ha­be ergibt sich damit aus den nega­ti­ven Zusam­men­hän­gen die­ser Wechselwirkungen.

    Werk­stät­ten für Men­schen mit Behin­de­run­gen sind Ein­rich­tun­gen, die nach dem neun­ten Sozi­al­ge­setz­buch u.a. in §219 SGB IX gere­gelt sind (sie­he Mar­bur­ger, 2020, S. 164f.). Sie sind kon­zi­piert als Insti­tu­tio­nen „[…, Anm. PK] der beruf­li­chen Reha­bi­li­ta­ti­on, die die Teil­ha­be behin­der­ter Men­schen am Arbeits­le­ben durch Ent­wick­lung und För­de­rung ihrer Leis­tungs- oder Erwerbs­fä­hig­keit sowie durch Wei­ter­ent­wick­lung ihrer Per­sön­lich­keit vor­be­rei­ten [sol­len, Anm. PK]“ (sie­he Bie­ker, 2013b, S. 410). Gleich­zei­tig fun­giert sie als Orga­ni­sa­ti­on aber auch als Arbeits­stät­te für Men­schen mit Behin­de­run­gen, deren Ein­glie­de­rung auf den ers­ten „[…, Anm. PK] Arbeits­markt nicht, noch nicht oder nicht wie­der mög­lich erscheint“ (eben­da). Der Pro­zess der beruf­li­chen Reha­bi­li­ta­ti­on in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen glie­dert sich in der Regel in ein drei­mo­na­ti­ges Ein­gangs­ver­fah­ren, in dem der För­der­be­darf erfasst und ers­te Zie­le und Maß­nah­men geplant wer­den, einen Berufs­bil­dungs­be­reich (BBB), in dem die zwei­jäh­ri­ge beruf­li­che Qua­li­fi­zie­rung statt­fin­det, und einen Arbeits­be­reich (AB), der die Teil­ha­be am Arbeits­le­ben (sie­he Bie­ker, 2013a, S. 29f.; sie­he Nie­hoff, 2013, S. 369) über ein arbeit­neh­mer­ähn­li­ches Rechts­ver­hält­nis als beschäf­tig­te Mitarbeiter:innen rea­li­sie­ren soll (vgl. Bie­ker, 2013b, S. 410f.; vgl. Seyd, 2015, S. 151).

    Im Jahr 2020 (im Ver­gleich zu 2016) hat­ten nach Zah­len der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft Werk­stät­ten für Behin­der­te Men­schen 75,38% (2016: 75,89%) der beschäf­tig­ten Mitarbeiter*innen in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen eine geis­ti­ge Beein­träch­ti­gung, 3,99 (2016: 3,39%) der bMA eine kör­per­li­che Beein­träch­ti­gung und 20,64% (2016: 20,72%) der bMA eine psy­chi­sche Beein­träch­ti­gung (sie­he Berg et al., 2018, S. 43, sie­he 2021, S. 37; sie­he Röh, 2018, S. 126). 

    Die Anfän­ge der Werk­stät­ten für Men­schen mit Behin­de­run­gen in ihrer heu­ti­gen Gestalt las­sen sich auf die Dis­kus­sio­nen in der Nach­kriegs­zeit in den 1950er Jah­ren zurück­da­tie­ren. Durch Inter­es­sens­ver­bän­de, wie bspw. der Lebens­hil­fe e.V., wur­den neue Betreu­ungs­for­men und ‑struk­tu­ren außer­halb der Fami­li­en gefor­dert (vgl. Stör­mer, 2013, S. 157). In den 1970er Jah­ren der „Deka­de der Reha­bi­li­ta­ti­on“ wur­de der Grund­stein deutsch­land­weit durch das Akti­ons­pro­gramm des Bun­des zur För­de­rung der Reha­bi­li­ta­ti­on gelegt, wovon ins­be­son­de­re Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen pro­fi­tiert haben (vgl. Seyd, 2015, S. 143). Der Weg aus einer För­der­schu­le in eine Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen wur­de zur Selbst­ver­ständ­lich­keit für vie­le Men­schen mit geis­ti­ger Behin­de­rung und been­de­te in den meis­ten Fäl­len damit auch die beruf­li­che Inte­gra­ti­on auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt (vgl. Bie­ker, 2013b, S. 410f.; vgl. Trost, 2013a, S. 57f.). Eine sich ver­ste­ti­gen­de Segre­ga­ti­on des Arbeits­mark­tes war die Fol­ge. Durch Ent­wick­lun­gen, wie bspw. der unter­stütz­ten Beschäf­ti­gung in den 80er Jah­ren, bra­chen die­se Ver­ste­ti­gun­gen lang­sam auf (vgl. Trost, 2013b, S. 381ff.), wur­den aber gleich­zei­tig durch Umstruk­tu­rie­run­gen des Arbeits­mark­tes in den 90er Jah­ren und die fort­schrei­ten­de Digi­ta­li­sie­rung sowie den damit ein­her­ge­hen­den Anfor­de­run­gen in der heu­ti­gen Arbeits­welt wie­der zurück­ge­wor­fen (vgl. Seyd, 2015, S. 152).

    Die sich ver­än­dern­den gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen drück­ten sich im Ver­lauf der Jahr­zehn­te auch in einer sich ver­än­dern­den Geset­zes­la­ge aus. The­sing (2015, S. 48–58) beschreibt in sei­ner Dis­ser­ta­ti­on die his­to­risch gewach­se­nen Rol­len und Auf­trä­ge einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen und dar­aus resul­tie­ren­de Ziel­kon­flik­te, die sich vor allem in der Kol­li­si­on des Insti­tu­ti­ons- und Orga­ni­sa­ti­ons­cha­rak­ters einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen erge­ben (sie­he Abbil­dung 2–1). Die pri­mä­ren Rol­len einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen als Beschäf­ti­gungs­an­bie­ter und Wirt­schafts­un­ter­neh­men haben einen klas­si­schen Orga­ni­sa­ti­ons­cha­rak­ter. Ins­be­son­de­re die Rol­le als Wirt­schafts­un­ter­neh­men kol­li­diert sowohl mit dem Auf­trag der Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen als Bil­dungs- und Reha­bi­li­ta­ti­ons­dienst­leis­ter, den Insti­tu­ti­ons­cha­rak­te­ris­ti­ken, in hohem Aus­maß (eben­da, S. 52ff.). The­sing (2015, S. 52f.) kon­tras­tiert den Kon­flikt mit der Rol­le als Bil­dungs­dienst­leis­ter auf der Ebe­ne der Auf­trags­aus­wahl, ob die­se nach Lukra­ti­vi­tät oder Bil­dungs­po­ten­ti­al aus­ge­wählt wer­den. Auf der ande­ren Sei­te pro­ble­ma­ti­siert er den Reha-Auf­trag für ein Wirt­schafts­un­ter­neh­men als „Fort­gang leis­tungs­fä­hi­ger Beschäf­tig­ter [, der die Pro­duk­ti­vi­tät und den rela­ti­ven Mehr­wert senkt, Anm. PK]“.

    Auch auf der Mikroebe­ne der Hand­lungs­ak­teu­re in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen spie­gelt sich der beschrie­be­ne Kon­flikt eben­so wider. Die sog. Fach­kraft zur Arbeits- und Berufs­för­de­rung (FAB) nach §9 Abs. 3 WVO bewegt sich eben­so wie die Ein­rich­tung der Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen im Kon­flikt­feld zwi­schen Orga­ni­sa­ti­on und Insti­tu­ti­on. Auf der einen Sei­te ste­hen nach The­sing (2015, S. 58f.) die Rol­len der FAB im Micro­ma­nage­ment und der Pro­duk­ti­on, der Bil­dungs­be­glei­tung und Arbeits­ver­mitt­lung aus einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen hin­aus gegen­über. „Die Anfor­de­run­gen der jewei­li­gen Rol­le durch die Hier­ar­chie­ebe­nen [wer­den, Anm. PK] nach unten wei­ter gereicht […, Anm. PK] bis zu der Stel­le, an der der Ziel­kon­flikt wie­der bei einer Funk­ti­ons­trä­ge­rin zusam­men­fällt: der FAB“ (eben­da, S. 66).

    Abbildung 2-1 Rollen (im Kreis) und Zielkonflikte (rote Pfeile) der WfbM zwischen Organisation und Institution auf Makroebene der Gesetzeslage sowie der Mikroebene der FAB als Akteure in der WfbM. Eigene Darstellung nach Thesing (2015, S. 52, 59).
    Abbil­dung 2–1 Rol­len (im Kreis) und Ziel­kon­flik­te (rote Pfei­le) der WfbM zwi­schen Orga­ni­sa­ti­on und Insti­tu­ti­on auf Makro­ebe­ne der Geset­zes­la­ge sowie der Mikroebe­ne der FAB als Akteu­re in der WfbM. Eige­ne Dar­stel­lung nach The­sing (2015, S. 52, 59).

    Die­se Anfor­de­run­gen an die FAB auf der Mikroebe­ne stel­len eine struk­tu­rel­le Über­for­de­rung dar und sind im Kon­text des tech­no­lo­gie­de­fi­zi­tä­ren Bil­dungs- und Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­tra­ges von der Ent­schei­dung der Han­del­en­den abhän­gig (vgl. eben­da, S 66). Dar­über hin­aus wirkt sich der Orga­ni­sa­ti­ons­cha­rak­ter nega­tiv auf das Errei­chen der Insti­tu­ti­ons­zie­le aus, da die Pro­duk­ti­ons­pro­zes­se die­se in ihrer „[…, Anm. PK] zweck­ra­tio­na­len Logik [über­for­men und, Anm. PK] selbst zu Hand­lungs­be­din­gun­gen des Per­so­nals in der WfbM wer­den, ins­be­son­de­re der FABs“ (ebd.), „sodass der Umgang mit die­ser Über­for­de­rung eine Ten­denz zur Pro­duk­ti­ons­ori­en­tie­rung zeigt“ (ebden­da).

    2.2 Die Aus­ge­stal­tung des Über­gangs auf den all­ge­mei­nen Arbeitsmarkt

    Der Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­trag in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen hat u.a. das Ziel eines Wech­sels auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt und lässt sich durch einen insti­tu­tio­nel­len Über­gang von einer Werk­statt­be­schäf­ti­gung – dem Drin­nen – hin zu einer betrieb­li­chen Beschäf­ti­gung – dem Drau­ßen – beschrei­ben. Nach §219 Abs. 1 S. 3 SGB IX soll die Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen „den Über­gang geeig­ne­ter Per­so­nen auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt durch geeig­ne­te Maß­nah­men [för­dern; Anm. PK]“. Der Per­so­nen­kreis geeig­ne­ter Per­so­nen wird im Satz 2 mit „[…; Anm. PK] den­je­ni­gen behin­der­ten Men­schen, die wegen Art oder Schwe­re der Behin­de­rung nicht, noch nicht oder noch nicht wie­der auf dem all­ge­mei­nen Arbeits­markt beschäf­tigt wer­den kön­nen“ (§219 Abs. 1 S. 2 SGB IX) kon­kre­ti­siert. The­sing (2015, S. 170) argu­men­tiert vor dem Hin­ter­grund des Art. 27 Abs. 1 S. 1 UN-BRK, dass eine sol­che Unter­schei­dung nicht rechts­kon­form sei und dem­nach alle beschäf­tig­ten Mitarbeiter:innen einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen ein Anrecht auf beruf­li­che Reha­bi­li­ta­ti­on haben und geeig­ne­te Per­so­nen i.S.v. §219 Abs. 1 S. 3 SGB IX sind. Wei­ter­hin sei der „all­ge­mei­ne Arbeits­markt ein unscharf bestimm­ter Begriff, der sich auf Arbeits­ar­ran­ge­ments [bezie­he; Anm. PK], die sich im Erle­ben der Beschäf­tig­ten als Arbeit in regu­lä­ren Betrie­ben außer­halb der Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen [dar­stell­ten; Anm. PK]“ (eben­da, S. 173). Geeig­ne­te Maß­nah­men sind The­sing (2015, S. 177) nach „[…; Anm. PK] wech­sel­sei­ti­ge Anpas­sung von Arbeits­markt­be­din­gun­gen und Qua­li­fi­zie­run­gen der Beschäf­tig­ten [und; Anm. PK] Maß­nah­men, die dar­auf abzie­len, dass Indi­vi­du­en in tat­säch­li­chen Inklu­si­ons­er­eig­nis­sen von Teil­sys­te­men des Arbeits­mark­tes kom­mu­ni­ka­tiv adres­siert wer­den“. Die Ver­mitt­lung von beschäf­tig­ten Mit­ar­bei­tern einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen in exter­ne Betrie­be mit geeig­ne­ten Maß­nah­men wird von Mitarbeiter:innen der Werk­statt den FAB (sog. Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen (IB)), die ambu­lant vom regu­lä­ren Werk­statt­be­trieb los­ge­löst agie­ren, durch das Absol­vie­ren von Prak­ti­ka dem Kon­zept der Unter­stütz­ten Beschäf­ti­gung nach „erst plat­zie­ren, dann qua­li­fi­zie­ren“ (vgl. Doo­se, 2007; sie­he Trost, 2013b, S. 381ff.) durch­ge­führt und aus­ge­stal­tet. Sie sind damit nicht den Orga­ni­sa­ti­ons­zwän­gen der Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen unter­wor­fen, jedoch aber auf die Koope­ra­ti­on mit den FAB am Werk­statt­stand­ort (sog. Grup­pen­lei­tun­gen) und mit exter­nen Betrie­ben ange­wie­sen, um ihr Ziel zu errei­chen, da sie die Her­kunfts- und Ziel­sys­te­me der Klient:innen im Pro­zess der beruf­li­chen Erpro­bung ausgestalten.

    Abbildung 2-2 Prozess der beruflichen Erprobung (eigene Darstellung nach Anlage 1, S. 68).
    Abbil­dung 2–2 Pro­zess der beruf­li­chen Erpro­bung (eige­ne Darstellung).

    Die indi­vi­du­el­len Prak­ti­ka zur beruf­li­chen Erpro­bung (sie­he Abbil­dung 2–2) ste­hen im Kon­trast zur regu­lä­ren inter­nen Werk­statt­be­schäf­ti­gung, die in Arbeits­grup­pen orga­ni­siert statt­fin­det. Beschäf­tig­te Mitarbeiter:innen aus einer Werk­statt wech­seln somit in einem Prak­ti­kum aus einem grup­pen­päd­ago­gi­schen Kon­text in einen ein­zel­päd­ago­gi­schen Kon­text. Der Pro­zess der beruf­li­chen Erpro­bung wird durch Mitarbeiter:innen einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen ver­mit­telt und aus­ge­stal­tet. Die bMA neh­men selbst­stän­dig oder über eine Mitarbeiter:in am Stand­ort Kon­takt auf. Eine Ent­schei­dung über ein Prak­ti­kum ist damit unab­hän­gig von der Pro­duk­ti­on in Werk­stät­ten für Men­schen mit Behin­de­run­gen. Die Teil­pro­zes­se Erstkontakt/ Pro­fil­ing sowie Akqui­se und Erschlie­ßung fin­den noch in den betrieb­li­chen Bezü­gen der Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen statt. Nach einem Erst­kon­takt und anschlie­ßen­der Bil­dung eines beruf­li­chen Pro­fils wird die Ent­schei­dung getrof­fen, ob ein Prak­ti­kum wei­ter­ver­folgt wer­den soll. Soll­te dies nicht der Fall sein, wird die Zusam­men­ar­beit been­det. Bei einem Prak­ti­kums­wunsch wird wei­ter zusam­men nach pas­sen­den Stel­len in Betrie­ben gesucht (Akquise/ Erschlie­ßung, sie­he Abbil­dung 2–2). Kommt es schließ­lich nicht zu einer Ver­ein­ba­rung über ein Prak­ti­kum, so wird ent­schie­den, ob wei­ter zusam­men­ge­sucht wird oder ob die Zusam­men­ar­beit been­det wird. Kommt es zu einer Ver­ein­ba­rung, beginnt anschlie­ßend die eigent­li­che betrieb­li­che Erpro­bung, der Wech­sel in den Betrieb steht bevor – bMA ver­lässt die Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen. Nach einer Ein­ar­bei­tungs- und Coa­ching­pha­se wird der Bedarf an Beglei­tung fest­ge­legt und das Prak­ti­kum idea­ler­wei­se bis zum Schluss nach vier Wochen durch­ge­führt. Eine vor­zei­ti­ge Been­di­gung der Erpro­bung wird als Abbruch defi­niert. An das been­de­te Prak­ti­kum schließt sich eine Aus­wer­tungs­pha­se an. Schließ­lich wird dar­über ent­schie­den, ob eine Ver­mitt­lung in den Betrieb mög­lich ist. Wenn dies nicht der Fall ist, kann ein aus­ge­la­ger­ter Arbeits­platz in einem Betrieb eine ande­re Mög­lich­keit der Beschäf­ti­gung auf dem all­ge­mei­nen Arbeits­markt sein. Ist die­se auch nicht mög­lich oder gewünscht, kön­nen sich wei­te­re Prak­ti­ka in ande­ren Betrie­ben anschlie­ßen oder die bMA keh­ren zurück an den Werk­statt­stand­ort, wo Mit­ar­bei­ten­de der Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen die Rück­kehr päd­ago­gisch begleiten.

    Aus der Gegen­über­stel­lung von päd­ago­gi­schen Maß­nah­men mit Klient:innen im Pro­zess der beruf­li­chen Erpro­bung (sie­he Tabel­le 2 1, S. 12) wird ersicht­lich, dass die Mit­ar­bei­ten­den am Werk­statt­stand­ort in Abschnit­ten des Pro­zes­ses zeit­gleich mit den Mit­ar­bei­ten­den im Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­trag mit Klient:innen arbei­ten, da die ers­ten drei Abschnit­te des Über­gan­ges noch im Bereich der Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen statt­fin­den. Eben­so erfolgt eine Zusam­men­ar­beit nach einer Rück­kehr in die Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen. Mit­ar­bei­ten­de mit dem Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­trag arbei­ten zu jedem Zeit­punkt des Pro­zes­ses mit Klient:innen auch außer­halb der Werk­statt bspw. im Betrieb der Erprobung.

    Pro­zess­ab­schnittPro­duk­ti­onReha­bi­li­ta­ti­on
    1. WfbMXX
    2. Erstkontakt/ ProfilingXX
    3. Akquise/ ErschließungXX
    4. Einarbeitung/ JobcoachingX
    5. Bedarfs­ge­rech­te BegleitungX
    6. Aus­wer­tungX
    7. Ver­mitt­lungX
    8. aus­ge­la­ger­ter Arbeitsplatz/ all­ge­mei­ner ArbeitsmarktX
    Tabel­le 2–1 Päd­ago­gi­sche Maß­nah­men mit Klient:innen im Pro­zess beruf­li­che Erpro­bung durch FAB mit Pro­duk­ti­ons- und Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­trag (eige­ne Darstellung).

    In der Werk­statt erge­ben sich dadurch Momen­te der Zusam­men­ar­beit, die von den Akteurs­grup­pen indi­vi­du­ell aus­ge­stal­tet wer­den. Im Bereich des Prak­ti­kums (Pro­zess­ab­schnit­te 4–8) fin­den ledig­lich Maß­nah­men durch die MA im Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­trag statt. Eine geplan­te Rück­kopp­lung an den Werk­statt­stand­ort erfolgt ledig­lich bei einer Been­di­gung der Maß­nah­me und anschlie­ßen­der Rück­kehr in die Werk­statt. Die Ana­ly­se des Pro­zes­ses zur beruf­li­chen Erpro­bung zeigt, dass es sowohl Poten­tia­le für mög­li­che Zusam­men­ar­beit zwi­schen den bei­den Akteurs­grup­pen gibt als auch Abschnit­te, in denen kei­ne Zusam­men­ar­beit ein­ge­plant ist.

    Die­se Auf­tei­lung begrün­det sich vor allem in der räum­li­chen Aus­ge­stal­tung des Pro­zes­ses zwi­schen der Werk­statt als Stand­ort und dem Prak­ti­kums­be­trieb, da nur die MA im Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­trag Klient:innen außer­halb der Werk­statt beglei­ten. Die MA im Pro­duk­ti­ons­auf­trag sind an die Ein­rich­tung der Werk­statt gebun­den und bil­den im Fal­le einer Rück­kehr ein Auf­fang­netz für die Klient:innen, das ihre Erpro­bung absi­chert, indem so eine Rück­kehr in das Her­kunfts­sys­tem ermög­licht wird. Der Ziel­kon­flikt Pro­duk­ti­on-Reha­bi­li­ta­ti­on ver­schiebt sich damit. Nicht mehr nur eine Akteurs­grup­pe muss die­sen Kon­flikt in sich bewäl­ti­gen, son­dern er wird durch den so aus­ge­stal­te­ten Pro­zess zu einem Kon­flikt zwi­schen zwei Akteurs­grup­pen, die nach ihren jewei­li­gen Auf­trä­gen han­deln und in Tei­len par­al­lel mit den bMA arbei­ten. Dar­aus erge­ben sich sowohl Fra­gen an die erfolg­ten Momen­te der Zusam­men­ar­beit als auch an die die Pro­zess­ab­schnit­te, in denen kei­ne Zusam­men­ar­beit ein­ge­plant ist, da sowohl die erfolg­te als auch nicht erfolg­te Zusam­men­ar­beit einen Ein­fluss auf die Akteurs­grup­pen und ihr päd­ago­gi­sches Han­deln mit den Klient:innen sowie ihre gegen­sei­ti­ge Wahr­neh­mung hat. Die Fra­ge nach der Bewäl­ti­gung des Ziel­kon­flik­tes wird durch die Auf­tei­lung auf zwei Grup­pen nicht gelöst, son­dern nur ver­scho­ben und ein Span­nungs­feld zwi­schen zwei Grup­pen ent­steht, in des­sen Mit­te sich die beschäf­tig­ten Mitarbeiter:innen befin­den, die für die Rea­li­sie­rung ihrer per­sön­li­chen Teil­ha­be gleich­sam auf die gelin­gen­de Zusam­men­ar­beit mit bei­den Grup­pen ange­wie­sen sind.

    Der Per­so­nen­kreis einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen setzt sich aus Men­schen mit Teil­ha­be­ein­schrän­kun­gen im Sys­tem des Arbeits­le­bens durch kör­per­li­che, geis­ti­ge, psy­chi­sche Beein­träch­ti­gun­gen sowie Sin­nes­be­ein­träch­ti­gun­gen zusam­men. Die Auf­trä­ge einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen haben sich his­to­risch im Kon­text der Inklu­si­ons­de­bat­te kumu­liert. Die­se Auf­trä­ge ste­hen sowohl auf Geset­zes­ebe­ne als auch auf der Akteurs­ebe­ne in Ziel­kon­flik­ten. Ins­be­son­de­re der Pro­duk­ti­ons­auf­trag steht dabei im Kon­flikt mit dem Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­trag, der Fokus die­ser Arbeit ist, da Pro­duk­ti­ons­lo­gi­ken den Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­trag zweck­ra­tio­nal über­for­men. In einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen wer­den des­halb die bei­den Auf­trä­ge auf unter­schied­li­che Akteurs­grup­pen ver­teilt. Die Ein­tritts­ent­schei­dung über einen Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zess kann so auf der Sei­te der Klient:innen unab­hän­gig vom Kon­flikt Pro­duk­ti­on-Reha­bi­li­ta­ti­on gemacht wer­den. Auf der Sei­te der Mit­ar­bei­ten­den wird der beschrie­be­ne struk­tu­rel­le Ziel­kon­flikt ledig­lich von einem inne­ren Kon­flikt in einer Akteurs­grup­pe zu einem Kon­flikt zwi­schen zwei Akteurs­grup­pen ver­scho­ben. Wodurch ins­be­son­de­re die Akteu­re im Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­trag als Pro­zess­ver­ant­wort­li­che, die unab­hän­gig vom Werk­statt­stand­ort arbei­ten, den Kon­flikt mit den MA am Stand­ort bewäl­ti­gen müs­sen, um eine gelin­gen­de Reha­bi­li­ta­ti­on zu rea­li­sie­ren. Der Fra­ge nach der Art und Wei­se, wie Kon­flik­te bewäl­tigt wer­den und wie Koope­ra­ti­on vor dem Hin­ter­grund eines Kon­flik­tes aus­ge­stal­tet wer­den kann, kommt damit eine beson­de­re Bedeu­tung zu.

    3. Vom Kon­flikt zur Koope­ra­ti­on – Koope­ra­ti­on als Ant­wort auf Kon­flik­te und ihre Bewältigung

    Die Arbeit im Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­trag befin­det sich auf­grund struk­tu­rel­ler Gege­ben­hei­ten in einem Ziel­kon­flikt zwi­schen Pro­duk­ti­on und Reha­bi­li­ta­ti­on, der sich in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen in einem Span­nungs­feld zwi­schen zwei Akteurs­grup­pen mit Klient:innen im Mit­tel­punkt ent­lädt. Im Fol­gen­den wird des­halb in sozia­le Kon­flik­te ein­ge­führt, wie die­se Ana­ly­siert und wie Kon­flik­te bewäl­tigt wer­den. Koope­ra­ti­on wird vor die­sem Hin­ter­grund als gewinn­brin­gen­de Stra­te­gie gese­hen, die Gewin­ne bei bei­den Akteurs­grup­pen ermög­li­chen kann. Aus die­sem Grund wird im Fol­gen­den ein Ein­blick in die Struk­tur­merk­ma­le pro­fes­sio­nel­ler Koope­ra­ti­on nach Mer­ten et al. (2019) gege­ben, Zie­le und For­men sowie Ebe­nen und Bedin­gun­gen der Koope­ra­ti­on dar­ge­stellt und in den Kon­text einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen ein­ge­ord­net. Abschlie­ßend wird auf Kom­pe­ten­zen zur kon­struk­ti­ven Kon­flikt­be­wäl­ti­gung und in der Koope­ra­ti­on ein­ge­gan­gen, um Anfor­de­run­gen an pro­fes­sio­nel­les Han­deln zu erfas­sen. Anschlie­ßend wird ein Ver­such unter­nom­men Koope­ra­ti­on für die­se Arbeit zu rekon­stru­ie­ren, indem Koope­ra­ti­on defi­niert und Leit­prin­zi­pi­en her­aus­ge­ar­bei­tet wer­den. Die­se wer­den ergänzt um For­men und Ebe­nen der Koope­ra­ti­on, um eine mög­li­che Hand­lungs­ge­stalt der Koope­ra­ti­on zu erfas­sen, sodass abschlie­ßend Vor­aus­set­zun­gen für gelin­gen­de Koope­ra­ti­on und Erfolgs­fak­to­ren sowie eine grund­le­gen­de Koope­ra­ti­ons­kom­pe­tenz dar­stellt wer­den können.

    3.1 Sozia­le Kon­flik­te und ihre Bewältigung

    Für das Ver­ständ­nis der vor­herr­schen­den Kon­flikt­li­ni­en in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen wird im Fol­gen­den eine Ein­füh­rung in sozia­le Kon­flik­te und ihre Struk­tur gege­ben, sodass sich Kon­flik­te folg­lich anhand eines Ana­ly­se­ras­ters beschrei­ben las­sen. Dar­über hin­aus wird ein Ein­blick in mög­li­che Bewäl­ti­gungs­stra­te­gien für vor­lie­gen­de Kon­flik­te gege­ben, da die­se Maß­geb­li­chen Ein­fluss auf die Wahr­neh­mung eben­die­ser haben. In die­sem Kon­text wird in eine Kon­flikt­kom­pe­tenz ein­ge­führt, die ein kon­struk­ti­ves Bear­bei­ten von Kon­flik­ten ermög­li­chen sollen.

    Der Defi­ni­ti­on für sozia­le Kon­flik­te nach Glasl (2013, S. 17 in Kae­gi & Käser, 2019, S. 201f.) fol­gend, las­sen sich sozia­le Kon­flik­te als Dif­fe­ren­zen in der Wahr­neh­mung, dem Den­ken bzw. Vor­stel­len, dem Füh­len und dem Wol­len defi­nie­ren, die in der Inter­ak­ti­on zwi­schen Akto­ren ein­tre­ten und so zu Beein­träch­ti­gun­gen in der Ver­wirk­li­chung füh­ren. Balz & Spieß (2009, S. 47f.) füh­ren an, dass gera­de im Zusam­men­hang mit Koope­ra­ti­on inter­per­so­na­le Kon­flik­te von Bedeu­tung sind. Sie zäh­len dazu Bewer­tungs- oder Ziel­kon­flik­te, Beur­tei­lungs­kon­flik­te, Ver­tei­lungs­kon­flik­te und Bezie­hungs­kon­flik­te. Ziel­kon­flik­te, die Fokus die­ser Arbeit sind, las­sen sich durch dif­fe­rie­ren­de Ziel­set­zun­gen bei Akto­ren cha­rak­te­ri­sie­ren, d.h. sie haben unter­schied­li­che Zie­le, die sich in dif­fe­ren­ten Maß­nah­men aus­drü­cken. Auf die Situa­ti­on in der Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen bezo­gen heißt das, dass die bei­den Akteurs­grup­pen mit ihren unter­schied­li­chen Auf­trä­gen (Zie­len) an die bMA her­an­tre­ten und mit ihnen zusam­men wei­te­re Zie­le und Maß­nah­men ablei­ten. Dabei las­sen sich bereits aus der Struk­tur der Ziel­di­men­sio­nen (sie­he Kapi­tel 2.1) Unver­ein­bar­kei­ten erken­nen, da die MA im Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­trag mit den bMA eine Ein­glie­de­rung auf dem all­ge­mei­nen Arbeits­markt errei­chen wol­len, wäh­rend die MA im Pro­duk­ti­ons­auf­trag den Wirt­schafts­be­trieb WfbM auf­recht­erhal­ten müs­sen. Die Maß­nah­me der Reha­bi­li­ta­ti­on und damit ver­bun­de­nen Her­aus­füh­rung aus einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen steht damit der Maß­nah­me einer Beschäf­ti­gung im Pro­duk­ti­ons­be­trieb WfbM ent­ge­gen. Die Zie­le divergieren.

    Für die Arbeit in Kon­flikt­fel­dern ist es nach Kae­gi & Käser (2019, S. 211) not­wen­dig, einen ana­ly­ti­schen Blick auf Kon­flik­te zu legen. Sie beschrei­ben, dabei drei Dimen­sio­nen von Kon­flik­ten, die für eine Ein­schät­zung von Bedeu­tung sind: die Are­na, die Reich­wei­te und das Kli­ma. Die­se drei Dimen­sio­nen füh­ren sie in ein Ana­ly­se­ras­ter, den sog. Kon­flikt­ana­ly­se­wür­fel (sie­he Abbil­dung 3–1) über, da sie in unter­schied­li­chen Kom­bi­na­tio­nen auf­tre­ten kön­nen und sich Kon­flik­te so durch qua­li­ta­ti­ve Merk­ma­le unter­schei­den las­sen. Die­se drei Dimen­sio­nen mün­den nach Kae­gi & Käser (2019, S. 211) in einen soge­nann­ten Kon­flik­t­an­an­ly­se­wür­fel. Mit­hil­fe des­sen sich Kon­flik­te bild­lich in einem drei­di­men­sio­na­len Raum dar­stel­len und beschrei­ben las­sen. Die Are­na beschreibt, wel­che Akto­ren an Kon­flik­ten betei­ligt sind. Je nach Aktor, der eine Per­son, Grup­pe, Orga­ni­sa­ti­on oder sogar ein Teil der Gesell­schaft sein kann, ver­än­dert sich die Dyna­mik in Konflikten.

    Abbildung 3-1 Konfliktanalysewürfel nach Kaegi & Käser (2019, S. 211)
    Abbil­dung 3–1 Kon­flikt­ana­ly­se­wür­fel nach Kae­gi & Käser (2019, S. 211)

    So wird des­halb zwi­schen der mikro­so­zia­len Are­na (weni­ge Per­so­nen in face-to-face Inter­ak­tio­nen), der meso­so­zia­len Are­na (Grup­pen unter­schied­li­cher Grö­ße als sozia­le Ein­hei­ten) sowie der makro­so­zia­len Are­na (Inter­es­sen­ver­bän­de oder auch poli­ti­sche Orga­ni­sa­tio­nen, die in die Gesell­schaft wir­ken) unter­schie­den. (vgl. Kae­gi & Käser, 2019, S. 207f.)

    In der Reich­wei­te von Kon­flik­ten wird zwi­schen der Frik­ti­on, dem Posi­ti­ons­kampf und der Sys­tem­ver­än­de­rung unter­schie­den. Hier­bei geht es um das the­ma­ti­sche Aus­maß, heißt wie groß ist der Kon­flikt. Bei Frik­tio­nen geht es um rela­tiv enge The­men, die Kom­pe­ten­zen und Posi­tio­nen der Gegen­par­tei­en unbe­rührt las­sen, d.h. bspw. Strei­tig­kei­ten inhalt­li­cher Natur über die eine oder ande­re Metho­de. Bei Posi­ti­ons­kämp­fen geht es um Bezie­hungs- und Macht­fra­gen, die letzt­lich in einer ver­än­der­ten Posi­ti­on bzw. Neu­ord­nung im Sys­tem mün­den. Die Akto­ren wol­len folg­lich die Posi­ti­ons­ver­hält­nis­se ver­än­dern und kämp­fen des­halb gegen­ein­an­der um die­se Posi­ti­on. Sys­tem­ver­än­de­run­gen gehen dar­über hin­aus. Hier­bei geht es um die Ver­än­de­run­gen, die das gan­ze Sys­tem betrifft. So kann hier­bei die grund­sätz­li­che Art und Wei­se der Arbeit in einer Orga­ni­sa­ti­on in Fra­ge gestellt wer­den und bis­he­ri­ge Ansät­ze wür­den zuguns­ten ande­rer Ansät­ze ver­wor­fen. (vgl. Kae­gi & Käser, 2019, S. 208f.)

    Das Kon­flikt­kli­ma wird in zwei gegen­sätz­li­che Dimen­sio­nen unter­teilt (vgl. Kae­gi & Käser, 2019, S. 209ff.). Das Kli­ma wird defi­niert durch die domi­nie­ren­den Ver­hal­tens­wei­sen der Kon­flikt­par­tei­en. So gibt es laut Glasl hei­ße und kal­te Kon­flik­te. In hei­ßen Kon­flik­ten herrscht ein offe­ner Kampf zwi­schen Posi­tio­nen und die Par­tei­en ver­su­chen sich gegen­sei­tig von der eige­nen Posi­ti­on zu über­zeu­gen. Neben die­ser Über­ak­ti­vi­tät gibt es aber gleich­sam auch eine Über­emp­find­lich­keit bei der Ver­tei­di­gung der eige­nen Posi­ti­on. Offe­ne Angrif­fe und vie­le Emo­tio­nen sind die Fol­ge. Über­ei­fer wird hier als Hand­lungs­ma­xi­me beschrie­ben. Kal­te Kon­flik­te stel­len den Gegen­pol zu den hei­ßen Kon­flik­ten dar. Die Akti­vi­tä­ten wir­ken eher gelähmt und es herr­schen Frust und ande­re Res­sen­ti­ments, die die Kon­flikt­par­tei­en auch noch außer­halb von direk­ten Kon­flikt­si­tua­tio­nen und nach­träg­lich beein­flus­sen. Die Fron­ten ver­här­ten sich und direk­te Kon­fron­ta­tio­nen wer­den ver­mie­den. Es wird ver­sucht, die ande­re Par­tei bei der Umset­zung ihrer Zie­le zu behin­dern. Als Hand­lungs­ma­xi­me ste­hen hier Pro­ze­du­ren im Vordergrund.

    Nicht jeder Kon­flikt ist gleich. Kon­flik­te kön­nen sich auf unter­schied­li­chen struk­tu­rel­len Ebe­nen abspie­len. Sie kön­nen sich um einen engen the­ma­ti­schen Fokus dre­hen oder auch alles in einer Orga­ni­sa­ti­on in Fra­ge stel­len. Eben­so unter­schei­den sie sich in ihrer Dyna­mik und ver­lau­fen bspw. wie ein offe­ner Kampf oder auch wie ver­deck­te Machen­schaf­ten im Hin­ter­grund. Der Kon­flikt­ana­ly­se­wür­fel ermög­licht somit nicht nur eine Dar­stel­lung von Kon­flik­ten, son­dern auch die Mög­lich­keit unter­schied­li­che Kon­flikt­si­tua­tio­nen qua­li­ta­tiv zu unter­schei­den. Die­se Unter­schei­dung wird durch die Beschrei­bung in den drei Dimen­sio­nen Are­na, Reich­wei­te und Kli­ma ermög­licht und gibt Pro­fes­sio­nel­len damit ein Werk­zeug für eine ers­te Beschrei­bung von Kon­flikt­si­tua­tio­nen. So kön­nen sie einen ers­ten Ein­druck von vom Aus­maß und der Dyna­mik erlan­gen. Neben den For­men und Dimen­sio­nen von Kon­flik­ten, die maß­geb­lich für die Ana­ly­se und Beschrei­bung von Kon­flik­ten genutzt wer­den, beschreibt Tho­mas (1992 in Balz & Spieß, 2009, S. 48f.) For­men der Kon­flikt­be­wäl­ti­gung, die in Orga­ni­sa­tio­nen von Bedeu­tung sind. Bei der Kon­flikt­be­wäl­ti­gung geht es dar­um, wie Kon­flik­te durch Akto­ren been­det wer­den (vgl. Spieß, 2021). Tho­mas (1992 in Balz & Spieß, 2009, S. 48f.) beschreibt die Bewäl­ti­gung ent­lang von zwei Dimen­sio­nen: der Durch­set­zung, d.h. inwie­fern die eige­nen Inter­es­sen ver­folgt wer­den, und den bei­den Polen Koope­ra­ti­on und Nicht­ko­ope­ra­ti­on. Dar­aus erge­ben sich fünf Kon­flikt­sti­le (sie­he Abbil­dung 3–2), die unter­schied­li­che For­men der Kon­flikt­be­wäl­ti­gung dar­stel­len: Kon­kur­renz, Anpas­sung, Kom­pro­miss, Ver­mei­dung und Zusam­men­ar­beit. Unter dem Kon­flikt­stil der Kon­kur­renz wird ein Zwang zur Kon­flikt­hand­lung ver­stan­den, d.h. eige­ne Inter­es­sen wer­den ohne Rück­sicht auf ande­re Par­tei­en durch­ge­setzt. Kon­kur­renz ist eine Gewinn-Ver­lust-Stra­te­gie, bei der eine Par­tei gewinnt und die ande­re Par­tei ver­liert. Hier­bei kann es zu nega­ti­ven Ent­wick­lun­gen in der wei­te­ren Zusam­men­ar­beit kom­men, da sich die Gegen­par­tei­en in zukünf­ti­gen Situa­tio­nen ver­wei­gern könn­ten. Bei Akto­ren, die in Kon­flik­ten die Bewäl­ti­gungs­form der Anpas­sung aus­üben, wird auf die Durch­set­zung eige­ner Inter­es­sen ver­zich­tet, um die Wogen zu glät­ten. Die eige­nen Bedürf­nis­se kom­men des­halb oft zu kurz. Auch hier liegt eine Ver­lust-Gewinn-Stra­te­gie jedoch in ande­re Kon­stel­la­ti­on vor. Bei einem Kom­pro­miss kön­nen bei­de Par­tei­en ihre Inter­es­sen nicht voll­ends durch­set­zen, somit ist nicht nur eine Par­tei die Verliererin.

    Abbildung 3-2 Konfliktstile nach Thomas (1992 in Balz & Spieß, 2009, S. 48f.).
    Abbil­dung 3–2 Kon­flikt­sti­le nach Tho­mas (1992 in Balz & Spieß, 2009, S. 48f.).

    Durch die Stra­te­gie der Ver­mei­dung blei­ben Pro­ble­me bestehen, was dazu führt, dass bei­de ver­lie­ren – Ver­lust-Ver­lust-Stra­te­gie. Einer Kon­fron­ta­ti­on wird aus dem Weg gegan­gen, sodass Pro­ble­me ledig­lich ver­scho­ben wer­den. Die Zusam­men­ar­beit ist für bei­de Kon­flikt­par­tei­en ein Gewinn, da bei­de Par­tei­en durch Koope­ra­ti­on ihre Inter­es­sen durch­set­zen kön­nen. Es ent­ste­hen Syn­er­gie­ef­fek­te – Gewinn-Gewinn-Stra­te­gie. Da Kon­flik­te auf so unter­schied­li­che Art und Wei­se bewäl­tigt wer­den kön­nen hat Herr­mann (2013, S. 32f. in Kae­gi & Käser, 2019, S. 203) soge­nann­te „Basis­kom­pe­ten­zen zum Umgang mit Kon­flik­ten in der Sozia­len Arbeit“, die sich in drei Teil­kom­pe­ten­zen auf­tei­len, beschrie­ben: die Selbst‑, Fall- und Sys­tem­kom­pe­tenz. Unter der Selbst­kom­pe­tenz wird ein Erken­nen des Selbst im Kon­flikt ver­stan­den, d.h. es geht dar­um eige­ne Antei­le oder auch Hand­lungs­mus­ter auf­grund eige­ner Kon­flikt­bio­gra­fien erken­nen zu kön­nen und inwie­fern die­se mit dem fach­li­chen Auf­trag und sei­ner Ver­wirk­li­chung im Zusam­men­hang ste­hen. Die Fall­kom­pe­tenz geht über das Selbst hin­aus und nimmt die kon­flikt­haf­te Situa­ti­on in den Fokus. Pro­fes­sio­nel­le sol­len dem­nach in der Lage dazu sein, die Kon­flikt­si­tua­tio­nen zu erken­nen und zu ana­ly­sie­ren und wir­ken dees­ka­lie­rend, da sie ent­spre­chen­de Zie­le und Hand­lungs­schrit­te ein­lei­ten kön­nen. Die Sys­tem­kom­pe­tenz beschreibt die Fähig­keit zum Per­spek­tiv­wech­sel auf ande­re Pro­fes­si­ons­lo­gi­ken und die Fähig­keit mit ande­ren Pro­fes­sio­nen zusam­men­zu­ar­bei­ten. Auch wird hier­un­ter die Fähig­keit zum Erken­nen, Ana­ly­sie­ren und Bear­bei­ten von struk­tu­rel­len Kon­flikt­po­ten­tia­len in und zwi­schen Orga­ni­sa­tio­nen ver­stan­den. (vgl. Herr­mann, 2013, S. 32f. in Kae­gi & Käser, 2019, S. 203)

    Basis­kom­pe­tenzDefi­ni­ti­on
    Selbst­kom­pe­tenzPro­fes­sio­nel­le erken­nen ihre sub­jek­ti­ven Aspek­te in Kon­flik­ten, ken­nen die eige­ne Kon­flikt­bio­gra­fie und eige­ne Hand­lungs­mus­ter. Sie erken­nen den fach­li­chen Auf­trag und die Ver­wirk­li­chung auf­grund des Auf­trags und der per­sön­li­chen Aspek­te (eige­ne Kon­flikt­bio­gra­fie und eige­nen Kon­flikt­stil ken­nen und reflek­tie­ren; Kon­flik­te als grund­sätz­li­che Chan­ce zu Veränderungen). 
    Fall­kom­pe­tenzPro­fes­sio­nel­le kön­nen Kon­flik­te in Fel­dern der Sozia­len Arbeit erken­nen und ana­ly­sie­ren und bear­bei­ten, sie ken­nen Zie­le und Hand­lungs­schrit­te zur Dees­ka­la­ti­on und set­zen die­se ein.
    Sys­tem­kom­pe­tenzPro­fes­sio­nel­le erken­nen fall­über­grei­fen­de Dimen­sio­nen und kön­nen die eige­ne pro­fes­sio­nel­le Logik mit der Logik ande­rer Pro­fes­sio­nen koope­ra­tiv ver­bin­den. Sie erken­nen, ana­ly­sie­ren und bear­bei­ten struk­tu­rel­le Kon­flikt­po­ten­zia­le in der eige­nen Orga­ni­sa­ti­on und in Zusam­men­ar­beit mit ande­ren Organisationen.
    Tabel­le 3–1 Basis­kom­pe­ten­zen der Kon­flikt­be­ar­bei­tung in der Sozia­len Arbeit nach Herr­mann (2013, S. 32f. in
    Kae­gi & Käser, 2019, S. 203)

    In Orga­ni­sa­tio­nen befin­den sich Indi­vi­du­en und Grup­pen in einem Abhän­gig­keits­ver­hält­nis. In einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen sind die MA im Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­trag und im Pro­duk­ti­ons­auf­trag durch ihre gemein­sa­me Arbeit mit einem bMA in einem Abhän­gig­keits­ver­hält­nis. Die unter­schied­li­chen Auf­trä­ge die­ser bei­den Grup­pen kön­nen als Ziel­kon­flik­te zu Tage tre­ten, da die bei­den Grup­pen ver­su­chen, von­ein­an­der unab­hän­gi­ge Zie­le zu errei­chen. Mit­hil­fe des Kon­flikt­ana­ly­se­wür­fels kön­nen Kon­flik­te ana­ly­siert und unter­schie­den wer­den. Die­se Ana­ly­se bie­tet einen ers­ten Zugang für Pro­fes­sio­nel­le, um ein Ver­ständ­nis der Kon­flikt­si­tua­tio­nen zu erlan­gen. Damit Kon­flik­te so bewäl­tigt wer­den kön­nen, dass bei­de Kon­flikt­par­tei­en mit einem Gewinn aus der Situa­ti­on gehen kön­nen, ist Koope­ra­ti­on not­wen­dig. Für eine erfolg­rei­che Kon­flikt­be­wäl­ti­gung wur­den des­halb Basis­kom­pe­ten­zen zum pro­fes­sio­nel­len Umgang mit Kon­flik­ten beschrie­ben, die Pro­fes­sio­nel­le in drei Dimen­sio­nen zur kon­struk­ti­ven Kon­flikt­be­wäl­ti­gung im Sin­ne einer Koope­ra­ti­on befä­hi­gen sollen

    3.2 Koope­ra­ti­on als inten­dier­te Zusam­men­ar­beit – eine Rekonstruktion

    Für das Ver­ständ­nis der Koope­ra­ti­on als mög­li­che Ant­wort auf vor­herr­schen­de Ziel­kon­flik­te in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen, wird ein Ver­such unter­nom­men, Koope­ra­ti­on für die Unter­su­chung der Zusam­men­ar­beit im Über­gang auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt zugäng­lich zu machen. Hier­für wird Koope­ra­ti­on mit sei­nen Leit­prin­zi­pi­en defi­niert und anschlie­ßend durch For­men und Ebe­ne der Koope­ra­ti­on struk­tu­riert. Abschlie­ßend wird auf Vor­aus­set­zun­gen und Erfolgs­fak­to­ren sowie eine Koope­ra­ti­ons­kom­pe­tenz ein­ge­gan­gen, um Fak­to­ren für das Gelin­gen koope­ra­ti­ven Han­delns zu erfassen.

    Koope­ra­ti­on wird nach van San­ten & Seckin­ger (2003, S. 29 in Mer­ten et al., 2019, S. S. 19) als ein „Ver­fah­ren der inten­dier­ten Zusam­men­ar­beit [ver­stan­den; Anm. PK], bei dem im Hin­blick auf geteil­te oder sich über­schnei­den­de Ziel­set­zun­gen durch Abstim­mung der Betei­lig­ten eine Opti­mie­rung von Hand­lungs­ab­läu­fen und/oder eine Erhö­hung von Hand­lungs­fä­hig­keit bzw. Pro­blem­lö­sungs­kom­pe­tenz ange­strebt wird“. Koope­ra­ti­on lässt sich damit durch ein „bewuss­tes und plan­vol­les Her­an­ge­hen bei der Zusam­men­ar­beit sowie durch Pro­zes­se der gegen­sei­ti­gen Abstim­mung“ (sie­he Balz & Spieß, 2009, S. 19f.) beschrei­ben. Sie wird damit zu einer „inten­dier­ten Zusam­men­ar­beit am glei­chen Gegen­stand bezie­hungs­wei­se an der glei­chen sozia­len Pro­blem­stel­lung“ (sie­he Mer­ten et al., 2019, S. S. 22). Die Hal­tun­gen und Hand­lun­gen in Koope­ra­tio­nen stüt­zen sich im Kern auf die Gedan­ken der Wech­sel­sei­tig­keit oder auch Rezi­pro­zi­tät, d.h. der gegen­sei­ti­ge Aus­gleich steht im Vor­der­grund (vgl. eben­da), eben­so wie Gleich­wer­tig­keit, Par­ti­zi­pa­ti­on und Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät und sie wird in den Sys­te­men von Pro­fes­si­on und Orga­ni­sa­ti­on erbracht. Koope­ra­ti­on gelingt vor die­sem Hin­ter­grund, wenn es „Mög­lich­kei­ten zur Ziel­ab­stim­mung, zum Infor­ma­ti­ons­aus­tausch, wech­sel­sei­ti­ger Kom­mu­ni­ka­ti­on und gegen­sei­ti­ger Unter­stüt­zung, kon­struk­ti­ver Pro­blem­dis­kus­sio­nen [sowie Zeit für Erpro­bun­gen und die Ent­wick­lung von Ver­trau­en gibt; Anm. PK]. Eine koope­ra­ti­ve Situa­ti­on setzt zudem Ent­schei­dungs- und Hand­lungs­frei­heit der betei­lig­ten Part­ner vor­aus.“ (sie­he eben­da). Koope­ra­ti­on rich­tet sich folg­lich nach Mer­ten et al. (2019, S. S. 23–29) nach sie­ben Leit­prin­zi­pi­en und Aspek­ten im Sin­ne von Struk­tur­merk­ma­len und Hand­lungs­ma­xi­men: Wer­te, Par­ti­zi­pa­ti­on, Pro­fes­si­on, Orga­ni­sa­ti­on, Wir­kung, Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät und Kommunikation.

    Die Sozia­le Arbeit agiert in sozia­len Pro­blem­la­gen, indem Pro­fes­sio­nel­le in sozia­len Orga­ni­sa­tio­nen sozia­le Pro­ble­me ana­ly­sie­ren, bear­bei­ten, ver­wal­ten und lin­dern. Die Berufs­ethik des Deut­schen Berufs­ver­ban­des für Sozia­le Arbeit e. V. (DBSH) beschreibt den „Gegen­stand der Sozia­len Arbeit [als, Anm. PK] sozia­le Pro­blem­la­gen von Per­so­nen. Sozia­le Pro­blem­la­gen sind Lebens­la­gen, in denen die sozia­le Exis­tenz von Per­so­nen gefähr­det ist. Die sozia­le Exis­tenz von Per­so­nen ist gefähr­det, wenn die Selbst­stän­dig­keit, Teil­ha­be oder mate­ri­el­le Grund­si­cher­heit nicht sicher­ge­stellt ist“ (sie­he Greu­ne et al., 2014, S. 27). Die Kon­struk­ti­on eines sozia­len Pro­blems ist in ers­ter Linie auf ein Wert­ur­teil und nicht eine fach­li­che Begrün­dung zurück­zu­füh­ren. Des­halb müs­sen Pro­fes­sio­nel­le der Sozia­len Arbeit ihre Wert­ur­tei­le trans­pa­rent und nach­voll­zieh­bar machen. (vgl. Mer­ten et al., 2019, S. 26)

    Par­ti­zi­pa­ti­on oder auch Teil­ha­be ist dem­nach eng ver­knüpft mit den berufs­ethi­schen Wer­ten der Sozia­len Arbeit und hat ist in der Ein­glie­de­rungs­hil­fe für Men­schen mit Behin­de­run­gen obers­te Ziel­di­men­si­on. So bie­ten bspw. auch Werk­stät­ten für Men­schen mit Behin­de­run­gen Leis­tun­gen zur Teil­ha­be am Arbeits­le­ben an. Par­ti­zi­pa­ti­on als Struk­tur­merk­mal der Koope­ra­ti­on geht aber über blo­ße Leis­tungs­an­ge­bo­te hin­aus. Hier­bei geht es immer um Betrof­fe­ne. Im Fall der Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen sind dies Men­schen mit Behin­de­run­gen, die „nicht, noch nicht oder nicht wie­der“ einer Beschäf­ti­gung auf dem all­ge­mei­nen Arbeits­markt nach­ge­hen. Nach Uebel­hart & Zängl (2013, S. 21 in Mer­ten et al., 2019, S. 26) hat Sozia­le Arbeit „in koope­ra­ti­ven Pro­zes­sen dafür zu sor­gen, dass Par­ti­zi­pa­ti­on für die ein­zel­nen Men­schen mög­lich wird, dass sie selbst­wirk­sam wer­den und im Rah­men ihrer Mög­lich­kei­ten ent­schei­den kön­nen, wel­che Orga­ni­sa­ti­on bei­zu­zie­hen ist, um sozia­le Her­aus­for­de­run­gen zu lösen“. Die selbst­stän­di­ge Ent­schei­dung wird in der Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen bspw. in Pro­zes­sen umge­setzt. Beim Pro­zess der beruf­li­chen Erpro­bung (sie­he Kapi­tel 2.2) kön­nen bMA selbst über den Ein­tritt in wei­ter­füh­ren­de Reha­bi­li­ta­ti­ons­maß­nah­men aus Werk­stät­ten für Men­schen mit Behin­de­run­gen her­aus ent­schei­den und Kon­takt zu den Mit­ar­bei­ten­den aufnehmen.

    Die bei­den Prin­zi­pi­en der Pro­fes­si­on und der Orga­ni­sa­ti­on gehö­ren zu den „gesell­schaft­li­chen Leis­tungs­sys­te­men“ (sie­he Mer­ten et al., 2019, S. 22). So wird die Pro­fes­si­on Sozia­le Arbeit als gesell­schaft­li­ches Funk­ti­ons­sys­tem defi­niert und Orga­ni­sa­tio­nen als sozia­le Sub­funk­ti­ons­sys­te­me der Sozia­len Arbeit. Unter dem Leit­prin­zip der Pro­fes­si­on wird die Ver­pflich­tung gegen­über der eige­nen Pro­fes­si­on ver­stan­den, d.h. die Hal­tun­gen, Ein­stel­lun­gen und Posi­tio­nen der eige­nen Pro­fes­si­on wert­schät­zen, ein­hal­ten und ver­tre­ten. Wäh­rend unter der Orga­ni­sa­ti­on als Leit­prin­zip die Ver­pflich­tun­gen gegen­über dem Kon­text der eige­nen Orga­ni­sa­ti­on wie Leit­bild, Auf­trag, Kon­zept und Umwelt ver­stan­den wird. Pro­fes­sio­nel­les Han­deln in der Sozia­len Arbeit ist dabei geprägt von begrenz­ter Stan­dar­di­sier­bar­keit der Inter­ven­tio­nen sowie durch das Ein­brin­gen von Pro­fes­sio­nel­len als gan­ze Per­son in den Hil­fe­pro­zess, um trag­fä­hi­ge Bezie­hun­gen aus­zu­ge­stal­ten. Ins­be­son­de­re an die­sem Aspekt wird das ein­gangs beschrie­be­ne Tech­no­lo­gie­de­fi­zit von päd­ago­gi­schen Maß­nah­men im Kon­trast zum stan­dar­di­sier­ten öko­no­mi­schen Han­deln der Pro­duk­ti­ons­lo­gi­ken deut­lich (sie­he Kapi­tel 2.1). Die Auf­trä­ge einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen sind durch gesetz­li­che Vor­ga­ben defi­niert und stel­len Wider­sprüch­lich­kei­ten dar, die durch die Pro­fes­sio­nel­len bewäl­tigt wer­den müs­sen. Die­se Span­nung wird durch das Leit­prin­zip der Orga­ni­sa­ti­on ver­stärkt. Die insti­tu­tio­nel­len Auf­trä­ge zur Bil­dung und Reha­bi­li­ta­ti­on kön­nen mit dem Leit­prin­zip der Pro­fes­si­on ein­her­ge­hen, da sie über die Beschäf­ti­gung in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen hin­aus ver­su­chen die Hand­lungs­fä­hig­keit zu erhö­hen und Lebens­be­din­gun­gen der bMA zu ver­bes­sern, indem eine Ein­glie­de­rung auf dem all­ge­mei­nen Arbeits­markt durch Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung und eine Beschäf­ti­gung außer­halb der Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen geför­dert wer­den, wäh­rend die orga­ni­sa­tio­na­len Auf­trä­ge als Beschäf­ti­gungs­an­bie­ter und Wirt­schafts­un­ter­neh­men dazu in einem Span­nungs­feld ste­hen. Sie ent­la­den sich in einer Spal­tung in orga­ni­sa­tio­na­le und insti­tu­tio­nel­le Auf­trä­ge, die mit­ein­an­der kon­kur­rie­ren und so Koope­ra­tio­nen für die Akto­ren erschwe­ren. Pro­fes­sio­nel­le ste­hen des­halb vor der Her­aus­for­de­rung, die Span­nun­gen vor dem Hin­ter­grund ihrer eige­nen Pro­fes­si­on mit ihrer Orga­ni­sa­ti­on in Ein­klang zu brin­gen (vgl. Mer­ten et al., 2019, S. 24f.).

    Die Span­nung zwi­schen der Pro­fes­si­on und Orga­ni­sa­ti­on resul­tie­ren dem­nach durch gesetz­lich ver­an­ker­te Wir­kungs­zie­le, die in der Orga­ni­sa­ti­on durch Pro­fes­sio­nel­le erreicht wer­den sol­len. Die Leit­idee der Wir­kung nach Mer­ten et al. (2019, S. 25) beschreibt, wie „gemein­schaft­li­che Auf­ga­ben erfüllt, ein gemein­sa­mer Gegen­stand bear­bei­tet und sich auf die Erfül­lung eige­ner und gemein­sa­mer Zie­le kon­zen­triert wird“. Pro­fes­sio­nel­les Han­deln soll­te dabei nach Mer­ten et al. (2019, S. 25) fol­gen­de Wir­kungs­zie­le in den Fokus nehmen:

    • Ver­meh­rung und Opti­mie­rung der klient:innenbezogenen Hand­lungs­op­tio­nen und Ver­bes­se­rung der Pro­blem­lö­sungs­kom­pe­tenz der betei­lig­ten Fachkräfte;
    • Koor­di­na­ti­on der fach­li­chen, struk­tu­rel­len und per­so­na­len Res­sour­cen und Ver­mei­den von Dop­pel­spu­rig­kei­ten im Behandlungsprozess;
    • Ver­bes­se­rung des gegen­sei­ti­gen Infor­ma­ti­ons­flus­ses und Wis­sens­trans­fers sowie Stei­ge­rung des Wis­sens über die ande­ren Kooperationspartner:innen;
    • Ver­bes­se­rung der Ziel­er­rei­chung und Ergeb­nis­qua­li­tät und Ver­min­de­rung von Folgekosten;
    • Ver­bes­se­rung der orga­ni­sa­tio­na­len und fach­li­chen Kom­pe­ten­zen als ler­nen­de Organisation;
    • Stei­ge­rung der gemein­sa­men Wett­be­werbs­fä­hig­keit und För­de­rung des soli­da­ri­schen Handelns;
    • Ver­bes­se­rung der wirt­schaft­li­chen Situa­ti­on (Kos­ten-Nut­zen-Bewusst­sein) und Siche­rung der eige­nen Zukunft durch geziel­te Zusam­men­ar­beit.
      (sie­he Mer­ten et al., 2019, S. 25)

    Die unter­schied­li­chen Auf­trags­la­gen der MA in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen bedür­fen der Kom­mu­ni­ka­ti­on und fer­ner auch der Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät, um in einen kom­mu­ni­ka­ti­ven Pro­zess der Koor­di­na­ti­on über­zu­ge­hen. Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät als Leit­prin­zip basiert auf dem Gedan­ken, dass unter­schied­lichs­te Wirk­lich­keits­kon­struk­tio­nen zu mehr Hand­lungs­op­tio­nen füh­ren kön­nen, d.h. die Offen­le­gung von inter­dis­zi­pli­nä­ren und mul­ti­per­spek­ti­vi­schen Sicht­wei­sen und Hand­lungs­lo­gi­ken ermög­licht die Erwei­te­rung der Zugän­ge für die Bear­bei­tung des Hil­fe­pro­zes­ses. Die Koor­di­na­ti­on die­ser Infor­ma­tio­nen hin zu gemein­sa­men Zie­len gelingt durch Kom­mu­ni­ka­ti­on. Die­se wird „ver­stan­den als ver­ba­ler oder auch non­ver­ba­ler Aus­tausch von Infor­ma­tio­nen“ (sie­he Mer­ten et al., 2019, S. 26). In einem sol­chen kom­mu­ni­ka­ti­ven Koor­di­nie­rungs­pro­zess, geht es um die Aus­rich­tung ver­schie­de­ner Akteu­re auf ein Ziel, um inten­dier­te Zie­le erreich­bar zu machen. Kom­mu­ni­ka­ti­on mana­get folg­lich die Abhän­gig­kei­ten zwi­schen den betei­lig­ten Akteu­ren. Sie ist dabei ange­wie­sen auf „kla­re Kom­mu­ni­ka­ti­ons­struk­tu­ren und ‑gefä­ße, Ver­hand­lungs­ge­schick, Kon­flikt­fä­hig­keit, Infor­ma­tio­nen zu rele­van­ten Daten und Trans­pa­renz über die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­par­tei­en“ (sie­he Mer­ten et al., 2019, S. 26). Kom­mu­ni­ka­ti­on ist damit der zen­tra­le Vek­tor der Koope­ra­ti­on und als Aus­tausch­be­zie­hung anfäl­lig für Miss­ver­ständ­nis­se und Konflikte.

    Die Art und Wei­se, wie in koope­ra­ti­vem Han­deln kom­mu­ni­ziert wird, um gemein­sam Zie­le zu errei­chen, ermög­licht es nach Spieß (1996, 1998, 2004 in Balz & Spieß, 2009, S. 35ff.) die Koope­ra­ti­on in drei Dimen­sio­nen zu unter­tei­len: die stra­te­gi­sche Koope­ra­ti­on, die empa­thi­sche Koope­ra­ti­on und die Pseu­do­ko­ope­ra­ti­on. Stra­te­gi­sche Koope­ra­ti­on ist durch „ratio­na­len und ziel­ge­rich­te­ten Nut­zen“ (sie­he Balz & Spieß, 2009, S. 35) cha­rak­te­ri­siert, sodass mög­lichst effek­tiv Zie­le ohne zusätz­li­che Kom­mu­ni­ka­ti­ons­pro­zes­se des gegen­sei­ti­gen Ver­ste­hens abge­ar­bei­tet wer­den (vgl. Balz & Spieß, 2009, S. 35). Dem­ge­gen­über steht die empa­thi­sche Koope­ra­ti­on, bei der eben die­ser Ver­stän­di­gungs­pro­zess die Grund­vor­aus­set­zung für das koope­ra­ti­ve Han­deln ist, d.h. durch Kom­mu­ni­ka­ti­on der Betei­lig­ten, die gegen­sei­ti­gen Inten­tio­nen zu ver­ste­hen und sich durch Ein­ver­ständ­nis als gegen­sei­ti­ge Part­ner zu gewin­nen (vgl. eben­da.). Lie­gen kei­ne gemein­sa­men Zie­le vor, kann dies zu einer sowohl stra­te­gi­schen als auch empa­thi­schen Pseu­do­ko­ope­ra­ti­on füh­ren, d.h. es kommt zu einem „Als-ob-Han­deln“ (sie­he Balz & Spieß, 2009, S. 36) mit ober­fläch­li­cher Kom­mu­ni­ka­ti­on auf for­ma­ler Ebe­ne ohne gegen­sei­ti­ges Ver­trau­en (vgl. ebenda.).

    Koope­ra­ti­on lässt sich aber nicht nur „anhand von Leit­prin­zi­pi­en und Aspek­ten im Sin­ne von Struk­tur­merk­ma­len und Hand­lungs­ma­xi­men“ (vgl. Mer­ten et al., 2019, S. S. 23–29) betrach­ten oder anhand sei­ner kom­mu­ni­ka­ti­ven Hand­lungs­wei­sen. Koope­ra­ti­on lässt sich anhand von unter­schied­li­chen Akteurs­ebe­nen beschrei­ben. Balz & Spieß (2009, S. 20–28) unter­such­ten Koope­ra­ti­on auf drei Ebe­nen. Dazu gehört die indi­vi­du­el­le Ebe­ne, die inter­per­so­nel­le Ebe­ne sowie die struk­tu­rel­le Ebe­ne. Auf der Ebe­ne des Indi­vi­du­ums spie­len „Per­sön­lich­keits­merk­ma­le, Wert­hal­tun­gen, Ein­stel­lun­gen und Ver­trau­en eine wich­ti­ge Rol­le“ (sie­he Balz & Spieß, 2009, S. 21). Balz & Spieß (2009, S. 21f.) benen­nen als bedeu­ten­de Per­sön­lich­keits­merk­ma­le „emo­tio­na­le Sta­bi­li­tät, Extra­ver­si­on, Offen­heit für Erfah­run­gen, Freundlichkeit/Verträglichkeit und Beharrlichkeit/Gewissenhaftigkeit“ aus den „Big Five“ (sie­he Coas­ta und McCa­re, 1992; Per­vin, 2000 in Balz & Spieß, 2009, S. 21). Eben­so erleich­te­re die Fähig­keit zur Empa­thie den kom­mu­ni­ka­ti­ven Abstim­mungs­pro­zess (vgl. eben­da.). Indi­vi­du­el­le Wert­hal­tun­gen, die „kol­lek­ti­ve Moral, sozia­les Inter­es­se und sozia­le Ver­ant­wor­tung, pro­so­zia­le Ori­en­tie­rung sowie die Sor­ge um ande­re“ beto­nen, haben nach Balz & Spieß (2009, S. 22) eben­so einen Ein­fluss auf Koope­ra­ti­on, wie Ein­stel­lun­gen und Ver­trau­en in Form einer siche­ren Bin­dung. Fünf Ein­stel­lun­gen haben Unter­su­chun­gen nach einen Ein­fluss auf die indi­vi­du­el­le Ebe­ne der Koope­ra­ti­on. Per­so­nen mit die­sen Ein­stel­lun­gen zie­len auf die Maxi­mie­rung des eige­nen Vor­teils ab (indi­vi­dua­lis­ti­sche Ein­stel­lung), wol­len den Part­ner über­tref­fen (Wett­be­werbs­ori­en­tie­rung), ori­en­tie­ren sich an den eige­nen sowie den Gewin­nen des Part­ners (koope­ra­ti­ve Ein­stel­lung), wol­len vor allem die Zie­le des Part­ners durch­set­zen (altru­is­ti­sche Ein­stel­lung) und „Stre­ben nach Gleich­heit der Beloh­nun­gen“ (sie­he Bier­hoff und Mül­ler, 1993 in Balz & Spieß, 2009, S. 22). Auf der inter­per­so­nel­len Ebe­ne geht es um zwi­schen­mensch­li­che Abstim­mungs­pro­zes­se, d.h. Grup­pen­dy­na­mi­ken kön­nen hier eine Rol­le spie­len. Ver­trau­en ist nicht nur auf der indi­vi­du­el­len Ebe­ne als Aus­druck des eige­nen Bin­dungs­ver­hal­tens von Bedeu­tung, son­dern auch auf der inter­per­so­nel­len Ebe­ne, da die Kooperationspartner:innen „sich [auf­ein­an­der, Anm. PK] ver­las­sen [müs­sen, Anm. PK] und [sind, Anm. PK] zeit­wei­lig auf die Arbeits­leis­tung ande­rer ange­wie­sen“ (sie­he Bier­hoff und Mül­ler, 1993 in Balz & Spieß, 2009, S. 23). Nach Lewi­cki und Bun­ker (1995 in Balz & Spieß, 2009, S. 23) lässt sich Ver­trau­en in drei For­men unter­schie­den. Zum einen das kal­ku­la­ti­ve Ver­trau­en, das einer kal­ku­lier­ten Berech­nung ent­springt, um bspw. eige­ne Ziel durch­zu­set­zen, das Ver­trau­en auf­grund von Wis­sen bzw. Erfah­rung beruht auf dem Erfah­rungs­wis­sen, dass eine Per­son ver­läss­lich ist. Lang­jäh­ri­ge Bezie­hun­gen zwi­schen den Koope­ra­ti­ons­part­nern begüns­ti­gen das Ver­trau­en auf­grund von Erfah­rung. Zum ande­ren Ver­trau­en, das auf der Basis von gegen­sei­ti­ger Iden­ti­fi­ka­ti­on beruht, d.h. die Kooperationspartner:innen unter­stüt­zen die Absich­ten der jeweils ande­ren Per­son und kön­nen die­se ver­tre­ten. Die struk­tu­rel­le Ebe­ne „umfasst Orga­ni­sa­tio­nen, Lern­kul­tu­ren in Unter­neh­men, Koope­ra­ti­on in und zwi­schen Abtei­lun­gen, Füh­rung und For­men der Arbeits­ge­stal­tung“ (sie­he Balz & Spieß, 2009, S. 24).

    Als Vor­aus­set­zung für gelin­gen­de inter­pro­fes­sio­nel­le und ‑orga­ni­sa­tio­na­le Koope­ra­ti­on benen­nen Mer­ten et al. (2019, S. 29f.) die Klä­rung der Erwar­tungs­hal­tun­gen und Res­sour­cen­ein­sat­zes. Seckin­ger (2008, S. 9ff. in Mer­ten et al., 2019, S. 29f.) beschreibt dafür zehn Erfolgs­fak­to­ren, die als Vor­aus­set­zun­gen einen Koope­ra­ti­ons­pro­zess begüns­ti­gen kön­nen. Die Koope­ra­ti­ons­part­ner ent­wi­ckeln eine rea­lis­ti­sche Arbeits­pla­nung und nut­zen gemein­sam Model­le eige­ner Pro­blem­lö­sungs­sys­te­ma­ti­ken (1), die je ne nach Pro­fes­si­on oder auch Orga­ni­sa­ti­on bspw. vari­ie­ren kön­nen. Sie legen vor der eigent­li­chen Hand­lung die Art der Ergeb­nis­si­che­rung, die Form des Infor­ma­ti­ons­flus­ses fest (2) und schaf­fen ein Wis­sen über­ein­an­der bzw. gehen in den gegen­sei­ti­gen Aus­tausch (3). Sie berei­ten Ver­trau­ens­bil­dungs- und Bezie­hungs­klä­rungs­pro­zes­se vor (4), legen die Lauf­zeit der Koope­ra­ti­on fest und sor­gen in die­ser Zeit für per­so­nel­le Kon­ti­nui­tät (5). Dabei schaf­fen sie Rück­kopp­lungs­pro­zes­se, um Ergeb­nis­se in ihren Orga­ni­sa­tio­nen zu kom­mu­ni­zie­ren (6). In dop­pel­ter Ziel­kon­gru­enz wer­den die Ziel­per­spek­ti­ven geklärt und Dif­fe­ren­zen und mög­li­che Fol­gen the­ma­ti­siert und reflek­tiert (7/8). Für nega­ti­ve Kon­se­quen­zen für Drit­te über­neh­men die Part­ner die Ver­ant­wor­tung und beschrei­ben des­halb Zustän­dig­kei­ten (10). Die Koope­ra­ti­ons­be­zie­hung wird nach außen durch ein erkenn­ba­res Koope­ra­ti­ons­pro­fil iden­ti­fi­zier­bar und legi­tim (9). (vgl. Seckin­ger, 2008, S. 9ff. in Mer­ten et al., 2019, S. 29f.)

    Mer­ten et al. (2019, S. 32) pos­tu­lie­ren, dass „Maß­nah­men, die das gegen­sei­ti­ge Ver­trau­en und Ver­ständ­nis för­dern und reflek­tie­ren“ jeg­li­che Form der Koope­ra­ti­on opti­mie­ren kön­nen. Erfolgs­fak­to­ren sind nach Mer­ten et al. (2019, S. 31f.): die Klä­rung von Zweck und Inhalt der Koope­ra­ti­on, die Fest­le­gung von Zustän­dig­kei­ten, Ver­ant­wor­tungs­be­rei­chen in Pro­zess- und Auf­bau­mo­del­len, die Teil­nah­me von betei­lig­ten Akteu­re der jewei­li­gen Pro­blem­stel­lung, Gegen­sei­ti­ges Sich-ken­nen und Ver­trau­en, Fes­te Struk­tu­ren und Kon­ti­nui­tät, Nut­zen aus der Koope­ra­ti­on für die Partner:innen, zeit­li­che Res­sour­cen als zen­tra­ler Erfolgs­fak­tor und per­so­nen­be­zo­ge­ne Fak­to­ren, d.h. eine hohe Koope­ra­ti­ons­kom­pe­tenz sowie Kon­ti­nui­tät bei den betei­lig­ten Par­tei­en. Die Koope­ra­ti­ons­kom­pe­tenz lässt sich nach San­ten und Seckin­ger (2003 in Mer­ten et al., 2019, S. 30f.) durch acht Fak­to­ren auf der indi­vi­du­el­len Ebe­ne beschrei­ben, die im Fol­gen­den zitiert wer­den sol­len: „Koope­ra­ti­on erfor­dert die Bereit­schaft und Fähig­keit zur Koope­ra­ti­on[, d.h. Kom­pe­ten­zen, Anm. PK] wie Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit, Kon­flikt­fä­hig­keit und Ver­hand­lungs­kom­pe­tenz, Offen­heit, empa­thi­sches Ver­mö­gen und die dienst­recht­li­che Kom­pe­tenz der Orga­ni­sa­ti­on [wer­den für koope­ra­ti­ves Han­deln benö­tigt, Anm. PK]“ (sie­he San­ten und Seckin­ger, 2003 in Mer­ten et al., 2019, S. 30f.) (1). Koope­ra­ti­on ist ein damit ein hoch­gra­dig kom­mu­ni­ka­ti­ver Pro­zess der zwi­schen­mensch­li­chen Aus­hand­lung, in dem gemein­sa­me nutz­brin­gen­de und damit moti­vie­ren­de Zie­le defi­niert wer­den (2) und Infor­ma­tio­nen durch ein­zel­ne Vertreter:innen aus ihren Her­kunfts­or­ga­ni­sa­tio­nen wei­ter­trans­por­tiert (3) und Ergeb­nis­se durch sie in die­se zurück­ge­tra­gen wer­den (4). Sie benö­ti­gen dazu struk­tu­rel­le Wis­sen („Auf­trags­zie­le, Arbeits­wei­sen und Hand­lungs­mög­lich­kei­ten, inter­ne Orga­ni­sa­ti­ons- und Ablauf­struk­tu­ren, Per­so­nal­res­sour­cen, Hand­lungs­lo­gi­ken, Hand­lungs­grund­la­gen sowie Zustän­dig­kei­ten“ (sie­he San­ten und Seckin­ger, 2003 in Mer­ten et al., 2019, S. 30f.).) der jewei­li­gen Her­kunfts­or­ga­ni­sa­tio­nen (5) und eine grund­le­gen­de Basis des Ver­trau­ens und der Ver­läss­lich­keit, um den Infor­ma­ti­ons­aus­tausch gelin­gen zu las­sen (6). Dabei müs­sen Erwar­tun­gen, Zie­le und das jewei­li­ge Koope­ra­ti­ons­ver­ständ­nis vor­her geklärt wer­den, um poten­zi­el­le Bar­rie­ren prä­ven­tiv zu ver­hü­ten (7). Eben­so muss sich über den Ein­satz von „Res­sour­cen (Arbeits­zeit, Infor­ma­ti­ons­fluss, Eigen­stän­dig­keit sowie Finan­zen) und Ein­fluss­mög­lich­kei­ten (Kom­pe­ten­zen und Zustän­dig­kei­ten)“ (sie­he San­ten und Seckin­ger, 2003 in Mer­ten et al., 2019, S. 30f.) ver­stän­digt wer­den (8). (vgl. San­ten und Seckin­ger, 2003 in Mer­ten et al., 2019, S. 30f.)

    Koope­ra­ti­on lässt sich also als absichts­vol­le Zusam­men­ar­beit beschrei­ben, durch die gemein­sa­me Zie­le erreicht wer­den sol­len, um Abläu­fe, Fähig­kei­ten und Fer­tig­kei­ten für die Bear­bei­tung von sozia­len Pro­ble­men zu opti­mie­ren. Struk­tur­merk­ma­le und Hand­lungs­ma­xi­men der Koope­ra­ti­on sind Wer­te und Par­ti­zi­pa­ti­on, Pro­fes­si­on und Orga­ni­sa­ti­on, Wir­kung, Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät und Kom­mu­ni­ka­ti­on. Ins­be­son­de­re die Ziel­kom­mu­ni­ka­ti­on als zen­tra­ler Abstim­mungs­pro­zess einer gemein­sa­men Wir­kung hat in der Koope­ra­ti­on eine form­ge­ben­de Rol­le. Koope­ra­ti­on kann dabei auf drei Ebe­ne des Indi­vi­du­ums, der zwi­schen­mensch­li­chen Ebe­ne sowie inner­halb von Struk­tu­ren voll­zo­gen wer­den und ist wie­der­um von den Ein­flüs­sen der jewei­li­gen Ebe­ne cha­rak­te­ri­siert. Als grund­le­gen­de Vor­aus­set­zung für Koope­ra­ti­on wird die Klä­rung der Erwar­tungs­hal­tun­gen und des Res­sour­cen­ein­satz pos­tu­liert. Maß­nah­men, die für so einen kom­mu­ni­ka­ti­ven Pro­zess also Ver­trau­en und Ver­ständ­nis för­dern wol­len, sind wich­ti­ge Erfolgs­fak­to­ren für eine gelin­gen­de Koope­ra­ti­on. Eben­so gehö­ren dazu die Klä­rung von Zweck und Inhalt sowie Zustän­dig­kei­ten inner­halb der Koope­ra­ti­on, die Aus­wahl der betei­lig­ten Per­so­nen an der Pro­blem­stel­lung, Pro­zes­se des gegen­sei­ti­gen Ver­trau­ens und Ver­ständ­nis­ses von­ein­an­der, fes­te und kon­ti­nu­ier­li­che Struk­tu­ren, Nut­zen für die Koope­ra­ti­ons­par­tei­en sowie zeit­li­che Res­sour­cen und per­so­nel­le Kon­ti­nui­tät und Kooperationskompetenzen.

    Auf­grund der theo­re­tisch begrün­de­ten struk­tu­rel­len Ziel­kon­flik­te in Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen zwi­schen dem Pro­duk­ti­ons­auf­trag und dem Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­trag wur­de eine Ein­füh­rung in sozia­le Kon­flik­te vor­ge­nom­men und gezeigt, wie die­se bewäl­tigt wer­den kön­nen. Koope­ra­ti­on erwies sich dabei als erfolg­rei­che Kon­flikt­be­wäl­ti­gungs­stra­te­gie, die Gewin­ne bei bei­den Kon­flikt­par­tei­en ermög­licht und so Syn­er­gie­ef­fek­te frei­set­zen kann. Koope­ra­ti­on als inten­dier­te Zusam­men­ar­beit bün­delt also die Kräf­te der betei­lig­ten Par­tei­en, um zusam­men ein gemein­sa­mes Ziel zu errei­chen. Durch die Aus­ein­an­der­set­zung mit den Leit­prin­zi­pi­en sowie For­men und Ebe­nen der Koope­ra­ti­on konn­te schließ­lich in Vor­aus­set­zun­gen und Erfolgs­fak­to­ren samt Koope­ra­ti­ons­kom­pe­tenz über­führt wer­den, die ent­schei­dend zum Gelin­gen von Koope­ra­ti­on bei­tra­gen kön­nen. Im Fol­gen­den wird des­halb ein Unter­su­chungs­in­stru­ment für die Erfas­sung der vor­herr­schen­den Zusam­men­ar­beit in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen mit den betei­lig­ten Akteu­ren ent­wor­fen. Beson­de­res Gewicht wer­den hier­bei per­sön­li­che Erleb­nis­se und Erfah­run­gen aus der jewei­li­gen Akteurs­per­spek­ti­ve sein, um Hand­lungs­mus­ter und die ihnen zugrun­de­le­gen­den Begrün­dungs­zu­sam­men­hän­ge auf­zu­schlüs­seln, sodass sich durch die­se Unter­su­chung nicht nur die gegen­sei­ti­ge Wahr­neh­mung beschrei­ben lässt, son­dern auch wel­ches Ver­ständ­nis von Koope­ra­ti­on bei den betei­lig­ten Akteu­ren vorliegt.

    4. Selbst­re­fle­xi­on von Koope­ra­ti­ons­pro­zes­sen – eine epi­so­dische Interviewstudie

    Bis­her wur­de theo­re­tisch in die For­schungs­si­tua­ti­on ein­ge­führt und geklärt, wel­che struk­tu­rel­le Pro­blem­si­tua­ti­on in Werk­stät­ten für Men­schen mit Behin­de­run­gen vor­liegt. In der exem­pla­risch dar­ge­leg­ten Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen wird der Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zess durch zwei Grup­pen von FAB umge­setzt. Den Grup­pen­lei­tun­gen vor Ort und den ambu­lan­ten Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen zwi­schen Werk­statt und Betrieb. Zwei Akteurs­grup­pen, die unter­schied­li­che Zie­le ver­fol­gen und sich auf den ent­ge­gen­ge­setz­ten Sei­ten der Kon­flikt­li­nie in WfbM befin­den, sol­len also zusam­men den struk­tu­rell benach­tei­lig­ten Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zess umset­zen. Die­se Arbeit möch­te die­se Situa­tio­nen der Zusam­men­ar­beit beleuch­ten und dabei die sub­jek­ti­ven Bedeu­tungs­ge­bun­gen der bei­den Akteurs­grup­pen erfas­sen, sodass sich schließ­lich die vor­herr­schen­den Koope­ra­ti­ons­ver­ständ­nis­se eben­so wie die gegen­sei­ti­gen Wahr­neh­mun­gen in der Zusam­men­ar­beit ver­glei­chen las­sen. Dafür wird erläu­tert, war­um gera­de ein epi­so­di­sches Inter­view eine geeig­ne­te Metho­de für die Erfas­sung des Koope­ra­ti­ons­ver­hal­tens ist. Anschlie­ßend wird das For­schungs­mo­dell und ‑design anhand des Unter­su­chungs­in­stru­men­tes sowie die Daten­do­ku­men­ta­ti­on vorgestellt.

    4.1 Das epi­so­dische Inter­view zur Erfas­sung von Erfahrungswissen

    Die qua­li­ta­ti­ve Sozi­al­for­schung möch­te den Sinn sozia­ler Wirk­lich­keit ver­ste­hen. Dabei ist es egal ob ein oder meh­re­re Fäl­le vor­lie­gen. Der i.d.R. offe­ne und fle­xi­ble Ablauf ermög­licht eine Feld­for­schung, die in der Lage ist, sub­jek­ti­ve Sicht­wei­sen zu erfas­sen. Die­se Arbeit hat das Ziel, die Bedarfs­la­ge bei Fach­kräf­ten einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen zu erfas­sen. Da auch die­se Arbeit damit sub­jek­ti­ve Sicht­wei­sen erfas­sen möch­te, wer­den qua­li­ta­ti­ve Metho­den für das For­schungs­vor­ha­ben aus­ge­wählt. Dabei wer­den ins­be­son­de­re Befra­gun­gen in Form von Inter­views die Metho­den der Wahl sein, da der Fokus auf der Wahr­neh­mung von mensch­li­chem Ver­hal­ten in der Pra­xis bzw. im Feld liegt und die the­ma­ti­sier­te Rück­kehr von bMA teils schon eini­ge Zeit zurück lie­gen kann (vgl. Attes­lan­der et al., 2010; vgl. Häder, 2019; vgl. Hug & Posche­sch­nik, 2020). 

    Auch wenn die Metho­de der Befra­gung ein ers­ter Schritt zur Kon­kre­ti­sie­rung des For­schungs­de­signs ist, so stellt sich bei der Viel­zahl an Inter­view­for­men die Fra­ge, wel­che Inter­view­form für die geplan­te Erhe­bung am geeig­nets­ten erscheint (vgl. Hug & Posche­sch­nik, 2020, S. 127–132; vgl. Mey & Mruck, 2020). Für die Beant­wor­tung der Fra­ge­stel­lung liegt der Fokus auf dem Erfah­rungs­wis­sen von Fach­kräf­ten über eine bestimm­te Hand­lungs­si­tua­ti­on und wie sie sich und ihre Kolleg:innen in die­ser Situa­ti­on der Zusam­men­ar­beit wahr­neh­men. Bogner et al. (2014, S. 18f.) spre­chen in die­sem Fall von Pro­zess­wis­sen und Deu­tungs­wis­sen. Es geht auf der einen Sei­te um die Ein­sicht in den Ablauf der Zusam­men­ar­beit und auf der ande­ren Sei­te um die sub­jek­ti­ven Sicht­wei­sen und Deu­tun­gen der Fach­kräf­te über die Situa­ti­on der Zusam­men­ar­beit. Der For­schungs­fo­kus bezieht sich auf eine noch unbe­kann­te und kom­ple­xe Situa­ti­on. Am Ende der Unter­su­chung soll ein schär­fe­res Pro­blem­be­wusst­sein für die­se Situa­ti­on vor­lie­gen. In die­sem Fall wird von einem explo­ra­ti­ven Inter­view gespro­chen, das zur Erschlie­ßung des For­schungs­fel­des genutzt wer­den kann (vgl. Bogner et al., 2014b, S. 23 f.).

    Dem­nach muss ein ent­spre­chen­des qua­li­ta­ti­ves Inter­view wie folgt cha­rak­te­ri­siert sein: Ein­zel­in­ter­views mit ermit­teln­der Inten­ti­on und halb-struk­tu­rier­ter Stan­dar­di­sie­rung, um gleich­sam offen für die unter­schied­li­chen Erfah­run­gen der Fach­kräf­te zu sein. Auch ist hier­bei eine münd­li­che Befra­gung in einer face-to-face-Situa­ti­on mit wei­chen Fra­gen erfor­der­lich, um die Offen­heit wei­ter zu unter­stüt­zen, indem eine ver­trau­ens­vol­le Atmo­sphä­re geschaf­fen wer­den kann, aber auch um den Ein­fluss durch das Fra­gen auf die All­tags­er­zäh­lun­gen mög­lichst zu mini­mie­ren. (vgl. Lam­nek & Krell, 2010, S. 302–314)

    Das epi­so­dische Inter­view nach Flick (2011) stellt ein geeig­ne­tes Unter­su­chungs­in­stru­ment für das Vor­ha­ben die­ser Arbeit dar, da es (halb-)offene Fra­gen zur Erhe­bung von Deu­tungs­wis­sen mit Erzähl­an­läs­sen zur Erhe­bung von sub­jek­ti­ven Erfah­run­gen oder Pro­zes­sen ver­eint (vgl. Flick, 2011, S. 273). Zwei Wis­sens­for­men las­sen sich also mit die­ser Metho­de erfas­sen: nar­ra­tiv-epi­so­di­sches Wis­sen, das aus der All­tags­er­fah­rung und dazu­ge­hö­ri­gen Erin­ne­run­gen besteht, womit Situa­tio­nen und ihre Abläu­fe dar­ge­stellt wer­den, sowie seman­ti­sches Wis­sen, das Wis­sen beinhal­tet, dass aus den Erfah­run­gen abge­lei­tet wird. Dies kön­nen „Gene­ra­li­sie­run­gen, Abs­trak­tio­nen und gesetz­te Zusammenhänge“(siehe Lam­nek & Krell, 2010, S. 343f.), indem Begrif­fe benannt und anschlie­ßend in eine Bezie­hung gesetzt wer­den. Der Fokus im epi­so­dischen Inter­view­liegt damit auf Erfah­run­gen. Die befrag­ten ent­schei­den dabei selbst, was sie beschrei­ben oder erzäh­len wol­len. Die Kon­tex­te des Arbeits­all­ta­ges wer­den als Erzäh­lung for­mu­liert und durch Begrif­fe und Regeln argu­men­tiert. (vgl. Lam­nek & Krell, 2010, S. 343f.)

    Dem epi­so­dischen Inter­view liegt ein Leit­fa­den zugrun­de, die­ser stellt dabei genau­so Struk­tur- wie auch Hilfs­mit­tel für die Inter­view­si­tua­ti­on dar. Je nach The­ma vari­iert des­halb nicht nur der Grad der Struk­tur, son­dern auch die Form des Leit­fa­dens. Der Leit­fa­den ist redu­ziert aus­ge­drückt ein Mit­tel, um gezielt Erzähl­auf­for­de­run­gen in das Gespräch zu geben (vgl. Helf­fe­rich, 2019, S. 675 f.). Es soll­te dar­auf geach­tet wer­den, dass Erzähl­sti­mu­li zu bestimm­ten Situa­tio­nen die Anzahl der Nach­fra­gen über­wie­gen (vgl. Flick, 2011, S. 275). Lam­nek & Krell (vgl. 2010, S. 344) cha­rak­te­ri­sie­ren das Nach­fra­gen durch die Anre­gung der Fan­ta­sie und fokus­sier­tem Fra­gen „nach sub­jek­ti­ven Defi­ni­tio­nen oder abs­trak­ten Zusam­men­hän­gen“. Im Fol­gen­den wird der Leit­fa­den vor­ge­stellt, der mit­hil­fe von Fra­gen­kom­ple­xen, die sich am For­schungs­stand ori­en­tie­ren, vor­struk­tu­riert wurde.

    4.2 Vor­stel­lung des Untersuchungsinstrumentes

    Ziel die­ser Unter­su­chung ist ein erwei­ter­tes Ver­ständ­nis der Zusam­men­ar­beit im Über­gang auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt. Die­ser Über­gang wird im spe­zi­el­len von den Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen in Zusam­men­ar­beit mit den Grup­pen­lei­tun­gen und dem Sozi­al­dienst aus­ge­stal­tet. Für ein bes­se­res Ver­ständ­nis von Koope­ra­ti­ons­pro­zes­sen ist zu klä­ren, wel­che gegen­sei­ti­gen Erwar­tungs­hal­tun­gen vor­lie­gen und wel­che Res­sour­cen ein­ge­setzt werden.

    Dafür soll die TZI nach Ruth Cohn (sie­he Beh­nisch et al., 2013, S. 86–102) als Grund­le­gen­de Struk­tur reflek­tie­ren­den Den­kens für das Unter­su­chungs­in­stru­ment genutzt wer­den. In der Spra­che der TZI wird damit die Zusam­men­ar­beit als situa­ti­ver For­schungs­kon­text zum ES der per­sön­li­chen Hand­lungs­re­fle­xi­on gemacht. Die indi­vi­du­el­le Eben der Koope­ra­ti­on kommt damit dem ICH in der TZI gleich. Kon­kre­te Erleb­nis­se und Erfah­run­gen der Koope­ra­ti­on mit den jewei­li­gen Kolleg:inen wer­den somit unter dem Fokus des WIR the­ma­ti­siert, da hier ins­be­son­de­re die Unter­schei­dung von eige­nen Antei­len und der Sicht auf die ande­re Akteurs­grup­pe ermög­licht wird. In Ver­bin­dung damit kön­nen bspw. Erwar­tungs­hal­tun­gen an in die Zusam­men­ar­beit the­ma­ti­siert wer­den und im fol­gen­den Schritt kann sich auf die struk­tu­rel­le Ebe­ne fokus­siert wer­den. Die struk­tu­rel­le Ebe­ne der Zusam­men­ar­beit wird damit dem GLOBE gleich­ge­setzt und wird defi­niert durch „das unmit­tel­ba­re Umfeld einer Arbeits­grup­pe, den insti­tu­tio­nel­len Rah­men, in dem Inter­ak­tio­nen statt­fin­den“ (sie­he Beh­nisch et al., 2013, S. 93). Aber auch „[der aktu­el­le sozia­le, poli­ti­sche und öko­no­mi­sche] Hin­ter­grund sowie z.B. his­to­ri­sche Zusam­men­hän­ge“ (sie­he Beh­nisch et al., 2013, S. 93) kön­nen so berück­sich­tigt wer­de. Die­se Zusam­men­hän­ge wir­ken immer auch auf das Indi­vi­du­um, das ICH, die Situa­ti­on der Zusam­men­ar­beit mit den Kolleg:innen, das WIR, sowie den Über­gang auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt, das ES, zurück (sie­he Beh­nisch et al., 2013, S. 91ff.).

    Im Fol­gen­den wird der Leit­fa­den und sei­ne inhalt­li­che Kon­struk­ti­on vor­ge­stellt. Um im ers­ten For­schungs­kom­plex die eige­ne Arbeits­si­tua­ti­on, das ICH im Zusam­men­hang mit dem ES, als Aus­gangs­punkt der Erzäh­lung zu fas­sen, ist das Wis­sen über die Situa­ti­on in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen also um die Aus­gangs­la­ge ent­schei­dend. In einem epi­so­dischen Inter­view, dass pri­mär eine freie Erzäh­lung ermög­li­chen soll, kön­nen des­halb Aspek­te des Per­so­nen­krei­ses von Men­schen mit Behin­de­run­gen deren sozia­le und indi­vi­du­el­le Bedarfs­la­gen oder auch deren Bio­gra­fien und Beein­träch­ti­gungs­bil­der eine Rol­le spie­len. Eben­so kön­nen die Werk­stät­ten für Men­schen mit Behin­de­run­gen selbst in den Fokus der Erzäh­lung gera­ten, da sie die all­täg­li­chen Arbeits­ver­hält­nis­se aus­ge­stal­ten. Dar­un­ter fal­len auch die jewei­li­gen insti­tu­tio­nel­len und orga­ni­sa­tio­na­len Auf­trä­ge sowie gesetz­li­che Grund­la­gen, die sich struk­tu­rie­rend auf die Arbeit der Befrag­ten aus­wir­ken. Ins­be­son­de­re für die indi­vi­du­el­le Ebe­ne der Koope­ra­ti­on sind Per­sön­lich­keits­merk­ma­le, Wert­hal­tun­gen, Ein­stel­lun­gen und Ver­trau­en bedeu­ten­de Ein­fluss­fak­to­ren. Die Befrag­ten wer­den des­halb über ihren per­sön­li­chen beruf­li­chen Wer­de­gang befragt, um einen Ein­stieg in die eige­ne aktu­el­le beruf­li­che Situa­ti­on zu ermög­li­chen. Die­ser Arbeits­all­tag ist des­halb zen­tra­ler Aspekt des ers­ten Erzähl­im­pul­ses „Wie sieht denn so dein Arbeits­all­tag aus?“. Hier­durch kön­nend die Inter­view­ten frei aus ihrem all­täg­li­chen Erle­ben berich­ten und auch schon auf Koope­ra­ti­ons­er­eig­nis­se ein­ge­hen, soll­ten die­se ihnen begeg­ne. Als Nach­fra­gen zur Erzäh­lung über den Arbeits­all­tag wird nach ande­ren Men­schen gefragt, mit denen man zusam­men­ar­bei­te oder auch wel­che Auf­ga­ben die Per­son im All­tag aus­führt. Die Fan­ta­sie kann hier­bei durch Fra­gen wie „Was fällt dir leicht? Was fällt dir eher schwer?“ ange­regt wer­den. Ins­be­son­de­re die Auf­for­de­rung nach Bei­spie­len und „Was ist dir wich­tig als GL?“ ermög­licht es, sub­jek­ti­ve Defi­ni­tio­nen und abs­trak­te Zusam­men­hän­ge zu erfahren.

    Im zwei­ten For­schungs­kom­plex, der Koope­ra­ti­on im Über­gang, was dem WIR im Zusam­men­hang mit dem ES gleich­kommt, besteht ein grund­le­gen­der Ziel­kon­flikt in WfbM zwi­schen dem Pro­duk­ti­ons- und Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­trag. Des­halb sind hier­zu Kon­flikt­be­wäl­ti­gungs­stra­te­gien eine bedeu­ten­de Grund­la­ge, da die Koope­ra­ti­on im Über­gang schon vor dem eigent­li­chen Ereig­nis der inter­per­so­nel­len Zusam­men­ar­beit durch die­sen Kon­flikt struk­tu­rell beein­träch­tigt wird. Die Befrag­ten kön­nen in die­sem Kon­text auf Gelin­gens­be­din­gun­gen für Koope­ra­ti­on ein­ge­hen, indem sie ihre aktu­el­le Situa­ti­on zu ihren indi­vi­du­el­len Wün­schen kon­tras­tie­ren. Eben­so wer­den zwi­schen­mensch­li­che Abstim­mungs­pro­zes­se und Ver­trau­en als Teil der Inter­per­so­nel­len Ebe­ne von Koope­ra­ti­on eine Part in den Erzäh­lun­gen spie­len. Mit dem Impuls „Mir geht es um die Fra­ge der Zusam­men­ar­beit. Wie sieht denn die­se Zusam­men­ar­beit in dei­nem All­tag aus?“ wird der Erzähl­fo­kus auf erleb­te Koope­ra­ti­ons­er­eig­nis­se gelenkt. Auch hier­bei wer­den gezielt Nach­fra­gen zur Auf­recht­erhal­tung des Erzähl­flus­ses genutzt, d.h. „Was gelingt gut? Was ist eher schwie­rig? Wie erlebst du die­se? Was ist dei­ner Mei­nung nach wich­tig für die Zusam­men­ar­beit?“, um die Fan­ta­sie anzu­re­gen, indem die befrag­te Per­son noch ein­mal mit einer ande­ren Per­spek­ti­ve auf die Zusam­men­ar­beit bli­cken muss. Soll­te die befrag­te Per­son den Fokus nicht auf die Zusam­men­ar­beit mit den Kolleg:innen im Über­gang legen, besteht hier am Ende der Erzäh­lung noch ein­mal die Mög­lich­keit einer ande­ren Fra­ge, d.h. „Was ist dei­ner Erfah­rung nach von Bedeu­tung für eine kol­le­gia­le Zusam­men­ar­beit im Über­gang aus einer Werk­statt?“. Auch dar­an könn­ten sie oben genann­te Nach­fra­gen anschlie­ßen las­sen, um dem oder der Erzäh­len­den die Mög­lich­keit zu geben, mög­lichst alle Facet­ten der Situa­ti­on zu erzäh­len. Ins­be­son­de­re die Fra­ge nach Ein­stel­lungs­kri­te­ri­en für die eige­ne Stel­le unter der Berück­sich­ti­gung einer Zusam­men­ar­beit im Über­gang stellt noch ein­mal eine ande­re Per­spek­ti­ve für die Befrag­ten dar, sodass sie eine meta-per­so­nel­le Eben ein­neh­men können.

    Im drit­ten For­schungs­kom­plex, den struk­tu­rel­len Gege­ben­hei­ten, also dem GLOBE im Kon­text des ES, geht es maß­geb­lich um die struk­tu­rel­le Ebe­ne der Koope­ra­ti­on, d.h. es kön­nen die Unter­neh­mens­kul­tur, Füh­rungs­kräf­te, die Arbeits­ge­stal­tung und die gemein­sa­me Ziel­er­rei­chung sowie Gesell­schaft und Kul­tur in den Fokus genom­men wer­den, wes­halb der erzähl­ge­ben­de Impuls in die­sem Fall nach dem fragt, was erfah­rungs­ge­mäß die Zusam­men­ar­beit beein­flusst. Einen ande­ren Zugang zu einer Erzäh­lung bie­tet die Fra­ge nach Rah­men­be­din­gun­gen für die Zusam­men­ar­beit? Da die­ser letz­te Impuls sehr offen ist und vie­le unter­schied­li­che Rich­tun­gen gehen kann, soll mit einer Wunsch­fra­ge eine kon­klu­die­ren­de Erzäh­lung ermög­licht wer­den, d.h. Aspek­te in der Zusam­men­ar­beit, die für die erzäh­len­de Per­son von Zukunfts­be­deu­tung für die eige­ne Arbeit im Über­gang haben, wer­den hier in den Fokus genom­men. Das Inter­view endet mit einer abschlie­ßen­den Fra­ge, die die befrag­te Per­son auf das Ende der Erzäh­lung ein­stimmt und sie noch ein­mal bit­tet über ihre bis­he­ri­ge Erzäh­lung nach­zu­den­ken, um dabei mög­li­che feh­len­de oder noch nicht erzähl­te Aspek­te in den Fokus zu neh­men. Im Wei­te­ren wird die Aus­wahl der Befrag­ten und der erfolg­te Kon­takt­ab­lauf sowie das genutz­te Tran­skrip­ti­ons­sys­tem für die Ver­schrift­li­chung der Inter­views darstellt.

    4.3 Doku­men­ta­ti­on der Datensammlung

    Zu den Befrag­ten die­ser Inter­viewstu­die gehö­ren die Grup­pen­lei­tun­gen in Werk­stät­ten sowie die Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen, aber auch Mitarbeiter:innen aus dem Sozi­al­dienst, da sie eine koor­di­nie­ren­de Auf­ga­be im Ein­glie­de­rungs­pro­zess über­neh­men. Grup­pen­lei­tun­gen sind die Bezugsmitarbeiter:innen, die täg­lich mit den bMA zusam­men­ar­bei­ten und sie auch teils schon seit vie­len Jah­ren ken­nen. Es hat sich eine Bezie­hung zwi­schen Grup­pen­lei­tung und bMA auf­ge­baut. Die Grup­pen­lei­tun­gen sind dar­über hin­aus auch struk­tu­rell ver­ant­wort­lich für die Umset­zung der geplan­ten päd­ago­gi­schen Maß­nah­men und wer­den auch im HMB-T-Ver­fah­ren für die Rekon­struk­ti­on her­an­ge­zo­gen, das wie­der­um in der Ver­ant­wor­tung der Sozi­al­diens­te liegt und für die Erfas­sung der Res­sour­cen und Unter­stüt­zungs­be­dar­fe genutzt wird (vgl. Lebens­hil­fe Nie­der­sach­sen e.V., 2015; vgl. Nie­der­säch­si­sches Lan­des­amt für Sozia­les Jugend und Fami­lie, 2016). Die Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen sind in einer aus­ge­la­ger­ten Abtei­lung nage­sie­delt und betreu­en Beschäf­tig­te mit einem Ver­mitt­lungs­wunsch. Sie kom­men für die­sen Pro­zess der Beglei­tung und Betreu­ung auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt in die Stand­or­te und arbei­ten dort bis zur kon­kre­ten beruf­li­chen Erpro­bung in Betrie­ben mit den bMA zusam­men, um sie bei der Bewäl­ti­gung des Über­gangs zu unter­stüt­zen. Somit wer­den in die­ser Unter­su­chung drei Grup­pen von Akteu­ren befragt. Die Grup­pen­lei­tun­gen und Sozi­al­diens­te, die am Werk­statt­stand­ort sit­zen, sowie die Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen, die den Über­gang ambu­lant betreuen.

    Der Kon­takt zu den Grup­pen­lei­tun­gen, Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen und Sozi­al­diens­ten wur­de per­sön­lich und unter­stützt durch ein Anschrei­ben zusam­men mit der Daten­schutz­er­klä­rung auf­ge­baut. An die­ser Befra­gung haben sechs Mitarbeiter:innen aus einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen teil­ge­nom­men. Dazu gehö­ren zwei MA aus dem Sozi­al­dienst, zwei MA aus dem Grup­pen­dienst einer Werk­statt sowie zwei Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen aus der Arbeits­ver­mitt­lung. Eine Blan­ko­ver­si­on des Anschrei­bens mit der bei­lie­gen­den Daten­schutz­er­klä­rung liegt dem Anhang bei. Von den Inter­views wur­de eine Audio­auf­zeich­nung ange­fer­tigt, was wäh­rend der Durch­füh­rung eine schrift­li­che Doku­men­ta­ti­on erüb­rigt und damit dem Inter­view­er mehr Kon­zen­tra­ti­on auf den Gesprächs­ver­lauf ermög­licht (vgl. Bogner et al., 2014a, S. 39 ff.; vgl. Kuckartz, 2018, S. 165).

    Die Tran­skrip­ti­on der Audio­auf­zeich­nun­gen erfolgt mit dem Tran­skrip­ti­ons­sys­tem nach Jef­fer­son (1984). Die Tran­skrip­te wer­den ent­spre­chend der Daten­schutz­er­klä­rung anony­mi­siert indem alle Daten, die zur Iden­ti­fi­ka­ti­on der Per­son füh­ren könn­ten aus dem Inter­view ver­än­dert oder ent­fernt wer­den. Das Sys­tem nach Jef­fer­son bie­tet die Mög­lich­keit die Aus­sa­gen zu qua­li­fi­zie­ren, indem bspw. Über­lap­pun­gen, Pau­sen und Unter­bre­chun­gen kennt­lich gemacht wer­den kön­nen. Genau­so wie auch Into­na­tio­nen und Modu­la­tio­nen der Spra­che in Geschwin­dig­keit und Laut­stär­ke. Auch beson­de­re Äuße­run­gen und Geräu­sche kön­nen dar­ge­stellt wer­den. Dazu gehö­ren bspw. auch Atem­ge­räu­sche, unkla­re Äuße­run­gen oder auch non-ver­ba­le Akti­vi­tä­ten. (vgl Kuckartz, 2018, S. 166–171)

    Das vor­lie­gen­de Unter­su­chungs­vor­ha­ben ver­sucht sub­jek­ti­ve Erfah­run­gen und Erleb­nis­se für ein erwei­ter­tes Ver­ständ­nis der Koope­ra­ti­ons­si­tua­ti­on im Über­gang auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt zu erfas­sen. Die­ser kon­kre­te Situa­ti­ons­be­zug und die Bedeu­tung der unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven auf­ein­an­der sowie die Struk­tur pro­fes­sio­nel­ler Koope­ra­ti­on erfor­dern die Nut­zung eines epi­so­dischen Inter­views, wel­ches gleich­sam die Mög­lich­keit zur freu­en Erzäh­lung wie auch für geziel­te Nach­fra­gen bie­tet, um sub­jek­ti­ve Defi­ni­tio­nen und Zusam­men­hän­ge zu erfas­sen. Sechs Mit­ar­bei­ten­de aus einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen wur­den mit einem For­schungs­in­stru­ment befragt, dass sich in sei­ner grund­le­gen­den Struk­tur an der TZI ori­en­tiert und so drei fokus­sier­te Erzäh­lun­gen ermög­licht, die sich um die Wahr­neh­mung der eige­nen Arbeits­si­tua­ti­on, die Situa­ti­on in der Zusam­men­ar­beit mit den Kolleg:innen im Über­gang sowie struk­tu­rel­le Ein­fluss­fak­to­ren auf die eige­ne Arbeit und die Zusam­men­ar­beit dre­hen. Im Fol­gen­den wer­den die tran­skri­bier­ten Inter­views ausgewertet.

    5. Aus­wer­tung der geführ­ten epi­so­dischen Inter­views anhand des zir­ku­lä­ren Dekonstruierens

    In die­sem Kapi­tel wird die Aus­wer­tung der geführ­ten Inter­views erfol­gen. Dazu wird sich an der Theo­rie des zir­ku­lä­ren Dekon­stru­ie­rens ori­en­tiert. Im Rah­men der Vor­stel­lung der Ein­zel­in­ter­views wer­den die befrag­ten Per­so­nen vor­ge­stellt, die Inter­views inhalt­lich zusam­men­ge­fasst sowie para­phra­siert. Zudem wer­den die zen­tra­len Ergeb­nis­se der ein­zel­nen Inter­views vor­ge­stellt, um abschlie­ßend die Ergeb­nis­se in einer ver­glei­chen­den Zusam­men­fas­sung, der Syn­op­sis darzustellen.

    5.1 Theo­rie des zir­ku­lä­ren Dekonstruierens

    Zur inter­pre­ta­ti­ven Aus­wer­tung von qua­li­ta­tiv erho­be­nen Daten wur­de die Metho­de des zir­ku­lä­ren Dekon­stru­ie­rens nach Jaeg­gi et al. (1998) her­an­ge­zo­gen. Die Beson­der­heit bei der Arbeit mit die­ser Metho­de steckt bereits im Namen: Aus­ge­hend vom Tran­skript wird sich „in krea­ti­ven Gedan­ken­schlei­fen intui­ti­ons- und theo­rie­ge­lei­tet” (vgl. Jaeg­gi et al., 1998, S. 5f.) um das Aus­gangs­ma­te­ri­al bewegt. Dabei kommt es zu mehr­fa­chen Per­spek­ti­ven­wech­seln auf­grund einer zir­ku­lä­ren und rekur­si­ven Dekon­struk­ti­on des Aus­gangs­tex­tes. Durch das anschlie­ßen­de Zusam­men­set­zen, wer­den „impli­zi­te Sinn­ge­hal­te sicht­bar” (sie­he Jaeg­gi et al., 1998, S. 5) und es kön­nen neu­ar­ti­ge Erkennt­nis­se und Theo­rie­bau­stei­ne zum For­schungs­ge­gen­stand gewon­nen wer­den. Die Metho­de glie­dert sich in zwei Aus­wer­tungs­pha­sen. Die ers­te Aus­wer­tungs­pha­se besteht aus sechs Schrit­ten, wel­che eine schnel­le und prak­ti­ka­ble Aus­wer­tung ermög­li­chen sol­len und im Fol­gen­den erläu­tert werden.

    Im ers­ten Schritt, der For­mu­lie­rung eines Mot­tos, soll ein zusam­men­fas­sen­der prä­gnan­ter Satz gefun­den wer­den, um die emo­tio­na­le Arbeit mit dem Tran­skript zu erleich­tern (sie­he Jaeg­gi et al., 1998, S. 7). Der zwei­te Schritt ent­hält die zusam­men­fas­sen­de Nach­er­zäh­lung, in wel­cher wesent­li­che Infor­ma­tio­nen zusam­men­ge­fasst und ers­te Inter­pre­ta­ti­ons­schwer­punk­te gesetzt wer­den, wodurch der Text über­sicht­lich gestrafft wird (vgl. ebd., S. 8). Im drit­ten Schritt muss eine Stich­wort­lis­te auf Grund­la­ge der zusam­men­fas­sen­den Nach­er­zäh­lung erstellt wer­den: „Alle auf­fäl­li­gen, gehalt­vol­len Wor­te oder Begrif­fe des Tex­tes wer­den chro­no­lo­gisch hin­ter­ein­an­der auf­ge­lis­tet” (sie­he Jaeg­gi et al., 1998, S. 9). Ziel ist es, den Text wei­ter zu kür­zen und einen ers­ten Zugang zur Struk­tu­rie­rung zu erlan­gen (vgl. Jaeg­gi et al., 1998, S. 9). Im nächs­ten Schritt steht der The­men­ka­ta­log zen­tral. Hier sol­len durch das Fin­den von Ober­be­grif­fen für ähn­li­che oder über­ein­stim­men­de Äuße­run­gen, aus der Stich­wort­lis­te ange­spro­che­ne The­men­kom­ple­xe ent­nom­men und trenn­scharf gemacht wer­den. Dadurch wird die wei­te­re Aus­wer­tung noch wei­ter vor­struk­tu­riert (vgl. Jaeg­gi et al., 1998, S. 9f.). Hier kommt bereits der theo­re­ti­sche For­schungs­stand zu Kon­flik­ten und Koope­ra­ti­on sowie sub­jek­ti­ve Ein­schät­zun­gen des Aus­wer­ten­den aus sei­nem beruf­li­chen All­tag zum Tra­gen (vgl. Jaeg­gi et al., 1998, S. 10).

    Die Para­phra­sie­rung (Schritt 5) nimmt die inhalt­li­chen Aspek­te des Inter­views vor dem Hin­ter­grund der gebil­de­ten und vor­struk­tu­rier­ten The­men in den Blick. The­men kön­nen zu Ober­the­men zusam­men­ge­fasst wer­den, ein­zel­ne The­men kön­nen wei­ter aus­for­mu­liert wer­den oder in den Hin­ter­grund gera­ten (vgl. Jaeg­gi et al., 1998, S. 12). Ziel ist es, den sechs­ten Schritt, die inter­view­spe­zi­fi­sche Kate­go­rien­bil­dung, vor­zu­be­rei­ten. Die Kate­go­rien­bil­dung erfolgt somit auf Grund­la­ge der fünf vor­an­ge­gan­ge­nen Schrit­te. Die Autoren for­mu­lie­ren fol­gen­des Ziel des sechs­ten Schrit­tes: „Die zen­tra­len Kate­go­rien die­nen […, Anm. PK] dem Ver­gleich­bar­ma­chen ver­schie­de­ner Inter­views“ (sie­he Jaeg­gi et al., 1998, S. 14).

    In der zwei­ten Aus­wer­tungs­pha­se schließt sich der kon­tras­tie­ren­de, sys­te­ma­ti­sche Ver­gleich an. Im ers­ten Schritt, der Syn­op­sis, wer­den Häu­fun­gen im Ver­gleich der zen­tra­len Kate­go­rien sicht­bar gemacht, wel­che Grund­la­ge für Schritt zwei, die Ver­dich­tung, bil­det. Hier wird aus der Gesamt­heit der inter­view­spe­zi­fi­schen zen­tra­len Kate­go­rien ein inter­view­über­grei­fen­der Kate­go­rien­ka­ta­log gebil­det, wel­cher die sub­jek­ti­ven Inter­pre­ta­ti­ons­leis­tun­gen des Aus­wer­ten­den und Rück­griff auf das Aus­gangs­ma­te­ri­al wider­spie­gelt (vgl. Jaeg­gi et al., 1998, S. 15).

    Der letz­te Schritt ist die kom­pa­ra­ti­ve Para­phra­sie­rung. Hier wer­den vor dem Hin­ter­grund der gebil­de­ten inter­view­über­grei­fen­den Kate­go­rien kon­tras­ti­ve Ver­glei­che zum Bei­spiel hin­sicht­lich erleb­ter Zusam­men­ar­beit in den jewei­li­gen Berei­chen oder der eige­nen Ansprü­che ange­stellt. So wer­den sich neue Erkennt­nis­se auf einer Meta-Ebe­ne in Bezug auf den For­schungs­ge­gen­stand erhofft (vgl. Jaeg­gi et al., 1998, S. 16f.).

    5. 2 Vor­stel­lung der Einzelinterviews

    Es erfolgt eine Vor­stel­lung der befrag­ten Per­son sowie eine Zusam­men­fas­sung des Inter­views, um ein ers­tes Ver­ständ­nis von die­sen zu bekom­men. Anschlie­ßend wer­den die ein­zel­nen Inter­views para­phra­siert und bedeut­sa­me Ergeb­nis­se im Zusam­men­hang mit dem Mot­to dargestellt.

    5.2.1 Inter­view 01 – Sozialdienst

    Mot­to: „Die per­sön­li­che Ebe­ne muss stimmen”

    Vor­stel­lung der befrag­ten Person

    Die inter­view­te Per­son arbei­tet seit Jahr­zehn­ten im Sozi­al­dienst einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen und hat bereits vor ihrer aktu­el­len Tätig­keit in Prak­ti­ka sowie ihrem Aner­ken­nungs­jahr prak­ti­sche Erfah­run­gen in Werk­stät­ten für Men­schen mit Behin­de­run­gen gesam­melt. Auf­grund ihrer admi­nis­tra­ti­ven Funk­ti­on im Ein­glie­de­rungs­pro­zess ist sie am Über­gang auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt beteiligt.

    Zusam­men­fas­sung des Interviews

    Die inter­view­te Per­son berich­tet, dass ihr for­ma­le Aspek­te schwer­fal­len, ihr per­sön­li­che Bezie­hun­gen zu bMA und GL hin­ge­gen gut gelin­gen. Ihr sind Wer­te wie Kol­le­gia­li­tät, Ver­trau­en und Fair­ness wich­tig. Dar­auf ange­spro­chen, berich­tet sie, dass ihr die­se Wer­te in der letz­ten Zeit in der eige­nen Tätig­keit fehl­ten und for­mu­liert Wün­sche dahin­ge­hend. Im Hin­blick auf die Zusam­men­ar­beit im beruf­li­chen All­tag weist sie dar­auf hin, dass sie auf die GL ange­wie­sen ist, da sie selbst nicht direkt mit den bMA zusam­men­ar­bei­tet. Sie wünscht sich mehr Infor­ma­ti­ons­aus­tausch und Bera­tung inner­halb des Kol­le­gi­ums. Sie selbst beschreibt ihre Zusam­men­ar­beit im Über­gang so, dass sie Prak­ti­kums­wün­sche der bMA an die IB mel­det und Ter­mi­ne für einen Aus­tausch von Infor­ma­tio­nen abspricht. Sie berich­tet von einem guten Umgang unter­ein­an­der. Als schwie­rig, beschreibt sie die Zusam­men­ar­beit mit Kolleg:innen in der Heim­ar­beit. Gelun­gen betrach­tet sie die Zusam­men­ar­beit mit den IB. Gelin­gens­fak­to­ren für eine gute Zusam­men­ar­beit sind ihrer Mei­nung nach Ver­trau­en, zuver­läs­si­ges Ein­hal­ten von Abspra­chen sowie die Hal­tung, von­ein­an­der zu ler­nen, unab­hän­gig von der Dau­er der Unter­neh­mens­zu­ge­hö­rig­keit. Als gewinn­brin­gend für eine gelin­gen­de Zusam­men­ar­beit im Über­gang wer­den von ihr Locker­heit, Humor und Tole­ranz gegen­über ande­ren Sicht­wei­sen genannt. Zudem benennt sie Eigen­schaf­ten wie Kom­pro­miss­be­reit­schaft und Kon­flikt­lö­se­stra­te­gien. Der Wunsch der bMA ist von obers­ter Prio­ri­tät für die eige­ne Arbeit. Ihre per­sön­li­chen Arbeits­be­zie­hun­gen haben dabei einen maß­geb­li­chen Ein­fluss auf ihre Zusam­men­ar­beit. Über Rah­men­be­din­gun­gen für die Zusam­men­ar­beit hat sich die inter­view­te Per­son wenig Gedan­ken gemacht. Sie nimmt die IB als Akteur:innen des Über­gangs war. Dar­über hin­aus for­mu­liert sie den Wunsch nach mehr Per­so­nal in der AV.

    Para­phra­sie­rung des Interviews

    Über ihre Erwerbs­bio­gra­fie berich­tet die inter­view­te Per­son, dass sie über Prak­ti­ka und das Aner­ken­nungs­jahr in WfbM (1) gekom­men ist. Dort ist sie seit 30 Jah­re am glei­chen Stand­ort (2). Zu ihren beruf­li­che Tätig­kei­ten Büro­tä­tig­kei­ten mit Berichts­we­sen, admi­nis­tra­ti­ven Auf­ga­ben und dem Kon­takt zum Leis­tungs­trä­ger (3). Außer­dem betreut sie Schülerpraktikant:innen als zusätz­li­che Auf­ga­be (4). In der Zusam­men­ar­beit inner­halb der Werk­statt ist ihr Kol­le­gia­li­tät beson­ders wich­tig. Die­se beinhal­tet gegen­sei­ti­ge “Kol­le­gia­li­tät, Fair­ness, Hilfs­be­reit­schaft unter­ein­an­der” (S. 2, Z. 44f.) (7). Im SD wird gegen­sei­ti­ge kol­le­gia­le Bera­tung und Unter­stüt­zung durch die jeweils per­sön­li­chen Stär­ken gelebt (7). Sie steht jedoch nur mit weni­gen Kol­le­gen im engen Aus­tausch (7). Als SD ist sie “unheim­lich” (S. 3, Z. 7) auf die Zusam­men­ar­beit mit GL ange­wie­sen, denn sie “weiß ja gar nichts” (S. 3, Z. 9) über die bMA. (8). For­ma­ler Fach­aus­tausch fin­det alle 4 Wochen über alle Arbeits­grup­pen hin­weg an einem Stand­ort statt und mög­li­che per­so­nel­le Ver­än­de­run­gen in den Grup­pen wer­den dabei the­ma­ti­siert (9). Per­so­na­le Anfor­de­run­gen an die eige­nen Tätig­kei­ten sind des­halb ein guter Kon­takt zu bMA und GL in “persönliche[n] Situa­tio­nen” (S. 2, Z. 22) (5) sowie Arbeits­tu­gen­den wie “Kol­le­gia­li­tät, Fair­ness und Ver­trau­en” (S. 2, Z. 29) (6). In der Zusam­men­ar­beit mit den Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen ist sie als Sozi­al­dienst für die Mel­dung eines Ver­mitt­lungs­wun­sches zustän­dig (10). Sie infor­miert IB und ein ers­ter Aus­tausch erfolgt sowie eine Ter­mi­nie­rung eines gemein­sa­men Aus­tau­sches mit allen Akteu­ren (10). Das Erfah­rungs­wis­sen der GL aus ihrer beruf­li­chen Tätig­keit wur­de schon „klas­se” (S. 4, Z. 18) für die Vor­be­rei­tung von Prak­ti­ka genutzt (11). In ihrer Zusam­men­ar­beit wird sie lau­fend infor­miert, was ihrer Ansicht nach einer guten Zusam­men­ar­beit ent­spricht (10). Dar­über hin­aus gelin­ge Zusam­men­ar­beit, wenn Abspra­chen zuver­läs­sig sind und ver­trau­ens­voll behan­delt wer­den (12/13). Aus ihrer bis­he­ri­gen Erfah­rung stellt sie per­so­na­le Anfor­de­run­gen an die Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen. Dazu gehört Ver­trau­en und Zuver­läs­sig­keit (14). Ver­trau­en bedeu­tet für sie “sehr zuver­läs­sig” (S. 4, Z. 39) zu sein. Unter­mau­ert wird dies durch ver­läss­li­che Abspra­chen, durch das inter­ne Aus­tra­gen von Kon­flik­ten und damit ver­bun­de­ner Dis­kre­ti­on (14). Sie betont das Zurück­grei­fen auf bestehen­des lang­jäh­ri­ges Erfah­rungs­wis­sen. Die­ses kön­ne aber auch die Wahr­neh­mung beein­flus­sen (“Brett vorm Kopf” (S. 5, Z. 5)), wes­halb auch die Ein­drü­cke der IB ange­nom­men wer­den sol­len (15). Bei­de könn­ten von­ein­an­der “was ler­nen” (S. 5, Z. 16) (15). Die­se Ein­stel­lung sei des­halb so wich­tig, da sie einen Gene­ra­ti­ons­kon­flikt durch lang­jäh­ri­ge Erfah­rung und jun­ge neue Per­spek­ti­ven wahr­neh­me (15). Ver­trau­en, ande­re Per­spek­ti­ven zuzu­las­sen und zu ver­su­chen, sich gegen­sei­tig vom bes­ten Weg zu über­zeu­gen sei­en wich­ti­ge Anfor­de­run­gen an eine gelin­gen­de Zusam­men­ar­beit (14). Sich gegen­sei­tig wert­schät­zen und mit­ein­an­der ver­su­chen das Bes­te für bMA als gemein­sa­mes Ziel zu errei­chen (16) hat eben­so einen Ein­fluss auf die Zusam­men­ar­beit, wie Kol­le­gia­li­tät. Kol­le­gia­li­tät heißt für sie sich gegen­sei­tig zu hel­fen und die per­sön­li­chen Gren­zen zu akzep­tie­ren (16). Kom­pro­miss­be­reit­schaft ist des­halb auch eine Anfor­de­rung an die Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen, was für sie bedeu­tet, auf­ein­an­der zuge­hen und von sei­nem Ziel abzu­wei­chen, um kei­ne ein­sei­ti­gen Lösun­gen zu errei­chen (17). Für die Wir­kung sei es wich­tig, dass bei­de Sei­ten glei­che Ziel errei­chen wol­len und “dass bei­de Sei­ten das Bes­te eigent­lich für den Beschäf­tig­ten wol­len” (S. 6, Z. 40f.) (18). Pro­ble­me in der Zusam­men­ar­beit wer­den von der inter­view­ten Per­son auf der per­sön­li­chen Ebe­ne gere­gelt (19). Per­sön­li­che Bezie­hun­gen zu Kol­le­gen soll­ten daher gelin­gen, denn sie haben folg­lich einen Ein­fluss auf den Über­gang (19/20). Als struk­tu­rel­le Anfor­de­run­gen an die Arbeits­ver­mitt­lung benennt die Per­son aus dem Sozi­al­dienst, dass IB die Pro­zess­ho­heit über den Über­gang haben (20) und sie sich des­halb auf die per­sön­li­che Ebe­ne kon­zen­trie­re (19). Sie äußert den Wunsch nach mehr Per­so­nal für schnel­le­re Ein­rich­tun­gen von Prak­ti­ka (21). Ein akzep­ta­bler Rah­men für bMA für ein ers­tes Gespräch sei­en dabei vier Wochen (21).

    Bedeut­sa­me Ergebnisse

    Im Hin­blick auf die Zusam­men­ar­beit wer­den durch die Mit­ar­bei­ten­de im Sozi­al­dienst die Arbeits­tu­gen­den Kol­le­gia­li­tät, Fair­ness und Ver­trau­en beson­ders hoch­ge­hal­ten. Ver­trau­en wird von der befrag­ten Per­son über Zuver­läs­sig­keit und Dis­kre­ti­on defi­niert. Dabei ist ihr eine per­sön­li­che Bezie­hung zu ihren Kolleg:innen ein beson­de­res Anlie­gen – auch, da sie in ihrer Arbeit auf das Erfah­rungs­wis­sen der GL ange­wie­sen ist. Die­se per­sön­li­che Bezie­hung sieht sie als Grund­stein, um von­ein­an­der zu ler­nen und gemein­sa­me Zie­le errei­chen zu kön­nen. Das eige­ne Koope­ra­ti­ons­er­le­ben wird durch die­se indi­vi­du­ell Wert­vor­stel­lung maß­geb­lich beein­flusst, wodurch sich das Mot­to des Inter­views „Die per­sön­li­che Ebe­ne muss stim­men” begründet.

    5.2.2 Inter­view 07 – Sozialdienst

    Mot­to: „Mehr Fach­lich­keit für Lösun­gen vor Ort“

    Vor­stel­lung der befrag­ten Person

    Die inter­view­te Per­son arbei­tet seit Jahr­zehn­ten im Sozi­al­dienst einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen und hat bereits vor ihrer aktu­el­len Tätig­keit pri­va­te Erfah­run­gen mit Werk­stät­ten für Men­schen mit Behin­de­run­gen gesam­melt. Auf­grund ihrer admi­nis­tra­ti­ven Funk­ti­on im Ein­glie­de­rungs­pro­zess ist sie am Über­gang auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt beteiligt.

    Zusam­men­fas­sung des Interviews

    Die inter­view­te Per­son über­nimmt admi­nis­tra­ti­ve Kern­auf­ga­ben und hat die sta­tio­nä­ren sowie ambu­lan­ten Zustän­dig­kei­ten. Abspra­chen unter­ein­an­der wer­den als schwie­rig bezeich­net. Die Beglei­tung im BBB wird als gewinn­brin­gend betrach­tet. Gleich­wohl wer­den für den Über­gang in den AB eine inten­si­ve­re Zusam­men­ar­beit zwi­schen AB und BBB eben­so wie stär­ke­re Par­ti­zi­pa­ti­on sei­tens des SD als Wunsch geäu­ßert. Als wich­tig für die Zusam­men­ar­beit erach­tet sie Team­ar­beit, per­sön­li­chen Aus­tausch, ver­läss­li­che Abspra­chen sowie fach­li­chen Anspruch. Die Zusam­men­ar­beit mit den IB wird als gelun­gen beschrie­ben, da regel­mä­ßi­ger Aus­tausch besteht. Dar­aus resul­tie­re bei­spiels­wei­se eine höhe­re Ver­mitt­lungs­quo­te. Die eige­ne Zusam­men­ar­beit als SD mit der AV wird eben­so als erfolg­reich ange­se­hen. Eine neue Zusam­men­ar­beit mit dem Leis­tungs­trä­ger ermög­licht den Auf­bau von Netz­wer­ken. Damit ein­her gehen jedoch auch höhe­re und neue Bedar­fe. Einen Ein­fluss auf gelun­ge­ne Zusam­men­ar­beit haben ihrer Mei­nung nach der inten­si­ve­re Aus­tausch und eine höhe­re Prä­senz vor Ort. Prak­ti­ka erlebt sie zum Teil als Lösungs­weg für pro­ble­ma­ti­sche Beschäf­tig­te, was ihr nach auf eine aus­bau­fä­hi­ge Fach­lich­keit schlie­ßen lässt.

    Para­phra­sie­rung des Interviews

    Die inter­view­te Per­son berich­tet, dass sie bereits Werk­statt­er­fah­rung hat (1) und somit früh der Wunsch nach einem Stu­di­um und der Arbeit in einer Werk­statt bestand (1). Sie ist mitt­ler­wei­le seit bereits 22 Jah­ren im Unter­neh­men (2) und ver­rich­tet admi­nis­tra­ti­ve Auf­ga­ben wie Behör­den­an­ge­le­gen­hei­ten, Doku­men­ta­ti­on und Berichts­we­sen (3). Ihre Tätig­kei­ten beschreibt sie als abwechs­lungs­reich durch den Wech­sel zwi­schen ambu­lan­ter und sta­tio­nä­rer Arbeit sowie dem häu­fi­gen Kon­takt zu Kolleg:innen (4). Der BBB wird auf­grund sei­ner per­so­nen­zen­trier­ten Aus­rich­tung her­vor­ge­ho­ben (5), jedoch wird der Infor­ma­ti­ons­fluss hin­sicht­lich man­geln­der Abspra­chen und schwie­ri­gen Über­gan­gen kri­ti­siert (6). Team­ar­beit wird als „A und O“ (S. 2, Z. 27) betrach­tet und wird von ihr mit offe­nem Infor­ma­ti­ons­aus­tausch, gemein­sa­men Über­le­gun­gen und gutem Kon­flikt­ma­nage­ment defi­niert (7). Sie wünscht sich mehr Fach­lich­keit. Dies kann ihr zufol­ge durch regel­mä­ßi­ge­ren Kon­takt sowie offe­ne Anspra­che von Pro­ble­men erfol­gen (8). Der Wech­sel aus dem BBB in den AB erfolgt mit wenig Kon­takt zwi­schen AB und BBB, was sie als “sehr getrennt” (S. 3, Z. 6) wahr­nimmt. Sie wünscht sich hier mehr Zusam­men­ar­beit (9/10) sowie enge­re Abspra­chen und auch Zusam­men­ar­beit in der Ein­glie­de­rungs­pla­nung (11). Auf­grund unkla­rer Ziel­über­mitt­lung gelang der Über­gang in den AB in der Ver­gan­gen­heit nicht, mit der Fol­ge, dass Prak­ti­ka auf­grund von Über­for­de­rung der bMA schei­tern (“biss­chen viel für den Teil­neh­mer” (S. 3, Z. 30f.) (9). Der Wunsch nach mehr Par­ti­zi­pa­ti­on zur bes­se­ren Vor­be­rei­tung durch vor­ge­la­ger­ten Aus­tausch wird deut­lich (12). Mehr offe­ner Aus­tausch und Pla­nung bei der Ein­glie­de­rungs­pla­nung „mit Zie­len und Wün­schen und Vor­stel­lun­gen für den Arbeits­be­reich” (S. 4, Z. 6f.) wäre wün­schens­wert (13). Den Infor­ma­ti­ons­aus­tausch erach­tet sie als wich­tig zur Vor­be­rei­tung des AB auf mit­ge­brach­te Zie­le von bMA aus dem BBB. Die Ein­füh­rung von BENi sorgt jedoch für eine Ver­bes­se­rung des Aus­tau­sches (14). Die Netz­werk­ar­beit wur­de als Gelin­gens­fak­tor für den Infor­ma­ti­ons­aus­tausch betrach­tet, da alle “an einem Tisch saßen und gemein­sam über­legt haben und uns aus­ge­tauscht haben, was mög­lich ist und was nicht” (S. 4, Z. 32f.) (15). Die Bezie­hungs­ar­beit mit den IB wird als “gut” (S. 5, Z. 2) beschrie­ben (16). Als Grün­de wer­den eine neue Struk­tur, enga­gier­ter Aus­tausch sowie die Mög­lich­keit von Rück­fra­gen ange­führt. Eine höhe­re Ver­mitt­lungs­quo­te wird auf die höhe­re Effek­ti­vi­tät bei Prak­ti­ka zurück­ge­führt (17). Das Enga­ge­ment sei­tens der Arbeits­ver­mitt­lung wird posi­tiv erwähnt. Ange­führ­te Grün­de sind hier die schnel­le Rück­mel­dung sowie der ers­te Aus­tausch mit den IB (18). Der Infor­ma­ti­ons­aus­tausch mit den IB sei gut. Die IB wer­den als “bemüht” (S. 5, Z. 40) beschrie­ben, Infor­ma­tio­nen ein­zu­ho­len und ertei­len schnel­le Rück­mel­dun­gen. Erwähnt wird jedoch auch, dass durch die Zusam­men­ar­beit eini­ge Bedar­fe vor Ort geweckt wer­den, wel­che ihr dau­er­haft schwer umsetz­bar schei­nen (19/20). Bestän­di­ge, lang­fris­ti­ge Struk­tu­ren sowie Ver­läss­lich­keit wer­den als Wunsch geäu­ßert, wor­in sie gleich­zei­tig die Her­aus­for­de­rung sieht (21). Nied­rig­schwel­ler Aus­tausch wird als Gelin­gens­fak­tor für bestän­di­ge Struk­tu­ren benannt. Ein Bei­spiel sei hier unver­bind­li­che Bera­tung vor Ort (22). Moti­va­ti­on zum kol­le­gia­len Aus­tausch sowie die Ver­mitt­lung von “fähi­gen Leu­ten” (S. 7, Z. 1) auf den Arbeits­markt wer­den als per­so­na­le Anfor­de­run­gen benannt (23). Dar­über hin­aus muss die Über­zeu­gungs­ar­beit für die Aus­la­ge­rung in den Grup­pen in den Blick genom­men wer­den – auch auf die Gefahr hin, dass die GL “nicht gera­de begeis­tert” (S. 7, Z. 5) sein wird (24). Die Wis­sens­er­wei­te­rung des Auf­tra­ges zur Reha­bi­li­ta­ti­on muss im inten­si­ve­ren Aus­tausch mit den GL erfol­gen, um so das Bewusst­sein hier­für zu schär­fen und den Kon­flikt zwi­schen Pro­duk­ti­on und Reha­bi­li­ta­ti­on abzu­mil­dern. Dabei kön­nen ihr zufol­ge mög­li­cher­wei­se Fort­bil­dun­gen hel­fen (25). Für die Arbeit mit den IB wird der Wunsch nach mehr Kon­ti­nui­tät geäu­ßert. Dazu gehört für sie ein regel­mä­ßi­ger Aus­tausch inner­halb eines fes­ten Teams vor Ort (26). Zudem muss mehr Bezie­hungs­ar­beit geleis­tet wer­den. Dafür bedarf es dem Ken­nen­ler­nen der jewei­li­gen Per­spek­ti­ven sowie der Prä­senz vor Ort (27) Ihr “fehlt manch­mal ein biss­chen auch so die Fach­lich­keit.” (S. 8, Z. 23f.). Sie äußert die Wahr­neh­mung, dass die fach­li­che und die per­sön­li­che Wei­ter­ent­wick­lung in WfbM sta­gniert. (28). Um fach­li­che­re Arbeit zu gene­rie­ren, bedarf es fach­li­cher Kom­pe­ten­zen wie der Fähig­keit zum Per­spek­tiv­wech­sel oder zur fach­li­chen Dis­kus­si­on (28). Durch fach­li­che Lösun­gen erhofft sie sich eine Erhö­hung der Arbeits­qua­li­tät (28). Sie beschreibt, “dass Pro­ble­me ja gar nicht vor Ort gelöst wer­den” (S. 9, Z. 15), son­dern Prak­ti­ka als Pro­blem­lö­se­stra­te­gie genutzt wer­den (29). Pro­ble­me schei­nen aus­ge­la­gert zu wer­den, was die inter­view­te Per­son nicht als pas­sen­de Lösung betrach­tet. Sie bekräf­tigt noch­mals den Wunsch nach fach­li­cher Lösung vor Ort.

    Bedeut­sa­me Ergebnisse

    Team­ar­beit im Sin­ne einer engen Zusam­men­ar­beit und Par­ti­zi­pa­ti­on in Über­gän­gen von abge­ben­den und auf­neh­men­den Abtei­lun­gen haben für die inter­view­te Per­son eine beson­de­re Bedeu­tung. Gera­de im Über­gang aus dem BBB ver­misst sie Koope­ra­ti­on. Die­se gelingt ihrer Mei­nung nach über Kon­ti­nui­tät und Bezie­hungs­ar­beit. Für die Arbeit vor Ort wünscht sie sich eine höhe­re Fach­lich­keit der geleis­te­ten Arbeit, um Lösun­gen vor Ort zu errei­chen. Dar­aus resul­tiert das Mot­to: „Mehr Fach­lich­keit für Lösun­gen vor Ort“.

    5.2.3 Inter­view 04 – Gruppenleitung

    Mot­to: „Mehr Wer­bung über die Wege aus der Werkstatt”

    Vor­stel­lung der befrag­ten Person

    Die inter­view­te Per­son arbei­tet seit einem Jahr­zehnt in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen im Grup­pen­dienst und hat­te bereits vor­her Kon­takt zu Men­schen mit kogni­ti­ver Behin­de­rung. Sie ist aus einer nicht-päd­ago­gi­schen Tätig­keit über eine Hel­fer­stel­le in die Tätig­keit als Grup­pen­lei­tung gekom­men und lei­tet eine Arbeits­grup­pe mit bMA im Tätig­keits­be­reich des Einzelhandels.

    Zusam­men­fas­sung des Interviews

    Die inter­view­te Per­son ver­sucht in ihrem Arbeits­all­tag den Ver­kauf genau­so wie regel­mä­ßi­ge Ange­bo­te zur beruf­li­chen Bil­dung zu ermög­li­chen. Sie beschreibt Schwie­rig­kei­ten in der eige­nen Tätig­keit auf­grund einer hohen Teil­zeit­quo­te in der Grup­pe und wenig Ruhe für Pla­nun­gen und Doku­men­ta­ti­on. Die Team­ar­beit hebt sie als gelun­gen her­vor. Für die eige­ne Arbeit wich­tig erach­tet sie eine posi­ti­ve Feed­back­kul­tur, Zufrie­den­heit sowie gegen­sei­ti­ge Acht­sam­keit. Die Beglei­tung im Betrieb durch IB wird posi­tiv ange­se­hen. Die Zusam­men­ar­beit in der Vor­be­rei­tung von Über­gan­gen sieht die Per­son kri­tisch. Sie zeigt sich zuneh­mend unzu­frie­den mit den geführ­ten Erst­ge­sprä­chen sowie der Akqui­se von Prak­ti­kums­be­trie­ben. Die Klient:innenzentrierung wird von ihr sehr her­vor­ge­ho­ben. Für die zukünf­ti­ge Zusam­men­ar­beit wich­tig beschreibt sie die öffent­lich­keits­wirk­sa­me Arbeit, wel­che sie sei­tens der Arbeits­ver­mitt­lung ver­misst. Zudem wünscht sie sich mehr Enga­ge­ment für die bMA sei­tens der AV sowie Infor­ma­ti­ons­aus­tausch im Kol­le­gi­um. Schluss­end­lich spricht sie Trans­pa­renz als Wunsch für eine zukünf­ti­ge gelin­gen­de Zusam­men­ar­beit an.

    Para­phra­sie­rung des Interviews

    Die inter­view­te Per­son kommt aus einem nicht-päd­ago­gi­schem Beruf (1) und hat pri­va­te Erfah­run­gen mit Men­schen mit Behin­de­run­gen in ehren­amt­li­cher Tätig­keit gesam­melt (2). Sie ist in die Werk­statt über eine Hel­fer­tä­tig­keit gekom­men und hat sich dort zur Grup­pen­lei­tung fort­ge­bil­det (3). Die inter­view­te Per­son muss die Pro­duk­ti­on ihrer Arbeits­grup­pe auf­recht­erhal­ten, also das “Augen­merk auf den Laden” (S. 2, Z. 7) rich­ten und dabei wirt­schaft­li­che Gesetz­mä­ßig­kei­ten ein­hal­ten (4). Sie reizt dabei die Ver­bin­dung von wirt­schaft­li­chen Tätig­kei­ten und päd­ago­gi­schen Maß­nah­men mit Men­schen mit Behin­de­run­gen (5). Regel­mä­ßi­ge Bil­dungs­an­ge­bo­te sowie der Schutz der Beschäf­tig­ten vor Kun­den sind der inter­view­ten Per­son wich­tig (6/7). Neben dem lau­fen­den Betrieb fal­len auch Doku­men­ta­ti­ons­auf­ga­ben wie Ziel­pla­nun­gen an (8). Der Betrieb steht im struk­tu­rel­len Kon­flikt zu den Doku­men­ta­ti­ons­auf­ga­ben, für die im All­tag wenig Zeit bleibt, dort da hin­ke sie “zum Teil jetzt durch Coro­na bedingt auch wirk­lich hin­ter­her” (S. 3, Z. 20f.) (9). „Stolz“ (S. 3, Z. 42) ist die inter­view­te Per­son des­halb auf die gelin­gen­de Team­ar­beit in ihrer Grup­pe sowie die damit ver­bun­de­ne Feed­back­kul­tur (10/11), die eine wich­ti­ge struk­tu­rel­le Anfor­de­rung für eine gelin­gen­de Zusam­men­ar­beit dar­stellt. Die Feed­back­kul­tur fin­det sich vor allem in regel­mä­ßi­gen Tref­fen und einer Hal­tung der gegen­sei­ti­gen Acht­sam­keit wie­der, die sie mit posi­ti­vem Feed­back unter­stützt (11). Als per­so­na­le Anfor­de­run­gen an die eige­ne Tätig­keit beschreibt die inter­view­te Per­son ein Enga­ge­ment für beschäf­tig­te Mit­ar­bei­ten­de (26) sowie kol­le­gia­len Aus­tausch, der in Ver­bin­dung mit der Fähig­keit zur Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät ste­he (27/28). In der Zusam­men­ar­beit mit den Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen der Arbeits­ver­mitt­lung hebt sie die betrieb­li­che Beglei­tung durch IB als “ wirk­lich toll” (S. 5, Z. 11) her­vor (12). Die­ser posi­ti­ve Ein­druck ste­he ihrer Mei­nung nach in Ver­bin­dung mit einem gelin­gen­den Infor­ma­ti­ons­fluss durch regel­mä­ßi­ges Feed­back und Rück­mel­dun­gen, sie füh­le sich “auch sehr gut abholt” (S. 5, Z. 12) (13). Die inter­view­te Per­son sieht die exter­ne Öffent­lich­keits­ar­beit bei den Arbeit­ge­bern als man­gel­haft an (14). Eben­so als Her­aus­for­de­rung beschreibt sie eine man­geln­de inter­ne Öffent­lich­keits­ar­beit, die sie als Grund für erleb­te Trä­ger­wech­sel bei Beschäf­tig­ten anführt (14/15). Beson­de­re Kri­tik äußert sie bezüg­lich erfolg­ter Erst­ge­sprä­che, die sie “ein biss­chen erschro­cken” (S. 5, Z. 40f.) haben. Die­se wür­den auf­grund ihrer per­so­nen­zen­trier­ten Struk­tur und ihres intrans­pa­ren­ten Ver­fah­rens zu einer Belas­tung für Beschäf­tig­te (16/17/18/19). Dabei stün­den vor allem star­re Zustän­dig­kei­ten im Kon­trast zu einer kon­se­quen­ten Per­so­nen­zen­trie­rung im Über­gang (17/18). Sie wünscht sich von den Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen über ein trans­pa­ren­tes Stel­len­ma­nage­ment hin­aus den Auf­bau von per­sön­li­chen Bezie­hun­gen zwi­schen den IB und bMA (20/21), was sie als Vor­aus­set­zung, für die eine Mel­dung eines Ver­mitt­lungs­wun­sches der bMA bei der AV sieht (25). Dar­über hin­aus sei eine inter­ne Öffent­lich­keits­ar­beit mit­tels “wie­der aktiv Wer­bung” (S. 9, Z. 11) machen, ein wei­te­rer Gelin­gens­fak­tor, um den Fokus stär­ker auf den Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­trag zu len­ken (22/23), was sie in den bis­he­ri­gen Jah­ren ihrer Unter­neh­mens­zu­ge­hö­rig­keit ver­miss­te (24). Als per­so­na­le Anfor­de­run­gen defi­niert sie zudem die Fort­füh­rung des guten Infor­ma­ti­ons­flus­ses durch “regelmäßig[e] ganz tol­le E‑Mails“ (S. 11, Z. 24) wäh­rend der betrieb­li­chen Beglei­tung und Zugrif­fe für Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen auf die digi­ta­le Akte, um sich aus­rei­chend auf Ver­mitt­lungs­wün­sche vor­zu­be­rei­ten (30). Zu den struk­tu­rel­len Anfor­de­run­gen an eine Zusam­men­ar­beit im Über­gang zählt die inter­view­te Per­son eine inter­ne Öffent­lich­keits­ar­beit in der Werk­statt in Ver­bin­dung mit geziel­ten Infor­ma­ti­ons­an­ge­bo­ten für Kolleg:innen und Beschäf­tig­te (29/31).

    Bedeut­sa­me Ergebnisse

    Die gelun­ge­ne Team­ar­beit und akti­ve Feed­back­kul­tur im eige­nen Team, wird von der inter­view­ten Per­son her­aus­ge­stellt und von ihr als Gelin­gens­be­din­gung für erfolg­rei­che Koope­ra­ti­on betrach­tet. Exter­ne sowie inter­ne Öffent­lich­keits­ar­beit las­sen jedoch noch zu wün­schen übrig. Hier feh­le ihr der Fokus und kon­se­quen­te Umset­zung des Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­trags. Daher wur­de das Mot­to „Mehr Wer­bung über die Wege aus der Werk­statt” gewählt.

    5.2.4 Inter­view 08 – Gruppenleitung

    Mot­to: „Mehr Par­ti­zi­pa­ti­on der Gruppenleitungen“,

    Vor­stel­lung der befrag­ten Person

    Die inter­view­te Per­son arbei­tet seit einem Jahr­zehnt in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen im Grup­pen­dienst und vor­her kei­ne Erfah­run­gen mit Men­schen mit Behin­de­run­gen gemacht. Sie ist aus einer nicht-päd­ago­gi­schen Tätig­keit in die Tätig­keit als Grup­pen­lei­tung gekom­men und lei­tet eine Arbeits­grup­pe mit bMA im Tätig­keits­be­reich des EDV-Bereiches.

    Zusam­men­fas­sung des Interviews

    Die inter­view­te Per­son ist in der Beglei­tung von bMA und der Pro­duk­ti­on tätig. Zudem gehö­ren Ver­mitt­lungs­tä­tig­kei­ten zwi­schen bMA und deren Betreu­ung zu den beruf­li­chen Auf­ga­ben. Sie nimmt wenig Moti­va­ti­on zur Ver­än­de­rung bei den bMA wahr und begrün­det dies mit der Bedeu­tung der sozia­len Sicher­heit der Arbeit in WfbM. Die Zusam­men­ar­beit mit der AV sieht sie pro­ble­ma­tisch, da wenig Infor­ma­tio­nen flie­ßen, kaum zusam­men­ge­ar­bei­tet wird. Sie kri­ti­siert die Rol­le der GL und die man­geln­de Trans­pa­renz. Sie sieht Bil­dung als Grund­la­ge und die Pro­duk­ti­on im Fokus der Arbeit und kri­ti­siert die Exklu­si­vi­tät der Arbeits­ge­sell­schaft, wel­che ihr zufol­ge bMA aus­schließt. Die befrag­te Per­son wünscht sich eine Platt­form für mehr Kom­mu­ni­ka­ti­on. Für die eige­ne Tätig­keit wich­tig erach­tet sie päd­ago­gi­sche Erfah­rung, beruf­li­ches Fach­wis­sen sowie Auf­ge­schlos­sen­heit für ande­re Per­spek­ti­ven. Für die Zusam­men­ar­beit wich­tig, ist für sie Par­ti­zi­pa­ti­on sowie Wer­bung sei­tens der AV.

    Para­phra­sie­rung des Interviews

    Die inter­view­te Per­son kommt ursprüng­lich aus dem kauf­män­ni­schen Bereich und ist vor 20 Jah­ren als Quer­ein­stei­ger in WfbM gekom­men. Sie lei­tet eine Arbeits­grup­pe als Grup­pen­lei­tung (1/2/3). Zu ihren Tätig­kei­ten gehö­ren die Beglei­tung von bMA, die Pro­duk­ti­on sowie die Betreu­ung und Media­ti­on, da „Streit […] ein The­ma in der Grup­pe“ sei. (S. 2, Z. 12) (4/5/6/7). Beschäf­tig­te in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen haben ihrer Mei­nung nach eine gerin­ge Moti­va­ti­on zur Ver­än­de­rung, da sie die sta­bi­le und siche­re Situa­ti­on mit den sozia­len Mög­lich­kei­ten schät­zen und dies auch in ihren Ein­glie­de­rungs­zie­len ver­ba­li­sie­ren wür­den („“ (S. 2, Z. 24)) (8/9/10). Als per­so­na­le Anfor­de­rung an die eige­ne Tätig­keit benennt sie Enga­ge­ment, um bei­spiels­wei­se den Kon­takt zu bMA in Prak­ti­ka auf­recht­zu­er­hal­ten (11/12). Auch sieht die inter­view­te Per­son sich als gutes Bei­spiel für abwei­chen­de Bio­gra­fien (13). Die Pro­duk­ti­on lie­ge für sie im Fokus, wobei Bil­dung für sie die Grund­la­ge sei, „weil wenn die nicht geleis­tet wür­de, wür­de das Pro­dukt erst gar nicht ent­ste­hen“ (S. 3, Z. 43) (15/14). Wei­ter sieht sie die Mischung aus päd­ago­gi­schem Wis­sen und beruf­li­chem Fach­wis­sen als wich­ti­ge Anfor­de­rung an ihre Stel­le an (24/25). Feed­back anzu­neh­men und vor­ge­schla­ge­nes erst ein­mal aus­zu­pro­bie­ren, ist eine wich­ti­ge Ein­stel­lung für die befrag­te Per­son (27). Auf die Fra­ge nach der Zusam­men­ar­beit mit den Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen negiert sie eine Zusam­men­ar­beit. Beschäf­tig­te wür­den sich selbst bei der Arbeits­ver­mitt­lung oder über den Sozi­al­dienst mel­den. Auch habe sie nur wenig Wis­sen über die Arbeit der AV und wür­de sich dahin­ge­hend mehr rele­van­te Infor­ma­tio­nen und gemein­sa­me Pla­nun­gen wün­schen, um Beschäf­tig­te gezielt zu qua­li­fi­zie­ren, da sie um die Stär­ken und Res­sour­cen der bMA wis­se (16/17/18/19). Im Kon­text einer exklu­si­ven Arbeits­ge­sell­schaft berich­tet sie auch davon, wie Beschäf­tig­te in Betrie­ben aus­ge­nutzt wür­den. „Also man fühl­te sich da so ein biss­chen ver­schau­kelt“ (S. 6, Z. 9) (20). Als struk­tu­rel­le Anfor­de­rung an die Arbeits­ver­mitt­lung nennt sie Trans­pa­renz über Stel­len­an­for­de­run­gen, um zukünf­tig gezielt zu qua­li­fi­zie­ren (21). Sie selbst habe nur wenig Wis­sen über den Über­gang und wer­de ledig­lich durch den Sozi­al­dienst infor­miert (28). Sie wünscht sich des­halb eine Par­ti­zi­pa­ti­ons­platt­form, damit der Infor­ma­ti­ons­aus­tausch über Bedar­fe, Anfor­de­run­gen sowie Qua­li­fi­zie­rungs­vor­ha­ben in WfbM gelin­gen kön­ne (22/23/28/29). Auch for­dert sie direk­te Öffent­lich­keits­ar­beit durch die IB vor Ort, damit die regel­mä­ßi­gen Stel­len­an­ge­bo­te nicht nur „gele­sen und […] abge­hef­tet“ wer­den (S. 8, Z. 4) (22). Als per­so­na­le Anfor­de­run­gen an die IB wünscht sich die inter­view­te Per­son mehr Enga­ge­ment durch die­se, um das betrieb­li­che Netz­werk an Koope­ra­ti­ons­be­trie­ben aus­zu­bau­en, damit sie nach gemein­sa­mer Rück­spra­che durch Qua­li­fi­zie­rung in der Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen einen Bei­trag zum Über­gang leis­ten kön­ne (29/30/31).

    Bedeut­sa­me Ergebnisse

    Die befrag­te Per­son wünscht sich dem Mot­to des Inter­views fol­gend „Mehr Par­ti­zi­pa­ti­on der Grup­pen­lei­tun­gen“, da für sie zwar die Pro­duk­ti­on im Fokus ihrer Arbeit steht, Bil­dung jedoch die Grund­la­ge dafür ist. Im Kon­text des Über­gan­ges wünscht sie sich des­halb eine enge Par­ti­zi­pa­ti­on mit der Arbeits­ver­mitt­lung und struk­tu­rell imple­men­tier­ten Infor­ma­ti­ons­aus­tausch in Form einer Stel­len­platt­form, um gezielt beschäf­tig­te Mit­ar­bei­ten­de auf Stel­len und somit für einen Über­gang zu qualifizieren.

    5.2.5 Inter­view 05 – Integrationsbegleitung

    Mot­to: „Mehr Zeit für qua­li­ta­ti­ve Arbeit“

    Vor­stel­lung der befrag­ten Person

    Die inter­view­te Per­son ist seit fast einem Jahr­zehnt in der Arbeits­ver­mitt­lung tätig. Sie hat kei­ne Vor­er­fah­run­gen aus dem Grup­pen­dienst in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen und ist in der Arbeits­ver­mitt­lung als Inte­gra­ti­ons­be­glei­tung für die Aus­ge­stal­tung des Über­gan­ges auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt zuständig.

    Zusam­men­fas­sung des Interviews

    Als hilf­reich für die eige­ne Arbeit beschreibt die inter­view­te Per­son die Umver­tei­lung von Per­so­nal und die Trans­pa­renz der Zustän­dig­kei­ten. Über­for­de­rung, den Per­so­nal­man­gel und die Unzu­frie­den­heit mit der Arbeits­qua­li­tät beschreibt sie als schwie­rig. Zeit wird als limi­tie­ren­der Fak­tor für Qua­li­tät und Ansprü­che beschrie­ben. Sie wünscht sich für gelun­ge­ne Zusam­men­ar­beit mehr Zeit für Vor­be­rei­tung sowie für Netz­werk­ar­beit und Par­ti­zi­pa­ti­on. Sie beklagt sich über die vie­len Zustän­dig­kei­ten, man­geln­de Pla­nung und Struk­tur und damit ein­her­ge­hen­de Über­for­de­rung sowie die Blo­ckie­rung des Über­gangs durch die GL. Die Rol­le der GL wird als starr sowie tra­diert beschrie­ben. Der Wunsch nach Trans­pa­renz, mehr Per­so­nal und Zeit sowie nach mehr Koope­ra­ti­on mit den GL wird geäu­ßert. Als Gelin­gens­be­din­gun­gen inner­halb der eige­nen Tätig­keit für eine erfolg­rei­che Zusam­men­ar­beit beschreibt sie die Fähig­keit zum Per­spek­tiv­wech­sel, Krea­ti­vi­tät, die adres­sa­ten­ge­rech­te Anspra­che sowie das Beherr­schen von Pro­blem­lö­se­stra­te­gien. Sie kon­sta­tiert die Zusam­men­ar­beit in der Vor­be­rei­tung als Gelin­gens­fak­tor für den Prak­ti­kums­start und wirft die Idee einer Über­gangs­grup­pe für die Wei­ter­ver­mitt­lung von rück­keh­ren­den Beschäf­tig­ten auf.

    Para­phra­sie­rung des Interviews

    Die inter­view­te Per­son hat kei­ne vor­he­ri­ge Tätig­keit im Grup­pen­dienst in einer Werk­statt absol­viert als sie sich vor neun Jah­ren in der Arbeits­ver­mitt­lung bewor­ben hat (1/38). Zu ihren beruf­li­chen Tätig­kei­ten gehört die Beglei­tung und Betreu­ung von beschäf­tig­ten Mit­ar­bei­ten­den auf ihrem Über­gang auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt durch Prak­ti­ka, die in aus­ge­la­ger­ten Arbeits­plät­zen oder dem Bud­get für Arbeit mün­den kön­nen (2). Nach einer Vor­be­rei­tungs­pha­se in Werk­statt erfolgt eine unter­stüt­ze Ein­ar­bei­tung im Prak­ti­kums­be­trieb (2). Die Aus­schrei­bung von Stel­len­an­ge­bo­ten und Akqui­se von moti­vier­ten beschäf­tig­ten Mit­ar­bei­ten­den in den Stand­or­ten sowie von pas­sen­den Betrie­ben gehört eben­falls zu ihren Auf­ga­ben (3). Die Abtei­lung wird als Team mit gutem Zusam­men­halt beschrie­ben (4). Die Tätig­keit sei fami­li­en­freund­lich auf­grund der fle­xi­blen Arbeits­zei­ten und bie­te eine gro­ße Viel­falt an Auf­ga­ben, die auch über­for­dern kön­ne (4). Grund­sätz­lich bestehe die Mög­lich­keit der akti­ven Par­ti­zi­pa­ti­on in der Abtei­lung, die jedoch durch Zeit­man­gel erschwert wür­de (4). In der Arbeit inner­halb der Arbeits­ver­mitt­lung nimmt sie zeit­li­che Über­for­de­rung durch Per­so­nal­man­gel und dar­aus resul­tie­ren­de Unzu­frie­den­heit mit der eige­nen Arbeits­qua­li­tät wahr (4/5). Eine omni­prä­sen­te Zustän­dig­keit (“So aktu­ell machen wir halt alle alles […].” (S. 12, Z. 39)) sor­ge für “das Gefühl” (S. 2, Z. 27) von Über­for­de­rung, da Plä­ne und Struk­tu­ren fehl­ten (4). Eine regio­na­le Zuord­nung von Mit­ar­bei­ten­den zu Werk­statt­stand­or­ten hat Trans­pa­renz über fes­te Zustän­dig­keit und ermög­licht regel­mä­ßi­gen Aus­tausch vor Ort geschaf­fen, dies emp­fin­de sie als “super” und “hilf­reich” (S. 2, Z. 9) (6). Die vor­herr­schen­de Über­for­de­rung füh­re zur Fokus­sie­rung und Prio­ri­sie­rung auf Kern­auf­ga­ben, d.h. die Beglei­tung im Betrieb (37). Auf­ga­ben neben der Beglei­tung wer­den dadurch ver­nach­läs­sigt (37). Regi­ons­über­grei­fen­der per­sön­li­cher Aus­tausch wie er durch die regio­na­le Zuord­nung ermög­licht wer­den soll­te, ist des­halb erschwert durch die aktu­el­len Bedin­gun­gen (37). Eine beson­de­re Auf­ga­be im Tätig­keits­feld der inter­view­ten Inte­gra­ti­ons­be­glei­tung ist die Vor­be­rei­tung eines Prak­ti­kums. Die­se sieht sie als “mit einer der wich­tigs­ten Pha­sen” (S. 2, Z. 36f.) für das Gelin­gen des Über­gan­ges an und sei ein zeit­lich inten­si­ver Pro­zess mit allen Akteur:innen (7). Man brau­che Zeit für nie­der­schwel­li­ge Gesprä­che und eine lang­sa­me Pla­nung sowie gemein­sa­me Gestal­tung des Über­gan­ges. Die Anbah­nung sei jedoch durch Zeit­man­gel behin­dert (8/9). In der Anbah­nung eines Prak­ti­kums wer­den Bezie­hun­gen auf­ge­baut und die Res­sour­cen erfasst, Unter­stüt­zung durch Übung und Anlei­tung gege­ben, um einen pas­sen­den Arbeits­platz zu fin­den (9/10/11). Die Vor­be­rei­tung ist Arbeit, wel­che “halt nicht sicht­bar” (S. 10, Z. 5) sei auf­grund der feh­len­den Kos­ten­stel­len­zu­ord­nung (31). Auch den Umgang mit der Rück­kehr aus einem Prak­ti­kum im Über­gang emp­fin­det die inter­view­te Per­son als “scha­de” (S. 10, Z. 32). Die Mög­lich­keit der Rück­kehr nach einem Prak­ti­kum gebe Beschäf­tig­ten zwar Sicher­heit, aber hem­me dadurch auch den Antrieb für erneu­te Ver­su­che (32). Es fehlt eine Über­gangs­grup­pe für die Qua­li­fi­zie­rung und die Vor­be­rei­tung wei­te­rer Prak­ti­ka (33/35) unter den Bedin­gun­gen des all­ge­mei­nen Arbeits­mark­tes (34). Die „Auf­fang­grup­pe” (S. 10, Z. 36) soll einen Rück­schritt im Über­gang ver­hin­dern und kurz­zei­tig Mög­lich­kei­ten zur per­sön­li­chen Wei­ter­bil­dung geben (34). Aus­ge­la­ger­te Arbeits­grup­pen und Inte­gra­ti­ons­be­trie­be wür­den in gerin­gem Aus­maß schon so genutzt (34). Von einer Über­gangs­grup­pe mit Fokus auf Qua­li­fi­zie­rung und Per­so­nen mit ähn­li­chen Zie­len erhofft sie sich poten­zi­el­le Syn­er­gie­ef­fek­te (33/35). Die inter­view­te Per­son lei­tet aus ihren Erfah­run­gen im Arbeits­all­tag per­so­na­len Anfor­de­run­gen an die eige­ne Tätig­keit ab. Sie sehe “die Inte­gra­ti­on oder Reinte­gra­ti­on auf den ers­ten Arbeits­markt […] als Pri­mär­ziel” (S. 4, Z. 33f.) (16). Inter­ne Öffent­lich­keits­ar­beit für Werkstattkolleg:innen feh­le, wie bspw. Hos­pi­ta­ti­ons­na­ge­bo­te, theo­re­ti­sche Ein­hei­ten sowie die Klä­rung von Schnitt­stel­len (21). Infor­ma­ti­ons­an­ge­bo­te sor­gen Ansicht nach für Trans­pa­renz und erhöh­ten die Bereit­schaft zur Koope­ra­ti­on (21). Dazu wür­de auch Ange­bo­te im Inter­net und Intra­net gehö­ren (21). Als per­sön­li­che Arbeits­tu­gen­den benennt sie Offen­heit und Fle­xi­bi­li­tät, um sich auf neue Per­spek­ti­ven und Situa­tio­nen ein­las­sen zu kön­nen (23). Der Über­gang müs­se ihrer Mei­nung nach indi­vi­du­ell und klein­schrit­tig aus­ge­stal­tet sein (24). Adres­sa­ten­ge­rech­te Anspra­chen für eine gelin­gen­de Kom­mu­ni­ka­ti­on mit unter­schied­li­chen Akteu­ren sei­en des­halb genau­so wich­tig (24), wie funk­tio­nie­ren­de Netz­wer­ke, die eine Res­sour­ce für den Über­gang sein (25). Eben­so müs­se eine Inte­gra­ti­ons­be­glei­tung „Lust auf unter­schied­li­che Tätig­kei­ten” (S. 7, Z. 31) und direk­te Arbeit mit Men­schen haben (26). Dabei sei aber auch Sen­si­bi­li­tät für Pro­blem­la­gen sowie das Füh­ren von Pro­blem- und Lösungs­ge­sprä­chen in Kri­sen- oder Kon­flikt­si­tua­tio­nen not­wen­dig (27). Krea­ti­vi­tät hel­fe in ihrer Tätig­keit für die Ent­wick­lung von bedarfs­ge­rech­ten Arbeits­pro­zes­sen (28). Als struk­tu­rel­le Anfor­de­run­gen an die Arbeits­ver­mitt­lung nennt sie einen nied­ri­ge­ren Betreu­ungs­schlüs­sel auf­grund struk­tu­rel­ler Über­for­de­rung durch höhe­ren anfäng­li­chen Unter­stüt­zungs­be­darf sowie die Viel­falt und Men­ge der Auf­ga­ben pro bMA (5). Zeit für kol­le­gia­len Aus­tausch und Par­ti­zi­pa­ti­on am Stand­ort feh­le und min­de­re die Arbeits­qua­li­tät (8). Es feh­len ihrer Aus­sa­gen nach Struk­tu­ren und die Finan­zie­rung für die Vor­be­rei­tung eines Prak­ti­kums und die Qua­li­fi­ka­ti­on von bMA (12/13). Auch bemän­gelt sie feh­len­de Struk­tu­ren für die Wei­ter­ent­wick­lung der Abtei­lung, um mehr Arbeits­plät­ze zu schaf­fen und zu beglei­ten (36). Die Sät­ti­gung in ihrer Tätig­keit begrün­de sich in der hohen Per­so­nal­aus­las­tung: “Wir sind irgend­wie alle voll so was unse­re lie­be Betreu­ung, Beglei­tung angeht und […] wir haben gar nicht die Mög­lich­keit neue zu akqui­rie­ren” (S. 12, Z. 20ff.) (36). Eine Lösung wird mit­tel­fris­tig in mehr Per­so­nal und kurz­fris­tig in wei­te­rer tätig­keits­spe­zi­fi­scher Spe­zia­li­sie­rung gese­hen (36). Ein posi­ti­ves Bei­spiel für eine Spe­zia­li­sie­rung wird in der bereits erfolg­ten the­ma­ti­schen Spe­zia­li­sie­rung zu Exper­ten gese­hen (36). Die Zusam­men­ar­beit mit den Grup­pen­lei­tun­gen in Werk­statt beschreibt die inter­view­te Per­son kon­tras­tie­rend. Auf der einen Sei­te sehe sie einen “total gute[n] Aus­tausch“ (S. 4, Z. 24) mit dem Sozi­al­dienst. Die­ser beinhal­tet gemein­sa­me Pla­nun­gen und gegen­sei­ti­ges Feed­back zur Erwei­te­rung der Per­spek­ti­ven, die Kom­mu­ni­ka­ti­on eige­ner Gren­zen, gegen­sei­ti­ge Offen­heit und Inter­es­se (14). Auf der ande­ren Sei­te beschreibt sie die Blo­ckie­rung durch GL auf­grund des Pro­duk­ti­ons­druck und des­halb diver­gie­ren­der Zie­le zurück­ge­führt (15). Bei den Kolleg:innen im Grup­pen­dienst nimmt sie teils star­re Denk- und Hand­lungs­mus­ter, die sie auf eine frü­he­re Aus­bil­dung und die Struk­tu­ren der Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen zurück­führt (15). Auch merkt sie kri­tisch an, dass die Blo­ckie­rung durch GL ein Miss­brauch der Macht sei, da sie “sehr gro­ßen Ein­fluss auf die beschäf­tig­ten Mit­ar­bei­ter haben” (S. 4, Z. 41f.) (17). Feh­len­de Zusam­men­ar­beit oder offe­ne Blo­ckie­rung durch GL wir­ke abschre­ckend auf Beschäf­tig­te (17). Gleich­wohl sieht die inter­view­te Per­son die geleis­te­te Vor­ar­beit in Werk­statt, wes­halb GL ein Tür­öff­ner für den gelin­gen­den Über­gang sei­en. Des­halb sol­len GL wert­ge­schätzt wer­den und am Pro­zess par­ti­zi­pie­ren (22). Sie möch­te die Erfah­run­gen der GL als Res­sour­ce nut­zen und sich “ein­las­sen” (S. 6, Z. 30) (22). Als per­so­na­le Anfor­de­run­gen an die Grup­pen­lei­tun­gen wird Koope­ra­ti­on als Wunsch genannt. Koope­ra­ti­on hei­ße gemein­sam Plä­ne ent­wi­ckeln und die gegen­sei­ti­gen Erfah­run­gen wert­schät­zen (18). Koope­ra­ti­on gelin­ge durch ein Mit­ein­an­der, wel­ches „offen und ehr­lich” (S. 5, Z. 27) ist, was wie­der­um wich­tig für den Aus­tausch sei (18/19). Ein gemein­sam defi­nier­tes Ziel sei die Vor­aus­set­zung, an der sich Zusam­men­ar­beit aus­rich­te, sol­le und auf das dann gemein­sam hin­ge­ar­bei­tet wer­den kön­ne (29). Auch for­dert sie Raum und Zeit für gegen­sei­ti­ges Inter­es­se und kol­le­gia­le Bera­tungs­ge­sprä­che sowie Rück­spra­chen, um den Infor­ma­ti­ons­fluss auf­recht­zu­er­hal­ten – ver­bal oder schrift­lich – sowie die Mög­lich­keit zur Beglei­tung durch GL im Betrieb (30). Als struk­tu­rel­le Anfor­de­run­gen an die Werk­statt erwar­te sie, dass das Reha­bi­li­ta­ti­ons­zie­le durch die Lei­tung kom­mu­ni­ziert wür­de, d.h. den Über­gang auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt durch indi­vi­du­el­le Unter­stüt­zung zu ermög­li­chen (20).

    Bedeut­sa­me Ergebnisse

    Die befrag­te Per­son braucht „Mehr Zeit für qua­li­ta­ti­ve Arbeit“, da sie eine gro­ße Über­for­de­rung im Arbeits­all­tag wahr­nimmt, was sich so auch im Kon­flikt zwi­schen der Beglei­tung im Betrieb und der Arbeit vor Ort in den Werk­statt­stand­or­ten wie­der­spei­gelt. Sie wünscht sich ins­be­son­de­re mehr Zeit, um Prak­ti­ka gelin­gend vor­zu­be­rei­ten und um mit den Grup­pen­lei­tun­gen und Beschäf­tig­ten in Koope­ra­ti­on zu treten.

    5.2.6 Inter­view 06 – Integrationsbegleitung

    Mot­to: „Teil­ha­be durch Bildung“

    Vor­stel­lung der befrag­ten Person

    Die inter­view­te Per­son ist seit einem Jahr­zehnt in Werk­stät­ten für Men­schen mit Behin­de­run­gen im Berufs­bil­dungs­be­reich tätig und anschlie­ßend in die Arbeits­ver­mitt­lung gewech­selt. Als Inte­gra­ti­ons­be­glei­tung ist sie für die Aus­ge­stal­tung des Über­gan­ges auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt zuständig.

    Zusam­men­fas­sung des Interviews

    Die Zusam­men­ar­beit mit dem BBB beschreibt die inter­view­te Per­son als gelun­gen. Hier nennt sie das jun­ge Team, den guten Infor­ma­ti­ons­aus­tausch sowie den Fokus auf die Reha­bi­li­ta­ti­on als Grün­de. Die Zusam­men­ar­beit mit den GL im AB beschreibt sie als Hür­de. Als Grund nennt sie die Angst der GL vor Ver­lust von Arbeits­kräf­ten. Sie kon­sta­tiert, dass die GL die bMA als Res­sour­ce in der Pro­duk­ti­on betrach­ten und sich auf die Defi­zi­te der bMA, statt auf den Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­trag fokus­sie­ren. Zudem habe die GL ihr zufol­ge kei­ner­lei Kennt­nis über die Arbeit der AV. Dabei sieht sie ihr per­so­nen­ori­en­tier­tes Arbei­ten als Chan­ce. Die Arbeit inner­halb des BBB wird als moti­vie­rend und unter­stüt­zend beschrie­ben. Hier ste­he die Bil­dung im Vor­der­grund und neue Metho­den sowie ein bes­se­rer Per­so­nal­schlüs­sel begüns­ti­gen dies ihrer Mei­nung nach. Der AB sträu­be sich hin­ge­gen gegen Ver­än­de­run­gen und reagie­re mit Ableh­nung. Als Ziel beschreibt die inter­view­te Per­son die Teil­ha­be von bMA durch Bil­dung und damit ein­her­ge­hen­de erfor­der­li­che Beglei­tung und Betreu­ung die­ser durch indi­vi­du­el­le Maß­nah­men. Als Wün­sche äußert sie mehr Par­ti­zi­pa­ti­on der GL und weni­ger Anfein­dun­gen durch den AB. Für gelin­gen­de Zusam­men­ar­beit sieht sie lösungs­ori­en­tier­tes Arbei­ten als essen­ti­ell an.

    Para­phra­sie­rung des Interviews

    Die inter­view­te Per­son gehört dem Unter­neh­men seit 10 Jah­ren an (1) und konn­te Erfah­run­gen im Werk­statt­be­reich im Berufs­bil­dungs­be­reich sam­meln (2). Zu den eige­nen Tätig­kei­ten zählt sie die ambu­lan­te Beglei­tung der Ent­wick­lung von wenig selbst­be­wuss­ten bMA im Grup­pen­set­ting hin zu inte­grier­ten Mit­ar­bei­tern im Betrieb durch eige­ne Arbeit (7). Hier kön­ne sie die Ent­wick­lungs­schrit­ten und Erfol­gen direkt wahr­neh­men (7). Ihrer Mei­nung nach steht die Betreu­ung im Betrieb der Prä­senz und per­sön­li­chem Aus­tausch vor Ort im Weg (24), dabei sei ihr Prä­senz vor Ort wich­tig, um Inter­es­sen­ten zu erken­nen und Kon­takt auf­zu­bau­en (24). Als per­so­na­le Anfor­de­run­gen an die eige­ne Tätig­keit beschreibt sie den Wunsch nach indi­vi­du­el­lem “personenzentrierte[m] Arbei­ten” (S. 1, Z. 28), was im Grup­pen­set­ting nicht mög­lich war (3). Sie hebt die gute Bezie­hung zu Kol­le­gen im BBB posi­tiv her­vor (18). Ihr sei es wich­tig, vor Ort in die Grup­pen zu gehen, sich mit den GL aus­zu­tau­schen, die bMA vor­zu­be­rei­ten und Bezie­hung auf­zu­bau­en (18). Ihr zufol­ge müs­sen Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen fle­xi­bel, kom­mu­ni­ka­tiv, offen und krea­tiv sein und lösungs­ori­en­tiert arbei­ten (32). Als struk­tu­rel­le Anfor­de­run­gen an die Arbeits­ver­mitt­lung sieht sie “den Auf­trag, Kli­en­ten inklu­siv zu unter­stüt­zen” (S. 5, Z. 19f.), die Öff­nung der Arbeits­ge­sell­schaft, dass jeder bMA mit Arbeits­wunsch dort eine Chan­ce bekommt (14). Die Unter­stüt­zung der bMA erfolgt durch Beglei­tung und Betreu­ung mit indi­vi­du­el­len Maß­nah­men, um mehr aus­ge­la­ger­te Arbeits­grup­pen sowie gesell­schaft­li­che Ver­än­de­run­gen zu ermög­li­chen (14). Einen ers­ten Auf­bruch erle­be sie durch inklu­si­ve Kin­der­gär­ten und Schu­len (14). Das Bild von Men­schen mit Beein­träch­ti­gun­gen in der Gesell­schaft sei defi­zit­ori­en­tiert und behü­tend (15). Werk­stät­ten wür­de jedoch eher die Gesell­schaft vor Men­schen mit Beein­träch­ti­gun­gen schüt­zen (16). Man­geln­de Zeit ist ein ent­schei­den­der struk­tu­rel­ler Fak­tor in ihrer eige­nen Arbeit, der Auf­klä­rung über die eige­ne Arbeit und Prä­senz in den Grup­pen sowie Netz­werk­ar­beit und den kol­le­gia­len Aus­tausch vor Ort behin­de­re (33). Hin­sicht­lich der Arbeit in einer Werk­statt äußert die inter­view­te Per­son, die fle­xi­ble abwechs­lungs­rei­che Arbeit mit hoher Mobi­li­täts­an­for­de­rung in der Arbeits­ver­mitt­lung im Kon­trast zum Grup­pen­dienst mit fes­ter Arbeits­zeit und guter Plan­bar­keit durch fes­te Grup­pen am Stand­ort stün­de (5/6). Die GL hät­ten enge Bezie­hung zu bMA und wür­den mit deren Arbeits­kraft in der Pro­duk­ti­on pla­nen. Zudem haben sie gro­ßen Ein­fluss auf bMA, wes­halb ihre Mei­nung ent­schei­den­den Ein­fluss auf die Bewäl­ti­gung des Über­gangs habe (28). Die Zusam­men­ar­beit mit Grup­pen­lei­tun­gen im Berufs­bil­dungs­be­reich beschreibt sie als gut. Als Grün­de hier­für nennt sie den “ rich­tig guten” (S. 2, Z. 32) kol­le­gia­len Aus­tausch, die stär­ken­ori­en­tier­te Per­spek­ti­ve (8) sowie das jun­ge Team im BBB, wel­ches ihren Fokus auf Bil­dung und Reha­bi­li­ta­ti­on legt (8). Dabei wird die per­so­nel­le Durch­mi­schung (“das Per­so­nal­ka­rus­sell” (S. 3, Z. 14 )) von Kol­le­gin­nen mit BBB-Erfah­rung als per­spek­ti­vi­scher Gewinn gese­hen (8). Wei­ter gebe es dort kei­nen Pro­duk­ti­ons­druck und Bil­dung und Qua­li­fi­zie­rung stün­den im Vor­der­grund, wäh­rend im AB die Pro­duk­ti­on im Vor­der­grund stün­de (8). Eben­so unter­schei­den sich Per­so­nal­schlüs­sel und die Arbeits­wei­sen in bei­den Berei­chen (8). Sie wür­de dies­be­züg­lich Erfah­run­gen im BBB mit jun­gen Kol­le­gin­nen machen, wel­che ihrer Aus­sa­ge nach anders aus­ge­bil­det wur­den (11). Im BBB wer­den ihrer Erfah­rung nach, regel­mä­ßig neue Metho­den und Ansät­ze zusam­men mit der Arbeits­ver­mitt­lung (“Pla­nungs­tag” (S. 4, Z. 40)) erprobt (12). Die metho­di­sche Viel­falt bei den über­wie­gend jun­gen Kol­le­gen sieht sie als posi­tiv an (36). Im Rah­men der Initi­ie­rung eines Über­gangs mel­den die Grup­pen­lei­tun­gen im BBB selbst Ver­mitt­lungs­wün­sche bei der Arbeits­ver­mitt­lung an (22). Im BBB gelin­ge ihrer Aus­sa­ge nach, der Aus­tausch mit GL, ganz im Gegen­satz zum AB. Die GL tre­ten in Kon­takt und in gegen­sei­ti­gen Infor­ma­ti­ons­aus­tausch mit der Arbeits­ver­mitt­lung (26/27). Sie äußert den Wunsch nach Koope­ra­ti­on im AB, wel­che ihrer Aus­sa­ge nach in BB schon gelin­ge, d.h. gemein­sam die Zie­le der bMA ermög­li­chen (30). Eine gelin­gen­de Koope­ra­ti­on im BBB zeigt sich auch in der Teil­nah­me an Team­sit­zun­gen (30). Regel­mä­ßi­ger gegen­sei­ti­ger kol­le­gia­ler Aus­tausch in den jewei­li­gen Teams sei wich­tig, um die eige­ne Arbeit wahr­zu­neh­men und zu sehen. “Dafür Zeit und Raum zu haben” (S. 9, Z. 37), stellt einen Wunsch dar (30). In Bezug auf die Zusam­men­ar­beit mit Grup­pen­lei­tun­gen im Arbeits­be­reich äußert sie, dass lang­jäh­ri­ge Kolleg:innen den Pro­duk­ti­ons­auf­trag fokus­sie­ren und “Angst” (S. 2, Z. 37) hät­ten, die Arbeits­kraft der bMA nicht ver­lie­ren zu wol­len (9), wäh­rend die IB den Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­trag fokus­sie­ren (8). Die GL haben ihr zufol­ge jedoch eine begrenz­te werk­statt­zen­trier­te Per­spek­ti­ve auf die bMA und ken­nen die Arbeit der Arbeits­ver­mitt­lung nicht. Sie begeg­nen die­ser mit offe­ner Ableh­nung in Form einer defi­zit­ori­en­tier­ten und über­be­hü­ten­den Per­spek­ti­ve (9). Die Kolleg:innen im AB weh­ren daher die Arbeits­ver­mitt­lung ab (9). So wür­den Kon­flik­te ent­ste­hen (9). Der AB ist ihrer Mei­nung nach ver­än­de­rungs­scheu und Auf­klä­rung sowie Fort­bil­dun­gen wer­den als not­wen­dig erach­tet (13). Sie beschreibt die Wahr­neh­mung von Skep­sis gegen­über neu­en Tech­ni­ken auf­grund funk­tio­nie­ren­der Metho­den und Miss­erfol­gen beim Aus­pro­bie­ren von neu­en Tech­ni­ken sei­tens des AB (13). Sie ver­mu­tet hier als Grund für die Ableh­nung, die nicht erfolg­te Anlei­tung (13). Zudem feh­le ihr die Teil­nah­me an Team­sit­zun­gen des AB, um das gegen­sei­ti­ge Ver­ständ­nis von­ein­an­der zu ver­än­dern (31). Sie berich­tet von despek­tier­li­chen Aus­sa­gen, wel­che sie “sehr ärger­lich” (S. 11, Z. 23) fand, von älte­ren Kolleg:innen über die Arbeit in der Arbeits­ver­mitt­lung, was sie auf lan­ger­jäh­ri­ge Arbeit im Grup­pen­dienst und die über­hol­ten Aus­bil­dungs­stan­dards zurück­führt (35). Bei Grup­pen­lei­tun­gen wird von ihr eine metho­di­sche Mono­to­nie beschrie­ben, die auf man­geln­de Fort­bil­dun­gen im per­so­nen­zen­trier­ten indi­vi­du­el­len Arbei­ten zurück­ge­führt wird (35). Mit Blick auf die Zusam­men­ar­beit mit dem Sozi­al­dienst in Werk­statt erzählt sie davon, dass die bMA durch den Sozi­al­dienst und sich selbst vor­ge­stellt wer­den und nur sel­ten durch die GL (20/21). Der Sozi­al­dienst muss in Ein­glie­de­rungs­pla­nung zudem auf die Aus­la­ge­rung auf­merk­sam machen (25). Es wird die Gefahr gese­hen, dass der Über­gang der beschäf­tig­ten Mit­ar­bei­ten­den in der Werk­statt unge­wollt sta­gnie­ren könn­te (25). Als struk­tu­rel­le Anfor­de­run­gen an die Werk­statt sieht sie die Aus­wei­tung der Infor­ma­ti­ons­an­ge­bo­te für GL und bMA (23) sowie die Aus­wei­tung von Bil­dungs- und Fort­bil­dungs­an­ge­bo­ten für GL und bMA für mehr Trans­pa­renz im Pro­zess (23). Es sei die struk­tu­rel­le Auf­ga­be, GL mit­zu­neh­men und zu begeis­tern für einen viel­fäl­ti­gen Metho­den­ein­satz (23). Dazu bedarf es eines gegen­sei­ti­gen Infor­ma­ti­ons­aus­tau­sches über Team­sit­zun­gen, um die jewei­li­ge Arbeit ken­nen­zu­ler­nen (“das wis­sen ja ganz vie­le gar nicht” (S. 7, Z. 34f.) und dadurch die Akzep­tanz erhö­hen (34).

    Bedeut­sa­me Ergebnisse

    „Teil­ha­be durch Bil­dung“ möch­te die befrag­te Per­son für Men­schen mit Behin­de­run­gen errei­chen. Dafür sieht sie die Öff­nung der Arbeits­ge­sell­schaft als obers­ten Auf­trag an, um bMA den Zugang zum Arbeits­markt über per­so­nen­zen­trier­te Maß­nah­men zu ermög­li­chen. Die Koope­ra­ti­on im BBB gelingt ihr nach vor allem, weil dort der Arbeits­fo­kus auf dem Reha­bi­li­ta­ti­ons- und Bil­dungs­auf­trag liegt und sie an wich­ti­gen Schnitt­stel­len, wie Team­sit­zun­gen teil­nimmt sowie ein regel­mä­ßi­ger kol­le­gia­ler Aus­tausch und Infor­ma­ti­ons­aus­tausch eta­bliert wurde.

    5.3 Ver­gleich der Einzelinterviews

    Im Fol­gen­den wer­den die Kate­go­rien aus den Ein­zel­in­ter­views inter­view­über­grei­fend zu Kon­struk­ten zusam­men­ge­fasst und inner­halb die­ser Kon­struk­te ein Ver­gleich über Unter­schie­de und Gemein­sam­kei­ten vor­ge­nom­men. Ein­gangs wer­den in Form einer Über­sicht das Kon­strukt und dazu­ge­hö­ri­ge Kate­go­rien mit der Num­me­rie­rung aus der Syn­op­sis auf­ge­lis­tet (sie­he Tabel­le 5–1).

    Tabelle 5-1 Synopsis der geführten Interviews.
    Tabel­le 5–1 Syn­op­sis der geführ­ten Interviews. 
    5.3.1 Erwerbs­bio­gra­fie

    Erwerbs­bio­gra­fie

    • Erwerbs­bio­gra­fie (1)

    Das Kon­strukt der Erwerbs­bio­gra­fie setzt sich aus der Kate­go­rie der Erwerbs­bio­gra­fie zusam­men, die über alle Inter­views hin­weg in den Erzäh­lun­gen the­ma­ti­siert wur­de. Inter­view­über­grei­fend haben die befrag­ten Per­so­nen über ihre vor­han­de­ne oder auch nicht vor­han­de­ne Werk­statt­er­fah­rung und ihre Unter­neh­mens­zu­ge­hö­rig­keit berich­tet. Kei­ne vor­he­ri­ge Werk­statt­er­fah­rung hat­ten die bei­den GL (Inter­view 4/8). Auch eine IB (Inter­view 5) hat­te vor­her kei­ne Werk­statt­er­fah­rung. Als Beson­der­heit fällt die pri­va­te Erfah­rung mit Men­schen mit Behin­de­run­gen der GL in Inter­view 4 auf. Eine Gemein­sam­keit der GL ist, dass sie bei­de vor­her in einer nicht-päd­ago­gi­schen beruf­li­chen Fach­rich­tung gear­bei­tet haben: „Ich sel­ber stam­me aus dem kauf­män­ni­schen Sek­tor, bin also ein Quer­ein­stei­ger und hat­te nach 28 Jah­ren Zuge­hö­rig­keit, das Ver­gnü­gen“ (Inter­view 7, S. 1, Z. 21).

    5.3.2 Beruf­li­che Tätigkeiten

    Beruf­li­che Tätigkeiten

    • Beruf­li­che Tätig­kei­ten (2)

    Das Kon­strukt der beruf­li­chen Tätig­kei­ten bil­det sich aus einer Kate­go­rie, die Inter­view­über­grei­fend the­ma­ti­siert wur­de. Die beruf­li­chen Tätig­kei­ten haben Gemein­sam­kei­ten inner­halb der jewei­li­gen Berufs­grup­pen. SD haben admi­nis­tra­ti­ve Kern­auf­ga­ben (Inter­view 1/7). Ein SD (Inter­view 1) hat eine Zusatz­auf­ga­be am Ein­satz­ort. GL die Pro­duk­ti­on (Inter­view 4/8) im Fokus. Ein SD hat sowohl sta­tio­nä­re als auch ambu­lan­te Zustän­dig­kei­ten (Inter­view 7): „Also natür­lich auch vie­le Behör­den­an­ge­le­gen­hei­ten für Doku­men­ta­tio­nen, Berich­te, klar, aber das emp­fin­de ich auch im guten Gleich­ge­wicht zu den prak­ti­schen Sachen, die ich so mache.” (Inter­view 7, S. 1, Z. 35f.). Die GL nen­nen klient:innenenbezogene Tätig­kei­ten der Moti­va­ti­on und des Schut­zes (Inter­view 4) sowie die Beglei­tung, Betreu­ung und Media­ti­on (Inter­view 8). Dar­über hin­aus nennt die GL in Inter­view 4 Bil­dung und Doku­men­ta­ti­on als Auf­ga­ben in ihrer Tätig­keit. Die IB haben die Betreu­ung und Beglei­tung im Betrieb (Inter­view 5/6) gemein­sam. Eine IB (Inter­view 5) benennt das Stel­len- und Bewer­ber­ma­nage­ment als zusätz­li­che Aufgabe.

    5.3.3 Zusam­men­ar­beit im eige­nen Arbeitsbereich

    Zusam­men­ar­beit im eige­nen Bereich

    • Zusam­men­ar­beit inner­halb der Werk­statt (3)
    • Arbeit inner­halb der Arbeits­ver­mitt­lung (10)
    • Arbeit in einer Werk­statt (15)
    • Zusam­men­ar­beit mit dem Berufs­bil­dungs­be­reich (19)

    Das Kon­strukt der Zusam­men­ar­beit im eige­nen Bereich setzt sich aus den Kate­go­rien 3, 10, 15 und 19 zusam­men. Die Kate­go­rie 3 the­ma­ti­siert die eige­ne Zusam­men­ar­beit des Sozi­al­diens­tes mit den Akteu­ren am Werk­statt­stand­ort. Die Zusam­men­ar­beit mit dem Berufs­bil­dungs­be­reich the­ma­ti­siert eben­falls die Zusam­men­ar­beit eines SD mit dem BBB am Stand­ort. Die bei­den IB the­ma­ti­sie­ren inner­halb der Kate­go­rie 10 die Arbeit inner­halb ihrer Abtei­lung der Arbeits­ver­mitt­lung. In Kate­go­rie 15 berich­tet eine IB von ihrer vor­he­ri­gen Tätig­keit im Grup­pen­dienst einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen. Allen Kate­go­rien ist gemein, dass die befrag­ten Per­so­nen über ihre Zusam­men­ar­beit mit ihren Kolleg:innen im eige­nen Arbeits­be­reich berichten.

    Die SD the­ma­ti­sie­ren infor­mel­le und for­mel­le Set­tings des Infor­ma­ti­ons­aus­tau­sches. So berich­tet der SD in Inter­view 1 über kol­le­gia­len Aus­tausch und Unter­stüt­zung sowie regel­mä­ßi­gen for­ma­len Aus­tausch wäh­rend der SD in Inter­view 7 den infor­mel­len Infor­ma­ti­ons­fluss bei Wech­sel aus dem BBB pro­ble­ma­ti­siert und for­ma­le­re Set­ting des Infor­ma­ti­ons­aus­tau­sches wie in Ein­glie­de­rungs­pla­nun­gen schon vor dem Über­gang aus dem BBB in den AB wünscht. Sie schätzt zwar die per­so­nen­zen­trier­te Arbeit, kri­ti­siert aber gleich­zei­tig den schlech­ten Infor­ma­ti­ons­fluss im Über­gang. Mit den Sozi­al­diens­ten gemein hat die IB in Inter­view 8 ihre Erfah­run­gen mit den Grup­pen­lei­tun­gen, deren Wis­sen und Bezie­hung ent­schei­dend für die Zusam­men­ar­beit sei­en, wie sie aus ihrer eige­nen Bio­gra­fie wis­se. Bei­de Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen pro­ble­ma­ti­sie­ren den Kon­flikt zwi­schen betrieb­li­cher Betreu­ung und Prä­senz vor Ort in den Werk­statt­en, was ihre Arbeits­qua­li­tät beein­flus­se und sich in der hohen Per­so­na­len Aus­las­tung begrün­de. Die IB in Inter­view 5 spricht immer noch von räum­lich-zeit­li­cher Über­for­de­rung, obwohl bereits eine trans­pa­ren­te ört­li­che Zustän­dig­keit eta­bliert wur­de. Die IB in Inter­view 6 pro­ble­ma­ti­siert die dies wei­ter, indem sie die Arbeits­be­din­gun­gen zwi­schen der Arbeits­ver­mitt­lung und dem Grup­pen­dienst in Werk­statt gegen­über­stellt. „Mein jet­zi­ger Arbeits­all­tag äh fle­xi­bel, ähm nicht plan­bar, […, Anm. PK] man kann nix pla­nen. Also im Grup­pen­all­tag ist es halt wirk­lich dies von halb acht bis um vier. Man hat sei­ne fes­ten Grup­pe. Man ist schon sehr fle­xi­bel. Wenn man plant etwas sei­nen Tag und dann geht das Tele­fon und muss doch irgend­wo anders agie­ren und flitzt von einem Betrieb zum Ande­ren“ (Inter­view 6, S. 2, Z. 5).

    5.3.4 Per­so­na­len Anfor­de­run­gen an eige­ne Tätigkeiten

    Per­so­na­len Anfor­de­run­gen an eige­ne Tätigkeiten

    • Per­so­na­le Anfor­de­run­gen an eige­ne Tätig­kei­ten (4)

    Zum Kon­strukt der per­so­na­len Anfor­de­run­gen an die eige­ne Tätig­keit gehört die gleich­na­mi­ge Kate­go­rie, die inter­view­über­grei­fend von jeder befrag­ten Per­son the­ma­ti­siert wur­de. Den­noch wur­de die­se Kate­go­rie divers benannt, d.h. die unter­schied­li­chen Akteurs­grup­pen setz­ten ganz unter­schied­li­che Schwer­punk­te. So benen­nen die Grup­pen­lei­tun­gen (Inter­views 4/5) bei­de Enga­ge­ment für die bMA sowie Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät, d.h. unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven zu berück­sich­ti­gen, sei ihnen wich­tig. Auch die Inte­gra­ti­ons­be­glei­tung in Inter­view 5 nennt die­se bei­den The­men als wich­ti­ge Aspek­te für ihre Arbeit. Die IB (Inter­view 5/6) nen­nen bei­de Per­so­nen­zen­trie­rung, Netz­werk­ar­beit und den Fokus auf die Reha­bi­li­ta­ti­on als bedeu­ten­de Anfor­de­run­gen. Inter­ne Öffent­lich­keits­ar­beit sowie der Fokus auf die Reha­bi­li­ta­ti­on ist auch ein wich­ti­ges The­ma für den Sozi­al­dienst in Inter­view 7. Beson­ders her­aus sticht der SD in Inter­view 01, der den Fokus auf die per­sön­li­che Ebe­ne legt und Arbeits­tu­gen­den wie Kol­le­gia­li­tät, Fair­ness und Ver­trau­en als wich­tig erach­tet: „Kol­le­gia­li­tät, Fair­ness, Ver­trau­en. in wel­che Rei­hen­fol­ge auch immer ja” (Inter­view 1, S. 2, Z. 29f.). Der SD in Inter­view 7 legt wie­der­um gro­ßen Wert auf Fach­lich­keit und Team­ar­beit, was in einen Zusam­men­hang zur Kol­le­gia­li­tät des ande­ren SD ver­mu­ten lässt. Der gelin­gen­de Aus­tausch mit Kol­le­gen scheint in die­sem Kon­strukt von über­ge­ord­ne­ter Bedeu­tung zu sein, denn kol­le­gia­ler Aus­tausch ist auch der GL in Inter­view 4 wich­tig. Der gelin­gen­de Aus­tausch von Sicht­wei­sen wird dabei auch durch die Mul­ti­per­spek­ti­vi­tät, die erst durch einen gelin­gen­den Infor­ma­ti­ons­aus­tausch geschaf­fen wer­den kann. Wes­halb damit auch die in Inter­view 5 benann­te Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit damit ein­her­geht. In die­sem Pro­zess des Aus­tau­sches der unter­schied­li­chen Per­spek­ti­ven sowie dem Wunsch nach enger Zusam­men­ar­beit durch Kol­le­gia­li­tät in Aus­tausch oder durch Team­ar­beit wird das Motiv des gegen­sei­ti­gen sich Ein­be­zie­hens deut­lich. Dane­ben zeich­net sich ein ande­res Motiv ab und zwar das Enga­ge­ment für bMA, wel­ches mit der Moti­va­ti­on in Inter­view 7 und der Krea­ti­vi­tät in Inter­view 5 ein­her­geht, um Lösun­gen für die bMA zu fin­den. Die­se Lösungs­ori­en­tie­rung wird bereits in Inter­view 8 durch die IB benannt. Dar­über hin­aus ist für Grup­pen­lei­tun­gen und Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen die Bezie­hungs­ar­beit von Bedeu­tung. So nennt die IB in Inter­view 6 die Bedeu­tung der Bezie­hungs­ar­beit und die GL in Inter­view 8 sich auf­grund ihrer eige­nen Bio­gra­fie als Vor­bild­funk­ti­on. Dar­über hin­aus beschreibt die­se GL auch den Zusam­men­hang zwi­schen Pro­duk­ti­on und Bil­dung in ihrer Arbeit, dass sie zwar die Pro­duk­ti­on fokus­sie­re, aber ohne Bil­dung auch kei­ne Pro­duk­ti­on mög­lich sei, wes­halb gleich­sam beruf­li­ches Wis­sen sowie päd­ago­gi­sches Wis­sen für die eige­ne Arbeit von Bedeu­tung sei.

    5.3.5 Zusam­men­ar­beit mit Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen der Arbeitsvermittlung

    Zusam­men­ar­beit mit Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen der Arbeitsvermittlung

    • Zusam­men­ar­beit mit Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen der Arbeits­ver­mitt­lung (5)

    Das Kon­strukt der Zusam­men­ar­beit mit Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen setzt sich aus der gleich­na­mi­gen Kate­go­rie zusam­men, die in den Inter­views der Sozi­al­diens­te und Grup­pen­lei­tun­gen the­ma­ti­siert wur­den. Ein­zig die Grup­pen­lei­tung in Inter­view 8 beschreibt kei­ne Zusam­men­ar­beit mit den IB. Glo­ba­les The­ma der vier Befrag­ten ist der erleb­te Infor­ma­ti­ons­fluss in der Zusam­men­ar­beit. Wäh­rend die Sozi­al­dienst eher posi­ti­ve Erfah­run­gen mit den Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen gemacht haben, sind die Grup­pen­lei­tun­gen ver­hal­ten bis kri­tisch ein­ge­stellt. Den SD nach mel­den sie in der Regel einen Ver­mitt­lungs­wunsch und stün­den wäh­rend der Betreu­ung von bMA im regel­mä­ßi­gen Aus­tausch mit den IB. „Es waren noch nicht so ganz schreck­lich vie­le Kon­tak­te, aber eigent­lich immer ver­nünf­tig behan­delt wor­den. Ver­nünf­tig auf dem Lau­fen­den gehal­ten wor­den” (Inter­view 1, S. 4, Z. 2f.). Ins­be­son­de­re durch die neue ört­li­che Zustän­dig­keit habe sich die Zusam­men­ar­beit ver­bes­sert, was sich an der höhe­ren Ver­mitt­lungs­quo­te und der Bezie­hungs­ar­beit der IB mit den bMA zei­ge (Inter­view 7). Dar­über hin­aus regis­trie­re der SD in Inter­view 7 ein hohes Enga­ge­ment bei den IB, was aber auch neue Bedar­fe bei den bMA nach Ver­mitt­lung wecke. Der SD aus Inter­view 8 berich­tet über zuver­läs­si­ge Abspra­chen, was für einen guten Infor­ma­ti­ons­aus­tausch steht sowie den Ein­be­zug der GL durch den Ein­satz des­sen Wirt­schafts­kon­tak­ten, die ein Gewinn für den Über­gang wären. Die GL in Inter­view 4 mel­det eine gute Betreu­ung der bMA wäh­rend der betrieb­li­chen Erpro­bung auf­grund des erfolg­ten Infor­ma­ti­ons­flus­ses zurück. Den­noch steht sie auf­grund belas­ten­der Erst­ge­sprä­che für bMA in der Vor­be­rei­tung eines Prak­ti­kums kri­tisch gegen­über den IB. Ihr feh­len Infor­ma­tio­nen über die die Arbeit der IB, Öffent­lich­keits­ar­beit wäre ihrer Ansicht nach beson­ders wich­tig, auch weil bereits bMA zu ande­ren Trä­gern gewech­selt sei­en, weil sich nie­mand um sie geküm­mert habe. Ver­mitt­lungs­wün­sche von bMA mel­de sie selbst eher dem SD oder an die Arbeits­ver­mitt­lung, anstel­le, dass bMA sich selbst mel­den wür­den. Eben­so mel­det die Grup­pen­lei­tung in Inter­view 8 kei­ne Ver­mitt­lungs­wün­sche, son­dern for­dert die bMA auf dies selbst zu tun. Sie mel­de­te auch zurück, dass sie kei­ne wirk­li­che Zusam­men­ar­beit mit den IB habe, son­dern vie­les über die SD lau­fe. Sie bemän­gelt die Trans­pa­renz bei IB auch was Exklu­si­ons­er­eig­nis­se von bMA bei der Erpro­bung ange­he und wün­sche sich dies­be­züg­lich mehr Partizipation.

    5.3.6 Per­so­na­le Anfor­de­run­gen an Integrationsbegleitungen

    Per­so­na­le Anfor­de­run­gen an Integrationsbegleitungen

    • Per­so­na­le Anfor­de­run­gen an Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen (6)

    Als per­so­na­le Anfor­de­run­gen an die Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen kumu­lie­ren sich hier­un­ter die For­de­run­gen der GL und der SD aus gleich­na­mi­ger Kate­go­rie in ihren Inter­views. So wün­schen sich die Sozi­al­diens­te und die Grup­pen­lei­tung aus Inter­view 4 eine dau­ern­de Arbeits­be­zie­hung zu den IB, die auf Ver­trau­en, Kol­le­gia­li­tät und Kon­ti­nui­tät beruht (Inter­view 1/7). Der Sozi­al­dienst im Inter­view 1 baut dabei auf Ziel­gleich­heit für eine gelin­gen­de Wir­kung und ist auch bereit sich in der Sache mit den IB zu strei­ten, damit das Bes­te für die bMA dabei raus­kommt. „Das ist ja wit­zig, da kann, da kann ich ja was ler­nen oder so also“ (Inter­view 01, S. 5, Z. 15). Die Grup­pen­lei­tun­gen wün­schen sich eher ein grö­ße­res Enga­ge­ment der IB, ins­be­son­de­re, was die inter­ne und exter­ne Öffent­lich­keits­ar­beit angeht, aber auch der Zugrif­fe auf die digi­ta­le Akte sei­en wich­ti­ge Vor­aus­set­zun­gen (Inter­view 4). Auch wird Netz­werk­ar­beit gefor­dert, was die Akqui­se von Betrie­ben und neu­en Stel­len angeht (Inter­view 8).

    5.3.7 Struk­tu­rel­le Anfor­de­run­gen an die Arbeitsvermittlung

    Struk­tu­rel­le Anfor­de­run­gen an die Arbeitsvermittlung

    • Struk­tu­rel­le Anfor­de­run­gen an die Arbeits­ver­mitt­lung (7)
    • Vor­be­rei­tung eines Prak­ti­kums (11)
    • Rück­kehr aus einem Prak­ti­kum (12)

    Das Kon­strukt der struk­tu­rel­len Anfor­de­run­gen an die IB setzt sich aus der gleich­na­mi­gen Kate­go­rie sowie den Kate­go­rien der Vor­be­rei­tung auf ein Prak­ti­kum und der Rück­kehr aus einem Prak­ti­kum zusam­men. In allen Kate­go­rien wer­den struk­tu­rel­le Pro­blem­la­gen the­ma­ti­siert und dar­auf­hin Anfor­de­run­gen für das zukünf­ti­ge Gelin­gen gestellt. So wird auch im SD (Inter­view 1) ein Per­so­nal­man­gel in der Arbeits­ver­mitt­lung fest­ge­stellt, da die IB hier Zeit­man­gel für zeit­na­he Vor­be­rei­tun­gen von Prak­ti­ka und Erst­ge­sprä­che kom­mu­ni­zie­ren. Zeit wird dabei ins­be­son­de­re auch von den IB selbst als bedeu­ten­des The­ma in ihrer Arbeit wahr­ge­nom­men. Ins­be­son­de­re für die Vor­be­rei­tung von Prak­ti­ka feh­le ihnen die Zeit, da ihre Arbeit bis zum ers­ten Prak­ti­kums­tag unsicht­bar sei, denn ein Kos­ten­stel­len­wech­sel erfol­ge erst mit dem ers­ten Prak­ti­kums­tag. Par­ti­zi­pa­ti­on, res­sour­cen­ori­en­tier­te Arbeit und die Akqui­se von Betrie­ben sei­en unter den aktu­el­len Struk­tu­ren sehr zeit­in­ten­si­ve Abläu­fe und wären behin­dert, obwohl gera­de die Vor­be­rei­tung ein wich­ti­ger Gelin­gens­fak­tor für ein Prak­ti­kum sei. Hier­für wer­den mehr Per­so­nal und eine tätig­keits­ori­en­tier­te Auf­tei­lung in der Arbeits­ver­mitt­lung vor­ge­schla­gen (Inter­view 5). Die­ser Zeit­pro­ble­ma­tik gegen­über ste­hen die Anfor­de­run­gen aus der eige­ne Abtei­lung (Inter­view 6) danach die Arbeits­ge­sell­schaft zu ver­än­dern, und das Bild von bMA und der Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen zu ver­än­dern oder die Rück­kehr aus Prak­ti­ka durch eine Über­gangs­grup­pe zu beglei­ten gegen­über. Aber auch die For­de­run­gen der Grup­pen­lei­tun­gen und Sozi­al­diens­te schei­nen davor schwer erfüll­bar. So wünscht sich der Sozi­al­dienst in Inter­view 1 bestän­di­ge Struk­tu­ren und nie­der­schwel­li­ge Ange­bo­te, was mit dem Wunsch der Grup­pen­lei­tung in Inter­view 8 ein­her­geht. Die­se wünscht sich mehr Par­ti­zi­pa­ti­on und Öffent­lich­keits­ar­beit, um bMA gezielt zu qua­li­fi­zie­ren. „Grün­de sind eigent­lich im Prin­zip, man weiß eigent­lich zu wenig über die Arbeit der Kol­le­gen in der [Arbeits­ver­mitt­lung] was ist da gera­de gefragt” (Inter­view 8, S. 5, Z. 5f.). Die ande­re Grup­pen­lei­tung wünscht sich eben­falls Öffent­lich­keits­ar­beit, aber in Form von mehr Wer­bung und Informationsnageboten.

    5.3.8 Struk­tu­rel­le Anfor­de­run­gen an Werkstatt

    Struk­tu­rel­le Anfor­de­run­gen an Werkstatt

    • Struk­tu­rel­le Anfor­de­run­gen an Werk­statt (8)
    • Struk­tu­rel­le Anfor­de­run­gen an den Berufs­bil­dungs­be­reich (20)
    • Prak­ti­ka als Pro­blem­lö­sung (22)

    Das Kon­strukt der struk­tu­rel­len Anfor­de­run­gen an Werk­statt setzt sich aus der gleich­na­mi­gen Kate­go­rie sowie den struk­tu­rel­len Anfor­de­run­gen an den Berufs­bil­dungs­be­reich und den Prak­ti­ka als Pro­blem­lö­sung zusam­men. Allen ist gemein, dass sie Struk­tu­ren in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen ver­än­dern wol­len. Die Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen wün­schen sich von der Sei­te der Werk­statt her, dass das Reha­bi­li­ta­ti­ons­ziel mehr kom­mu­ni­ziert wird (Inter­view 6). Auch wol­len sie mehr Infor­ma­ti­ons­an­ge­bo­te über Mög­lich­kei­ten des Über­gan­ges für bMA und GL sowie in Schnitt­stel­len des Arbeits­be­rei­ches, wie Team­sit­zun­gen teil­neh­men, um Bezie­hun­gen und Ver­trau­en auf­zu­bau­en (Inter­view 6). Struk­tu­rel­le Anfor­de­run­gen an die Werk­statt wer­den aber auch die MA in Werk­statt for­mu­liert. So wünscht sich der SD in Inter­view 7 mehr Par­ti­zi­pa­ti­on, auch bevor es zu einem Über­gang im BBB kommt, um ange­mes­sen auf Zie­le zu agie­ren. „Also manch­mal ist das sogar so, dann kom­men Men­schen mit Zie­len aus dem Berufs­bil­dungs­be­reich und wir ken­nen die gar nicht, so, weißt du?” (Inter­view 7, S.4, Z. 18f.). Auch wünscht sie mehr Fach­lich­keit vor Ort, um eine Lösungs­ori­en­tie­rung in der Arbeit mit bMA zu errei­chen, damit die­se nicht über ein Prak­ti­kum abge­scho­ben wer­den müss­ten. Auf der sozia­len Ebe­ne sieht die Grup­pen­lei­tung aus Inter­view 4 neben guter Team­ar­beit und einer posi­ti­ven Feed­back­kul­tur aus­rei­chend Zeit als struk­tu­rel­le For­de­rung an die Werkstatt.

    5.3.9 Beschäf­tig­te in Werkstätten

    Beschäf­tig­te in Werkstätten

    • Beschäf­tig­te in Werk­stät­ten (9)

    Das Kon­strukt der Beschäf­tig­ten in einer Werk­statt setzt sich aus einer Kate­go­rie in Inter­view 8 zusam­men. In die­ser Kate­go­rie beschreibt die Grup­pen­lei­tung den Habi­tus der beschäf­tig­ten Mit­ar­bei­ten­den im Kon­text des Über­gan­ges, dass sie wenig moti­viert dazu sei­en und die sozia­le Sicher­heit sowie sozia­le Mög­lich­kei­ten in der Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen schät­zen wür­den. Die­se gerin­ge Bereit­schaft zur Ver­än­de­rung spieg­le sich auch in den Ein­glie­de­rungs­pla­nun­gen wider: „Nee, ich will hier blei­ben, bloß nix ver­än­dern“ (Inter­view 8, S. 2, Z. 24).

    5.3.10 Zusam­men­ar­beit mit Werkstatt

    Zusam­men­ar­beit mit Werkstatt

    • Zusam­men­ar­beit mit Grup­pen­lei­tun­gen in Werk­statt (13)
    • Zusam­men­ar­beit mit Grup­pen­lei­tun­gen im Arbeits­be­reich (16)
    • Zusam­men­ar­beit mit Grup­pen­lei­tun­gen im Berufs­bil­dungs­be­reich (17)
    • Zusam­men­ar­beit mit dem Sozi­al­dienst in Werk­statt (18)

    Das Kon­strukt der Zusam­men­ar­beit in Werk­statt setzt sich aus den Kate­go­rien 13, 16, 17 und 18 zusam­men, die von den Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen the­ma­ti­siert wur­den. Die IB in Inter­view 6 kon­tras­tiert dabei die Zusam­men­ar­beit im BBB mit der Zusam­men­ar­beit im AB sowie der Zusam­men­ar­beit im SD. Die IB in Inter­view 5 benennt eine Koope­ra­ti­on mit dem SD, die auch in Inter­view 6 bestä­tigt wird. In der Zusam­men­ar­beit mit Grup­pen­lei­tun­gen sehe sie Ziel­kon­flik­te, die durch die enge Bezie­hung und durch vor­han­de­nes Erfah­rungs­wis­sen über die bMA noch ver­stärkt wür­den. Die Kolleg:in aus der Arbeits­ver­mitt­lung bestä­tigt die­se Sicht auf die Zusam­men­ar­beit im Arbeits­be­reich, wo sie Ableh­nung, einen Fokus auf die Pro­duk­ti­on, Angst vor Ver­än­de­run­gen und Kon­flik­te gera­de bei älte­ren GL erfah­re. „Ableh­nung durch ähm die ken­nen es nicht. Angst vor Ver­än­de­rung. Es lief ja jetzt 10 Jah­re so gut, war­um soll ich was ver­än­dern. Ich glau­be man müss­te den ich nicht dem viel mehr mit Auf­klä­rung, Fort­bil­dun­gen begeg­nen” (Inter­view 6, S. 5, Z. 9ff.). Dem Gegen­über ste­he die Zusam­men­ar­beit mit dem BBB, wo gera­de jun­ge Kolleg:innen offen für neue Metho­den und Koope­ra­ti­on mit den IB sei­en und mit ihr zusam­men an der Erfül­lung des Reha­bi­li­ta­ti­ons­auf­tra­ges arbei­ten würden.

    5.3.11 Per­so­na­le Anfor­de­run­gen an Gruppenleitungen

    Per­so­na­le Anfor­de­run­gen an Gruppenleitungen

    • Per­so­na­le Anfor­de­run­gen an Grup­pen­lei­tun­gen (6)

    Das Kon­strukt der per­so­na­len Anfor­de­run­gen an Grup­pen­lei­tun­gen setzt sich aus der gleich­na­mi­gen Kate­go­rie in Inter­view 5 zusam­men. In die­ser Kate­go­rie geht es um Anfor­de­run­gen an die Grup­pen­lei­tun­gen als kon­kre­te Akteu­re. Die befrag­te IB for­dert dabei Koope­ra­ti­on bei den GL ein, was sie in Ver­bin­dung mit Ziel­trans­pa­renz und dadurch mög­li­cher Wir­kung setzt, wenn bei­de Par­tei­en an einem Ziel zusam­men­ar­bei­ten. Ins­be­son­de­re der Infor­ma­ti­ons­aus­tausch sei hier­bei ein wich­ti­ger inter­per­so­nel­ler Aspekt: „So da wür­de ich mir an der einen oder ande­ren Stel­le ein­fach mehr Koope­ra­ti­on wün­schen, dass man sich zusam­men hin­set­zen und zusam­men einen Plan macht und der Grup­pen­lei­ter auch für sich gucken kann, wo kann er unter­stüt­zen und so […, Anm. PK]” (Inter­view 5, S. 5, Z. 14).

    5.3.12 Zusam­men­ar­beit mit Leistungsträger

    Zusam­men­ar­beit mit Leistungsträger

    • Zusam­men­ar­beit mit Leis­tungs­trä­ger (21)

    Die Zusam­men­ar­beit mit dem Leis­tungs­trä­ger wur­de aus­schließ­lich in Inter­view 7 the­ma­ti­siert. Der befrag­te Sozi­al­dienst benennt Gesprä­che im Rah­men des B.E.Ni-Verfahrens, zu denen alle Betei­lig­ten ein­ge­la­den wür­de, was den posi­ti­ven Effekt habe, dass so Netz­wer­ke gebil­det wer­den könn­ten. „Der Kos­ten­trä­ger weiß, wenn er sich mel­den muss, man hat sich auch schon mal gese­hen, man hat zusam­men gespro­chen. Also ich mein die­ses Netz­wer­kes ist ein­fach her­ge­stellt auch“ (Inter­view 7, S. 4, Z. 39).

    6. Dis­kus­si­on, Inter­pre­ta­ti­on der Ergeb­nis­se und Fazit

    Die Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen berich­ten aus ihrer Arbeit, dass sie eine gro­ße Über­for­de­rung wahr­neh­men. Die­se spieg­le sich in all­täg­li­chen Ent­schei­dun­gen wider, ob nun eher eine Betreu­ung im Betrieb von bereits eta­blier­ten Prak­ti­ka oder aus­ge­la­ger­ten Arbeits­plät­zen erfol­gen soll oder die Zeit in den Werk­statt­stand­or­ten für die Akqui­se oder Vor­be­rei­tung von Prak­ti­ka genutzt wer­den sol­le. Ins­be­son­de­re die Vor­be­rei­tung wird als wich­ti­ger Aspekt für das Gelin­gen eines Über­gan­ges ange­führt. Im All­tag kommt den­noch die Zeit im Stand­ort zu kurz. Die Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen sind unzu­frie­den mit die­ser struk­tu­rel­len Schief­la­ge, die auch schon im Werk­statt­stand­ort im Sozi­al­dienst und bei den Grup­pen­lei­tun­gen wahr­ge­nom­men wird.

    Abbildung 6-1 Vergleich der Akteursgruppen in ihren Wahrnehmungen über die eigene Tätigkeit, Anforderungen an die eigene Tätigkeit, Zusammenarbeit mit den jeweils anderen Akteuren sowie ihren Anforderungen an eine zukünftige Zusammenarbeit.
    Abbil­dung 6–1 Ver­gleich der Akteurs­grup­pen in ihren Wahr­neh­mun­gen über die eige­ne Tätig­keit, Anfor­de­run­gen an die eige­ne Tätig­keit, Zusam­men­ar­beit mit den jeweils ande­ren Akteu­ren sowie ihren Anfor­de­run­gen an eine zukünf­ti­ge Zusammenarbeit. 

    Legt man die per­sön­li­chen Anfor­de­run­gen an die eige­ne Tätig­keit zugrun­de, so wün­schen sich die Mit­ar­bei­ten­den eine Zusam­men­ar­beit, die sich über drei struk­tu­rel­le Anfor­de­run­gen aus Werk­statt an die Arbeits­ver­mitt­lung beschrei­ben lässt. Zum einen wün­schen sie sich eine nie­der­schwel­li­ge per­sön­li­che Betreu­ung, die Par­ti­zi­pa­ti­on der Grup­pen­lei­tun­gen sowie inter­ne und exter­ne Öffent­lich­keits­ar­beit. Die­se Anfor­de­run­gen ste­hen im Zusam­men­hang zum eige­nen Koope­ra­ti­ons­ver­ständ­nis, dass sich durch die per­so­na­len Anfor­de­run­gen an die eige­ne Tätig­keit cha­rak­te­ri­sie­ren lässt. So erwar­ten die Mit­ar­bei­ten­den von sich selbst, dass sie in die Bezie­hungs­ar­beit gehen, d.h. Bezie­hun­gen zu Kolleg:innen sowie zu den bMA auf­bau­en. Vor allem der Fokus auf den Wün­schen der Beschäf­tig­ten ist eine gemein­sa­me Per­spek­ti­ve, die sich die Mit­ar­bei­ten­den tei­len. Sie wün­schen sich des­halb Par­ti­zi­pa­ti­on. Sie wol­len sich gegen­sei­tig ein­be­zie­hen und ein­be­zo­gen wer­den, um ein gegen­sei­ti­ges Ver­ständ­nis der jewei­li­gen Per­spek­ti­ven zu errei­chen. Die­se Par­ti­zi­pa­ti­on mit den Akteu­ren vor Ort braucht Zeit, die aktu­ell nicht in der Arbeits­ver­mitt­lung gege­ben ist, wodurch die Sicht­wei­se der Werk­statt wei­ter for­dernd bleibt.

    Abbildung 6-2 Das Kooperationsverständnis der Akteure abgeleitet aus den Voraussetzungen für eine gelingende Kooperation nach Seckinger (2008, S. 9ff. in Merten et al., 2019, S. 29f.)
    Abbil­dung 6–2 Das Koope­ra­ti­ons­ver­ständ­nis der Akteu­re abge­lei­tet aus den Vor­aus­set­zun­gen für eine gelin­gen­de Koope­ra­ti­on nach Seckin­ger (2008, S. 9ff. in Mer­ten et al., 2019, S. 29f.)

    Die struk­tu­rel­len For­de­run­gen gehen ein­her mit den Erfolgs­fak­to­ren für gelin­gen­de Koope­ra­ti­on, d.h. sie wol­len Zweck und Inhalt der Koope­ra­ti­on klä­ren, die Zustän­dig­kei­ten fest­le­gen, Ver­ant­wor­tungs­be­rei­che beschrei­ben, die betei­lig­ten Akteu­re teil­ha­ben las­sen, sich gegen­sei­ti­ges Ken­nen und Ver­trau­en, fes­te Struk­tu­ren und Kon­ti­nui­tät schaf­fen und Nut­zen aus der Koope­ra­ti­on für die Beschäf­tig­ten zie­hen. Die zeit­li­che Res­sour­ce gilt dabei als zen­tra­ler Erfolgs­fak­tor eben­so wie Kon­ti­nui­tät bei den betei­lig­ten Par­tei­en, d.h. fes­te Ansprech­part­ner vor Ort zu schaf­fen, scheint in der Retro­spek­ti­ve eine rich­ti­ge Ent­schei­dung vor dem Hin­ter­grund gelin­gen­der Koope­ra­ti­on und den Anfor­de­run­gen der Mit­ar­bei­ten­den gewe­sen zu sein, jedoch muss die­se neue Zustän­dig­keit auch zeit­lich durch die Inte­gra­ti­ons­be­glei­tun­gen aus­ge­füllt wer­den können.

    Abbildung 6-3 Gegenüberstellung der Anforderungen von Sozialdienste und Gruppenleitungen zu den Effekten einer regionalen Zuordnung zu Werkstattstandorten in der Arbeitsvermittlung im Kontext des dortigen Konfliktes zwischen Werkstatt und Betrieben in Verbindung mit den gegenseitigen Wahrnehmungen von Gruppenleitungen und Integrationsbegleitungen.
    Abbil­dung 6–3 Gegen­über­stel­lung der Anfor­de­run­gen von Sozi­al­diens­te und Grup­pen­lei­tun­gen zu den Effek­ten einer regio­na­len Zuord­nung zu Werk­statt­stand­or­ten in der Arbeits­ver­mitt­lung im Kon­text des dor­ti­gen Kon­flik­tes zwi­schen Werk­statt und Betrie­ben in Ver­bin­dung mit den gegen­sei­ti­gen Wahr­neh­mun­gen von Grup­pen­lei­tun­gen und Integrationsbegleitungen. 

    7. Lite­ra­tur­ver­zeich­nis

    Attes­lan­der, P., Cromm, J., Gra­bow, B., Klein, H., Mau­rer, A., & Sie­gert, G. (2010). Metho­den der empi­ri­schen Sozi­al­for­schung (13., neu bear­bei­te­te und erwei­ter­te Auf­la­ge). Erich Schmidt Ver­lag. https://amzn.to/3Br1Wcs

    Balz, H.-J., & Spieß, E. (2009). Koope­ra­ti­on in sozia­len Orga­ni­sa­tio­nen: Grund­la­gen und Instru­men­te der Team­ar­beit ; ein Lehr­buch (1. Aufl). Kohl­ham­mer. https://amzn.to/3DLgZR8

    Beh­nisch, M., Lotz, W., & Mai­er­hof, G. (2013). Sozia­le Grup­pen­ar­beit mit Kin­dern und Jugend­li­chen: Theo­re­ti­sche Grund­la­ge — metho­di­sche Kon­zep­ti­on — empi­ri­sche Ana­ly­se. Beltz Juven­ta. https://amzn.to/3LzEEWQ

    Berg, M., Frie­sen­hahn, P., Strat­mann, A., Wal­ter, J., & Wil­len­berg, A. (Hrsg.). (2021). BAG WfbM Jah­res­be­richt 2020. https://www.bagwfbm.de/file/1437/

    Berg, M., Strat­mann, A., & Wil­len­berg, A. (Hrsg.). (2018). BAG WfbM Jah­res­be­richt 2016. https://www.bagwfbm.de/file/1095/

    Bie­ker, R. (2013a). Arbeit. In G. Theunis­sen, W. Kulig, & K. Schir­b­ort (Hrsg.), Hand­le­xi­kon Geis­ti­ge Behin­de­rung Schlüs­sel­be­grif­fe aus der Heil- und Son­der­päd­ago­gik, Sozia­len Arbeit, Medi­zin, Psy­cho­lo­gie, Sozio­lo­gie und Sozi­al­po­li­tik (S. 29–30). W. Kohl­ham­mer. https://amzn.to/3xK0f95

    Bie­ker, R. (2013b). Werk­statt für behin­der­te Men­schen. In G. Theunis­sen, W. Kulig, & K. Schir­b­ort (Hrsg.), Hand­le­xi­kon Geis­ti­ge Behin­de­rung Schlüs­sel­be­grif­fe aus der Heil- und Son­der­päd­ago­gik, Sozia­len Arbeit, Medi­zin, Psy­cho­lo­gie, Sozio­lo­gie und Sozi­al­po­li­tik (S. 410–411). W. Kohl­ham­mer. https://amzn.to/3xK0f95

    Bogner, A., Lit­tig, B., & Menz, W. (2014a). Der Zugang zu den Exper­ten: Die Vor­be­rei­tung der Erhe­bung. In A. Bogner, B. Lit­tig, & W. Menz (Hrsg.), Inter­views mit Exper­ten: Eine pra­xis­ori­en­tier­te Ein­füh­rung (S. 27–47). Sprin­ger Fach­me­di­en. https://amzn.to/3SkF9Gb

    Bogner, A., Lit­tig, B., & Menz, W. (2014b). Wis­sens- und Inter­view­for­men – Vari­an­ten des Exper­ten­in­ter­views. In A. Bogner, B. Lit­tig, & W. Menz (Hrsg.), Inter­views mit Exper­ten: Eine pra­xis­ori­en­tier­te Ein­füh­rung (S. 17–25). Sprin­ger Fach­me­di­en. https://amzn.to/3SkF9Gb

    Böh­nisch, L. (2018). Sozi­al­päd­ago­gik der Lebens­al­ter: Eine Ein­füh­rung (8., erwei­ter­te Auf­la­ge). Beltz Juven­ta. https://amzn.to/3dyCdXQ

    Cors­ten, M. (2010). Beruf­li­che Sozia­li­sa­ti­ons­theo­rie und ‑for­schung. EEO Enzy­klo­pä­die Erzie­hungs­wis­sen­schaft Online. https://content-select.com/de/portal/media/view/52824844–06b0-4920-a30a-11372efc1343

    Doo­se, S. (2007). Unter­stütz­te Beschäf­ti­gung: Beruf­li­che Inte­gra­ti­on auf lan­ge Sicht. Zusam­men­fas­sung der Ergeb­nis­se der Ver­bleibs- und Ver­laufs­stu­die. Zeit­schrift für Inklu­si­on, 1(2007). https://www.inklusion-online.net/index.php/inklusion-online/article/view/179

    Flick, U. (1996). Das epi­so­dische Interview—Konzeption einer Metho­de. In U. Flick (Hrsg.), Psy­cho­lo­gie des tech­ni­sier­ten All­tags: Sozia­le Kon­struk­ti­on und Reprä­sen­ta­ti­on tech­ni­schen Wan­dels in ver­schie­de­nen kul­tu­rel­len Kon­tex­ten (S. 147–165). VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten. https://amzn.to/3xID7YB

    Flick, U. (2011). Das Epi­so­dische Inter­view. In G. Oele­rich & H.-U. Otto (Hrsg.), Empi­ri­sche For­schung und Sozia­le Arbeit: Ein Stu­di­en­buch (S. 273–280). VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten. https://amzn.to/3DETaKT

    Greu­ne, T., Maus, F., Schu­ma­cher, T., Loh­was­ser, C., Gose­ja­cob-Rolf, H., Krä­mer, I., Lei­nen­bach, M., & Stark-Anger­mei­er, G. (2014). Bezugs­punk­te und Kri­te­ri­en für den berufs­ethi­schen Ansatz. ForumSO­ZI­AL, 4(2014), 24–28. https://www.dbsh.de/media/dbsh-www/redaktionell/pdf/Service/Forum_Sozial/FS_Inhalt_4_14.pdf

    Güh­ne, U., & Rie­del-Hel­ler, G. (2015). Die Arbeits­si­tua­ti­on von Men­schen mit schwe­ren psy­chi­schen Erkran­kun­gen in Deutsch­land (Deut­sche Gesell­schaft für Psych­ia­trie und Psy­cho­the­ra­pie, Psy­cho­so­ma­tik und Ner­ven­heil­kun­de e. V., Hrsg.). https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/6f086cca1fce87b992b2514621343930b0c398c5/Expertise_Arbeitssituation_2015-09–14_fin.pdf

    Häder, M. (2019). Wis­sen­schafts­theo­rie. In M. Häder (Hrsg.), Empi­ri­sche Sozi­al­for­schung: Eine Ein­füh­rung (S. 19–71). Sprin­ger Fach­me­di­en. https://amzn.to/3Sidq9a

    Helf­fe­rich, C. (2019). Leit­fa­den- und Exper­ten­in­ter­views. In N. Baur & J. Bla­si­us (Hrsg.), Hand­buch Metho­den der empi­ri­schen Sozi­al­for­schung (S. 669–686). Sprin­ger Fach­me­di­en. https://amzn.to/3UqaOrJ

    Hinz, A. (2013). Inte­gra­ti­on. In G. Theunis­sen, W. Kulig, & K. Schir­b­ort (Hrsg.), Hand­le­xi­kon Geis­ti­ge Behin­de­rung Schlüs­sel­be­grif­fe aus der Heil- und Son­der­päd­ago­gik, Sozia­len Arbeit, Medi­zin, Psy­cho­lo­gie, Sozio­lo­gie und Sozi­al­po­li­tik (S. 183–184). W. Kohl­ham­mer. https://amzn.to/3xK0f95

    Hug, T., & Posche­sch­nik, G. (2020). Empi­risch for­schen die Pla­nung und Umset­zung von Pro­jek­ten im Stu­di­um. UVK Ver­lags­ge­sell­schaft mbH. https://amzn.to/3UrkemI

    Jaeg­gi, E., Faas, A., & Mruck, K. (1998). Denk­ver­bo­te gibt es nicht! Vor­schlag zur inter­pre­ta­ti­ven Aus­wer­tung kom­mu­ni­ka­tiv gewon­ne­ner Daten. For­schungs­be­richt aus der Abtei­lung Psy­cho­lo­gie im Insti­tut für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten, 98(2). http://psydok.psycharchives.de/jspui/handle/20.500.11780/153

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    Joz­wi­ak, E., & Wolff, J. (2007). Wir­kungs­ana­ly­se: Kurz und bün­dig — Trai­nings­maß­nah­men im SGB II (Rese­arch Report Nr. 24/2007). IAB-Kurz­be­richt. https://www.econstor.eu/handle/10419/158260

    Kae­gi, U., & Käser, N. (2019). Kon­struk­ti­ve Kon­flikt­be­ar­bei­tung in der Koope­ra­ti­on. In J. Amstutz, U. Kae­gi, N. Käser, U. Mer­ten, & P. Zängl (Hrsg.), Koope­ra­ti­on kom­pakt: Koope­ra­ti­on als Struk­tur­merk­mal und Hand­lungs­prin­zip der Sozia­len Arbeit ; ein Lehr­buch (2. über­ar­bei­te­te und ergänz­te Auf­la­ge, S. 200–221). Ver­lag Bar­ba­ra Bud­rich. https://amzn.to/3Uq6IQh

    Klin­govs­ky, U., & Paw­le­wicz, S. (2015). Über­gang, Unsi­cher­heit und Unter­bre­chung: Schei­tern als Chan­ce zur Dif­fe­renz­bil­dung. In S. Schmidt-Lauff, H. von Fel­den, & H. Pät­zold (Hrsg.), Tran­si­tio­nen in der Erwach­se­nen­bil­dung (1. Aufl., S. 59–70). Ver­lag Bar­ba­ra Bud­rich. https://amzn.to/3S1wOaL

    Kuckartz, U. (2018). Qua­li­ta­ti­ve Inhalts­ana­ly­se: Metho­den, Pra­xis, Com­pu­ter­un­ter­stüt­zung (4. Auf­la­ge). Beltz Juven­ta. https://amzn.to/3C0gx0k

    Kulig, W. (2013a). Behin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on (BRK). In G. Theunis­sen, W. Kulig, & K. Schir­b­ort (Hrsg.), Hand­le­xi­kon Geis­ti­ge Behin­de­rung Schlüs­sel­be­grif­fe aus der Heil- und Son­der­päd­ago­gik, Sozia­len Arbeit, Medi­zin, Psy­cho­lo­gie, Sozio­lo­gie und Sozi­al­po­li­tik (S. 50–52). W. Kohl­ham­mer. https://amzn.to/3xK0f95

    Kulig, W. (2013b). Reha­bi­li­ta­ti­on. In G. Theunis­sen, W. Kulig, & K. Schir­b­ort (Hrsg.), Hand­le­xi­kon Geis­ti­ge Behin­de­rung Schlüs­sel­be­grif­fe aus der Heil- und Son­der­päd­ago­gik, Sozia­len Arbeit, Medi­zin, Psy­cho­lo­gie, Sozio­lo­gie und Sozi­al­po­li­tik (S. 306–307). W. Kohl­ham­mer. https://amzn.to/3xK0f95

    Lam­nek, S., & Krell, C. (2010). Qua­li­ta­ti­ve Sozi­al­for­schung: Lehr­buch (5., über­ar­bei­te­te Auf­la­ge). Beltz. https://amzn.to/3Sko3rT

    Lebens­hil­fe Nie­der­sach­sen e.V. (2015, Novem­ber 16). Hilfebedarfsgruppen/ HMB-Verfahren—Lebenshilfe Lan­des­ver­band Nie­der­sach­sen e.V. Hand­buch der ver­gü­tungs- und betriebs­re­le­van­ten Fra­gen. https://www.lebenshilfe-nds.de/de/service/Handbuch-der-verguetungs–und-betriebsrelevanten-Fragen-/Hilfebedarfsgruppen-HMB-Verfahren.php

    Lind­mei­er, C. (2013). ICF (Inter­na­tio­na­le Klas­si­fi­ka­ti­on der Funk­ti­ons­fä­hig­keit, Behin­de­rung und Gesund­heit). In G. Theunis­sen, W. Kulig, & K. Schir­b­ort (Hrsg.), Hand­le­xi­kon Geis­ti­ge Behin­de­rung Schlüs­sel­be­grif­fe aus der Heil- und Son­der­päd­ago­gik, Sozia­len Arbeit, Medi­zin, Psy­cho­lo­gie, Sozio­lo­gie und Sozi­al­po­li­tik (S. 175–177). W. Kohl­ham­mer. https://amzn.to/3xK0f95

    Mar­bur­ger, H. (2020). SGB IX — Reha­bi­li­ta­ti­on und Teil­ha­be von Men­schen mit Behin­de­run­gen: Text­aus­ga­be mit pra­xis­ori­en­tier­ter Ein­füh­rung (13. Aufl.). Wal­hal­la & Prae­to­ria. https://amzn.to/3Ut1kvB

    Mer­ten, U., Kae­gi, U., & Zängl, P. (2019). Kooperation—Eine Ant­wort auf die Zer­split­te­rung und Aus­dif­fe­ren­zie­rung psy­cho­so­zia­ler Dienst­leis­tun­gen. In J. Amstutz, U. Kae­gi, N. Käser, U. Mer­ten, & P. Zängl (Hrsg.), Koope­ra­ti­on kom­pakt: Koope­ra­ti­on als Struk­tur­merk­mal und Hand­lungs­prin­zip der Sozia­len Arbeit ; ein Lehr­buch (2. über­ar­bei­te­te und ergänz­te Auf­la­ge, S. 13–34). Ver­lag Bar­ba­ra Bud­rich. https://amzn.to/3Uq6IQh

    Mey, G., & Mruck, K. (2020). Qua­li­ta­ti­ve Inter­views. In G. Mey & K. Mruck (Hrsg.), Hand­buch Qua­li­ta­ti­ve For­schung in der Psy­cho­lo­gie (S. 1–21). Sprin­ger Fach­me­di­en. https://doi.org/10.1007/978–3‑658–18387-5_33‑2

    Nie­der­säch­si­sches Lan­des­amt für Sozia­les Jugend und Fami­lie. (2016). Nie­der­säch­si­sche Anwen­dungs­hin­wei­se zum HMB‑T Verfahren—Verfahren der Zuord­nung von Leis­tungs­be­rech­tig­ten zu Grup­pen für Leis­tungs­be­rech­tig­te mit ver­gleich­ba­rem Hil­fe­be­darf. Nds. Lan­des­amt für Sozia­les, Jugend und Fami­lie. https://bit.ly/3x01sWI

    Nie­hoff, U. (2013). Teil­ha­be. In G. Theunis­sen, W. Kulig, & K. Schir­b­ort (Hrsg.), Hand­le­xi­kon Geis­ti­ge Behin­de­rung Schlüs­sel­be­grif­fe aus der Heil- und Son­der­päd­ago­gik, Sozia­len Arbeit, Medi­zin, Psy­cho­lo­gie, Sozio­lo­gie und Sozi­al­po­li­tik (S. 369). W. Kohl­ham­mer. https://amzn.to/3xK0f95

    Rebi­en, M., & Spitz­na­gel, E. (2007). Betriebs­prak­ti­ka: Auf Umwe­gen zum Ziel (Rese­arch Report Nr. 7/2007). IAB-Kurz­be­richt. https://www.econstor.eu/handle/10419/158243

    Röh, D. (2018). Sozia­le Arbeit in der Behin­der­ten­hil­fe (2., völ­lig über­ar­bei­te­te Auf­la­ge). Ernst Rein­hardt. https://amzn.to/3RXZbXg

    Seyd, W. (2015). Zie­le, Pro­zes­se und Struk­tu­ren beruf­li­cher Reha­bi­li­ta­ti­on – Situa­ti­ons­auf­riss und Per­spek­tiv­be­trach­tung. In H. Bier­mann, E. Fischer, U. Heim­lich, J. Kah­lert, & R. Lel­ge­mann (Hrsg.), Inklu­si­on im Beruf (1. Auf­la­ge, S. 139–179). Ver­lag W. Kohl­ham­mer. https://amzn.to/3f6TlEq

    Spieß, E. (2021). Kon­flikt, sozia­ler. In M. A. Wirtz (Hrsg.), Dorsch Lexi­kon der Psy­cho­lo­gie. Hog­re­fe. https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/konflikt-sozialer

    Stör­mer, N. (2013). Geschich­te der Betreu­ung von Men­schen mit geis­ti­ger Behin­de­rung. In G. Theunis­sen, W. Kulig, & K. Schir­b­ort (Hrsg.), Hand­le­xi­kon Geis­ti­ge Behin­de­rung Schlüs­sel­be­grif­fe aus der Heil- und Son­der­päd­ago­gik, Sozia­len Arbeit, Medi­zin, Psy­cho­lo­gie, Sozio­lo­gie und Sozi­al­po­li­tik (S. 156–158). W. Kohl­ham­mer. https://amzn.to/3xK0f95

    The­sing, S. (2015). Beruf­li­che Bil­dung im Zielkonflikt—Umsetzungsbedingungen des gesetz­li­chen Auf­trags der WfbM [Dis­ser­ta­ti­on, Uni­ver­si­tät Ham­burg]. https://ediss.sub.uni-hamburg.de/handle/ediss/7092

    Trost, R. (2013a). Beruf­li­che Inte­gra­ti­on, beruf­li­che Reha­bi­li­ta­ti­on. In G. Theunis­sen, W. Kulig, & K. Schir­b­ort (Hrsg.), Hand­le­xi­kon Geis­ti­ge Behin­de­rung Schlüs­sel­be­grif­fe aus der Heil- und Son­der­päd­ago­gik, Sozia­len Arbeit, Medi­zin, Psy­cho­lo­gie, Sozio­lo­gie und Sozi­al­po­li­tik (S. 57–58). W. Kohl­ham­mer. https://amzn.to/3xK0f95

    Trost, R. (2013b). Unter­stütz­te Beschäf­ti­gung, Sup­port­ed Employ­ment. In G. Theunis­sen, W. Kulig, & K. Schir­b­ort (Hrsg.), Hand­le­xi­kon Geis­ti­ge Behin­de­rung Schlüs­sel­be­grif­fe aus der Heil- und Son­der­päd­ago­gik, Sozia­len Arbeit, Medi­zin, Psy­cho­lo­gie, Sozio­lo­gie und Sozi­al­po­li­tik (S. 381–383). W. Kohl­ham­mer. https://amzn.to/3xK0f95

    West­ecker, M. (2013). Tages­stät­ten, Tages­för­der­stät­ten, day cen­ters. In G. Theunis­sen, W. Kulig, & K. Schir­b­ort (Hrsg.), Hand­le­xi­kon Geis­ti­ge Behin­de­rung Schlüs­sel­be­grif­fe aus der Heil- und Son­der­päd­ago­gik, Sozia­len Arbeit, Medi­zin, Psy­cho­lo­gie, Sozio­lo­gie und Sozi­al­po­li­tik (S. 366–367). W. Kohl­ham­mer. https://amzn.to/3xK0f95

  • ICF-Ori­en­tie­rung in der Ein­glie­de­rungs­hil­fe für Men­schen mit Behin­de­run­gen (Stand 2021)

    ICF-Ori­en­tie­rung in der Ein­glie­de­rungs­hil­fe für Men­schen mit Behin­de­run­gen (Stand 2021)

    Die­ser Bei­trag fokus­siert die ver­än­der­te Situa­ti­on des Leis­tungs­er­brin­gers in der Ein­glie­de­rungs­hil­fe für Men­schen mit Behin­de­run­gen als Fol­ge der BTHG-Umset­zung in Nie­der­sach­sen, sodass die­ser ledig­lich für die Pla­nung pas­sen­der Maß­nah­men ver­ant­wort­lich sein wird und die Umset­zung der Maß­nah­men an den Leis­tungs­trä­ger zurück­mel­det. Die Hoheit über die ein­zel­nen Hil­fe­ver­fah­ren liegt beim Trä­ger der Ein­glie­de­rungs­hil­fe, bspw. beim ört­li­chen Sozi­al­amt. Es ist ver­ant­wort­lich und führt das ICF-ori­en­tier­te B.E.Ni-Verfahren aus. 

    Mit der Rati­fi­zie­rung der UN-Behin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on (UN-BRK) erfolg­te ein Para­dig­men­wech­sel in der Ein­glie­de­rungs­hil­fe für Men­schen mit Behin­de­run­gen, d.h. ein Wech­sel vom Für­sor­ge­sys­tem hin zur Rea­li­sie­rung der Teil­ha­be am Leben in der Gesell­schaft. Zen­tra­ler Begriff der UN-BRK ist die Inklu­si­on. „Wäh­rend Inte­gra­ti­on als Her­stel­lung eines Gan­zen defi­niert wer­den kann, ist Inklu­si­on die Ein­be­zie­hung in ein Gan­zes [,] wonach jede ein­zel­ne Per­son in Gesell­schaft und Arbeits­markt ein­zu­be­zie­hen [ist]“ (sie­he Welti & Nacht­schatt, S. 68). Damit sol­len alle Men­schen „glei­che Frei­hei­ten und deren mate­ri­el­le Grund­la­gen und Vor­aus­set­zun­gen“ erhal­ten (ebd.), was einer rea­li­sier­ten Teil­ha­be gleich­kommt. Ins­be­son­de­re die Rechts­nor­men des SGB IX sol­len Men­schen mit Beein­träch­ti­gun­gen dabei unter­stüt­zen, „[…] ihre Selbst­be­stim­mung und […] vol­le, wirk­sa­me und gleich­be­rech­tig­te Teil­ha­be am Leben in der Gesell­schaft zu för­dern, Benach­tei­li­gun­gen zu ver­mei­den oder ihnen ent­ge­gen­zu­wir­ken“ (sie­he § 1 SGB IX). Teil­ha­be gestal­tet sich dem­nach nach dem Leit­satz “Nicht über uns ohne uns”. Sol­che Leis­tun­gen aus der Ein­glie­de­rungs­hil­fe erhal­ten dem­nach Men­schen, die „[…] kör­per­li­che, see­li­sche, geis­ti­ge oder Sin­nes­be­ein­träch­ti­gun­gen haben, die sie in Wech­sel­wir­kung mit ein­stel­lungs- und umwelt­be­ding­ten Bar­rie­ren an der gleich­be­rech­tig­ten Teil­ha­be an der Gesell­schaft mit hoher Wahr­schein­lich­keit län­ger als sechs Mona­te hin­dern kön­nen. Eine Beein­träch­ti­gung […] liegt vor, wenn der Kör­per- und Gesund­heits­zu­stand von dem für das Lebens­al­ter typi­schen Zustand abweicht. Men­schen sind von Behin­de­rung bedroht, wenn eine Beein­träch­ti­gung nach […] zu erwar­ten ist“ (sie­he § 2 Abs. 1 SGB IX). Behin­de­run­gen als Lang­fris­ti­ge kör­per­li­che, see­li­sche, geis­ti­ge oder Sin­nes­be­ein­träch­ti­gun­gen, die in Ver­bin­dung mit Bar­rie­ren an der Teil­ha­be an Gesell­schaft hin­dern, las­sen den Begriff an die Gesund­heits­de­fi­ni­ti­on der ICF (ICF und ver­wand­te Klas­si­fi­ka­ti­ons­sys­te­me) anknüp­fen (sie­he Welti & Nacht­schatt, S. 64). Die­se Ver­än­de­rung erfolg­te ins­be­son­de­re durch die Umset­zung der UN-BRK in deut­sches Recht mit dem BTHG. Ins­be­son­de­re durch das BTHG und die damit ver­bun­de­ne Neu­fas­sung des SGB IX wird durch § 13 SGB IX eine ein­heit­li­che Bedarfs­fest­stel­lung nach ICF-Kri­te­ri­en gefor­dert. In Nie­der­sach­sen wird die­se For­de­rung durch das Instru­ment der Bedarfs­er­mitt­lung Nie­der­sach­sen (kurz B.E.Ni) umge­setzt. Auch die­ses Instru­ment befin­det sich noch in der Wei­ter­ent­wick­lung. Aktu­ell lie­gen B.E.Ni 3.0 sowie ent­spre­chen­de Arbeits­hil­fen vor. Das B.E.Ni-Verfahren glie­dert sich ent­spre­chen­de Bögen in fünf Pha­sen von F1-F5.

    ICF-Orientierung in der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen (Stand 2021) Dieser Beitrag fokussiert die veränderte Situation des Leistungserbringers in der Eingliederungshilfe für Menschen mit Behinderungen als Folge der BTHG-Umsetzung in Niedersachsen mit dem ICF-orientierten B.E.Ni-Verfahren.
    Abbil­dung 1. B.E.Ni 3.0 und Leistungserbringer

    Mit der drit­ten Stu­fe des BTHG ist zum Jah­res­wech­sel 2020 u.a. die Ein­glie­de­rungs­hil­fe in das SGB IX über­führt wor­den und damit ein Leis­tungs­recht für Men­schen mit Behin­de­run­gen ent­stan­den, um den leis­tungs­be­rech­tig­ten Men­schen „Maß­nah­men wie aus einer Hand“ anbie­ten zu kön­nen. Fer­ner bedeu­tet dies, dass der Leis­tungs­trä­ger der Ein­glie­de­rungs­hil­fe die Gesamt­ver­ant­wor­tung für den Hil­fe­pro­zess über­nimmt. Die­ser wird durch die Novel­lie­rung zu einem Gesamt- und Teil­ha­be­plan­ver­fah­ren in der Ver­ant­wor­tung des Leis­tungs­trä­gers. Pri­mä­rer Fokus auch in die­sem Ver­fah­ren ist die Par­ti­zi­pa­ti­on der Leis­tungs­be­rech­tig­ten an die­sem Pro­zess. Ihre Wün­sche und Zie­le sind maß­ge­bend für das Ver­fah­ren, wodurch stär­ker als bis­her eine Per­so­nen­zen­trie­rung ermög­licht wer­den soll. Der Leis­tungs­trä­ger erfasst die funk­tio­na­len Bedar­fe ICF-ori­en­tiert und trä­ger­über­grei­fend gemein­sam mit den leis­tungs­be­rech­tig­ten Per­so­nen und plant die Ein­glie­de­rungs­zie­le mit ihnen als über­ge­ord­ne­te und koor­di­nie­ren­de Ein­heit in einem Gesamt­plan (GP) (sie­he Hand­buch B.E.Ni 3.0; S. 16). Soll­ten unter­schied­li­che Leis­tungs­trä­ger nach § 6 SGB IX betei­ligt wer­den müs­sen, sind von ihnen Teil­ha­be­plan­ver­fah­ren sowie Teil­ha­be­plä­ne (THP) als Teil des Gesamt­plans zu erstel­len. Sie gewäh­ren Leis­tun­gen nach den für sie maß­ge­ben­den Rechtvorschriften.

    Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger
    nach § 6 Abs. 1 SGB IX
    Rechts­grund­la­ge
    Gesetz­li­che KrankenkasseSGB V Gesetz­li­che Krankenversicherung
    Bun­des­agen­tur für ArbeitSGB II Grund­si­che­rung für Arbeit­su­chen­de
    SGB III Arbeitsförderung
    Trä­ger der gesetz­li­chen UnfallversicherungSGB VII Gesetz­li­che Unfallversicherung
    Trä­ger der gesetz­li­chen RentenversicherungSGB VI Gesetz­li­che Rentenversicherung
    Trä­ger der Kriegs­op­fer­ver­sor­gung,
    Trä­ger der Kriegsopferfürsorge
    BVG Bun­des­ver­sor­gungs­ge­setz
    Trä­ger der öffent­li­chen JugendhilfeSGB VIII Kin­der- und Jugendhilfe
    Trä­ger der EingliederungshilfeSGB IX Reha­bi­li­ta­ti­on und Teil­ha­be von Men­schen mit Behin­de­run­gen / Teil 2 Eingliederungshilferecht
    Tabel­le 1. Reha­bi­li­ta­ti­ons­trä­ger und ihre Rechtsgrundlagen

    Wo aber bleibt in die­sem neu­en Ver­fah­ren der Leis­tungs­er­brin­ger (LE), der bis­her mit den leis­tungs­be­rech­tig­ten Per­so­nen (LB) Zie­le und Maß­nah­men im Rah­men einer Ein­glie­de­rungs­pla­nung ent­wi­ckelt hat­te. Im B.E.Ni-Verfahren ist der Leis­tungs­er­brin­ger jeden­falls nicht expli­zit erwähnt (sie­he § 121 SGB IX). Jedoch muss der LE bspw. über Zie­le infor­miert wer­den, um Maß­nah­men mit den LB pla­nen zu kön­nen. Auch ist im Drei­ecks­ver­hält­nis zwi­schen LE, LB und Leis­tungs­trä­ger (LT) die Kon­troll­funk­ti­on in Form einer Rück­mel­dung über die erbrach­ten Leis­tun­gen fes­ter Bestand­teil eben die­ses Ver­hält­nis­ses. Aus die­sen Grün­den wird im B.E.Ni-Verfahren der Leis­tungs­er­brin­ger mit den Bögen F4 und F5 LE for­mal betei­ligt. Nicht jedoch in der Form einer Bedarfs­er­mitt­lung und Ziel­pla­nung zwi­schen LE und LB, wie es bis­her üblich war (sie­he HMB-Ver­fah­ren und § 57 SGB IX für den Ein­glie­de­rungs­plan). Der Leis­tungs­er­brin­ger kon­kre­ti­siert die Ziel­pla­nung, d.h. er for­mu­liert gemein­sam mit den LB ent­spre­chen­de Maß­nah­men pas­send zu den Zie­len aus. Auch im Ver­fah­ren des Gesamt- und Teil­ha­be­plans, bspw. in den ent­spre­chen­den Kon­fe­ren­zen ist der LE bei der ers­ten Durch­füh­rung per se nicht betei­ligt, jedoch kann er bei Über­prü­fun­gen auf Wunsch bzw. durch Zustim­mung der LB am Ver­fah­ren betei­ligt wer­den. Soll­te dies nicht der Fall sein ist der Leis­tungs­er­brin­ger ledig­lich an der Maß­nah­men­pla­nung sowie der for­ma­len Ziel­aus­wer­tung und Ver­laufs­be­richts­er­stat­tung (mit Bögen F4 und F5 LE) betei­ligt. Dem­nach ver­än­dert sich die Bedeu­tung des Ein­glie­de­rungs­plans hin zu einer kon­kre­ti­sie­ren­den Teil­men­ge des Gesamt-/Teil­ha­be­plans. Wird vom Leis­tungs­trä­ger ein GP- oder THP-Ver­fah­ren durch­ge­führt, so ent­fällt in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen außer­dem der bis­he­ri­ge Fach­aus­schuss, der bis­her über die Auf­nah­me ent­schie­den hat (sie­he § 2 Abs. 1a WVO).

    ICF BTHG B.E.Ni Menschen
    Abbil­dung 2. Die ICF und die Bezie­hung zwi­schen den Akteu­ren und den gesetz­li­chen Vor­ga­ben (nach Grampp 2019, S. 51)

    Auch die Kon­troll­funk­ti­on ver­än­dert sich teils durch das B.E.Ni-Verfahren. So ist der LT für die Kon­trol­le der inten­dier­ten und in Zie­len aus­for­mu­lier­te Wir­kung (sie­he Teil 2 Kapi­tel 7 SGB IX) und der LE für die Kon­trol­le der Wirk­sam­keit sei­ner Maß­nah­men (sie­he Teil 2 Kapi­tel 8 SGB IX) ver­ant­wort­lich. Kurz gesagt, kon­trol­liert der LT die Zie­le und der LE kon­trol­liert sei­ne Maß­nah­men, indem er die geplan­ten und umge­setz­ten Maß­nah­men doku­men­tiert und in Form von Berich­ten über die Ent­wick­lung und Ziel­er­rei­chung an den LT zurück­mel­det. Inwie­fern eine ICF-Ori­en­tie­rung in den Maß­nah­men für die Fest­stel­lung und Erbrin­gung von Leis­tun­gen in der Zukunft eine Anwen­dung im B.E.Ni-Verfahren fin­det bleibt offen. Bei Inter­es­se sei an die­ser Stel­le auf die in der Ent­wick­lung befin­den­de Klas­si­fi­ka­ti­on der Gesund­heits­in­ter­ven­tio­nen (ICHI) ver­wie­sen (vgl. Grampp 2019, S. 107–109). Auch der LT über­prüft gemein­sam mit den LB die Zie­le spä­tes­tens alle zwei Jah­re und mel­det Ver­än­de­run­gen an den LE zurück. Im Zuge der Leis­tungs­er­brin­gung ist aber auch der LE dazu ver­pflich­tet, ver­ein­bar­te Zie­le, die nicht oder nicht mehr erreicht wer­den an den LT zurück­zu­mel­den. Der LT passt in die­sem Fall den Gesamt- bzw. Teil­ha­be­plan an.

    Für die Rück­mel­dung der Wirk­sam­keit bleibt nach heu­ti­gem Stand auch wei­ter­hin das HMB-Ver­fah­ren maß­ge­bend. Es wur­de eine Über­gangs­re­ge­lung bis 12/2021 getrof­fen. Das HMB-Ver­fah­ren wur­de bis­her für die Bedarfs­er­mitt­lung durch den LE genutzt, auch um leis­tungs­be­rech­tig­te Per­so­nen in ver­glei­chen­de Grup­pen mit ähn­li­chem Hil­fe­be­darf ein­zu­grup­pie­ren. Die­ses Ver­fah­ren stellt nach wie vor die Grund­la­ge für die Finan­zie­rung der Leis­tun­gen dar und dient damit auch aktu­ell noch als Grund­la­ge für die Her­stel­lung einer ein­ver­nehm­li­chen Finan­zie­rung zwi­schen LT und LE. Jedoch wird die Bedarfs­er­mitt­lung laut B.E.Ni-Verfahren durch den LT durch­ge­führt, inwie­fern sich das HMB-Ver­fah­ren des­halb ver­än­dern wird, ist noch nicht abzu­se­hen, da auch aktu­ell noch kein neu­es Instru­ment für die ein­ver­nehm­li­che Finan­zie­rung vor­liegt. Aktu­ell ist des­halb davon aus­zu­ge­hen, dass das Instru­ment HMB in ande­rer Form bzw. Funk­ti­on auch im B.E.Ni-Verfahren erhal­ten blei­ben wird, nach­dem es für das B.E.Ni-Verfahren ange­passt und in Ein­klang mit die­sem gebracht wur­de (vgl. Grampp 2019, S. 97–102).

    Die Maß­nah­men­pla­nung erfolgt idea­ler­wei­se ent­lang eines Drei­klangs aus Leit­ziel, Rah­men­zie­len sowie Ergeb­nis­zie­len. Die Ziel­pla­nung fin­det eben­so wie die Bedarfs­er­mitt­lung zwi­schen LT und LB statt. Jedoch benö­ti­gen Leis­tungs­er­brin­ger Kennt­nis über die ver­ein­bar­ten Zie­le, um ent­spre­chen­de Maß­nah­men und Metho­den mit den LB zu pla­nen. Aus die­sem Grund wur­de der Bogen F4 LE ent­wi­ckelt, mit dem der LE die ver­ein­bar­ten Zie­le über­mit­telt bekommt. Dar­auf ist das Leit­ziel aus der Bedarfs­er­mitt­lung zwi­schen LT und LB bspw. aus einer Gesamt­plan- oder Teil­ha­be­plan­kon­fe­renz fest­ge­hal­ten. Dar­un­ter glie­dern sich ent­spre­chen­de Rah­men­zie­le mit zuge­hö­ri­gem Lebens­be­reich aus der ICF. Sie stel­len somit den Bezug zur ICF und zum behin­de­rungs­be­griff dar. Unter den Ergeb­nis­zie­len, die ent­spre­chen­den Rah­men­zie­len zuge­ord­net sind, wer­den kon­kre­te Zie­le beschrie­ben, die mit Maß­nah­men und Metho­den des LE erreicht wer­den sollen.

    Durch den Ver­laufs­be­richt und die Ziel­aus­wer­tung wird auf der einen Sei­te die Kon­troll­funk­ti­on des LT aus­ge­übt. Auf der ande­ren Sei­te stel­len die­se eine Doku­men­ta­ti­ons­form für den LE über sei­ne geleis­te­ten Maß­nah­men dar. Der LE berich­tet in schrift­li­cher Form über die Ent­wick­lung der LB sowie über die gemein­sa­me Ziel­aus­wer­tung. Bei­des soll min­des­tens alle zwei Jah­re erfol­gen. Für eine Über­gangs­zeit wird aktu­ell auch wei­ter­hin auf das HMB-Ver­fah­ren zurück­ge­grif­fen. Spä­tes­tens 2022 wer­den die ers­ten B.E.Ni Berich­te und Aus­wer­tun­gen erfol­gen müs­sen, wei­te­re Ent­wick­lun­gen müs­sen dies­be­züg­lich abge­war­tet wer­den. Nach B.E.Ni 3.0 soll über Bogen F5 LE ein Ver­laufs­be­richt sowie eine Ziel­aus­wer­tung vor­ge­nom­men wer­den. Zu des­sen Inhal­ten gehö­ren der Anlass, d.h. Ver­laufs­be­richt oder Abschluss­be­richt, die Ver­än­de­rung per­sön­li­cher Daten, sons­ti­ge rele­van­te Infor­ma­tio­nen für die Ziel­aus­wer­tung, die der­zei­ti­gen Leis­tun­gen sowie ein Ver­laufs­be­richt über den Maß­nah­men­ver­lauf. Die Ziel­aus­wer­tung erfolgt über jedes ein­zel­ne Ergeb­nis­ziel, d.h. deren Doku­men­ta­ti­on, aktu­el­ler Stand bzw. Ver­än­de­rung sowie för­der­li­che und hin­der­li­che Fak­to­ren samt ein­ge­setz­ter Res­sour­cen bei der Umset­zung. Abschlie­ßend soll eine Ein­schät­zung des LE über immer noch bestehen­de Bedar­fe sowie eine Emp­feh­lung für zukünf­ti­ge Zie­le gege­ben wer­den. D.h. auch hier­bei bleibt eine Bedarfs­er­mitt­lung aus und es wird sich ledig­lich auf die ver­ein­bar­ten Zie­le zwi­schen LT und LB bezogen.

    Eine zusätz­li­che Bedarfs­er­mitt­lung durch den LE erscheint hier nicht gefor­dert, wes­halb das HMB-Ver­fah­ren für die Rück­mel­dung an den LT nicht geeig­net erscheint. Viel­mehr geben die Anfor­de­run­gen im B.E.Ni 3.0 eher Anlass dazu, dass wei­ter­hin bestehen­de Bedar­fe ICF-ori­en­tiert zurück­ge­mel­det wer­den müss­ten. Das HMB-Ver­fah­ren basiert zwar auf der ICF. Es ist aber kein ICF-ori­en­tier­tes Ver­fah­ren. Auch sol­len Emp­feh­lun­gen für zukünf­ti­ge Zie­le gege­ben wer­den, d.h. im Sin­ne der Ziel­pla­nung des B.E.Ni-Verfahrens braucht es ergo eine ICF-Ori­en­tie­rung, um in einer Spra­che über Bedar­fe und ent­spre­chen­de Zie­le zu spre­chen. Gleich­sam müs­sen die erbrach­ten Leis­tun­gen aber auch ver­gü­tet wer­den, d.h. eine gemein­sa­me Sicht auf die LB, die eine ver­läss­li­che und ein­ver­nehm­li­che Finan­zie­rung ermög­licht, ist erfor­der­lich. In die­sem Sin­ne könn­te gemut­maßt wer­den, dass das HMB-Ver­fah­ren für das B.E.Ni ange­passt wird, d.h. die bestehen­den Items wer­den in die Spra­che der ICF über­setzt und zu klä­ren blie­be inwie­fern eine ange­mes­se­ne ICF-Ori­en­tie­rung erreicht wür­de, da das HMB-Ver­fah­ren in sei­nen jewei­li­gen Vari­an­ten per se bestimm­te Lebens­be­reich der ICF je nach Leis­tungs­an­ge­bot aus­klam­mert. Somit kön­nen die bei­den Vari­an­ten des HMB-Ver­fah­rens im bes­ten Fall nur für die Rück­mel­dung von Teil­ha­be­plä­nen genutzt wer­den, wenn Leis­tun­gen bspw. im pri­va­ten Lebens­be­reich (HMB‑W) oder im Bereich der Tages­struk­tur zur Teil­ha­be am Arbeits­le­ben (HMB‑T) erbracht wer­den. Damit in die­sem Fall eine stim­mi­ge Leis­tungs­er­brin­gung erfol­gen kann, wird in Zukunft ein stär­ke­rer Fokus auf ICF-ori­en­tier­te Leis­tungs­be­schrei­bun­gen gelegt wer­den müs­sen, um die Ange­bots­struk­tur mit dem B.E.Ni-Verfahren und die Kom­mu­ni­ka­ti­on in der Eiglie­de­rungs­hil­fe zu har­mo­ni­sie­ren. Somit bleibt abschlie­ßend fest­zu­hal­ten, dass auch Leis­tungs­er­brin­ger nicht um eine ICF-Ori­en­tie­rung ihrer Ange­bo­te her­um­kom­men, viel­mehr kann hier­in auch ein Mehr­wert für Leis­tungs­er­brin­ger und ihre Ange­bots­struk­tur lie­gen, indem sie anhand der ICF auf­zei­gen kön­nen in wel­chen Lebens­be­rei­chen sie Unter­stüt­zung leis­ten. Damit ist die ICF für Leis­tungs­er­brin­ger nicht nur ein Tool zur Kodie­rung und Ver­stän­di­gung, son­dern kann in sys­te­ma­ti­scher Wei­se auch genutzt wer­den, um bspw. freie Berei­che in der Ange­bots­struk­tur offenzulegen.

    Quel­len:

    Grampp, G. (2019). Die ICF ver­ste­hen und nut­zen (3. Auf­la­ge 2019). BALANCE Buch + Medi­en Ver­lag. https://content-select.com/de/portal/media/view/5ceceb44-5f74-455d-996a-05d1b0dd2d03

    Sei­del, A., & Schnei­der, S. (2020). Pra­xis­hand­buch ICF-ori­en­tier­te Bedarfs­er­mitt­lung: Bera­tung, Dia­gnos­tik und Hil­fe­pla­nung in sozia­len Beru­fen (1. Auf­la­ge). Beltz Juven­ta. https://content-select.com/de/portal/media/view/60473691–32d0-4e46-a7e3-389bb0dd2d03

    Welti, F., & Nacht­schatt, E. (2018). Das glei­che Recht von Men­schen mit Behin­de­run­gen auf Arbeit nach Art. 27 UN-Behin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on. In Das Recht auf Arbeit für Men­schen mit Behin­de­run­gen (S. 55–90). Nomos Ver­lags­ge­sell­schaft mbH & Co. KG. https://doi.org/10.5771/9783845284224–55

    Lite­ra­tur­emp­feh­lung:

    ICF BTHG B.E.Ni Menschen
    ICF BTHG B.E.Ni Menschen
  • Wie­der­ein­glie­de­rung in eine Werk­statt nach einem exter­nen Prak­ti­kum — Metho­di­scher Teil

    Wie­der­ein­glie­de­rung in eine Werk­statt nach einem exter­nen Prak­ti­kum — Metho­di­scher Teil

    Fra­ge­stel­lung: Was benö­ti­gen die Fach­kräf­te einer Werk­statt für Men­schen mit psy­chi­schen Erkran­kun­gen für die Nach­be­rei­tung eines Prak­ti­kums auf einem aus­ge­la­ger­ten Arbeitsplatz?

    Inhalts­ver­zeich­nis

    1. Die Ein­füh­rung in das Forschungsvorhaben
    2. Die Inte­gra­ti­on auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt oder wie beruf­li­che Über­gän­ge Bio­gra­fien formen
    3. Rah­men­be­din­gun­gen und Struk­tu­ren päd­ago­gi­schen Han­delns in der beruf­li­chen Rehabilitation
    4. Das qua­li­ta­ti­ve Inter­view als Metho­de zur Erfas­sung von Kognitionsinhalten
    5. Das For­schungs­de­sign und sei­ne Dokumentation
    6. Das Resü­mee zum gegen­wär­ti­gen Untersuchungsstand
    7. Lite­ra­tur­ver­zeich­nis

    Die Ein­füh­rung in das Forschungsvorhaben

    Das vor­lie­gen­de For­schungs­vor­ha­ben wird in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen durch­ge­führt. Die Werk­statt hat einen his­to­risch begrün­de­ten Fokus auf Men­schen mit psy­chi­schen Erkran­kun­gen, da sie aus einem ehe­ma­li­gen Nie­der­säch­si­schen Lan­des­kran­ken­haus her­vor­ge­gan­gen ist (sie­he Nie­der­säch­si­scher Land­tag, 2010, S. 2 f.). Werk­stät­ten für Men­schen mit Behin­de­run­gen sind nach dem neun­ten Sozi­al­ge­setz­buch (SGB IX) Ein­rich­tun­gen, die die Teil­ha­be am Arbeits­le­ben ermög­li­chen sol­len (sie­he § 219 SGB IX). Beruf­li­che Erpro­bun­gen sind dem­nach ein natür­li­che Bestand­tei­le in die­ser Tran­si­ti­on, um schließ­lich eine Inte­gra­ti­on auf dem all­ge­mei­nen Arbeits­markt i.S.v. §49 Abs. 3 SGB IX zu ermög­li­chen. Beruf­li­che Tran­si­ti­on lässt sich damit ins­be­son­de­re durch zu bewäl­ti­gen­de Über­gän­ge cha­rak­te­ri­sie­ren (vgl. Walt­her, 2015, S. 35 f.). Am Bei­spiel einer beruf­li­chen Erpro­bung in einem Unter­neh­men wird dies beson­ders deut­lich. Beschäf­tig­te Mitarbeiter:innen[1] (bMA) in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen (WfbM) sind im Arbeits­be­reich der Werk­statt ein­ge­bun­den. Eine Werk­statt stellt damit den soge­nann­ten zwei­ten Arbeits­markt dar. Damit eine Inte­gra­ti­on auf dem all­ge­mei­nen Arbeits­markt in einem sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­gen Arbeits­ver­hält­nis ermög­licht wer­den kann, bie­ten Werk­stät­ten betrieb­li­che Erpro­bun­gen an, die im Ide­al in eine sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ge Beschäf­ti­gung mün­den kön­nen. So las­sen sich bspw. min­des­tens zwei insti­tu­tio­nel­le Über­gän­ge bezo­gen auf eine beruf­li­che Erpro­bung erken­nen. Der ers­te Über­gang beschreibt den Weg in ein Prak­ti­kum und aus einer Werk­statt hin­aus, wäh­rend der zwei­te Über­gang sich divers aus­ge­stal­tet. So kann der Über­gang ent­we­der im Sin­ne einer wei­ter­füh­ren­den beruf­li­chen Inte­gra­ti­on auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt fort­ge­führt wer­den, sich eine ande­re Mög­lich­keit zur Erpro­bung dar­an anschlie­ßen oder eine Rück­kehr in die Werk­statt erfol­gen. Die­se Über­gän­ge sind im Kon­text gesell­schaft­li­cher Nor­ma­li­tät eng ver­bun­den mit den Begrif­fen „gelin­gen“ oder auch „schei­tern“ und besit­zen damit einen bio­gra­fi­schen und damit sehr per­sön­lich­keits­re­le­van­ten Ein­fluss für die Kli­en­tel (sie­he Klin­govs­ky & Paw­le­wicz, 2015). Sie sind vor ihrer Erkran­kun­gen erfolg­reich auf dem all­ge­mei­nen Arbeits­markt tätig gewe­sen und muss­ten ihn des­halb ver­las­sen. Der Aus­ge­stal­tung von Über­gän­gen in der beruf­li­chen Inte­gra­ti­on kommt damit eine über­ge­ord­ne­te Rol­le zu, da sie ins­be­son­de­re Gefahr lau­fen kön­nen, bereits erleb­te beruf­li­che Exklu­si­on und deren Fol­gen zu repro­du­zie­ren (sie­he Güh­ne & Rie­del-Hel­ler, 2015).

    Mit die­ser Unter­su­chung soll des­halb die Fra­ge beant­wor­tet wer­den, was die Fach­kräf­te einer Ein­rich­tung für Men­schen mit psy­chi­schen Beein­träch­ti­gun­gen brau­chen, um eine Rück­kehr aus einer beruf­li­chen Erpro­bung gelin­gen zu las­sen. Mit dem vor­lie­gen­den For­schungs­pro­jekt soll des­halb ein Fokus auf die von Fach­kräf­ten wahr­ge­nom­me­ne Bedarfs­la­ge der Kli­en­tel in der Tages­struk­tu­rie­rung nach einer Rück­kehr in die Werk­statt gelegt wer­den, um einer­seits Erkennt­nis­se über die Aus­wir­kun­gen einer sol­chen Erpro­bung auf die Kli­en­tel zu erfas­sen und ande­rer­seits, um mög­li­che Bedar­fe für die päd­ago­gi­sche Arbeit in einer Werk­statt für Men­schen mit psy­chi­schen Beein­träch­ti­gun­gen abzuleiten.

    Die­se Arbeit legt den Fokus auf die metho­di­sche Kon­zep­ti­on, d.h. das For­schungs­de­sign und sei­ne wis­sen­schaft­li­che Fun­die­rung. Im Ver­lauf die­ser Arbeit wird das metho­di­sche Vor­ge­hen anhand der gesetz­li­chen und struk­tu­rel­len Rah­men­be­din­gun­gen her­ge­lei­tet, dabei wer­den ins­be­son­de­re fach­theo­re­ti­sche Aspek­te her­aus­ge­ar­bei­tet, um sie mit einem For­schungs­in­stru­ment erfas­sen zu kön­nen, d.h. was ist der gesetz­li­che Auf­trag zur beruf­li­chen Inte­gra­ti­on und wie wir­ken sich Über­gän­ge auf die beruf­li­che Tran­si­ti­on aus. Aber auch struk­tu­rel­le Rah­men­be­din­gun­gen wer­den dar­ge­stellt, d.h. wie sind die Rah­men­be­din­gun­gen vor Ort und wie ord­net sich päd­ago­gi­sches Han­deln dar­in ein. Genau­so wird in die­sem Kon­text ein Blick auf didak­tisch-metho­di­sche Kon­struk­ti­on durch Bedin­gungs­ana­ly­sen nach Schil­ling (2016) als theo­re­ti­sches Modell päd­ago­gi­schen Han­delns gewor­fen. Aus den Rah­men­be­din­gun­gen und dem Modell sowie der Struk­tur päd­ago­gi­schen Han­delns las­sen sich des­halb anschlie­ßend metho­di­sche Ent­schei­dun­gen for­schungs­theo­re­tisch ein­ord­nen. Es wird dem­nach die Fra­ge beant­wor­tet, war­um gera­de das Inter­view eine pas­sen­de Metho­de ist und war­um die Her­stel­lung eines Dia­log-Kon­sen­ses sich als anschlie­ßen­de For­schungs­schlei­fe anbie­tet. Schließ­lich wird das dar­aus resul­tie­ren­de For­schungs­de­sign vor­ge­stellt, um das Vor­ge­hen trans­pa­rent dar­zu­le­gen. In die­sem Kon­text wird die Kon­struk­ti­on des Leit­fa­dens sowie das aus­ge­wähl­te Tran­skrip­ti­ons­sys­tem offen­ge­legt und die aus­ge­wähl­te Stich­pro­be beschrie­ben und begründet.

    Die Inte­gra­ti­on auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt oder wie beruf­li­che Über­gän­ge Bio­gra­fien formen

    Die Ein­glie­de­rungs­hil­fe für Men­schen mit Behin­de­run­gen agiert mit ihrem Auf­trag zur beruf­li­chen Reha­bi­li­ta­ti­on und Inte­gra­ti­on (sie­he Trost, 2013) in einem recht­li­chen Rah­men, der ins­be­son­de­re den Per­so­nen­kreis als auch den Auf­trag ein­grenzt und beschreibt. Im Rah­men die­ses For­schungs­pro­jek­tes, das die Bedarfs­la­ge der Kli­en­tel einer Werk­statt für Men­schen mit psy­chi­schen Erkran­kun­gen in den Fokus nimmt, ist damit die recht­li­che Lage zu klä­ren, in der päd­ago­gi­sches Han­deln, das Teil­ha­be am Arbeits­le­ben ermög­li­chen soll, ein­ge­bet­tet ist (sie­he Bie­ker, 2013). Men­schen mit psy­chisch Erkran­kun­gen haben bereits Erfah­run­gen auf dem all­ge­mei­nen Arbeits­markt gesam­melt und sind mit har­ten Über­gän­gen und erwerbs­bio­gra­fi­schen Brü­chen ver­traut. Auch im Kon­text der Reha­bi­li­ta­ti­on erle­ben beschäf­tig­te Mitarbeiter:innen in einer WfbM wei­ter­hin Über­gän­ge bspw. durch Erpro­bun­gen in der Ein­rich­tung, aber auch außer­halb durch beruf­li­che Erpro­bun­gen in Unter­neh­men. Die Tran­si­ti­ons­for­schung unter­sucht die­ses Phä­no­men bio­gra­fi­scher Über­gän­ge sowie ihre Ein­flüs­se und Wir­kung auf Men­schen aber auch ihre Bewäl­ti­gung und Aus­ge­stal­tung (vgl. Klin­govs­ky & Paw­le­wicz, 2015, S. 60–62; vgl. Voll­mer, 2016, S. 227; vgl. Walt­her, 2015, S. 35–37). Die­se Arbeit befasst sich mit den Bedar­fen einer Kli­en­tel mit psy­chi­schen Erkran­kun­gen nach der Rück­kehr in die WfbM aus einer beruf­li­chen Erpro­bung, dem­nach liegt der Fokus ins­be­son­de­re auf der Wir­kung von Über­gän­gen, um ein Ver­ständ­nis für mög­li­che Reha­bi­li­ta­ti­ons­be­dar­fe zu erlan­gen und um für die­se Über­gän­ge zu sensibilisieren.

    Der gesetz­li­che Auf­trag zur beruf­li­chen Inte­gra­ti­on in Werk­stät­ten für Men­schen mit Behinderungen

    Werk­stät­ten für Men­schen mit Behin­de­run­gen sind Ein­rich­tung, die nach dem neun­ten Sozi­al­ge­setz­buch (SGB IX) gere­gelt sind [2]. Auch Werk­stät­ten für psy­chisch Erkrank­te Men­schen fal­len auf­grund des Behin­de­rungs­be­grif­fes dar­un­ter. Men­schen mit Behin­de­run­gen im Sin­ne des SGB IX sind „Men­schen, die kör­per­li­che, see­li­sche, geis­ti­ge oder Sin­nes­be­ein­träch­ti­gun­gen haben, die sie in Wech­sel­wir­kung mit ein­stel­lungs- und umwelt­be­ding­ten Bar­rie­ren an der gleich­be­rech­tig­ten Teil­ha­be an der Gesell­schaft mit hoher Wahr­schein­lich­keit län­ger als sechs Mona­te hin­dern kön­nen. Eine Beein­träch­ti­gung […] liegt vor, wenn der Kör­per- und Gesund­heits­zu­stand von dem für das Lebens­al­ter typi­schen Zustand abweicht“ (sie­he § 2 Abs. 1 Satz 1 und 2 SGB IX). Nach der aktu­el­len Rechts­auf­fas­sung muss die „Behin­de­rung damit […] nicht nur die ver­min­der­ten Chan­cen am Arbeits­markt ver­ur­sa­chen, sie muss auch ursäch­lich für den Bedarf an Hil­fen zur Teil­ha­be am Arbeits­le­ben sein“ (sie­he Bun­des­agen­tur für Arbeit, 2016, S. 2, vgl. 2021). Die­se Rechts­aus­le­gung geht damit von defi­zi­tä­ren Res­sour­cen aus, die sich in der Behin­de­rung begrün­den müs­sen und damit Hil­fe­be­dar­fe für das Erlan­gen einer gleich­be­rech­tig­ten Teil­ha­be auf­zei­gen (vgl. Eiköt­ter et al., 2017, S. 50–58, 273 f.). Ins­be­son­de­re schwer psy­chisch Erkrank­te sind auf­grund ihrer Erkran­kung oft von Lang­zeit­ar­beits­un­fä­hig­keit betrof­fen und bedür­fen einer beruf­li­chen Wie­der­ein­glie­de­rung (sie­he Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft für Reha­bi­li­ta­ti­on, 2020, S. 10). Hil­fen zur Teil­ha­be am Arbeits­le­ben wer­den in einer Werk­statt der­art erbracht, dass eine Werk­statt beruf­li­che Bil­dung und Beschäf­ti­gung bie­tet und zur Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung bei­trägt. Dabei soll die Werk­statt mit ihren Maß­nah­men dazu bei­tra­gen, dass die Leis­tungs- und Erwerbs­fä­hig­keit erhal­ten bleibt, die­se sich erhöht und wei­ter­ent­wi­ckelt, um geeig­ne­ten Per­so­nen den Über­gang auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt zu ermög­li­chen (vgl. § 219 Abs. 1 Satz 2 und 3 SGB IX).

    Die in Werk­stät­ten erbrach­ten Leis­tun­gen haben dem­nach immer noch einen inte­gra­ti­ven Cha­rak­ter, d.h. der Ver­än­de­rungs­fo­kus liegt auf den Men­schen mit Behin­de­run­gen und ihrer Leis­tungs- und Erwerbs­fä­hig­keit, sodass sie schließ­lich auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt über­ge­hen kön­nen [3]. Auch für Men­schen mit psy­chi­schen Erkran­kun­gen, die Fokus die­ser Arbeit sind, besteht der inte­gra­ti­ve Gedan­ke fort (vgl. Hinz, 2013). So wird hier­bei aber auf­grund der bio­gra­fi­schen Beson­der­hei­ten psy­chi­scher Erkran­kun­gen der Wie­der­ein­glie­de­rung – der Reha­bi­li­ta­ti­on – ein beson­de­res Augen­merk geschenkt, d.h. es wird eine Reinte­gra­ti­on in den all­ge­mei­nen Arbeits­markt ange­strebt, da i.d.R. Men­schen mit psy­chi­schen Erkran­kun­gen vor ihrer Beschäf­ti­gung in einer WfbM ein Teil des all­ge­mei­nen Arbeits­mark­tes waren (sie­he Kulig, 2013). Psy­chi­sche Erkran­kun­gen und das damit ver­bun­de­ne Aus­schei­den aus dem all­ge­mei­nen Arbeits­markt – auf­grund der schwe­re ihrer Erkran­kung – stellt folg­lich eine Zäsur in der Erwerbs­bio­gra­fie erkrank­ter Men­schen dar, was bei ihnen eine Sen­si­bi­li­tät für beruf­li­che Über­gän­ge nahe­legt, die fes­ter Bestand­teil einer beruf­li­chen Reha­bi­li­ta­ti­on sind. (vgl. Wind­scheid, 2019a, S. 64 ff., vgl. 2019b).

    Geschei­ter­te Über­gän­ge und ihre Aus­wir­kun­gen auf beschäf­tig­te Mitarbeiter:innen

    Die Tran­si­ti­ons­for­schung befasst sich mit „[Sta­tus- und Rol­len­wech­seln indi­vi­du­el­ler Sozia­li­sa­ti­ons­ver­läu­fe] oder [anders aus­ge­drückt mit] Ent­wick­lungs­schrit­ten in der zeit­li­chen Per­spek­ti­ve des Lebens­lau­fes“ (sie­he Walt­her, 2015, S. 36). Dem Ver­ständ­nis „doing tran­si­ti­ons“ nach­spielt aber nicht nur die indi­vi­du­el­le Ebe­ne eine Rol­le, son­dern auch die insti­tu­tio­nel­le und dis­kur­si­ve Ebe­ne, um der Über­gän­gen inhä­ren­ten Nor­ma­ti­vi­tät ange­mes­sen begeg­nen zu kön­nen Die­sem Ver­ständ­nis nach sind Über­gän­ge auf allen drei Ebe­ne zu betrach­ten. D.h. auf der dis­kur­si­ven Ebe­ne die Über­gan­ge an sich und ihre Kon­stru­iert­heit, auf der insti­tu­tio­nel­len Ebe­ne die prak­ti­sche Regu­lie­rung durch Akteu­re und Insti­tu­tio­nen und auf der indi­vi­du­el­len Ebe­ne den Über­gang in sei­ner sub­jek­tiv-bio­gra­fi­schen Bewäl­ti­gungs­ebe­ne zu the­ma­ti­sie­ren. (ebd., S. 43–49)

    Es zeigt sich allein an der fach­li­chen Betrach­tungs­wei­se, in wel­chen viel­schich­ti­gen Wech­sel­wir­kun­gen und Norm­be­zü­gen Über­gän­ge prak­ti­ziert wer­den. Ins­be­son­de­re beschäf­tig­te Mitarbeiter:innen mit einer psy­chi­schen Erkran­kung sind von Sta­tus­ver­lus­ten betrof­fen. In sei­ner Aus­ein­an­der­set­zung mit beruf­li­cher Sozia­li­sa­ti­on defi­niert Cors­ten (2010, S. 12) beruf­li­chen Erfolg als Kar­rie­re­er­folg, der cha­rak­te­ri­siert ist durch „[…] Ver­fü­gungs­ge­walt[,] Wir­kungs­chan­cen[,] sozia­les Pres­ti­ge […]. Men­schen mit psy­chi­schen Erkran­kun­gen ver­lie­ren durch Ein­schrän­kun­gen in den vier Bewäl­ti­gungs­di­men­sio­nen — Aneig­nung, Abhän­gig­keit, Aus­druck und Aner­ken­nung – den Anschluss an ihre bis­he­ri­gen Kar­rie­ren (sie­he Böh­nisch, 2018, S. 222–226). So wer­den auch im „[Erwach­se­nen­al­ter] Über­gän­ge als schei­tern adres­siert[, wenn bspw.] Arbeits­lo­sig­keit, Ver­schul­dung und Armut, Tren­nung oder Schei­dung, Krank­heit oder Sucht [ein­tre­ten]“ (sie­he Walt­her, 2015, S. 44). Bei beschäf­tig­ten Mitarbeiter:innen in einer Werk­statt für Men­schen mit psy­chi­schen Erkran­kun­gen wur­de bspw. in ihrer Ver­gan­gen­heit eine Form von psy­chi­scher Stö­rung [4] dia­gnos­ti­ziert [5], da ihr Gesund­heits­zu­stand durch die Erkran­kung in Ver­bin­dung mit Wech­sel­wir­kun­gen des eige­ne Kör­pers, d.h. sei­ner Funk­tio­nen und Struk­tu­ren, mit per­sön­li­chen und umwelt­be­ding­ten Fak­to­ren sowie dem indi­vi­du­el­len Poten­ti­al an Akti­vi­tä­ten beein­träch­tigt wur­de und schließ­lich eine Behin­de­rung ihrer Teil­ha­be u.a. auch am Arbeits­le­ben ein­ge­tre­ten ist (vgl. Güh­ne & Rie­del-Hel­ler, 2015, S. 6–15; vgl. Lind­mei­er, 2013). Bei schwe­ren psy­chi­schen Erkran­kun­gen wird häu­fig auch eine Leis­tungs­be­gut­ach­tung durch­ge­führt, da eine Leis­tungs­min­de­rung auf­grund der Erkran­kung ver­mu­tet wird, d.h. ein Sta­tus­wech­sel von einer zeit­wei­sen Arbeits­un­fä­hig­keit bis hin zu einer Erwerbs­min­de­rung kann die Fol­ge sein (vgl. Bun­des­agen­tur für Arbeit, 2019; vgl. Muschal­la & Lin­den, 2011a, S. 923–926). Psy­chi­sche Erkran­kun­gen füh­ren häu­fi­ger als soma­ti­sche Erkran­kun­gen zu einer Arbeits­un­fä­hig­keit, was auch mit der Schutz­funk­ti­on der Arbeits­un­fä­hig­keit im deut­schen Sozi­al­sys­tem zu tun hat (vgl. Lin­den & Weid­ner, 2005, S. 1426 f.). Jedoch tritt durch die­sen Sta­tus­wech­sel ein Über­gang aus der Arbeits­welt her­aus auf: Was auf der einen Sei­te eine Schon­zeit bspw. für Behand­lungs­set­tings ermög­licht, kann jedoch bei län­ge­ren Zeit­räu­men zu finan­zi­el­len Not­la­gen, ver­rin­ger­ten Bewäl­ti­gungs­er­fah­run­gen und sozia­ler Des­in­te­gra­ti­on sowie zu dys­funk­tio­na­lem Krank­heits­ver­hal­ten und Chro­ni­fi­zie­rung füh­ren (ebd.). „Infol­ge psy­chi­scher Erkran­kun­gen kann es zum Abbruch der Aus­bil­dung, zum Ver­lust des Arbeits­plat­zes sowie zu Früh­be­ren­tun­gen kom­men“ (sie­he Güh­ne & Rie­del-Hel­ler, 2015, S. 19).

    Men­schen mit psy­chi­schen Erkran­kun­gen in einer WfbM haben also bereits eine Viel­zahl an Erfah­run­gen mit Über­gän­gen gemacht und sind mit dem sozi­al­recht­li­chen Fokus der Leis­tungs­trä­ger für eine beruf­li­che Reha­bi­li­ta­ti­on in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen ange­kom­men (vgl. Muschal­la & Lin­den, 2011b, S. 1196 ff.). For­mal bedeu­tet dies für Men­schen mit psy­chi­schen Erkran­kun­gen, dass sie Leis­tun­gen zur Teil­ha­be am Arbeits­le­ben aus der Ein­glie­de­rungs­hil­fe erhal­ten, damit eine Rück­kehr auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt gelin­gen kann. Gesell­schaft­lich sind sie damit jedoch aus den Struk­tu­ren des all­ge­mei­nen Arbeits­mark­tes aus­ge­schie­den und müs­sen für eine erfolg­rei­che Wie­der­ein­glie­de­rung selbst die Ver­än­de­rungs­leis­tung erbrin­gen, um erfolg­reich einen Sta­tus­wech­sel zu vollziehen.

    Arbeit steht für Men­schen mit psy­chi­schen Erkran­kun­gen in einem nicht auf­zu­lö­sen­den Span­nungs­feld, da sie die Arbeit genau­so als ursäch­lich für ihre Erkran­kung und die fol­gen­de Arbeits­lo­sig­keit erlebt haben, wie auch die erleb­te Exklu­si­on in der Arbeits­lo­sig­keit wie­der­um als Ursa­che für psy­chi­sche Erkran­kun­gen bzw. als Ver­stär­ker für eben­die­se (vgl. Güh­ne & Rie­del-Hel­ler, 2015, S. 16–23; vgl. Kroll & Lam­pert, 2012). Zugleich ist aber auch die sta­bi­li­sie­ren­de Wir­kung von Arbeit in der beruf­li­chen Reha­bi­li­ta­ti­on lan­ge bekannt und auch Werk­stät­ten für Men­schen mit Behin­de­run­gen nut­zen Arbeit als tages­struk­tu­rie­ren­des Ange­bot (vgl. Arling & Spi­jkers, 2017, S. 7–14). Arbeit ist aber nicht nur eine Maß­nah­me in der beruf­li­chen Reha­bi­li­ta­ti­on. In unse­rer Gesell­schaft ist Arbeit ein sozia­li­sie­ren­der Fak­tor und ihr kommt damit ein her­aus­ra­gen­der Stel­len­wert zu (vgl. Fischer, 2008, S. 185 ff.; vgl. Unger, 2010, S. 2 f.), der sich auch durch das „Recht auf Arbeit“ in Arti­kel 23 und 24 der All­ge­mei­nen Erklä­rung der Men­schen­rech­te sowie Arti­kel 27 in der UN-Behin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on zeigt. Men­schen mit Behin­de­run­gen haben dem­nach ein Recht dar­auf, an Arbeit teil­zu­ha­ben. Auf­grund der Erfah­run­gen der Kli­en­tel mit beruf­li­chen Über­gän­gen und dar­in erfolg­ten bio­gra­fi­schen Brü­chen kommt der Aus­ge­stal­tung der beruf­li­chen Inte­gra­ti­on von Men­schen mit psy­chi­schen Erkran­kun­gen auf den ers­ten Arbeits­markt eine beson­de­re Bedeu­tung zu, um nicht erleb­tes Schei­tern zu reproduzieren.

    Die gesetz­li­chen Rege­lun­gen und Rechts­aus­le­gun­gen prä­gen die Nor­ma­li­tät in der Ein­glie­de­rungs­hil­fe und damit auch in Werk­stät­ten für Men­schen mit Behin­de­run­gen und schaf­fen dadurch einen Raum „sekun­dä­rer Nor­ma­li­sie­rung [sog.] geschütz­te Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis­se“ (sie­he Walt­her, 2015, S. 44 f.). Nach dem Schei­tern auf dem all­ge­mei­nen Arbeits­markt arbei­ten bMA in einer WfbM an sich, um ihre Leis­tungs- und Erwerbs­fä­hig­keit sowie ihre Per­sön­lich­keit aus­zu­bau­en, um schließ­lich wie­der auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt über­zu­ge­hen. Damit bleibt die Nor­mal­vor­stel­lung für die beruf­li­che Reha­bi­li­ta­ti­on auch nach der Rati­fi­zie­rung der UN-BRK die Inte­gra­ti­on. Des­halb kommt der insti­tu­tio­nel­len Ebe­ne [6] von Über­gän­gen eine beson­de­re Bedeu­tung zu. Über­gän­ge wer­den in Insti­tu­tio­nen aus­ge­stal­tet. Wes­halb im fol­gen­den Kapi­tel ein Ein­blick in die insti­tu­tio­nel­len Rah­men­be­din­gun­gen einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen gege­ben wird.

    Rah­men­be­din­gun­gen und Struk­tu­ren päd­ago­gi­schen Han­delns in der beruf­li­chen Rehabilitation

    Im vor­he­ri­gen Kapi­tel wur­de in die gesetz­li­chen Grund­la­gen und gesell­schaft­li­chen Norm­vor­stel­lun­gen sowie deren Aus­wir­kun­gen auf die Bio­gra­fien von Men­schen mit psy­chi­schen Erkran­kun­gen ein­ge­gan­gen. Dabei wur­de auf indi­vi­du­el­ler Ebe­ne gezeigt, in wel­chem Spa­nungs­feld bMA mit einer psy­chi­schen Erkran­kung zu Arbeit und ins­be­son­de­re zum all­ge­mei­nen Arbeits­markt ste­hen. Denn sie konn­ten der „Ideo­lo­gie eines linea­ren Nor­mal­le­bens­lau­fes“ (sie­he Walt­her, 2015, S. 44) nicht ent­spre­chen und sind am all­ge­mei­nen Arbeits­markt geschei­tert. Arbeit als tages­struk­tu­rie­ren­des Ange­bot ist jedoch inhä­ren­ter Teil einer WfbM, die ver­sucht Men­schen bei ihrer Ent­wick­lung auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt zu unter­stüt­zen. Folg­lich wird in die Struk­tu­ren, Pro­zess und Ver­fah­ren einer Werk­statt ein­ge­führt und somit in die Rah­men­be­din­gun­gen, in denen päd­ago­gi­sche Fach­kräf­te han­deln. Schließ­lich wird für ein tie­fe­res Ver­ständ­nis päd­ago­gi­schen Han­delns in einer Werk­statt ein Modell für päd­ago­gi­sches Han­deln ent­wi­ckelt, dass sich im Kern an der Bedin­gungs­ana­ly­se nach Schil­ling (2016) orientiert.

    Rah­men­be­din­gun­gen päd­ago­gi­schen Han­delns in der WfbM

    Die WfbM ist eine Ein­rich­tung mit Ange­bo­ten für Men­schen mit psy­chi­schen Erkran­kun­gen und sie bie­tet einen Arbeits­be­reich (AB) nach § 58 SGB IX an. Nach § 58 Abs. 2 SGB IX erhal­ten Men­schen mit Behin­de­run­gen Leis­tun­gen zur Beschäf­ti­gung, Maß­nah­men zur Ent­wick­lung der Leis­tungs­fä­hig­keit und Per­sön­lich­keit sowie Maß­nah­men zum Über­gang auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt. Vom Per­so­nal der Werk­statt wer­den die ers­ten bei­den Leis­tun­gen erbracht. Die Maß­nah­men zum Über­gang auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt wer­den durch eine ande­re Abtei­lung aus dem erbracht. Der Arbeits­be­reich der Werk­statt struk­tu­riert sich durch sechs Arbeits­grup­pen, in denen bMA einer Tätig­keit nach­ge­hen kön­nen. Dazu gehö­ren Grup­pen mit den Schwer­punk­ten: Holz­ver­ar­bei­tung, Gas­tro & Ser­vice, Mon­ta­ge & Ver­pa­ckung und Elek­tro­mon­ta­ge. Auch ein Café, eine sog. aus­ge­la­ger­te Arbeits­grup­pe, wird durch den Sozi­al­dienst der Werk­statt mit­be­treut. Die Arbeits­grup­pen wer­den durch min­des­tens eine Grup­pen­lei­tung (GL) gelei­tet und sie bil­den damit die jewei­li­gen Bezugs­mit­ar­bei­ter. Nach § 221 SGB IX haben bMA den Sta­tus eines arbeit­neh­mer­ähn­li­chen Rechts­ver­hält­nis­ses, dass erst durch die Ein­glie­de­rung auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt in ein regu­lä­res sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­ti­ges Arbeits­ver­hält­nis wech­selt. Für die Ein­glie­de­rung auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt ist eine aus­ge­la­ger­te Abtei­lung der Werk­statt zustän­dig. Die Abtei­lung beglei­tet unter ande­rem bMA mit einem Bud­get für Arbeit, bie­tet Job­coa­chings, betreut den aus­ge­la­ger­ten Berufs­bil­dungs­be­reich (BBB), betreut aus­ge­la­ger­te Arbeits­grup­pen, d.h. Arbeits­grup­pen unter dem Dach der WfbM in Betrie­ben, und schafft Über­gän­ge auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt mit betrieb­li­chen Erpro­bun­gen in Form von Prak­ti­ka und betreut aus­ge­la­ger­te Ein­zel­ar­beits­plät­ze, die ana­log zu aus­ge­la­ger­te Arbeits­grup­pen unter dem Dach der WfbM laufen.

    Im Arbeits­be­reich einer WfbM wird die päd­ago­gi­sche Arbeit i.d.R. mit zwei Instru­men­ten geplant und über­prüft. Das ers­te Instru­ment ist die Ein­glie­de­rungs­pla­nung, mit der in regel­mä­ßi­gen Abstän­den die bis­he­ri­gen Zie­le und geplan­ten Maß­nah­men über­prüft und erneut geplant wer­den. Dabei wird in einem sog. Ein­glie­de­rungs­ge­spräch ein Rück­blick auf den ver­gan­ge­nen Zeit­raum gewor­fen (sie­he Abbil­dung 3‑1). Eben­so wird über die aktu­el­le per­sön­li­che und beruf­li­che Situa­ti­on gespro­chen und schließ­lich ein Aus­blick gestal­tet, in dem neue Zie­le und Maß­nah­men für den kom­men­den Zeit­raum fest­ge­legt wer­den. Die Ein­glie­de­rungs­pla­nung ist eng ver­bun­den mit dem zwei­ten Instru­ment, dass vor allem im Sozi­al­dienst (SD) einer WfbM Anwen­dung fin­det und das für die Ver­gü­tung der Unter­stüt­zungs­leis­tun­gen durch den Leis­tungs­trä­ger her­an­ge­zo­gen wird. Der SD nutzt das HMB-T-Ver­fah­ren (sie­he Nie­der­säch­si­sches Lan­des­amt für Sozia­les Jugend und Fami­lie, 2016, sie­he 2020), dass zur „Zuord­nung von Leis­tungs­be­rech­tig­ten zu Grup­pen für Leis­tungs­be­rech­tig­te mit ver­gleich­ba­rem Hil­fe­be­darf“ (ebd.) genutzt wird und auf dem Metz­ler-Ver­fah­ren auf­baut. (vgl. Barg­fre­de, 2013, S. 406–406; sie­he Metz­ler, 1998). Das HMB-T-Ver­fah­ren teilt den Bedarf zur Gestal­tung des Tages in sie­ben Berei­che mit dazu­ge­hö­ri­gen Items ein, die wie folgt lau­ten: Aus­füh­ren von Auf­ga­ben und Vor­ha­ben (5 Items), Sozia­le Bezü­ge (6 Items), Mobi­li­tät (2 Items), Ent­wi­ckeln von Per­spek­ti­ven in der Tages­struk­tu­rie­rung (5 Items), Kom­mu­ni­ka­ti­on (2 Items), Selbst­ver­sor­gung (3 Items) und Gesund­heits­sor­ge/-für­sor­ge (3 Items). In einem gemein­sa­men Gespräch mit der zustän­di­gen GL rekon­stru­iert der SD den Bedarf der bMA zur Gestal­tung ihrer Tages­struk­tur. Als Unter­stüt­zungs­be­darf wird im HMB-T-Ver­fah­ren die Dif­fe­renz zwi­schen Res­sour­cen und den Fähig­kei­ten der bMA, Tätig­kei­ten aus­zu­füh­ren, ver­stan­den. Unter­stüt­zung wird in die­sem Kon­text als Hil­fe ver­stan­den, um Bar­rie­ren abzu­bau­en und Tätig­kei­ten zu ermög­li­chen. Je nach Aus­maß der not­wen­di­gen Unter­stüt­zung wer­den unter­schied­li­che Fak­to­ren ein­be­rech­net. Ist kei­ne Unter­stüt­zung not­wen­dig, wird von einer selbst­stän­di­gen Tätig­keit aus­ge­gan­gen. Der Fak­tor ist ent­spre­chend gleich Null. Sind Hin­wei­se oder ande­re For­men von Bera­tung not­wen­dig wir der Fak­tor Zwei genutzt. Bei stei­gen­dem Bedarf, d.h. es ist eine Form des Übens oder der Anlei­tung not­wen­dig, so wird der Fak­tor Drei genutzt. Bei einem umfas­sen­den Bedarf, d.h. die Tätig­keit kann nur im Bei­sein einer Fach­kraft durch­ge­führt wer­den, so wird der Fak­tor Vier genutzt. Es kann ins­ge­samt ein maxi­ma­ler Wert von 100 Punk­ten erreicht wer­den. Das Ver­fah­ren grup­piert den indi­vi­du­el­len Bedarf in 20-Punk­te-Schrit­ten in 5 Hil­fe­be­darfs­grup­pen mit zuneh­men­dem Hil­fe­be­darf ein, der dem Leis­tungs­trä­ger in regel­mä­ßi­gen Ent­wick­lungs­be­rich­ten rück­ge­mel­det wird. Auch wenn das HMB-T-Ver­fah­ren unter Teil­ha­be­aspek­ten zu ver­nach­läs­si­gen ist, so bie­tet es als aktu­ell vor­ge­schrie­be­nes Ver­fah­ren auch Schnitt­men­gen mit den ICF-Domä­nen und damit einen Ein­blick in die Bedarfs­la­ge der bMA vor Ort (vgl. Grampp, 2019, S. 63 f.).

    Ablauf einer Eingliederungsplanung im Arbeitsbereich in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen
    Abbil­dung 3‑1 Ablauf einer Ein­glie­de­rungs­pla­nung im Arbeits­be­reich (eige­ne Darstellung).

    Aus der oben beschrie­be­nen Ein­glie­de­rungs­pla­nung kön­nen sich Zie­le und Wün­sche einer wei­te­ren Ein­glie­de­rung auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt erge­ben. Aber auch davon los­ge­löst kön­nen die bMA selbst­stän­dig die Integrationsbegleiter:innen der aus­ge­la­ger­ten Abtei­lung kon­tak­tie­ren und mit ihnen zusam­men Mög­lich­kei­ten pla­nen. Die aus­ge­la­ger­te Abtei­lung arbei­tet inso­fern unab­hän­gig von der WfbM zusam­men mit den bMA. Oben beschrie­be­ne beruf­li­che Erpro­bun­gen sind Gegen­stand die­ses For­schungs­vor­ha­bens. Sie sind not­we­ni­ger Bestand­teil für einen Weg auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt. In die­ser Arbeit soll jedoch die Zeit nach einer sol­chen beruf­li­chen Erpro­bung, d.h. falls bMA aus einem Prak­ti­kum in die WfbM zurück­kom­men, genau­er betrach­tet wer­den. Um einen Ein­druck von der Situa­ti­on zu bekom­men, soll der Pro­zess der beruf­li­chen Erpro­bung kurz vor­ge­stellt werden.

    Prozess der beruflichen Erprobung (eigene Darstellung)
    Abbil­dung 3‑2 Pro­zess der beruf­li­chen Erpro­bung (eige­ne Darstellung).

    Die bMA neh­men selbst­stän­dig oder über eine Fach­kraft der Werk­statt Kon­takt zu Mit­ar­bei­ten­den von der aus­ge­la­ger­ten Abtei­lung auf. Die Teil­pro­zes­se Erstkontakt/ Pro­fil­ing sowie Akqui­se und Erschlie­ßung fin­den noch in der WfbM statt. Nach einem Erst­kon­takt und anschlie­ßen­der Pro­fil­bil­dung wird die Ent­schei­dung getrof­fen, ob ein Prak­ti­kum wei­ter­ver­folgt wer­den soll. Soll­te dies nicht der Fall sein, wird die Zusam­men­ar­beit been­det. Bei einem Prak­ti­kums­wunsch wird wei­ter zusam­men nach pas­sen­den Stel­len in Betrie­ben gesucht (Akquise/ Erschlie­ßung, sie­he Abbil­dung 3‑2). Kommt es schließ­lich nicht zu einer Ver­ein­ba­rung über ein Prak­ti­kum, so wird ent­schie­den, ob wei­ter zusam­men­ge­sucht wird oder ob die Zusam­men­ar­beit been­det wird. Kommt es zu einer Ver­ein­ba­rung, beginnt anschlie­ßend die eigent­li­che betrieb­li­che Erpro­bung, d.h. der Wech­sel in den Betrieb steht bevor. Nach einer Ein­ar­bei­tungs- und Coa­ching­pha­se wird der Bedarf an Beglei­tung fest­ge­legt und das Prak­ti­kum idea­ler­wei­se bis zum Schluss durch­ge­führt. An das Prak­ti­kum schließt sich eine Aus­wer­tungs­pha­se an. Schließ­lich wird dar­über ent­schie­den, ob eine Ver­mitt­lung in den Betrieb mög­lich ist. Wenn dies nicht der Fall ist, kann ein aus­ge­la­ger­ter Arbeits­platz eine ande­re Mög­lich­keit der Beschäf­ti­gung auf dem all­ge­mei­nen Arbeits­markt sein. Ist die­se auch nicht mög­lich oder gewünscht, keh­ren bMA zurück in die WfbM.

    Die­se Rück­kehr in die Bezü­ge der Werk­statt ist Fokus die­ser Arbeit und eine gelin­gen­de Wie­der­ein­glie­de­rung in die bis­he­ri­gen Werk­statt­be­zü­ge ist dabei ein Ziel für eine Ein­rich­tung, da im Kon­text des For­schungs­stan­des von einer Form des Schei­terns aus­ge­gan­gen wer­den muss (sie­he Kapi­tel 2.2). Denn die bMA haben erneut den Anschluss an den all­ge­mei­nen Arbeits­markt nicht gefun­den. Wel­che Bedar­fe die bMA mit in die Werk­statt brin­gen, d.h. also die Berei­che, in denen sie Unter­stüt­zung brau­chen, sind nicht bekannt. Auch sind dies­be­züg­li­che kei­ne Pro­zes­se und Ver­fah­ren eta­bliert, um die­sen mit päd­ago­gi­schen Maß­nah­men begeg­nen zu kön­nen. Da die bMA zu den ihnen bekann­ten Bezugsmitarbeiter:innen zurück­keh­ren, ist auf­grund des Bezugs­sys­tems davon aus­zu­ge­hen, dass die Fach­kräf­te der Werk­statt sen­si­bel auf die Bedar­fe ihrer bMA ein­ge­hen und die­se wahr­neh­men. Denn in vie­len Fäl­len arbei­ten sie schon einen lan­gen Zeit­raum zusam­men und Bezie­hun­gen haben sich auf­ge­baut. Die­se Arbeit möch­te die Wahr­neh­mung der Fach­kräf­te der Werk­statt erfas­sen und aus ihrem päd­ago­gi­schen Han­deln Erkennt­nis­se für die zukünf­ti­ge Rück­kehr von bMA aus betrieb­li­chen Erpro­bun­gen erlan­gen. Aus die­sem Grund wird im nächs­ten Abschnitt die didak­tisch-metho­di­sche Bedin­gungs­ana­ly­se nach Schil­ling (2016) als ein Modell für päd­ago­gi­sches Han­deln vor­ge­stellt, um es für die­ses For­schungs­vor­ha­ben frucht­bar wer­den zu lassen.

    Didak­tisch-metho­di­sche Bedin­gungs­ana­ly­sen als Basis von päd­ago­gi­schem Handeln

    Ori­en­tiert man sich für die Defi­ni­ti­on päd­ago­gi­schen Han­delns an der Dif­fe­renz­de­fi­ni­ti­on nach Hörs­ter (2004, S. 35 f.) ist all­täg­li­ches Erzie­hen ähn­lich wie die Bewer­tung und Aus­ge­stal­tung von Über­gän­gen nor­ma­ti­ven gesell­schaft­li­chen Vor­stel­lun­gen von gut und schlecht unter­wor­fen und es wird damit zu einer „befra­gungs­wür­di­gen und beden­kens­wer­ten kul­tu­rel­len Auf­ga­be“ (ebd.). Erst wenn es selbst­re­fle­xiv und an der Ent­wick­lung der zu Erzie­hen­den aus­ge­rich­tet ist, kön­ne sich fach­lich abge­grenzt wer­den. Gleich­zei­tig dif­fe­ren­ziert Hörs­ter auch zwi­schen dem Ent­wurf oder auch dem Sinn des Han­delns und sei­ner Rea­li­sa­ti­on in einer Hand­lung. Päd­ago­gi­sches Han­deln kon­zen­trie­re sich ihm zufol­ge auf die Kon­struk­tio­nen vor der kon­kre­ten Hand­lung und müs­se des­halb die Span­nun­gen aus der Rea­li­sa­ti­on eben­so wie die Kon­struk­ti­on des Han­delns mit in die Refle­xi­on einbeziehen.

    Schil­ling (2016) gibt mit sei­ner Bedin­gungs­ana­ly­se ein Modell mit dem päd­ago­gi­sches Han­deln selbst­re­fle­xiv geplant wer­den kann. Dabei wird sich in die­ser Arbeit auf die Bedin­gungs­ana­ly­se sowie die Bedeu­tung von Zie­len und Hal­tung kon­zen­triert, da Metho­den didak­ti­schen Über­le­gun­gen fol­gen und in einem engen Wech­sel­ver­hält­nis mit didak­ti­schen Über­le­gun­gen ste­hen (ebd., S. 133 ff.). Auch die Ana­ly­se von Bedin­gun­gen für päd­ago­gi­sches Han­deln ist den Gesetz­mä­ßig­kei­ten der Wahr­neh­mung unter­wor­fen, je nach­dem wie Situa­tio­nen wahr­ge­nom­men und ana­ly­siert wer­den, ver­än­dert sich auch die Hand­lung bzw. Reak­ti­on. Schil­ling unter­schei­det im Rah­men der Didak­tik als Leh­re vom Leh­ren und Ler­nen zwi­schen der leh­ren­den und der ler­nen­den Per­son und ergänzt die­se Per­spek­ti­ve um die Situa­ti­on, in der der Lehr-Lern-Pro­zess statt­fin­det. Dabei ist auf der Sei­te der Leh­ren­den zu klä­ren, wel­che Res­sour­cen die­se besit­zen. Schil­ling unter­schie­det dabei zwi­schen inter­nen und exter­nen Res­sour­cen, über die Leh­ren­de ver­fü­gen. Eben­so ist auf der Sei­te der Ler­nen­den zu klä­ren, wel­che Vor­aus­set­zun­gen die­se haben. Zwei For­men von Vor­aus­set­zun­gen bei Ler­nen­den, sind dabei zu berück­sich­ti­gen. Auf der einen Sei­te indi­vi­du­el­le und anthro­po­ge­ne Vor­aus­set­zun­gen sowie auf der ande­ren Sei­te sozio-kul­tu­rel­le Vor­aus­set­zun­gen. Da Leh­ren­de und Ler­nen­de in Inter­ak­ti­on und Kom­mu­ni­ka­ti­on ste­hen, ist zusätz­lich auch die Situa­ti­on zu klä­ren, in der der Lehr-Lern-Pro­zess statt­fin­det. Schil­ling benennt sechs Aspek­te die dafür ent­schei­dend sind: Ler­nen, Pro­zess, Gefäl­le, Ver­hält­nis, Bezie­hung und Situa­ti­on. (ebd., S. 61–96)

    Die Bedin­gungs­ana­ly­se baut auf der mensch­li­chen Wahr­neh­mung auf. Sie ist damit auch ihren Ein­flüs­sen unter­wor­fen (sie­he Wirtz, 2021b). Auch Schil­ling beschreibt den Ein­fluss von Moti­ven auf didak­ti­sche Kon­zep­tio­nen und deren Ziel­set­zung (sie­he Puca, 2019). In die­ser Arbeit soll jedoch ein über­ge­ord­ne­ter Begriff auf­ge­nom­men wer­den, der Moti­ve prä­gen kann. Die Hal­tung, d.h. „die inne­re Grund­ein­stel­lung, die das Wahr­neh­men, Den­ken, Erle­ben und Han­deln einer Per­son prägt (z. B. Wer­te, Ein­stel­lun­gen, Gesin­nung, Über­zeu­gungs­sys­te­me)“ (sie­he Wirtz, 2021a). Hal­tung meint also die inne­re Bedeu­tungs­ge­bung und steht damit noch vor der Wahr­neh­mung einer Situa­ti­on und damit noch weit vor der Ziel­for­mu­lie­rung. Dem­nach wer­den Zie­le in die­ser Arbeit als Zusam­men­spiel der inne­ren Hal­tung eines Men­schen mit sei­ner Wahr­neh­mung ver­stan­den. Sie zusam­men bestim­men das Motiv und die­ser Auf­fas­sung nach las­sen sich aus der Hal­tung auch Moti­ve und Zie­le ablei­ten. (vgl. Schil­ling, 2016, S. 97–100)

    Auf Grund­la­ge des Kon­zep­tes der Bedin­gungs­ana­ly­se nach Schil­ling sowie sei­ner Annah­men über den Wahr­neh­mungs­pro­zess und dem Ein­fluss von Hal­tun­gen habe ich ein Modell für päd­ago­gi­sches Han­deln ent­wi­ckelt, dass sich an Schil­lings Haus des Ler­nens anlehnt (vgl. Schil­ling, 2016, S. 11). Dabei habe ich gleich­sam ver­sucht die in einer Werk­statt genutz­ten Ver­fah­ren (HMB-T-Ver­fah­ren) und Pro­zes­sen (Ein­glie­de­rungs­pla­nung) mit­ein­zu­be­zie­hen, da die­se das päd­ago­gi­sche Han­deln eben­so wie die per­sön­li­chen Hal­tun­gen der Fach­kräf­te prä­gen. Das Modell wird im Fol­gen­den aufgeführt:

    Modell pädagogischen Handelns in einer Werkstatt für Menschen mit psychischen Erkrankungen (eigene Darstellung nach Schilling (2016))
    Abbil­dung 3–3 Modell päd­ago­gi­schen Han­delns in einer Werk­statt für Men­schen mit psy­chi­schen Erkran­kun­gen (eige­ne Dar­stel­lung nach Schil­ling (2016))

    In dem Modell päd­ago­gi­schen Han­delns gehe ich von der Situa­ti­on aus, dass eine Ver­mitt­lung auf den ers­ten Arbeits­markt nicht erfolgt ist und bMA wie­der zurück in die WfbM zu ihren GL in die Arbeits­grup­pe kom­men. Aus­ge­hend von einer inne­ren Hal­tung die Fach­kräf­te haben und die die Wahr­neh­mung und Hand­lung in die­ser Situa­ti­on beein­flusst, kann päd­ago­gi­sches Han­deln im enge­ren Sin­ne, d.h. die von Hörs­ter beschrie­be­ne Pla­nung und Kon­struk­ti­on päd­ago­gi­scher Hand­lun­gen, begin­nen. Hal­tun­gen beein­flus­sen jedoch nicht nur die Wahr­neh­mung, son­dern auch das Den­ken, Erle­ben und Han­deln. Wes­halb in die­sem Modell schon vor der Bedin­gungs­ana­ly­se von Zie­len und Ziel­vor­stel­lun­gen bei den Fach­kräf­ten aus­ge­gan­gen wird. Mit der Bedin­gungs­ana­ly­se gibt Schil­ling ein Instru­ment, um Unter­stüt­zungs­be­dar­fe zu ana­ly­sie­ren. Bedar­fe wer­den in die­ser Arbeit als Dif­fe­renz von indi­vi­du­el­len Vor­aus­set­zun­gen bzw. Res­sour­cen, im Kon­trast zur Fähig­keit der Ler­nen­den (bMA) ihre Tages­truk­tur auf­recht­zu­er­hal­ten, ver­stan­den, wes­halb die Bedarfs­be­rei­che nach Metz­ler eine Struk­tur für die­se Ana­ly­se geben. Auf der Sei­te der Leh­ren­den (GL/SD) ist genau­so zu über­prü­fen, in wel­chen inne­ren und äuße­ren Res­sour­cen sie Dif­fe­ren­zen für ihr päd­ago­gi­sches Han­deln sehen, um schließ­lich eine Lehr-Lern-Situa­ti­on zu gestal­ten. Dabei wird als Grund­struk­tur päd­ago­gi­scher Hand­lun­gen das Sche­ma der Ein­glie­de­rungs­pla­nung genutzt, die ein ein­fa­ches Refle­xi­ons­sche­ma bie­tet, d.h. in einer Ein­glie­de­rungs­pla­nung wird ein Rück­blick auf den Ver­lauf und die bis­he­ri­gen Zie­le im Ver­gleich zur aktu­el­len Situa­ti­on und den aktu­el­len Wün­schen von bMA gezo­gen, um dar­auf auf­bau­end neue Zie­le und Maß­nah­men zu pla­nen. Inwie­fern die­se Struk­tur für die Inter­ka­ti­on und Kom­mu­ni­ka­ti­on genutzt wird, ist auch Teil einer erfolg­ten Bedin­gungs­ana­ly­se der Lehr-Lern-Situa­ti­on. Jedoch ist davon aus­zu­ge­hen, dass auch impli­zit die­se Struk­tur für die Maß­nah­men­pla­nung bei den Fach­kräf­ten genutzt wird und damit päd­ago­gi­sches Han­deln in einer Werk­statt prägt.

    In die­sem Kapi­tel wur­de ein Ein­blick in die insti­tu­tio­nel­le Ebe­ne vom Über­gang auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt anhand eines exter­nen Prak­ti­kums gege­ben, an dem unter­schied­li­che Akteu­re aus unter­schied­li­chen Berei­chen einer WfbM mit­ar­bei­ten. Ins­be­son­de­re für die Rück­kehr in die WfbM wur­de fest­ge­stellt, dass kei­ne expli­zi­ten Pro­zes­se in einer Werk­statt für die Situa­ti­on der Rück­kehr for­mu­liert wur­den. Anhand der Rah­men­be­din­gun­gen in einer Werk­statt konn­te gezeigt wer­den, dass jedoch Instru­men­te für die päd­ago­gi­sche Arbeit in die­ser Situa­ti­on vor­lie­gen. Mit­hil­fe der Bedin­gungs­ana­ly­se wur­de ein Modell für päd­ago­gi­sches Han­deln ent­wor­fen, dass sowohl bestehen­de Ver­fah­ren und Pro­zes­se auf­greift als auch ver­sucht den refle­xi­ven Anfor­de­run­gen an päd­ago­gi­sches Han­deln gerecht zu wer­den, indem der Hal­tungs­aspekt als gesell­schaft­li­che und nor­ma­ti­ve Deter­mi­nan­te mit­auf­ge­nom­men wur­de. Um die Bedarfs­la­ge für päd­ago­gi­sches Han­deln bei Fach­kräf­ten der Werk­statt zu erfas­sen, wird im Fol­gen­den eine Ein­füh­rung in die empi­ri­sche Sozi­al­for­schung gege­ben, um schließ­lich ein Instru­ment aus­zu­wäh­len, mit dem päd­ago­gi­sches Han­deln nach­voll­zo­gen und erfasst wer­den kann.

    Das qua­li­ta­ti­ve Inter­view als Metho­de zur Erfas­sung von Kognitionsinhalten

    Bis­her wur­de in den Auf­trag zur Inte­gra­ti­on auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt sowie sei­ne gesetz­li­chen und bio­gra­fi­schen Bedin­gun­gen ein­ge­führt. Dar­auf auf­bau­end wur­de in die Rah­men­be­din­gun­gen der WfbM ein­ge­führt und wie dort päd­ago­gi­sche Hand­lun­gen struk­tu­riert sind. Mit dem Modell päd­ago­gi­schen Han­delns konn­te eine Struk­tur für päd­ago­gi­sches Han­deln anhand der Bedin­gungs­ana­ly­se nach Schil­ling ent­wi­ckelt wer­den, die somit ein Gerüst für die beab­sich­tig­te Erfor­schung der Bedarfs­la­ge von Fach­kräf­ten der Werk­statt ist. Im Fol­gen­den soll des­halb aus Sicht der empi­ri­schen Sozi­al­for­schung eine For­schungs­me­tho­de aus­ge­wählt wer­den, um Erkennt­nis­se über die Bedar­fe bei Fach­kräf­ten einer Werk­statt, anhand des ent­wi­ckel­ten Modells gewin­nen zu kön­nen. Im Fol­gen­den wird des­halb eine Ein­ord­nung qua­li­ta­ti­ver Inter­views in der empi­ri­schen Sozi­al­for­schung gege­ben, um die Ent­schei­dung für ein Leit­fa­den­in­ter­view zu begrün­den, das Erfah­rungs­wis­sen von Fach­kräf­ten der Werk­statt erfas­sen möch­te. Mit­hil­fe der Struk­tur-Lege-Tech­nik aus dem For­schungs­pro­gramm Sub­jek­ti­ve Theo­rien (sie­he Schee­le & Groe­ben, 1988) soll schließ­lich ein Dia­log-Kon­sens über die inne­re Struk­tur päd­ago­gi­schen Han­delns in der Werk­statt her­ge­stellt wer­den. Wes­halb auch die­se Metho­de abschlie­ßend vor­ge­stellt wird.

    Zur Ein­ord­nung qua­li­ta­ti­ver Inter­views in der empi­ri­schen Sozi­al­for­schung – das Leitfadeninterview

    In der empi­ri­schen Sozi­al­for­schung las­sen sich grund­sätz­lich zwei For­schungs­zwei­ge unter­schei­den. Auf der einen Sei­te die quan­ti­ta­ti­ve Sozi­al­for­schung und auf der ande­ren Sei­te die qua­li­ta­ti­ve Sozi­al­for­schung. Wäh­rend die quan­ti­ta­ti­ve For­schung sich auf die Quan­ti­fi­zie­rung von Sach­ver­hal­ten, gro­ße Stich­pro­ben und linea­re und stan­dar­di­sier­te Ver­fah­ren kon­zen­triert und objek­ti­ve Fak­ten erhe­ben möch­te, die sich idea­ler­wei­se unter Labor­be­din­gun­gen repro­du­zie­ren las­sen, will die qua­li­ta­ti­ve For­schung den Sinn sozia­ler Wirk­lich­keit ver­ste­hen. Dabei ist es egal ob ein oder meh­re­re Fäl­le vor­lie­gen. Der i.d.R. offe­ne und fle­xi­ble Ablauf ermög­licht eine Feld­for­schung, die in der Lage ist, sub­jek­ti­ve Sicht­wei­sen zu erfas­sen. Somit kann bspw. auch ein Unter­schei­dungs­merk­mal sein, dass qua­li­ta­ti­ve For­schung eher hypo­the­sen­ge­ne­rie­rend ist, wäh­rend qua­li­ta­ti­ve For­schung hypo­the­sen­über­prü­fend ist. Die­se Arbeit hat das Ziel, die Bedarfs­la­ge bei Fach­kräf­ten einer Werk­statt zu erfas­sen. Da auch die­se Arbeit damit sub­jek­ti­ve Sicht­wei­sen erfas­sen möch­te, wer­den qua­li­ta­ti­ve Metho­den für das For­schungs­vor­ha­ben aus­ge­wählt. Dabei wer­den ins­be­son­de­re Befra­gun­gen in Form von Inter­views die Metho­den der Wahl sein, da der Fokus auf der Wahr­neh­mung von mensch­li­chem Ver­al­ten in der Pra­xis bzw. im Feld liegt und die the­ma­ti­sier­te Rück­kehr von bMA teils schon eini­ge Zeit zurück lie­gen kann. (vgl. Attes­lan­der et al., 2010; vgl. Häder, 2019; vgl. Hug & Posche­sch­nik, 2020)

    Auch wenn die Metho­de der Befra­gung ein ers­ter Schritt zur Kon­kre­ti­sie­rung des For­schungs­de­signs ist, so stellt sich bei der Viel­zahl an Inter­view­for­men die Fra­ge, wel­che Inter­view­form für die geplan­te Erhe­bung am geeig­nets­ten erscheint (vgl. Hug & Posche­sch­nik, 2020, S. 127–132; vgl. Mey & Mruck, 2020). Grund­sätz­lich besteht eine Mög­lich­keit dar­in, Inter­views anhand ihres Struk­tu­rie­rungs­gra­des zu kate­go­ri­sie­ren (sie­he Kru­se, 2015, S. 147). Für die Beant­wor­tung der Fra­ge­stel­lung (Was benö­ti­gen die Fach­kräf­te einer Werk­statt für die Nach­be­rei­tung eines Prak­ti­kums auf einem aus­ge­la­ger­ten Arbeits­platz von Klient:innen mit psy­chi­scher Beein­träch­ti­gung?) liegt der Fokus damit auf dem Erfah­rungs­wis­sen von Fach­kräf­ten der Werk­statt über eine bestimm­te Situa­ti­on und was die Fach­kräf­te für die Aus­ge­stal­tung die­ser Situa­ti­on brau­chen. Bogner et al. (2014c, S. 18 f.) spre­chen in die­sem Fall von Pro­zess­wis­sen und Deu­tungs­wis­sen, d.h. es geht auf der einen Sei­te um die Ein­sicht in den Ablauf der Rück­kehr und auf der ande­ren Sei­te um die sub­jek­ti­ven Sicht­wei­sen und Deu­tun­gen der Fach­kräf­te über die Rück­kehr­si­tua­ti­on. Ein Leit­fa­den­in­ter­view bzw. durch den Fokus auf die Fach­kräf­te ist ein Exper­ten­in­ter­view eine Metho­de, um die For­schungs­fra­ge zu unter­su­chen (vgl. Helf­fe­rich, 2019). Nach Helf­fe­rich (2019) „[gestal­ten] Leit­fa­den­in­ter­views die Füh­rung im Inter­view über einen vor­be­rei­te­ten Leit­fa­den, Exper­ten­in­ter­views sind defi­niert über die spe­zi­el­le Aus­wahl und den Sta­tus der Befrag­ten.“ Der Vor­teil der Leit­fa­den­in­ter­views liegt damit in dem Leit­fa­den, der jedem Inter­view zugrun­de liegt und damit eine Ver­gleich­bar­keit ermög­licht. Dabei bie­tet der Leit­fa­den in Anleh­nung des letz­ten Kapi­tels die Mög­lich­keit, das Gespräch zu struk­tu­rie­ren und bspw. am ent­wi­ckel­ten Modell zu orientieren.

    Dia­log-Kon­sens-Metho­den als anschlie­ßen­de Forschungsschleife

    Die Dia­log-Kon­sens-Metho­den rüh­ren aus dem For­schungs­pro­gramm Sub­jek­ti­ve Theo­rien von Schee­le & Groe­ben (1988) her. Das For­schungs­pro­gramm geht dabei von einem Men­schen­bild aus, dass Sub­jek­te dazu befä­higt sind, zu kom­mu­ni­zie­ren und sich zu reflek­tie­ren. Han­deln ist die­sem epis­te­mo­lo­gi­schen Men­schen­bild nach eine absichts­vol­le Akti­vi­tät, der ein inne­rer Sinn inne­wohnt bzw. mit der ein Ziel ange­strebt wird. „[Sie] nen­nen die kom­ple­xen refle­xi­ven Kogni­tio­nen, die als Sinn­di­men­si­on des Han­delns für das [Indi­vi­du­um] die Funk­tio­nen der Erklä­rung, Pro­gno­se und Hand­lungs­lei­tung erfül­len, daher ‚Sub­jek­ti­ve Theo­rien‘“ (sie­he Groe­ben & Schee­le, 2019, S. 3). Die­se Sicht­wei­se auf das Indi­vi­du­um zeigt auch Über­schnei­dun­gen bspw. mit der Dif­fe­renz­de­fi­ni­ti­on päd­ago­gi­schen Han­delns (sie­he Kapi­tel 3.2, S. 15), die gera­de das Selbst­re­fle­xi­ve her­aus­ar­bei­tet und als Vor­aus­set­zung für eben­die­ses setzt. Auch bie­tet das For­schungs­pro­gramm mit der Metho­de der kom­mu­ni­ka­ti­ven Vali­die­rung die Mög­lich­keit, eben­sol­che Refle­xi­ons­pro­zes­se in Gang zu set­zen, d.h. den bis­her nur kom­mu­ni­ka­tiv erfass­ten Sinn­struk­tu­ren, eine Form zu geben. An die­ser Stel­le kom­men die Dia­log-Kon­sens-Metho­den ins Spiel. Mit den Dia­log-Kon­sens-Metho­den kann eine For­schung sich von der ein­sei­ti­gen Inter­pre­ta­ti­on durch die For­schen­den lösen und damit der Kom­ple­xi­tät päd­ago­gi­schen Han­delns gerecht wer­den (vgl. Schee­le & Groe­ben, 2019, S. 3 f.). Eine der Dia­log-Kon­sens-Metho­den ist die Struk­tur-Lege-Tech­nik oder auch ‑Ver­fah­ren (vgl. Kru­se, 2019), bei der die Kogni­ti­ons­in­hal­te aus dem vor­ge­la­ger­ten Inter­view auf Kar­ten auf­ge­bracht wer­den, damit die Teil­neh­men­den ihre Aus­sa­gen in Sinn­zu­sam­men­hän­ge brin­gen kön­nen. Mög­li­che Dar­stel­lungs­for­men sind dabei u.a. Fluss­dia­gram­me oder auch Con­cept Maps. Die Teil­neh­men­den set­zen die Kar­ten in Bezie­hung und haben die Mög­lich­keit, gesag­tes in den Zusam­men­hang zu brin­gen. Die ent­ste­hen­den Kogni­ti­ons­sys­te­me wei­sen oft Ähn­lich­kei­ten mit Pro­zess­struk­tu­ren auf, wie sie auch im Qua­li­täts­ma­nage­ment genutzt wer­den (vgl. Rug­or & Stud­zinski, 2012, S. 66–84; sie­he Schee­le & Groe­ben, 2019, S. 10–14). For­schun­gen in ande­ren sozia­len Orga­ni­sa­tio­nen wie bspw. Schu­le zei­gen, dass die erho­be­nen Kogni­ti­ons­struk­tu­ren auch ein wich­ti­ger Anlass für die Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung sein kön­nen, um Pro­zes­se zu ver­än­dern oder zu gestal­ten (vgl. Völ­schow, 2016).

    Um die For­schungs­fra­ge zu beant­wor­ten, wur­de ein qua­li­ta­ti­ves Leit­fa­den­in­ter­view als Metho­de aus­ge­wählt, da mit die­ser Inter­view­form am bes­ten der Struk­tur päd­ago­gi­schen Han­delns sowie dem Fokus auf einen bestimm­ten Zeit­raum ent­spro­chen wer­den kann. Eben­so ist die Erfas­sung von Erfah­rungs- und Deu­tungs­wis­sen zen­tra­ler Bestand­teil der For­schungs­fra­ge. Um der kom­ple­xen Situa­ti­on päd­ago­gi­schen Han­delns und den damit ver­bun­de­nen Kogni­tio­nen gerecht zu wer­den, wird die Her­stel­lung eines Dia­log-Kon­sens als anschlie­ßen­de For­schungs­schlei­fe geplant, die sich nach der ers­ten Aus­wer­tung der Tran­skrip­te anschließt. Der Dia­log-Kon­sens begrün­det sich damit durch den For­schungs­fo­kus auf päd­ago­gi­schem Han­deln, aber auch dem Ziel, Pro­zes­se für die fokus­sier­te Situa­ti­on auf­zu­be­rei­ten und dar­aus Hand­lungs­emp­feh­lun­gen für neue Pro­zess­be­schrei­bun­gen abzu­lei­ten. Im Fol­gen­den Kapi­tel wird des­halb das For­schungs­de­sign eröff­net, um mög­lichst gro­ße Trans­pa­renz zu ermög­li­chen. Der das Leit­fa­den­in­ter­view bezeich­nen­de Leit­fa­den ist die Grund­la­ge aller Inter­views, die im Rah­men die­ser Unter­su­chung durch­ge­führt wer­den, und bedarf des­halb der Ver­zah­nung mit dem bis­he­ri­gen For­schungs­stand sowie der Fra­ge­stel­lung. Auch muss in die­sem Zusam­men­hang das For­schungs­vor­ge­hen offen­ge­legt wer­den, um die­ses mög­lichst trans­pa­rent zu gestalten.

    Das For­schungs­de­sign und sei­ne Dokumentation

    Nach­dem im bis­he­ri­gen Ver­lauf die­ser Arbeit auf die recht­li­chen, gesell­schaft­li­chen sowie ein­rich­tungs­spe­zi­fi­schen Rah­men­be­din­gun­gen ein­ge­gan­gen wur­de und dar­aus ein Modell päd­ago­gi­schen Han­delns ent­wi­ckelt wur­de, sol­len im wei­te­ren Ver­lauf die fach­li­chen Inhal­te mit der gewähl­ten For­schungs­me­tho­de – dem Leit­fa­den­in­ter­view – in Ein­klang gebracht wer­den. Dabei wird die Ver­zah­nung zwi­schen der Fra­ge­stel­lung, dem bis­he­ri­gen For­schungs­stand sowie der gewähl­ten Metho­de dar­ge­legt. Anhand des Modells päd­ago­gi­schen Han­delns (sie­he Kapi­tel 3.2) wird in die Fra­gen­kom­ple­xe ein­ge­führt und ihre Ent­wick­lung eröff­net, damit letzt­lich der Leit­fa­den in sei­ner fina­len Form vor­ge­stellt wer­den kann. Anschlie­ßend wird die Ziel­grup­pe der Befrag­ten vor­ge­stellt und begrün­det war­um sie die Teilnehmer:innen der Wahl für die Beant­wor­tung der Fra­ge­stel­lung sind. Außer­dem wird das For­schungs­vor­ge­hen vor­ge­stellt, um trans­pa­rent zu machen, wie der Kon­takt­ab­lauf voll­zo­gen wur­de. Dabei spielt die Daten­schutz­ver­ein­ba­rung eine ent­schei­den­de Rol­le, denn mit einer Inter­viewstu­die wer­den sen­si­ble per­sön­li­che Daten ver­ar­bei­tet. Eben­so wird in die­sem Kon­text das gewähl­te Tran­skrip­ti­ons­sys­tem nach Jef­fer­son (1984) vor­ge­stellt, dass schließ­lich für die Ver­ar­bei­tung der Daten in Text­form genutzt wird. 

    Der Inter­view­leit­fa­den für die Erhe­bung der Kogni­ti­ons­in­hal­te zur Wie­der­ein­glie­de­rung nach einem geschei­ter­ten Praktikum

    Mit der For­schungs­fra­ge wird ein bestimm­ter Fokus für die Unter­su­chung fest­ge­legt. Die­ser Fokus bezieht sich auf eine noch unbe­kann­te und kom­ple­xe Situa­ti­on. D.h. am Ende der Unter­su­chung soll ein schär­fe­res Pro­blem­be­wusst­sein für die­se Situa­ti­on vor­lie­gen. In die­sem Fall wird von einem explo­ra­ti­ven Inter­view gespro­chen, das zur Erschlie­ßung des For­schungs­fel­des genutzt wer­den kann (vgl. Bogner et al., 2014c, S. 23 f.). Leit­fa­den­in­ter­views sind immer teil­struk­tu­riert, was eine inhalt­li­che Struk­tur für die Erfas­sung vor­aus­setzt (vgl. Bogner et al., 2014a, S. 27). Der Leit­fa­den ist dabei genau­so Struk­tur- wie auch Hilfs­mit­tel für die Inter­view­si­tua­ti­on. Je nach The­ma vari­iert des­halb nicht nur der Grad der Struk­tur, son­dern auch die Form des Leit­fa­dens. Der Leit­fa­den ist redu­ziert aus­ge­drückt ein Mit­tel, um gezielt Sti­mu­li in das Gespräch zu geben (vgl. Helf­fe­rich, 2019, S. 675 f.) und es muss zwi­schen wenig und viel Struk­tur abge­wo­gen werden.

    In die­sem Vor­ha­ben geht es geziert um die Wahr­neh­mung von Fach­kräf­ten, und zwar wie sie ihre Kli­en­tel nach einem exter­nen Prak­ti­kum wahr­ge­nom­men haben und wel­che päd­ago­gi­schen Maß­nah­men sie dar­auf­hin geplant und aus­ge­führt haben, um den von ihnen wahr­ge­nom­me­nen Bedar­fen gerecht zu wer­den. Des­halb ist eine grund­le­gen­de Struk­tur für das päd­ago­gi­sche Han­deln, die den Raum des Mög­li­chen nicht zu sehr begrenzt erfor­der­lich. Gleich­sam müs­sen sich aber auch rele­van­te Kon­zep­te aus einer Werk­statt im Leit­fa­den wie­der­fin­den kön­nen, um bei Bedarf im Gespräch dar­auf ein­zu­ge­hen. Die Bedin­gungs­ana­ly­se nach Schil­ling (2016) und das danach ent­wi­ckel­te Modell gibt dafür eine Idee, wie päd­ago­gi­sches Han­deln sich struk­tu­rie­ren könn­te und wie die bestehen­den Pro­zes­se und Ver­fah­ren ein­ge­bun­den sein könn­ten. Damit geht es in der Inter­view­si­tua­ti­on weni­ger um das Abfra­gen von bestimm­ten The­men­be­rei­chen, son­dern um die Hand­lungs­struk­tur der Fach­kräf­te in einer Werk­statt. Aus ihrem päd­ago­gi­schen Han­deln las­sen sich Bedar­fe für die Rück­kehr von bMA rekon­stru­ie­ren. Dabei spielt ins­be­son­de­re die zwei­te For­schungs­schlei­fe mit der Struk­tur-Lege-Tech­nik eine ent­schei­den­de Rol­le, um inne­re Sinn­struk­tu­ren von Hand­lungs­ab­läu­fen offen­zu­le­gen (vgl. Schee­le & Groe­ben, 2019).

    Die­ses explo­ra­ti­ve For­schungs­set­ting for­dert aber nicht nur eine pas­sen­de inhalt­li­che Fun­die­rung, son­dern auch die Fra­ge­for­ma­te müs­sen dazu bei­tra­gen kön­nen. Dabei geht es genau­so wie­der abzu­wä­gen, an wel­cher Stel­le struk­tu­riert und an wel­cher Stel­le Frei­raum gege­ben wer­den soll­te. Gera­de für den Start in ein Inter­view machen dabei offe­ne Fra­ge­for­men Sinn, um das Feld der Mög­lich­kei­ten offen zu hal­ten. Dabei wer­den die Befrag­ten dann selbst einen Schwer­punkt für sich set­zen. Der Fra­ge­bo­gen muss in der Art dar­auf vor­be­rei­tet sein, dass er gezielt an noch nicht benann­ten oder inter­es­san­ten Stel­len Nach­fra­ge­mög­lich­kei­ten eröff­net, sodass das Gespräch im Ide­al­fall einer ange­lei­te­ten Refle­xi­on päd­ago­gi­schen Han­delns über die fokus­sier­te Situa­ti­on gleich­kommt, d.h., dass in die­sem Fall ein mög­lichst natür­li­ches Gespräch ent­steht. Der Leit­fa­den ori­en­tiert sich des­halb per se an der Chro­no­lo­gie des Modells päd­ago­gi­schen Han­delns, dass in Kapi­tel 3.2 ent­wi­ckelt wur­de. Gleich­wohl muss ein fle­xi­bles Ein­ge­hen im Gespräch mög­lich sein. (vgl. Helf­fe­rich, 2019, S. 676 ff.)

    Vor dem eigent­li­chen Inter­view wird es eine Ein­lei­tungs­pha­se geben, die aber nicht expli­zit im Leit­fa­den auf­ge­nom­men wird. Dabei wird es um die Vor­stel­lung und die Begrün­dung für die­ses Inter­view gehen. Auch wird hier­bei ein zeit­li­cher Rah­men defi­niert und es besteht die Mög­lich­keit für letz­te Rück­fra­gen bei den Befrag­ten. Der eigent­li­che Leit­fa­den beginnt in Anleh­nung an das Modell aus Kapi­tel 3.2 mit dem Hal­tungs­aspekt, der auch aus fach­li­cher Per­spek­ti­ve vor päd­ago­gi­schem Han­deln steht. Die Bedeu­tungs­ge­bung von Fach­kräf­ten über die fokus­sier­te Situa­ti­on gibt Auf­schluss über ihre Hal­tung und den Rah­men gesell­schaft­li­cher Nor­men, in dem sie sich bewe­gen, d.h. über einen mög­lichst offe­nen und erzähl­ge­nerie­ren­den Impuls, der in ers­ter Instanz den Fokus von den Befrag­ten ablenkt und ein Erzäh­len in Gang brin­gen möch­te, da die Fra­ge den Raum für die Begrün­dung ihrer Bedeu­tungs­ge­bung offen­lässt. (vgl. Bogner et al., 2014b, S. 59 ff.)

    Idea­ler­wei­se könn­ten also die Befrag­ten auf ihre Wahr­neh­mung zurück­grei­fen, um die Ein­gangs­fra­ge, was sie glau­ben, die Bedeu­tung der Rück­kehr aus einem exter­nen Prak­ti­kum für beschäf­tig­te Mitarbeiter:innen sei, zu unter­mau­ern. Die­ser Wahr­neh­mungs­aspekt wird auch im Modell päd­ago­gi­schen Han­delns auf­ge­grif­fen und ist Vor­aus­set­zung für päd­ago­gi­sches Han­deln, d.h. je nach­dem wie die bMA wahr­ge­nom­men und ana­ly­siert wer­den, wer­den ande­re oder auch kei­ne päd­ago­gi­schen Maß­nah­men ein­ge­lei­tet. Um eine Struk­tur für mög­li­che Unter­stüt­zungs­be­dar­fe für das Inter­view zu haben, wer­den die sie­ben Bedarfs­be­rei­che nach Metz­ler in den Leit­fa­den auf­ge­nom­men. Sie Erfül­len die Funk­ti­on einer the­ma­ti­schen Steue­rung im Inter­view (vgl. Bogner et al., 2014b, S. 68 f.), d.h. Aspek­te, die bereits erwähnt wur­den, müs­sen nicht expli­zit nach­ge­fragt wer­den. Hier­bei geht es jedoch um Aspek­te, die den Befrag­ten nicht direkt in Erin­ne­rung kamen und zu denen noch ein­mal ein Nach­den­ken ange­regt wer­den kann, um eine mög­lichst umfas­sen­de Sicht auf die Bedar­fe in die­ser Situa­ti­on zu bekom­men. Auch wer­den die Bedar­fe in eine zeit­li­chen Struk­tur in Anleh­nung an die Ein­glie­de­rungs­pla­nung ein­ge­ord­net, d.h. zu einem Rück­blick gehö­ren auch Infor­ma­tio­nen über den Prak­ti­kums­ver­lauf sowie Infor­ma­tio­nen über die Rück­kehr bei den Fach­kräf­ten. Eben­so gehört zu einer päd­ago­gi­schen Hand­lung die ein­ver­nehm­li­che Pla­nung mit bMA, die ihre Zie­le und Wün­sche berück­sich­tigt. Ins­be­son­de­re letz­te­rer Aspekt hat Über­schnei­dungs­punk­te mit dem eige­nen Ziel­mo­tiv der Fach­kräf­ten, d.h. wie zeigt sich ihrer Ansicht nach eine gelun­ge­ne Rück­kehr in die eige­ne Arbeits­grup­pe? Die Fach­kräf­te haben die bMA ana­ly­siert und rich­ten an ihrer Vor­stel­lung einer gelun­ge­ne Rück­kehr ihr Han­deln aus. Des­halb wird an die­ser Stel­le noch ein­mal the­ma­tisch auf eine Stel­lung­nah­me gelenkt (vgl. Bogner et al., 2014b, S. 64 f.), um das Ziel­mo­tiv erfas­sen zu kön­nen und im wei­te­ren Ver­lauf die Bedarfs­la­gen bei Fach­kräf­ten, für bMA und für die Situa­ti­on zu erfra­gen, d.h. was sie selbst brau­chen, um die Rück­kehr gelin­gen zu las­sen bzw. was sie den­ken, bMA brau­chen. Genau­so sind aber auch Bedar­fe an die Gestal­tung der Situa­ti­on päd­ago­gi­scher Hand­lun­gen zu klä­ren, da die­se auch zu einem Erfolg bei­tra­gen kön­nen. Mit der bedarfs­ge­rech­ten Pla­nung von Maß­nah­men fin­det sich der Kern päd­ago­gi­schen Han­delns wie­der. Zum Ende dür­fen die Fach­kräf­te ihre Erzäh­lun­gen mit einem Wunsch been­den, d.h. wel­chen Wunsch sie für den Ablauf einer Rück­kehr von bMA in der Zukunft haben. Damit wird den Fach­kräf­ten abschlie­ßend noch ein­mal ermög­licht Resü­mee zu zie­hen und die Aspek­te anzu­spre­chen, für die sie sich per­sön­lich Ver­än­de­run­gen wünschen.

    Die Durch­füh­rung der Inter­views: Kon­takt­ab­lauf – Daten­schutz – Transkription 

    Zu den Befrag­ten die­ser Inter­viewstu­di­en gehö­ren vor allem die Grup­pen­lei­tun­gen einer Werk­statt. Sie sind die Bezugsmitarbeiter:innen, die täg­lich mit den bMA zusam­men­ar­bei­ten und sie auch teils schon seit vie­len Jah­ren ken­nen, d.h. es hat sich eine Bezie­hung zwi­schen Grup­pen­lei­tung und bMA auf­ge­baut. Die Grup­pen­lei­tun­gen sind dar­über hin­aus auch struk­tu­rell ver­ant­wort­lich für die Umset­zung der geplan­ten päd­ago­gi­schen Maß­nah­men und wer­den auch im HMB-T-Ver­fah­ren für die Rekon­struk­ti­on her­an­ge­zo­gen (sie­he Kapi­tel 3.1, S. 11). Sie sind also gefor­dert die Bedarfs­la­ge und ihre Ent­wick­lung im Auge zu behal­ten und ent­spre­chend mit den bMA zu arbei­ten. Was sie damit zu idea­len Befrag­ten für die Erfas­sung von ver­än­der­ten Bedar­fen durch die Rück­kehr bei ihren bMA macht.

    Der Kon­takt zu den Grup­pen­lei­tun­gen wur­de per­sön­lich und unter­stützt durch ein Anschrei­ben zusam­men mit der Daten­schutz­er­klä­rung auf­ge­baut. In der Kom­bi­na­ti­on einer per­sön­li­chen Anspra­che zusam­men mit dem Anschrei­ben, kann gleich­sam auf die daten­schutz­recht­li­chen Aspek­te ein­ge­gan­gen wer­den, damit den Befrag­ten ein sen­si­bler und anony­mi­sier­ter Umgang ver­si­chert wer­den kann. In dem Anschrei­ben erklä­re ich, war­um ich die Unter­su­chung mache und um wel­chen Kon­text es mir geht. Eben­so gebe ich einen zeit­li­chen Rah­men vor, damit das Inter­view auch in den Tages­ab­lauf der Fach­kräf­te pas­sen kann. Eben­so ver­si­che­re ich, dass ich mich an die nach­ste­hen­de Daten­schutz­er­klä­rung hal­te und das Inter­view anony­mi­siert auf­zeich­ne. Denn das Inter­view wür­de zu lan­ge dau­ern, um es nicht auf­zu­zeich­nen. Durch die Audio­auf­zeich­nung kann ich das Gesag­te genau­er aus­wer­ten und unter­lie­ge einer mög­lichst gerin­gen Ver­zer­rung durch die Rekon­struk­ti­on mei­ner Erin­ne­rung. Außer­dem kann ich mich so auf die Befrag­ten und das Gespräch kon­zen­trie­ren (vgl. Bogner et al., 2014a, S. 39 ff.; vgl. Kuckartz, 2018, S. 165). Die Inter­views wer­den in einem ruhi­gen Raum in der WfbM durch­ge­führt, da die­ser gut für die Befrag­ten zu errei­chen ist und er bie­tet ein ruhi­ges Umfeld, in dem die Inter­views unge­stört durch­ge­führt wer­den können.

    Mit der Daten­schutz­er­klä­rung behal­ten die Befrag­ten die Hoheit über ihre per­sön­li­chen Daten. Die Teil­nah­me ist frei­wil­lig und die Ein­wil­li­gung kann jeder­zeit zurück­ge­zo­gen wer­den. Eben­so mache ich die anony­mi­sier­te Tran­skrip­ti­on trans­pa­rent. Die Daten­schutz­er­klä­rung wird in dop­pel­ter Aus­füh­rung unter­schrie­ben und archi­viert. Die Tran­skrip­ti­on der Audio­auf­zeich­nun­gen erfolgt mit dem Tran­skrip­ti­ons­sys­tem nach Jef­fer­son (1984), das sich beson­ders im eng­li­schen Sprach­raum durch­ge­setzt hat. Das Sys­tem bie­tet die Mög­lich­keit die Aus­sa­gen zu qua­li­fi­zie­ren, indem bspw. Über­lap­pun­gen, Pau­sen und Unter­bre­chun­gen kennt­lich gemacht wer­den kön­nen. Genau­so wie auch Into­na­tio­nen und Modu­la­tio­nen der Spra­che in Geschwin­dig­keit und Laut­stär­ke. Auch beson­de­re Äuße­run­gen und Geräu­sche kön­nen dar­ge­stellt wer­den. Dazu gehö­ren bspw. auch Atem­ge­räu­sche, unkla­re Äuße­run­gen oder auch non-ver­ba­le Akti­vi­tä­ten. (vgl. Kuckartz, 2018, S. 166–171)

    Das Resü­mee zum gegen­wär­ti­gen Untersuchungsstand

    Mit metho­di­schem Fokus soll­te in die­ser Arbeit ein Instru­ment ent­wi­ckelt wer­den, um die Fra­ge zu beant­wor­ten, was die Fach­kräf­te einer Werk­statt brau­chen, um ein Prak­ti­kum auf einem aus­ge­la­ger­ten Arbeits­platz in der Werk­statt nach­zu­be­rei­ten. Dafür wur­de in die recht­li­chen Rah­men­be­din­gun­gen einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen sowie in die gesell­schaft­li­chen Deter­mi­nan­ten von Über­gän­gen und ihrem Schei­tern ein­ge­führt. Dabei wur­de fest­ge­stellt, dass gera­de bMA mit einer psy­chi­schen Erkran­kung bereits in der Ver­gan­gen­heit am all­ge­mei­nen Arbeits­markt geschei­tert sind und sie damit sen­si­bel für Über­gän­ge im Kon­text des Arbeits­mark­tes erschei­nen. Da die bMA in einer WfbM tätig sind, haben sie den all­ge­mei­nen Arbeits­markt ver­las­sen. Ein Sta­tus­wech­sel über die Ein­glie­de­rungs­hil­fe hin­ein in die Reha­bi­li­ta­ti­on und die Leis­tun­gen zur Teil­ha­be am Arbeits­le­ben, damit sie an sich arbei­ten kön­nen, um wie­der dem all­ge­mei­nen Arbeits­markt zu ent­spre­chen, war die Fol­ge. Gera­de unter die­ser Prä­mis­se, sind die Rah­men­be­din­gun­gen päd­ago­gi­schen Han­delns in einer Werk­statt zu hin­ter­fra­gen, wes­halb die Struk­tu­ren vor Ort dar­ge­legt wur­den, die päd­ago­gi­sches Han­deln prä­gen. Dabei zeig­ten sich ins­be­son­de­re die Bezugs­sys­te­me in den unter­schied­li­chen Arbeits­grup­pen mit fes­ter Grup­pen­lei­tung als zen­tra­le Orga­ni­sa­ti­on­form. Päd­ago­gi­sche Maß­nah­men wer­den mit dem Pro­zess der Ein­glie­de­rungs­pla­nung aus­ge­han­delt und an Zie­len geplant. Damit eng ver­bun­den ist das Bedarfs­er­mitt­lungs­ver­fah­ren nach Metz­ler, das soge­nann­te HMB-T-Ver­fah­ren, das Bedar­fe für die Struk­tu­rie­rung des Tages rekon­stru­iert und auf­zeigt. Mit den Ver­fah­ren vor Ort wur­de anhand der Bedin­gungs­ana­ly­se nach Schil­ling schließ­lich ein Modell des päd­ago­gi­schen Han­delns in der Werk­statt ent­wi­ckelt, das Grund­la­ge für die­se Stu­die ist und sich auch in der gewähl­ten For­schungs­me­tho­de wie­der­fin­det. Mit­hil­fe eines Leit­fa­den­in­ter­views soll das päd­ago­gi­sche Han­deln in der Werk­statt für die fokus­sier­te Situa­ti­on rekon­stru­iert wer­den, um spä­ter dar­aus Bedar­fe für die Nach­be­rei­tung eines Prak­ti­kums auf einem aus­ge­la­ger­ten Arbeits­platz abzu­lei­ten. Die bis­he­ri­ge Unter­su­chung hat gezeigt, dass Distanz und Nähe bei der Durch­füh­rung eines Inter­views in einem Span­nungs­feld ste­hen, da beson­de­re Nähe den Zugang zu den Befrag­ten und auch das Gespräch erleich­tert. Gleich­sam ist die­se Nähe auch eine Her­aus­for­de­rung, da bestehen­de Rol­len­bil­der für ein Inter­view auch ein­mal gedreht wer­den müs­sen. Den­noch konn­te bspw. der Ein­stieg über den Hal­tungs­aspekt gewinn­brin­gend genutzt wer­den, da er zu einer Erzäh­lung ein­lud. Auch zeig­te sich der ent­wi­ckel­te Leit­fa­den in sei­ner Struk­tur als Gewinn für die Inter­views, dabei vie­len beson­ders die Bedarfs­be­reich nach Metz­ler auf, wodurch auch Aspek­te the­ma­ti­siert wur­den, die ansons­ten unter­ge­gan­gen wären. Vom jet­zi­gen Zeit­punkt aus wird davon aus­ge­gan­gen, dass der Leit­fa­den auch wei­ter­hin passt. Wei­te­re Anpas­sungs­be­dar­fe wer­den sich folg­lich aus der Aus­wer­tung im kom­men­den Semes­ter ergeben.


    [1] Gen­der-Dop­pel­punkt: In die­ser Arbeit wird der Gen­der-Dop­pel­punkt ver­wen­det, um auch in Spra­che der gesell­schaft­li­chen Diver­si­tät Aus­druck zu ver­lei­hen. Nicht gegen­der­te For­men wer­den nur ver­wen­det, wenn expli­zit von einer ein­ge­schlecht­li­chen Person/Gruppe gespro­chen wird.

    [2] „[Eine Werk­statt] hat den­je­ni­gen behin­der­ten Men­schen, die wegen Art und Schwe­re der Behin­de­rung nicht oder noch nicht wie­der auf dem all­ge­mei­nen Arbeits­markt beschäf­tigt wer­den kön­nen, […] beruf­li­che Bil­dung und eine Beschäf­ti­gung […] anzu­bie­ten und […] ihre Leis­tungs- oder Erwerbs­fä­hig­keit zu erhal­ten, zu ent­wi­ckeln, zu erhö­hen oder wie­der­zu­ge­win­nen und dabei ihre Per­sön­lich­keit wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Sie för­dert den Über­gang geeig­ne­ter Per­so­nen auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt durch geeig­ne­te Maß­nah­men“ (sie­he § 219 Abs. 1 Satz 2 und 3 SGB IX)

    [3] Die­se Rechts­auf­fas­sung steht im Wider­spruch zum Inklu­si­ons­be­griff, der emi­nen­ter Teil der UN-Behin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on (UN-BRK) ist. Ein Auf­trag zur Anpas­sung der Arbeits­markt­sys­te­me an die Belan­ge und Bedürf­nis­se von Men­schen mit Behin­de­run­gen bleibt für WfbM aus. (vgl. Eiköt­ter et al., 2017, S. 45–50)

    [4] Für die Viel­zahl an psy­chi­schen Stö­run­gen liegt kei­ne über­grei­fen­de Defi­ni­ti­on vor, da die Krank­heits­bil­der divers sind. Es wer­den des­halb die häu­figs­ten Merk­ma­le von psy­chi­schen Stö­run­gen fokus­siert, um psych­si­che Stö­run­gen zu erfas­sen. Ein per­sön­li­cher Lei­dens­druck, eine Beein­träch­ti­gung in der Lebens­füh­rung, die Ver­let­zung sozia­ler Nor­men und dys­funk­tio­na­les Ver­hal­ten sind Bestand­tei­le vie­ler Erkran­kun­gen. (vgl. Ame­ri­can Psych­ia­tric Asso­cia­ti­on, 2018, S. 26; vgl. Hautz­in­ger et al., 2019, S. 25–29)

    [5] Medi­zi­nisch-psy­cho­lo­gi­sche Dia­gno­sen sind Aus­druck einer nor­ma­ti­ven Gesell­schaft und psy­chi­sche Stö­run­gen wer­den als abwei­chen­de, beein­träch­ti­gen­de und dys­funk­tio­na­le Mus­ter ver­stan­den. Dia­gno­sen lau­fen damit Gefahr, Stig­ma­ti­sie­rungs­er­fah­run­gen und Exklu­si­on zu pro­du­zie­ren. Dia­gno­sen wer­den auch als Instru­men­te für Behandler:innen zur Pla­nung und für Pro­gno­sen ver­stan­den. Sie erfül­len damit eine gesell­schaft­li­che Funk­ti­on der Res­sour­cen­ak­ti­vie­rung im ver­ge­mein­schaf­te­ten Sozi­al­sys­tem. (sie­he Ame­ri­can Psych­ia­tric Asso­cia­ti­on, 2018, S. 26; vgl. Fal­ler, 2019, S. 12–14; vgl. Myers, 2014, S. 654 f., 660–663)

    [6] Die dis­kur­si­ve The­ma­ti­sie­rung des Über­gangs auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt bleibt im Rah­men die­ser Arbeit aus, da der recht­li­che Rah­men sich nicht tri­vi­al beein­flus­sen lässt. Wor­auf wir als Ein­rich­tung jedoch Ein­fluss haben, ist unser eige­nes Han­deln und die Art und Wei­se, wie die­ses umge­setzt wird. Es heißt also an die­ser Stel­le, eine Hal­tung zur gän­gi­gen Pra­xis zu ent­wi­ckeln, um so den Über­gang auszugestalten.

    Lite­ra­tur­ver­zeich­nis

    Ame­ri­can Psych­ia­tric Asso­cia­ti­on. (2018). Dia­gnos­ti­sches und Sta­tis­ti­sches Manu­al Psy­chi­scher Stö­run­gen DSM‑5® (P. Fal­kai, H.-U. Witt­chen, M. Döpf­ner, W. Gae­bel, W. Mai­er, W. Rief, H. Saß, & M. Zau­dig, Hrsg.; 2. Aufl.). Hog­re­fe. https://doi.org/10.1026/02803–000

    Arling, V., & Spi­jkers, W. (2017). Beruf­li­che Reha­bi­li­ta­ti­on in Deutsch­land. In S. Kauf­feld & D. Spurk (Hrsg.), Hand­buch Kar­rie­re und Lauf­bahn­ma­nage­ment (S. 1–24). Sprin­ger. https://doi.org/10.1007/978–3‑662–45855-6_34‑1

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    Wind­scheid, E. C. (2019b). Leit­an­nah­men. In E. C. Wind­scheid, Rück­kehr und Reinte­gra­ti­on nach psy­chi­scher Erkran­kung (S. 131–137). Sprin­ger Fach­me­di­en Wies­ba­den. https://doi.org/10.1007/978–3‑658–26166-5_6

    Wirtz, M. A. (Hrsg.). (2021a). Hal­tung. In Dorsch Lexi­kon der Psy­cho­lo­gie (Online). Hog­re­fe Ver­lag. https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/haltung

    Wirtz, M. A. (Hrsg.). (2021b). Wahr­neh­mung. In Dorsch Lexi­kon der Psy­cho­lo­gie (Online). Hog­re­fe Ver­lag. https://dorsch.hogrefe.com/stichwort/wahrnehmung

  • Sys­te­mi­sche The­ra­pie und Beratung

    Sys­te­mi­sche The­ra­pie und Beratung

    Hand­out — Sys­te­mi­sche Ansätze Systemische Therapie und Beratung Einblick in das Ideenkonstrukt der systemische Therapie und der systemischen Beratung.

    Die sys­te­mi­sche The­ra­pie ist ein aner­kann­ter Ansatz in der Psy­cho­the­ra­pie, der sich auf sozia­le Kon­tex­te psy­chi­scher Stö­run­gen kon­zen­triert. Seit 2008 wird sie in der Aus­bil­dung gelehrt und beson­ders in der Fami­li­en- und Paar­the­ra­pie ange­wen­det. Sie behan­delt ver­schie­de­ne Stö­run­gen wie affek­ti­ve Stö­run­gen, Ess­stö­run­gen und Abhängigkeiten.

    Die­ser Arti­kel führt in die Grund­la­gen, his­to­ri­sche Ent­wick­lung und Metho­den der sys­te­mi­schen The­ra­pie ein. Er erläu­tert den Para­dig­men­wech­sel und die theo­re­ti­schen Grund­la­gen sozia­ler Sys­te­me. Zudem wer­den Pra­xis­fel­der der sys­te­mi­schen Bera­tung in Arbeits­welt und Fami­li­en beleuchtet.

    Die sys­te­mi­sche The­ra­pie basiert auf dem Kon­struk­ti­vis­mus, der besagt, dass jeder Mensch eine sub­jek­ti­ve „Land­kar­te“ der Welt hat. Psy­chi­sche Stö­run­gen wer­den als kom­ple­xe Wech­sel­wir­kun­gen ver­stan­den. Der Arti­kel beschreibt Metho­den wie struk­tu­rel­le, stra­te­gi­sche und lösungs­ori­en­tier­te Ansätze.

    Abschlie­ßend wird die sys­te­mi­sche Bera­tung vor­ge­stellt, die Klient*innen hilft, Pro­ble­me aus neu­en Per­spek­ti­ven zu betrach­ten und Lösun­gen zu ent­wi­ckeln. Sie för­dert respekt­vol­le Kom­mu­ni­ka­ti­on und nach­hal­ti­ge Veränderungen.

    Inhalts­ver­zeich­nis

    1. Ein­füh­rung und Ein­ord­nung sys­te­mi­scher Therapie
    2. Defi­ni­ti­on und Grundlagen
    3. Para­dig­men­wech­sel in der sys­te­mi­schen Therapie
    4. Sozia­le Sys­te­me als theo­re­ti­sche Grundlage
    5. His­to­ri­sche Ent­wick­lung sys­te­mi­scher Ansätze
    6. Metho­den der sys­te­mi­schen Therapie
    7. Resü­mee
    8. Pra­xis­fel­der sys­te­mi­scher Beratung
    9. Leit­li­ni­en und Konzepte
    10. Hal­tung, Sicht- und Vorgehensweise
    11. Mög­lich­kei­ten und Gren­zen in der Sozia­len Arbeit
    12. Fazit
    13. Lite­ra­tur

    Ein­füh­rung und Ein­ord­nung sys­te­mi­scher Therapie

    Die sys­te­mi­sche The­ra­pie ist ein the­ra­peu­ti­sches Ver­fah­ren, das sich auf die sozia­len Kon­tex­te psy­chi­scher Stö­run­gen kon­zen­triert. Sie wird häu­fig in den the­ra­peu­ti­schen Set­tings der Fami­li­en- und Paar­the­ra­pie ange­wen­det und ist seit 2008 ein aner­kann­tes Ver­fah­ren in der Psy­cho­the­ra­peu­ten-Aus­bil­dung. Die sys­te­mi­sche The­ra­pie ist für die Behand­lung ver­schie­de­ner psy­chi­scher Stö­run­gen zuge­las­sen, dar­un­ter affek­ti­ve Stö­run­gen, Ess­stö­run­gen, psy­chi­sche und sozia­le Fak­to­ren bei soma­ti­schen Krank­hei­ten, Abhän­gig­kei­ten und Miss­brauch sowie Schi­zo­phre­nie und wahn­haf­te Störungen.

    Defi­ni­ti­on und Grundlagen

    Die sys­te­mi­sche The­ra­pie basiert auf der Annah­me, dass psy­chi­sche Stö­run­gen im sozia­len Kon­text der Pati­entinnen betrach­tet wer­den müs­sen. Das Men­schen­bild der sys­te­mi­schen The­ra­pie ist vom Kon­struk­ti­vis­mus geprägt, der besagt, dass jeder Ein­zel­ne eine sub­jek­ti­ve „Land­kar­te“ der Welt im Kopf hat, die nicht der objek­ti­ven Rea­li­tät ent­spricht. Der sozia­le Kon­struk­ti­vis­mus geht davon aus, dass Wirk­lich­keit durch Kom­mu­ni­ka­ti­on ver­han­del­bar ist (vgl. Sydow/Borst 2018).

    Das ätio­lo­gi­sche Ver­ständ­nis der sys­te­mi­schen The­ra­pie baut auf dem bio-psycho-sozia­len Stö­rungs­ver­ständ­nis auf. Dies bedeu­tet, dass psy­chi­sche Stö­run­gen als kom­ple­xe Wech­sel­wir­kun­gen ver­schie­de­ner Fak­to­ren ver­stan­den wer­den und nicht nur auf indi­vi­du­el­le Ursa­chen zurück­ge­führt wer­den können.

    Para­dig­men­wech­sel in der sys­te­mi­schen Therapie

    Ein zen­tra­ler Para­dig­men­wech­sel in der sys­te­mi­schen The­ra­pie ist die Auf­fas­sung, dass psy­chi­sche Stö­run­gen bedeut­sa­me Kon­struk­tio­nen in einem Sys­tem sind. Sie wer­den als nicht opti­ma­le Lösungs- und Sta­bi­li­sie­rungs­ver­su­che ver­stan­den, die in einem sozia­len Kon­text betrach­tet wer­den müssen.

    Sozia­le Sys­te­me als theo­re­ti­sche Grundlage

    Ein sozia­les Sys­tem wird als ein geord­ne­tes Gan­zes ver­stan­den, des­sen Ein­zel­tei­le in kon­ti­nu­ier­li­cher Wech­sel­wir­kung ste­hen und so eine Struk­tur aus­bil­den. Die­se Sys­te­me hal­ten sich selbst im Gleich­ge­wicht und gren­zen sich durch ihre Wech­sel­wir­kun­gen und Struk­tu­ren von ande­ren Sys­te­men und der Umwelt ab (vgl. Abels 2019).

    His­to­ri­sche Ent­wick­lung sys­te­mi­scher Ansätze

    Kyber­ne­tik I. Ord­nung (50er Jahre)

    Die frü­hen Ansät­ze der sys­te­mi­schen The­ra­pie, wie die struk­tu­rel­le und stra­te­gi­sche Fami­li­en­the­ra­pie, ver­stan­den Fami­li­en als regel­ge­steu­er­te Sys­te­me. Therapeut*innen ver­such­ten, die­se Sys­te­me gezielt zu beein­flus­sen, um Ver­än­de­run­gen her­bei­zu­füh­ren. Zu den abge­lei­te­ten Inter­ven­tio­nen gehö­ren zir­ku­lä­re Metho­den, para­do­xe Inter­ven­tio­nen sowie struk­tu­rel­le und stra­te­gi­sche Methoden.

    Kyber­ne­tik II. Ord­nung (80er Jahre)

    Neue­re Ansät­ze, wie die lösungs­ori­en­tier­te The­ra­pie, die nar­ra­ti­ve und dia­lo­gi­sche The­ra­pie, ori­en­tie­ren sich an Kon­zep­ten wie Selbst­steue­rung und ‑orga­ni­sa­ti­on. Die­se Ansät­ze ver­wer­fen nor­ma­ti­ve Vor­stel­lun­gen über Fami­lie und Gesund­heit und ver­su­chen, das Sys­tem zu ver­stö­ren, um Ver­än­de­run­gen zu ermög­li­chen. Zu den abge­lei­te­ten Inter­ven­tio­nen gehö­ren lösungs­ori­en­tier­te, nar­ra­ti­ve und dia­lo­gi­sche Methoden.

    Metho­den der sys­te­mi­schen Therapie

    Ein­gangs­pha­se

    In der Ein­gangs­pha­se der sys­te­mi­schen The­ra­pie wird der Fokus auf den Bezie­hungs­auf­bau gelegt, um eine Atmo­sphä­re der Sicher­heit zu schaf­fen. Metho­den wie Ref­raming und struk­tu­rel­le Inter­ven­tio­nen wer­den ange­wen­det, um Mus­ter zu unter­bre­chen und neue Per­spek­ti­ven zu schaffen.

    Struk­tu­rel­le Methoden

    Struk­tu­rel­le Metho­den kon­zen­trie­ren sich auf die Ana­ly­se und Stär­kung der Gren­zen inner­halb eines Sys­tems. Dif­fu­se Gren­zen wer­den als Pro­blem betrach­tet und durch geziel­te Inter­ven­tio­nen behandelt.

    Stra­te­gi­sche Methoden

    Stra­te­gi­sche Metho­den fokus­sie­ren sich auf die Bezie­hun­gen inner­halb eines Sys­tems und die Auf­lö­sung von Loya­li­täts­kon­flik­ten. Sym­ptom­ver­schrei­bun­gen und para­do­xe Inter­ven­tio­nen sind häu­fi­ge Metho­den in die­sem Bereich.

    Zir­ku­lä­re Methoden

    Zir­ku­lä­re Metho­den basie­ren auf der Annah­me, dass es kei­ne ein­fa­chen Ursa­che-Wir­kung-Bezie­hun­gen gibt. Durch zir­ku­lä­res Fra­gen wer­den sys­te­mi­sche Struk­tu­ren offen­ge­legt, um Ver­än­de­run­gen anzuregen.

    Para­do­xe Interventionen

    Para­do­xe Inter­ven­tio­nen zie­len dar­auf ab, das Gleich­ge­wicht eines Sys­tems zu stö­ren, um neue Pro­zes­se zu ermög­li­chen. Der/die Pati­entin wird als Sym­ptom­trä­gerin ver­stan­den, des­sen patho­lo­gi­sches Ver­hal­ten zur Sta­bi­li­sie­rung des Sys­tems beiträgt.

    Lösungs­ori­en­tier­te Methoden

    Lösungs­ori­en­tier­te Metho­den ver­mei­den es, über das Pro­blem zu spre­chen, um neue Pro­ble­me zu schaf­fen. Statt­des­sen wer­den neue Per­spek­ti­ven ange­regt, um Lösun­gen und Hand­lungs­op­tio­nen abzuleiten.

    Nar­ra­ti­ve Methoden

    Nar­ra­ti­ve Metho­den kon­zen­trie­ren sich auf die Ver­sprach­li­chung von Erleb­nis­sen, um sub­jek­ti­ve Annah­men zu erken­nen und alte Geschich­ten umzuerzählen.

    Dia­lo­gi­sche Methoden

    Dia­lo­gi­sche Metho­den nut­zen das offe­ne Reflek­tie­ren von Therapeut*innen, um neue Per­spek­ti­ven in das Sys­tem ein­zu­brin­gen. Das Reflec­ting Team ist eine häu­fi­ge Metho­de in die­sem Bereich.

    Resü­mee

    Die sys­te­mi­sche The­ra­pie ist ein jun­ges the­ra­peu­ti­sches Ver­fah­ren mit einem brei­ten Ein­satz­ge­biet. Sie basiert auf einem kon­struk­ti­vis­tisch gepräg­ten Men­schen­bild und der Ein­bin­dung von Men­schen in sozia­le Sys­te­me. Der Fokus liegt auf den sys­te­mi­schen Wech­sel­wir­kun­gen und dar­aus resul­tie­ren­den Struk­tu­ren. Patient*innen mit psy­chi­schen Stö­run­gen wer­den als Index­per­so­nen für dys­funk­tio­na­le Sys­te­me ver­stan­den. Die sys­te­mi­sche The­ra­pie hat sich mit den sys­tem­theo­re­ti­schen Erkennt­nis­sen wei­ter­ent­wi­ckelt und bie­tet ein brei­tes metho­di­sches Spek­trum, um Ver­än­de­run­gen in sozia­len Sys­te­men anzuregen.

    Pra­xis­fel­der sys­te­mi­scher Beratung

    Sys­te­mi­sche Bera­tung basiert auf den Erkennt­nis­sen der Sys­te­mik und der sys­te­mi­schen The­ra­pie und fin­det Anwen­dung in ver­schie­de­nen lebens­welt­li­chen Sys­te­men. Sie kann sowohl in der Arbeits­welt als auch in Fami­li­en ein­ge­setzt wer­den. In die­sem Arti­kel wer­den die Pra­xis­fel­der, Leit­li­ni­en und Kon­zep­te der sys­te­mi­schen Bera­tung näher beleuchtet.

    Arbeits­welt

    In der Arbeits­welt umfasst sys­te­mi­sche Bera­tung indi­vi­du­el­le Coa­chings zur Stär­kung des Selbst­werts sowie Bera­tun­gen zur Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung in Unter­neh­men. Die­se Ansät­ze hel­fen dabei, die Dyna­mik und Kom­mu­ni­ka­ti­on inner­halb von Teams zu ver­bes­sern und struk­tu­rel­le Ver­än­de­run­gen zu unterstützen.

    Fami­li­en

    Fami­li­en sind ein zen­tra­les Pra­xis­feld der sys­te­mi­schen Bera­tung. Hier­bei kön­nen ver­schie­de­ne Set­tings zum Ein­satz kom­men, wie z.B. die Zusam­men­ar­beit zwi­schen Fami­lie und Schu­le oder die Bezie­hung zwi­schen Eltern und Kin­dern. Eltern­ge­sprä­che, sys­te­mi­sche Paar­the­ra­pie und Eltern­coa­ching sind wei­te­re mög­li­che Anwen­dungs­be­rei­che. Die­se Ansät­ze unter­stüt­zen Fami­li­en dabei, ihre Bezie­hun­gen zu stär­ken und Kon­flik­te kon­struk­tiv zu lösen.

    Leit­li­ni­en und Konzepte

    Kon­struk­ti­on und Dekon­struk­ti­on von Problemen

    Sys­te­mi­sche Bera­tung unter­schei­det zwi­schen pro­blem­de­ter­mi­nier­ten und lösungs­ori­en­tier­ten Sys­te­men. Wäh­rend pro­blem­de­ter­mi­nier­te Sys­te­me sich um das Pro­blem her­um orga­ni­sie­ren und in der Ver­gan­gen­heit ver­haf­tet blei­ben, fokus­sie­ren sich lösungs­ori­en­tier­te Sys­te­me auf zukünf­ti­ge Mög­lich­kei­ten und nut­zen Tech­ni­ken wie zir­ku­lä­res Fra­gen und Gedan­ken­ex­pe­ri­men­te, um Ver­än­de­run­gen anzu­re­gen (vgl. Schlip­pe und Schweit­zer, 2016).

    Lösungs­ori­en­tier­te Kurztherapie

    Die lösungs­ori­en­tier­te Kurz­the­ra­pie nach de Shazer und Berg basiert auf der Annah­me, dass „Pro­blem­ge­sprä­che Pro­ble­me schaf­fen, Lösungs­ge­sprä­che jedoch Lösun­gen schaf­fen“. Die­se Metho­de betont die Res­sour­cen- und Lösungs­ori­en­tie­rung und nutzt Tech­ni­ken wie die Wun­der­fra­ge und das Exter­na­li­sie­rungs­kon­zept, um Klient*innen dabei zu unter­stüt­zen, ihre Pro­ble­me aus einer neu­en Per­spek­ti­ve zu betrachten.

    Nar­ra­ti­ver Ansatz

    Der nar­ra­ti­ve Ansatz in der sys­te­mi­schen Bera­tung nutzt Erzäh­lun­gen, um Ein­bli­cke in sys­tem­in­ter­ne Dyna­mi­ken zu gewin­nen. Durch die Exter­na­li­sie­rung von Pro­ble­men kön­nen Klient*innen ihre Erfah­run­gen auf exter­ne Figu­ren über­tra­gen und so neue Hand­lungs­mög­lich­kei­ten ent­de­cken. Die­ser Ansatz ermög­licht es, Pro­ble­me von der Iden­ti­tät der Per­son zu tren­nen und Beschrei­bungs­mus­ter zu verstören.

    Reflek­tie­ren­des Team

    Das reflek­tie­ren­de Team nach Ander­sen ermög­licht den offe­nen Aus­tausch von Refle­xio­nen und Sicht­wei­sen. Wäh­rend die Therapeut*innen ihre Gedan­ken mit­ein­an­der tei­len, hört das Sys­tem zu und ent­wi­ckelt neue Per­spek­ti­ven. Die­ser Ansatz ver­mei­det Fach­aus­drü­cke und Schuld­zu­schrei­bun­gen und för­dert eine respekt­vol­le und wert­schät­zen­de Kommunikation.

    Hal­tung, Sicht- und Vorgehensweise

    Hal­tungs­aspek­te und Grundprinzipien

    Die sys­te­mi­sche Bera­tung basiert auf Prin­zi­pi­en wie Neu­tra­li­tät, All­par­tei­lich­keit, Respekt und Wert­schät­zung. Sie betont die Trans­pa­renz und Offen­heit im Bera­tungs­pro­zess und för­dert eine respekt­vol­le Neu­gier­de gegen­über den Klient*innen. Der Fokus liegt auf den Res­sour­cen, Kom­pe­ten­zen und Lösun­gen, die im Kli­en­ten­sys­tem vor­han­den sind.

    Kon­text-Abhän­gig­keit und Zirkularität

    Sys­te­mi­sche Bera­tung geht davon aus, dass Ver­än­de­run­gen nur durch das Kli­en­ten­sys­tem selbst erfol­gen kön­nen. Sie berück­sich­tigt die Kon­text-Abhän­gig­keit, Zir­ku­la­ri­tät und Wech­sel­wir­kun­gen inner­halb des Sys­tems und för­dert ein ganz­heit­li­ches Denken.

    Inter­ven­ti­ons­for­men

    Zu den Inter­ven­ti­ons­for­men der sys­te­mi­schen Bera­tung gehö­ren die Kon­text- und Auf­trags­klä­rung, das sys­te­mi­sche Fra­gen, hypo­the­sen­be­glei­te­te Vor­ge­hens­wei­sen und das reflek­tie­ren­de Team. Die­se Metho­den unter­stüt­zen Klient*innen dabei, ihre Pro­ble­me aus neu­en Blick­win­keln zu betrach­ten und Lösun­gen zu entwickeln.

    Mög­lich­kei­ten und Gren­zen in der Sozia­len Arbeit

    Mög­lich­kei­ten

    Die sys­te­mi­sche Per­spek­ti­ve ermög­licht es, die Auf­trags­la­ge und den Kon­text zu klä­ren, Res­sour­cen zu evo­zie­ren und Hypo­the­sen auf­zu­stel­len. Sie regt dazu an, bestehen­de Mus­ter zu ver­stö­ren und neue Lösun­gen zu ent­wi­ckeln, anstatt vor­schnell zu han­deln oder zu bewerten.

    Gren­zen

    Die sys­te­mi­sche Bera­tung stößt jedoch auch an Gren­zen, ins­be­son­de­re wenn es um die Berück­sich­ti­gung von Macht­di­men­sio­nen und sozia­len Unge­rech­tig­kei­ten geht. Sie kann blind für bestehen­de Hier­ar­chien und Herr­schafts­ver­hält­nis­se sein und ist mög­li­cher­wei­se nicht in allen Berei­chen der Sozia­len Arbeit anwend­bar, in denen Gesell­schafts­kri­tik und kon­kre­te sozia­le Unter­stüt­zung gefragt sind.

    Fazit

    Die sys­te­mi­sche The­ra­pie bie­tet wert­vol­le Ansät­ze für die Sozia­le Arbeit. Durch ihre kon­struk­ti­vis­ti­sche Grund­la­ge und den Fokus auf sozia­le Sys­te­me ermög­licht sie eine ganz­heit­li­che Betrach­tung von Pro­ble­men. Die Metho­den der sys­te­mi­schen Bera­tung, wie zir­ku­lä­res Fra­gen und lösungs­ori­en­tier­te Ansät­ze, unter­stüt­zen Klient:innen dabei, ihre Res­sour­cen zu akti­vie­ren und neue Hand­lungs­op­tio­nen zu ent­wi­ckeln. Sys­te­mi­sche Bera­tung bie­tet ein brei­tes Spek­trum an Anwen­dungs­mög­lich­kei­ten in ver­schie­de­nen Lebens­be­rei­chen. Sie för­dert eine respekt­vol­le und wert­schät­zen­de Kom­mu­ni­ka­ti­on und ermög­licht nach­hal­ti­ge Veränderungen.

    In der Sozia­len Arbeit kann die sys­te­mi­sche Bera­tung dazu bei­tra­gen, bestehen­de Mus­ter zu durch­bre­chen und nach­hal­ti­ge Ver­än­de­run­gen zu för­dern. Sie ist beson­ders nütz­lich in der Arbeit mit Fami­li­en und in der Orga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung, da sie die Kom­mu­ni­ka­ti­on und Dyna­mik inner­halb von Sys­te­men verbessert.

    Aller­dings stößt die sys­te­mi­sche Bera­tung auch an Gren­zen, ins­be­son­de­re bei der Berück­sich­ti­gung von Macht­di­men­sio­nen und sozia­len Unge­rech­tig­kei­ten. Es ist wich­tig, die­se Aspek­te zu reflek­tie­ren und gege­be­nen­falls mit ande­ren Ansät­zen zu kom­bi­nie­ren, um eine umfas­sen­de Unter­stüt­zung zu gewährleisten.

    Lite­ra­tur

    Abels, H. (2019). Sys­tem: Wie das Sozia­le zusam­men­hängt und funk­tio­niert und wie es sich stän­dig selbst repro­du­ziert (Stu­di­en­tex­te zur Sozio­lo­gie). In H. Abels (Hrsg.), Ein­füh­rung in die Sozio­lo­gie: Band 1: Der Blick auf die Gesell­schaft (S. 191–229). Wies­ba­den: Sprin­ger Fach­me­di­en. https://doi.org/10.1007/978–3‑658–22472-1_7

    Hasel­mann, S. (2009). Sys­te­mi­sche Bera­tung und der sys­te­mi­sche Ansatz in der Sozia­len Arbeit. In B. Michel-Schwart­ze (Hrsg.), Metho­den­buch Sozia­le Arbeit (S. 155–206). VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten. https://doi.org/10.1007/978–3‑531–91453-4_6

    Hel­le, M. (2019). Sys­te­mi­sche The­ra­pie (Basis­wis­sen Psy­cho­lo­gie). In M. Hel­le (Hrsg.), Psy­cho­the­ra­pie (S. 95–124). Ber­lin, Hei­del­berg: Sprin­ger. https://doi.org/10.1007/978–3‑662–58712-6_4

    Kutz, A. (2020). Sys­te­mi­sche Hal­tung in Bera­tung und Coa­ching: Wie lösungs- und res­sour­cen­ori­en­tier­te Arbeit gelingt (essen­ti­als). Wies­ba­den: Sprin­ger Fach­me­di­en Wies­ba­den. https://doi.org/10.1007/978–3‑658–29686‑5

    Lie­ser, C. (Hrsg.). (2014). Pra­xis­fel­der der sys­te­mi­schen Bera­tung. Sprin­ger Fach­me­di­en Wies­ba­den. https://doi.org/10.1007/978–3‑658–04738‑2

    Schlip­pe, A. von, & Schweit­zer, J. (2016). Lehr­buch der sys­te­mi­schen The­ra­pie und Bera­tung I: Das Grund­la­gen­wis­sen. https://doi.org/10.13109/9783666401855 

    Stumm, G., & Pritz, A. (Hrsg.). (2007). Wör­ter­buch der Psy­cho­the­ra­pie. Sprin­ger Vien­na. https://doi.org/10.1007/978–3‑211–70773‑9

    Sydow, K. von & Borst, U. (Hrsg.). (2018). Sys­te­mi­sche The­ra­pie in der Pra­xis (1. Auf­la­ge.). Wein­heim Basel: Beltz. Ver­füg­bar unter: https://content-select.com/de/portal/media/view/5aa7b770-5534–4eb8-96b7-6955b0dd2d03

  • Diver­si­ty in der Arbeitswelt

    Diver­si­ty in der Arbeitswelt

    Inhalts­ver­zeich­nis

    1. Ein­füh­rung
    2. Refle­xi­on des Auf­sat­zes „Arbeit“
    3. Schluss
    4. Aus­blick
    5. Lite­ra­tur

    Ein­füh­rung

    In dem Auf­satz „Arbeit“ von Fat­ma Ayd­emir setzt sich die Autorin mit eige­nen Erfah­run­gen und den Erfah­run­gen ihrer Fami­lie auf dem deut­schen Arbeits­markt aus­ein­an­der. Dabei geht sie ins­be­son­de­re auf his­to­ri­sche Kon­tex­te ein und gibt damit einen Blick aus der Per­spek­ti­ve von Men­schen mit Migra­ti­ons­er­fah­run­gen auf den deut­schen Arbeits­markt, auf dem ihr nach wie vor ras­sis­ti­sche Aus­sa­gen und sys­te­mi­scher Ras­sis­mus begeg­net ist. Die Belas­tung für Migrant:innen sei unver­hält­nis­mä­ßig grö­ßer und dem­nach müss­ten sie mehr als deut­sche Mitbewerber:innen bewäl­ti­gen. Aus die­sem Grund habe ich mich für die­se Refle­xi­on u.a. mit dem Kon­zept „exit RACISM“ von Tupo­ka Oget­te aus­ein­an­der­ge­setzt. Ähn­lich ande­ren dis­kri­mi­nie­rungs­kri­ti­schen Kon­zep­ten wie bspw. „doing gen­der“ oder „doing fami­ly“, setzt auch die­ses Kon­zept die sozia­le Kon­struk­ti­on des Ras­sis­mus in den Vor­der­grund. Was auf der einen Sei­te bedeu­tet, dass wir Ras­sis­mus selbst geschaf­fen haben. Ras­sis­mus ist men­schen­ge­macht. Auf der ande­ren Sei­te kann dies aber auch einen Aus­weg aus ras­sis­ti­schen Prak­ti­ken ermög­li­chen. Denn was ich mache, kann ich eben auch ver­su­chen, nicht mehr zu machen. Die­ser Licht­blick gibt Hoff­nung. Jedoch zeigt Frau Oget­te in ihren Aus­füh­run­gen auch auf, dass ein sol­cher Pro­zess eine Aus­ein­an­der­set­zung vor allem mit sich selbst for­dert. D.h. nur wenn wir uns reflek­tie­ren und uns selbst hin­ter­fra­gen, kön­nen wir ras­sis­ti­sche Pra­xen auf­bre­chen. Doch selbst wenn ein­zel­ne ihre ras­sis­ti­schen Prak­ti­ken reflek­tiert haben, bleibt der sys­te­mi­sche und insti­tu­tio­na­li­sier­te Ras­sis­mus, der auch auf dem deut­schen Arbeits­markt greift. Des­halb müs­sen wir als Gesell­schaft über das indi­vi­du­el­le Maß hin­aus nach struk­tu­rel­len Ver­än­de­run­gen stre­ben, um Diver­si­ty-Sen­si­bi­li­tät auf dem deut­schen Arbeits­markt zu ver­an­kern. Ziel muss des­halb ein wirk­sa­mes Diver­si­ty-Manage­ment sein, dass in die Unter­neh­mens­kul­tu­ren [1] auf­ge­nom­men wird (sie­he Lang 2014: 53f.). „Diver­si­ty Manage­ment zielt dar­auf ab, Mecha­nis­men der Dis­kri­mi­nie­run­gen zu erken­nen und eine Orga­ni­sa­ti­ons­kul­tur anzu­stre­ben, in der alle Beschäf­tig­ten ihre beson­de­ren Fähig­kei­ten ein­brin­gen kön­nen. Es geht dar­um, dass alle Mitarbeiter:innen ihre Fähig­kei­ten best­mög­lich zum Ein­satz brin­gen kön­nen und sich eine glo­ba­li­sier­te Welt auch in Unter­neh­men wider­spie­gelt“ (sie­he Rahn­feld 2019b: 23). Clau­dia Rahn­feld hat hier­zu in „Diver­si­ty-Manage­ment“ eine sys­tem­theo­rie­ge­lei­te­te und pra­xis­ori­en­tier­te Ana­ly­se zur sozia­len Ver­ant­wor­tung von Unter­neh­men ver­öf­fent­licht. Damit sich Orga­ni­sa­tio­nen ver­än­dern kön­nen, braucht es ihrer Ana­ly­se nach gleich­sam bot­tom-up und top-down Ver­än­de­run­gen auf intra‑, inter- und aper­so­na­ler Ebe­ne (sie­he Rahn­feld 2019a: 38, 42f).

    Refle­xi­on des Auf­sat­zes „Arbeit“

    Im Fol­gen­den wer­de ich einen Über­blick über den Auf­satz „Arbeit“ von Fat­ma Ayd­emir geben und in einem anschlie­ßen­den fik­ti­ven Brief an die Autorin auf ras­sis­ti­sche Prak­ti­ken in unse­rer Gesell­schaft ein­ge­hen und wie man mit die­sen reflek­tiert umge­hen kann. Dabei wer­de ich Berüh­rungs­punk­te zur „Diver­si­ty sen­si­blen Sozia­le Arbeit“ auf­grei­fen und mei­ne eige­ne Per­spek­ti­ve in die­sem Auf­satz einbeziehen.

    Kur­ze the­ma­ti­sche Zusammenfassung

    Die Autorin Fat­ma Ayd­emir wur­de 1986 in Karls­ru­he gebo­ren. Sie stu­dier­te in Frank­furt am Main Ger­ma­nis­tik und Ame­ri­ka­nis­tik. Seit 2012 lebt sie in Ber­lin und arbei­tet dort als Redak­teu­rin bei „Die Tages­zei­tung“ (kurz taz). Zu den Ver­öf­fent­li­chun­gen von Frau Ayd­emir gehört der Roman „Ellen­bo­gen“ sowie der vor­lie­gen­de Her­aus­ge­ber­band „Eure Hei­mat ist unser Alb­traum“. Bei­de Wer­ke set­zen sich mit Erfah­run­gen von Men­schen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund in Deutsch­land aus­ein­an­der. In „Arbeit“ berich­tet Frau Ayd­emir, dass ihre Groß­el­tern in den 70er Jah­ren als sog. Gast­ar­bei­ter aus der Tür­kei nach Deutsch­land gekom­men sind. Auch ihre Eltern, damals Teen­ager, sind so in die Bun­des­re­pu­blik migriert. Wäh­rend die Groß­el­tern in den 80ern über die Rück­kehr­prä­mie wie­der in die Tür­kei zurück­gin­gen, blie­ben die Eltern von Frau Ayd­emir in Deutsch­land.[2] (vgl. Ayd­emir 2020)

    Der Auf­satz „Arbeit“ ist auto­bio­gra­fisch und Frau Ayd­emir gewährt damit Ein­blick in ihr sub­jek­ti­ves Erle­ben auf dem deut­schen Arbeits­markt. So beginnt sie mit einem Erleb­nis­be­richt aus ihrer eige­nen Erwerbs­bio­gra­fie, in dem sie die unglei­che Ver­tei­lung von beruf­li­chen Chan­cen pro­ble­ma­ti­siert und pos­tu­liert, dass Migrant:innen im Ver­hält­nis mehr leis­ten müss­ten als deut­sche Mitbewerber:innen. In die­sem Kon­text eröff­net sie nicht nur eige­nen Erfah­run­gen, son­dern zieht auch Ver­glei­che zur Migra­ti­ons­ge­schich­te ihrer Eltern und Groß­el­tern. Die Eltern von Frau Ayd­emir schlu­gen im Gegen­satz zu ihren Groß­el­tern die Rück­kehr­hil­fe [3] (RückHG §2) Anfang der 80er Jah­re aus und blie­ben in Deutsch­land. In die­sem Zeit­raum wur­de auch Frau Ayd­emir gebo­ren und wuchs im Deutsch­land der 90er Jah­re auf. In ihrer Kind­heit erleb­te Frau Ayd­emir die para­do­xen Paro­len und Zuschrei­bun­gen über Migrant:innen, dass die­se fau­le Sozialleistungsbezieher:innen sei­en und gleich­zei­tig den deut­schen Bürger:innen ihre Arbeits­plät­ze weg­näh­men. Sie pro­ble­ma­ti­siert dies­be­züg­lich, dass Migrant:innen schon in den Anfän­gen immer nur die Jobs bekom­men hät­ten, die Deut­sche nicht woll­ten. Gleich­zei­tig hät­ten sie weni­ger Rech­te und wür­den exklu­diert. Aus ihren geschil­der­ten Erfah­run­gen her­aus pos­tu­liert Frau Ayd­emir das Bild von hart arbei­ten­den Migrant:innen, die nicht aus einer idea­li­sier­ten Arbeits­tu­gend her­aus flei­ßig sei­en, son­dern, um ihre bedroh­te Exis­tenz in Deutsch­land zu erhal­ten, denn Arbeit siche­re nicht nur das Ein­kom­men, son­dern auch den Auf­ent­halts­sta­tus. Migrant:innen müss­ten mehr leis­ten als Deut­sche, um Ste­reo­ty­pen und Vor­ur­tei­len ent­ge­gen­zu­wir­ken. Frau Ayd­emir benennt dies­be­züg­lich struk­tu­rel­le Unter­schie­de und krank­ma­chen­de Fak­to­ren. Die Lebens- und Arbeits­be­din­gun­gen in Deutsch­land sei­en ins­be­son­de­re Risi­ko­fak­to­ren für die Gesund­heit von Migrant:innen, die­se Risi­ko­fak­to­ren erken­ne Frau Ayd­emir auch in ihrer eige­nen Erwerbs­bio­gra­fie wie­der. (vgl. ebd.)

    Fik­ti­ver Brief an die Autorin

    In ihrem Auf­satz „Arbeit“ aus dem Band „Eure Hei­mat ist unser Alb­traum“ beschrei­ben Sie die auf dem deut­schen Arbeits­markt vor­han­de­ne Zwei­klas­sen­ge­sell­schaft zwi­schen „Deut­schen“ und „Migrant:innen“ und wel­che Aus­wir­kun­gen die­se Struk­tu­ren bspw. auf die Gesund­heit von Migrant:innen haben. Bis­her leb­te ich dies­be­züg­lich und lebe auch struk­tu­rell noch im sog. „Hap­py­land“ (sie­he Oget­te 2018: 21). Mei­ne Fami­lie und auch ich konn­ten ohne die­se zusätz­li­chen Hür­den und Unsi­cher­hei­ten am Arbeits­markt teil­ha­ben. Ich muss­te mich nie dafür recht­fer­ti­gen, dass ich bspw. eine Stel­le auf­grund eines „Tokens“ bekom­men hät­te oder mich für stell­ver­tre­tend für eine Bevöl­ke­rungs­grup­pe recht­fer­ti­gen (sie­he Quen­te 2020: 43ff.). Als Hap­py­län­der war mir bis­her zwar bekannt, dass ich pri­vi­le­giert bin, aber erst durch ihren Auf­satz wur­de die­ses Pri­vi­leg greif­bar. Ich möch­te mich des­halb dafür bedan­ken, dass sie ihre per­sön­li­chen Erleb­nis­se in die­sem Band geteilt haben.

    Frau Oget­te beschreibt in ihrem Buch „exit Racism“, wie Ras­sis­mus als Form einer Dis­kri­mi­nie­rung in Deutsch­land wahr­ge­nom­men wird (sie­he Oget­te 2018: 21). Denn Deutsch­land ist nach wie vor ein „Hap­py­land“. Wäre die deut­sche Gesell­schaft eine Per­son wür­de ich sie als igno­rant und unre­flek­tiert beschrei­ben. Unser Ver­ständ­nis von Ras­sis­mus scheint besetzt durch die men­schen­ver­ach­ten­den Ver­bre­chen unse­rer Geschich­te. Die­se Ver­ant­wor­tung dafür fühlt sich selbst heu­te noch für mich als über­wäl­ti­gend an. Ich möch­te sie abwen­den und von mir weg­schie­ben, was im ers­ten Augen­blick auch nur natür­lich erscheint. Die­se belas­ten­de geschicht­li­che Ver­ant­wor­tung nicht an sich her­an­zu­las­sen, kann in ers­ter Instanz ein Schutz­me­cha­nis­mus sein. Denn das haben „ande­re, schlech­te Men­schen absicht­lich und wis­send gemacht“ (vgl. ebd.) und ich selbst sehe mich nicht als solch einen schlech­ten Men­schen. Den­noch darf es, mei­ner Ansicht nach, nicht dabei­blei­ben, sich weg­zu­du­cken und bestehen­den Ras­sis­mus zu igno­rie­ren. Schutz ist zwar für das eige­ne See­len­heil wich­tig, aber wenn ich dadurch wei­ter Gefahr lau­fe, die­sel­ben dis­kri­mi­nie­ren­den Struk­tu­ren zu repro­du­zie­ren, muss etwas pas­sie­ren. Ich bin scho­ckiert, wie tief auch bei mir das Selbst­ver­ständ­nis der Happyländer:innen sitzt. Frau Oget­te beschreibt die­se Pha­sen als „Scham und Schuld“ und ich ver­su­che des­halb, mir mei­ner eige­nen Ver­ant­wor­tung bewusst zu wer­den, um einen reflek­tier­ten Umgang mit Ras­sis­mus zu erler­nen. Die­se „Aner­ken­nung“, dass ich zu einer ras­sis­ti­schen Gesell­schaft gehö­re und a prio­ri ras­sis­tisch hand­le, emp­fin­de ich als belas­tend. Den­noch zeigt Frau Oget­te auch auf, dass man a pos­te­rio­ri mit Selbst­re­fle­xi­on, Wis­sen und Hal­tung zu einem Aus­weg aus ras­sis­ti­schen Prak­ti­ken kom­men kann. Ras­sis­mus ist damit nicht gott­ge­macht und vom Him­mel als natür­li­ches Gesetz gefal­len. Ras­sis­ti­sches Ver­hal­ten ist men­schen­ge­macht und abwend­bar. (vgl. ebd.: 29ff.)

    Ras­sis­mus wirkt nicht nur auf der indi­vi­du­el­len Ebe­ne und wird vor­sätz­lich betrie­ben, son­dern er ist Teil der deut­schen Sozia­li­sa­ti­on (sie­he Weiß 2013a: 72), deren Struk­tu­ren und Wir­kungs­wei­sen auf­ge­deckt wer­den müs­sen, um sie für die Refle­xi­on zugäng­lich zu machen. Hier­bei hel­fen ins­be­son­de­re Berich­te von Betrof­fe­nen, wie auch ihr Auf­satz, Frau Ayd­emir (vgl. Oget­te 2018: 29). Eine der zen­tra­len Erkennt­nis­se aus die­ser Aus­ein­an­der­set­zung mit ihrem Auf­satz ist für mich, nicht die Absicht in den Fokus zu neh­men, son­dern sich selbst in die Ver­ant­wor­tung zu neh­men, für die Art und Wei­se wie ich rede und hand­le. Ich bin, um es mit den Wor­ten der TZI zu sagen, mei­ne eige­ne Chair­per­son. In die­sem Kon­text möch­te ich also die Regel von Ruth Cohn „[sei dei­ne eige­ne Chair­per­son, die Chair­per­son] dei­ner selbst“ (sie­he Cohn 2018: 120) auf­neh­men und dabei die Per­spek­ti­ve des Selbst­re­fle­xi­ven beto­nen. Denn sei­ne eige­ne Chair­per­son zu sein, heißt nicht nur auf die eige­nen Bedürf­nis­se zu hören, son­dern, dass das indi­vi­du­el­le Wohl­erge­hen mei­ner Mit­men­schen auch zu mei­ner Ver­ant­wor­tung gehört. Das Wohl­erge­hen der ande­ren Men­schen klingt nach einer nicht lös­ba­ren Auf­ga­be, aber genau das ist es nicht. Es geht immer um kon­kre­te Situa­tio­nen und Inter­ak­tio­nen, in denen ich selbst invol­viert bin, d.h. ich bin im Aus­tausch mit einer Per­son – face-to-face. In die­sen Situa­tio­nen kann ich han­deln, kann dafür Ver­ant­wor­tung über­neh­men, was ich sage und was ich mache, um Ras­sis­men auf­zu­bre­chen. Die­se Ein­stel­lung ähnelt damit der Para­phra­se von Mahat­ma Gan­dhis Aus­sa­ge. „Sei du selbst die Ver­än­de­rung, die du dir wünschst für die­se Welt“ [4]. Damit liegt die Her­aus­for­de­rung für Ein­zel­ne dar­in, sich zu die­sem Invest­ment bereit­zu­er­klä­ren. Denn als ego­is­ti­sche Sub­jek­te stre­ben wir a prio­ri danach Eigen­in­ter­es­sen zu erfül­len (sie­he Ste­cker 2002a: 75ff.).

    Ras­sis­mus­kri­ti­sches Han­deln ist nach Haber­mas ein kom­mu­ni­ka­ti­ves Han­deln, denn es fin­det sich aktu­ell eher in pri­va­ten All­tags- und Lebens­zu­sam­men­hän­gen wie­der. Auch basiert eine sol­che Hand­lungs­prä­mis­se auf der Fähig­keit zur indi­vi­du­el­len Refle­xi­on im Sin­ne einer deon­to­lo­gisch, kant­schen Ethik. Dem­ge­gen­über steht zweck­ra­tio­na­les Han­deln nicht nur durch die Struk­tur des Arbeits­mark­tes mit sei­nen sys­tem­im­ma­nen­ten Regeln und Logi­ken, die wir ergo nicht hin­ter­fra­gen, son­dern auch, weil die Logik der Arbeit in der heu­ti­gen Moder­ne auch in das Pri­va­te hin­ein­reicht und kom­mu­ni­ka­ti­ves Han­deln damit eine gesell­schaft­li­che Son­der­stel­lung bür­ger­schaft­li­chen Enga­ge­ments erhält. (vgl. Ste­cker 2002b: 87)

    Der von Mead beschrie­be­nen Dia­lek­tik fol­gend, kann des­halb eine Per­so­nen­zen­trie­rung allein nicht aus­rei­chen, da das Indi­vi­du­um ins­be­son­de­re durch Struk­tu­ren und Pro­zes­se geprägt ist (vgl. ebd.: 85). Was für per­sön­li­che Inter­ak­tio­nen also eine prak­ti­ka­ble Idee zu sein scheint, ist für gesamt­ge­sell­schaft­li­che Zusam­men­hän­ge wie sys­te­misch ver­an­ker­ten Ras­sis­mus nur ent­fernt wirk­mäch­tig, es sei denn kol­lek­ti­ve Anstren­gun­gen wür­den hier­bei wir­ken (sie­he Hös­li 1998: 234, sie­he Hummrich/Terstegen 2020: 36f.). In einer Gesell­schaft wir­ken unter­schied­li­che Teil­sys­te­me und erhal­ten und orga­ni­sie­ren sich selbst. Als Ein­zel­ner die Ver­än­de­rung zu sein und damit abwei­chen­des Ver­hal­ten zu zei­gen, wirkt dys­funk­tio­nal in einem eta­blier­ten Sys­tem, deren Regeln und Gesetz­mä­ßig­kei­ten sich immer wie­der selbst repro­du­zie­ren. Über­trägt man die­se Gedan­ken auf Gesell­schaft, so birgt eine sol­che Ver­än­de­rung, hin zu einer ras­sis­mus­kri­ti­schen Gesell­schaft, Kon­flikt­po­ten­tia­le (sie­he Weiß 2013a: 73f., sie­he Weiß 2013b: 249).

    Aus­sa­gen, die auch mir in sol­chen Dis­kus­sio­nen begeg­nen, wenn es bspw. um die För­de­rung der Teil­ha­be von Frau­en* an poli­ti­schen Pro­zes­sen geht, sind bspw. „das haben wir immer schon so gemacht“ oder „brau­chen wir das wirk­lich, es funk­tio­niert doch alles gut“. Die­se bei­den Aus­sa­gen beschrei­ben mei­ner Ansicht nach nicht nur die von Frau Oget­te beschrie­be­ne Ein­stel­lung von Happyländer:innen, son­dern auch den in Sys­te­men aus­ge­han­del­ten und eta­blier­ten Sta­tus quo. Was erst ein­mal aus­ge­han­delt wur­de und fest­steht, wirkt unre­flek­tiert wie fest­ze­men­tiert und nomo­lo­gisch funk­tio­nal (sie­he Scha­ra­thow 2018: 271f.). Damit sol­che Struk­tu­ren auf­ge­deckt und ver­än­dert wer­den kön­nen, braucht es einen gesell­schaft­li­chen Pro­zess. Damit ein sol­cher Ver­än­de­rungs­pro­zess auch funk­tio­nie­ren kann, braucht es aber nicht nur die ein­zel­nen Mitbürger:innen oder Arbeitnehmer:innen, d.h. einen Bot­tom-up-Pro­zess, son­dern auch einen Top-down-Pro­zess, d.h. poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen für gesell­schaft­li­che Rah­men­be­din­gun­gen und vor allem auch den poli­ti­schen Wil­len, um struk­tu­rel­le Ver­än­de­run­gen zu imple­men­tie­ren (sie­he Weiß 2013c: 126).

    Auch der von ihnen the­ma­ti­sier­te Arbeits­markt braucht Geset­ze und dadurch struk­tu­rel­le Ver­än­de­run­gen bis hin­ein in die Unter­neh­mens­kul­tur. Wir sehen es bspw. bei der Frau­en­quo­te, dass nur geleb­te Pra­xis zu Ver­än­de­run­gen führt. Frau­en müs­sen erst in neu­en Rol­len und Posi­tio­nen wahr­ge­nom­men wer­den (sie­he Rein­narth 2016: 157f.). Quo­ten umge­hen dabei zwar gesell­schaft­li­che Ver­än­de­rungs­pro­zes­se, was sein ganz eige­nes Kon­flikt­po­ten­ti­al mit sich bringt (sie­he Studt 2016: 164ff.). Den­noch über­wie­gen mei­ner Ansicht nach die Vor­tei­le durch die Quo­te als Len­kungs­in­stru­ment. Denn nur wenn wir gesamt­ge­sell­schaft­li­che Wirk­lich­keit auch durch Geset­ze ver­än­dern und neue Struk­tu­ren eta­blie­ren, kön­nen neue Repro­duk­ti­ons­pro­zes­se grei­fen. Um die dadurch auf­kei­men­den Span­nun­gen in den Sys­te­men zu beglei­ten und eine Bewäl­ti­gung zu ermög­li­chen, d.h. die Ver­än­de­run­gen wer­den akzep­tiert und imple­men­tiert, braucht es zusätz­lich die Ver­än­de­rung von unten, aus den Indi­vi­du­en, die mit Wis­sen und Hal­tung über die Not­wen­dig­kei­ten auf­klä­ren und für die Ver­än­de­rung ein­ste­hen, aber auch struk­tu­rel­le Ange­bo­te für Sen­si­bi­li­sie­rung, Bil­dung und Refle­xi­on (sie­he Rahn­feld 2019c: 77f.). Ins­be­son­de­re Entscheidungsträger:innen, d.h. Füh­rungs­kräf­te, haben hier­bei eine Mul­ti­pli­ka­tor­funk­ti­on, da sie für die geleb­te Kul­tur in Unter­neh­men ver­ant­wort­lich sind (sie­he Rahn­feld 2019d: 58).

    Das vor­lie­gen­de Buch „Eure Hei­mat ist unser Alb­traum“ ist ein wich­ti­ges Ange­bot, um sich selbst zu reflek­tie­ren, d.h. sei­ne eige­nen Ste­reo­ty­pe und Vor­ur­tei­le an kon­kre­ten Erleb­nis­be­rich­ten von Men­schen mit Migra­ti­ons­er­fah­run­gen zu über­prü­fen und mög­li­cher­wei­se zu ver­än­dern. Was jedoch in Deutsch­land und auf unse­rem Arbeits­markt fehlt, sind die gesetz­li­chen Vor­ga­ben, die eine Ver­än­de­rung evo­zie­ren. Als wei­ße männ­li­che Arbeits­ge­sell­schaft sozia­li­sie­ren und repro­du­zie­ren wir uns immer wie­der selbst (sie­he Meu­ser 2008). Ver­än­de­rung fin­det nicht allein von unten statt und des­halb braucht es auch die gesetz­lich ver­an­ker­te Ver­pflich­tung zur Ver­än­de­rung (sie­he Studt 2016: 163). Damit das Ziel einer ras­sis­mus­kri­ti­schen Pra­xis in Unter­neh­men hin zu einer inter­kul­tu­rel­len Öff­nung auf den Weg gebracht wer­den kann, d.h. staat­li­che Impul­se von top-down, die in das Teil­sys­tem Arbeits­markt hin­ein­wir­ken. Sei­en es Quo­ten oder auch ver­pflich­ten­de Sen­si­bi­li­sie­rungs­mög­lich­kei­ten wie bspw. Diver­si­ty-Trai­nings, um Aus­ein­an­der­set­zung mit Diver­si­tät zu ver­an­kern. „Dazu gehö­ren zum Bei­spiel die Posi­tio­nie­rung eines Diver­si­ty Mana­gers, die Ver­an­ke­rung von Diver­si­ty in Leit­bil­dern und Diver­si­ty Trai­nings, Men­to­ring­pro­gram­me, gemisch­te Arbeits­grup­pen und Sprach­trai­nings. In Bezug auf das Per­so­nal­ma­nage­ment sol­len Maß­nah­men ergrif­fen wer­den, die Benach­tei­li­gun­gen von Min­der­hei­ten in den Pro­zes­sen der Aus­wahl, Beur­tei­lung und Ent­gelt­po­li­tik abbau­en. Eben­so wird eine fle­xi­ble Arbeits­zeit­ge­stal­tung als Instru­ment des Diver­si­ty Manage­ments auf­ge­fasst“ (sie­he Voigt 2013: 52).

    Diver­si­ty geht damit über klas­si­sche Kon­zep­te des Arbeits­mark­te wie Inte­gra­ti­on und Inklu­si­on hin­aus, da hier­bei über Ein­zel­si­tua­tio­nen hin­aus Unter­neh­mens­struk­tu­ren in den Fokus genom­men wer­den. Damit alle Unter­neh­men nach den glei­chen Spiel­re­geln spie­len kön­nen, benö­tigt es jedoch gesetz­li­che Vor­ga­ben zur Imple­men­tie­rung, aber auch eine reflek­tier­te und beglei­te­te Imple­men­tie­rung in den Unter­neh­men, d.h. in allen Berei­chen und auf allen Ebe­nen. Ver­än­de­rung braucht Kom­mu­ni­ka­ti­on. Studt (2016, S. 172ff.) beschreibt wie ins­be­son­de­re Kom­mu­ni­ka­ti­on ein Schlüs­sel­ele­ment für eine Ver­än­de­rungs­kul­tur zur Umset­zung von Diver­si­ty in Unter­neh­men ist. Ver­än­de­rung zeigt sich damit zwar als Her­aus­for­de­rung für Unter­neh­men, genau­so zeigt sich aber auch, dass Ver­än­de­rung mit einer ent­spre­chen­den Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on bewäl­tigt wer­den kann. Im Rah­men eines „Chan­ge Manage­ments […] geht es weni­ger um Infor­ma­ti­on, son­dern um Ori­en­tie­rung durch Kom­ple­xi­täts­be­wäl­ti­gung, was nur durch kon­ti­nu­ier­li­che Sinn­ak­tua­li­sie­rung bewäl­tigt wer­den kann“ (sie­he ebd.: 174). Des­halb wer­den funk­tio­na­le Bezie­hun­gen im sys­te­mi­schen Sinn fokus­siert. Wich­ti­ge Aspek­te einer sol­chen Kom­mu­ni­ka­ti­ons­kul­tur sind ein par­ti­zi­pa­ti­ver Füh­rungs­stil, Rück­kopp­lungs­pro­zes­se in Form von Feed­back­schlei­fen sowie eine trans­pa­ren­te und nach­voll­zieh­ba­re Kom­mu­ni­ka­ti­on (sie­he ebd.: 168f.), um Ver­än­de­run­gen im Unter­neh­men gelin­gen zu lassen.

    Ich möch­te des­halb mit den Wor­ten von Arthur Fischer schlie­ßen, der ein­mal sag­te: „Geht nicht, gibt’s nicht. Es geht so nicht, das gibt’s“ (sie­he Rahn­feld 2019c: 59). Zum einen darf es in unse­rer Gesell­schaft nicht so wei­ter­ge­hen, dass immer noch Men­schen in ihrer Teil­ha­be bspw. am Arbeits­le­ben durch eta­blier­te und nicht hin­ter­frag­te Prak­ti­ken behin­dert wer­den. Zum ande­ren sehen wir, dass Ver­än­de­rung in Unter­neh­men sehr wohl mög­lich ist. Hier­bei kommt es jedoch stark auf die Art und Wei­se an, wie in Unter­neh­men kom­mu­ni­ziert wird und das heißt auch inwie­fern Ver­än­de­rungs­pro­zes­se trans­pa­rent sind und an ihnen par­ti­zi­piert wer­den kann. Ras­sis­mus ist ein men­schen­ge­mach­tes Phä­no­men und begrün­det sich in unse­rem Han­deln und unse­ren gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren. Aber genau dar­in liegt auch wie­der die Lösung. Wir kön­nen Struk­tu­ren und unser Han­deln reflek­tie­ren und ver­än­dern. D.h. wir kön­nen ras­sis­ti­schen Prak­ti­ken und sys­te­mi­schem Ras­sis­mus ent­ge­gen­tre­ten und auch als Gesell­schaft selbst die Ver­än­de­rung sein.

    Schluss

    Zum Ende hin möch­te ich eine Zusam­men­fas­sung der erfolg­ten Refle­xi­on sowie ein Resü­mee zu den Über­le­gun­gen eines Diver­si­ty sen­si­blen Arbeits­mark­tes geben.

    Zusam­men­fas­sung

    In ihren Aus­füh­rung über ihre Erfah­run­gen auf dem Arbeits­markt hat Frau Ayd­emir die immer noch vor­han­de­ne Exklu­si­on von Migrant:innen auf dem deut­schen Arbeits­markt anhand his­to­ri­scher und fami­liä­rer Bei­spie­le sowie eige­ner Erleb­nis­se dar­ge­legt. Dabei wird zwar klar, dass Migra­ti­ons­er­fah­run­gen auf dem Arbeits­markt eine Human­ka­pi­tal­res­sour­ce gewor­den sind, aber auch gleich­zei­tig wie­der zur Stig­ma­ti­sie­rung bei­tra­gen. Denn die Struk­tu­ren in deut­schen Unter­neh­men ver­än­dern sich nicht mit der Viel­falt in unse­rem Land mit. Sie sind als sozia­le Sys­te­me ver­än­de­rungs­trä­ge. Migra­ti­ons­er­fah­run­gen sind nur gefragt, wenn sie öko­no­misch ver­wert­bar sind, was mit der exis­tie­ren­den Logik ein­her­geht. Dadurch wer­den die Struk­tu­ren in kei­nem Fall inklu­si­ver und diver­ser, son­dern es kommt zur Bil­dung von Arte­fak­ten. Folg­lich wer­den Quo­ten immer noch als Son­der­be­hand­lung, als Tokens, in den Unter­neh­mens­kul­tu­ren auf­ge­fasst und es kommt zu Kon­kur­renz­si­tua­tio­nen und Kon­flik­ten, bei denen die sozi­al schwä­che­ren Arbeitnehmer:innen ver­lie­ren. In der Regel sind dies dann die Men­schen mit Migra­ti­ons­er­fah­run­gen. Sie müs­sen Anfein­dun­gen, Kom­men­ta­re zu ihrer Qua­li­fi­ka­ti­on ertra­gen, sich recht­fer­ti­gen – per­sön­lich und als Stellvertreter:innen – und sich damit über ein übli­ches Maß hin­aus auf dem Arbeits­markt behaupten.

    Um eige­nes Han­deln zu reflek­tie­ren und zu ver­än­dern, gibt das Kon­zept „exit RACISM“ von Tupo­ka Oget­te eine Mög­lich­keit, um eige­ne ras­sis­ti­sche Prak­ti­ken zu reflek­tie­ren. Denn ras­sis­ti­sches Han­deln fin­det vor allem auch in kon­kre­ten und per­sön­li­chen Inter­ak­tio­nen statt. Der von ihr gepräg­te Begriff „Happyländer:in“ beschreibt dabei den Zustand vor der Aus­ein­an­der­set­zung mit eige­nen und struk­tu­rel­len Ras­sis­men. Mit ihrem Kon­zept macht Frau Oget­te außer­dem auf die Kon­stru­iert­heit von Ras­sis­mus auf­merk­sam, d.h. Ras­sis­mus ist nicht vom Him­mel gefal­len oder gar eine Gesetz­mä­ßig­keit, son­dern ein Pro­dukt mensch­li­chen Han­delns. Ins­be­son­de­re aus der deut­schen Geschich­te her­aus, ist der Begriff Ras­sis­mus mora­lisch und dem­ago­gisch besetzt. Er wird bspw. mit den Rechts­ver­fah­ren von Deut­schen nach dem zwei­ten Welt­krieg und ihren unmensch­li­chen Hand­lun­gen ver­bun­den. Ras­sis­mus ist aber nicht auf ein­zel­ne kon­kre­te Hand­lun­gen begrenzt, son­dern ein Pro­dukt von Struk­tu­ren und Hand­lungs­wei­sen, d.h. wenn Rassist:innen zwar nicht mehr in ihren Posi­tio­nen agie­ren, ist dies aber kein Auto­ma­tis­mus für Ras­sis­mus­frei­heit, wenn die Struk­tu­ren und sozia­len Prak­ti­ken wei­ter­hin bestehen. Es geht als um ras­sis­ti­sche Prak­ti­ken, die durch ein unre­flek­tier­tes Gedan­ken­gut und Sozia­li­sa­ti­on wei­ter in unse­rer Gesell­schaft auf­recht­erhal­ten wer­den. Abwehr, Scham und Schuld sind in die­sem Kon­text ver­ständ­li­che Hand­lungs­wei­sen von deut­schen Happyländer:innen. Jedoch kann sich nichts für Migrant:innen und auch nicht in unse­rer Gesell­schaft ver­än­dern, wenn auf die­ser Ebe­ne der Refle­xi­on ver­blie­ben wird. Als Deut­scher muss ich mei­nen Bei­trag nicht nur erken­nen, son­dern auch aner­ken­nen und ent­spre­chend han­deln. Nur durch die Refle­xi­on mei­nes eige­nen Han­delns, mei­ner per­sön­li­chen Kon­struk­te kann ich einen ers­ten Schritt machen, um mei­ne ras­sis­ti­schen Prak­ti­ken zu verändern.

    Aus­blick

    Auch wenn ich mein eige­nes Han­deln reflek­tiert habe, braucht es für Stra­te­gien gegen sys­te­mi­schen Ras­sis­mus wei­ter­ge­hen­de Kon­zep­te, die über das ein­zel­ne Indi­vi­du­um hin­aus­wir­ken und struk­tu­rel­le Ver­än­de­run­gen evo­zie­ren. Das Diver­si­ty Manage­ment ist ein sol­cher Ansatz, der bspw. auf der Unter­neh­mens­ebe­ne ansetzt und des­sen Kul­tur in den Fokus nimmt. Damit ist es ein glo­ba­ler Ansatz, der in allen Berei­chen und auf allen Ebe­ne eines Unter­neh­mens gleich­sam ansetzt. Hier­bei sol­len intra­per­so­nel­le mit inter­per­so­nel­len Ansät­zen und struk­tu­rel­len Ver­än­de­run­gen kom­bi­niert und in Ein­klang gebracht wer­den, um dis­kri­mi­nie­ren­de Prak­ti­ken aufzubrechen.

    Eben die­se Har­mo­ni­sie­rung der unter­schied­li­chen Maß­nah­men hin zu einer nach­hal­ti­gen Ver­än­de­rung, die auch von den Ein­zel­nen mit­ge­tra­gen wird, ist ein von Kon­flik­ten beglei­te­ter Pro­zess in Unter­neh­men. Der Kon­flikt bedingt sich zum einen hand­lungs­ra­tio­nal, aber auch sys­te­misch las­sen sich Grün­de dafür auf­zei­gen. So sind die ange­ziel­ten Ver­än­de­run­gen gesell­schaft­lich mit kom­mu­ni­ka­ti­vem Han­deln, d.h. dem Bild von ein­zel­nen bür­ger­lich Enga­gier­ten außer­halb öko­no­mi­scher Wert­schöp­fung ver­knüpft und Spie­geln im sys­te­mi­schen Sinn eine neue Form der Logik für ein funk­tio­nie­ren­des Unter­neh­mens­sys­tem dar. Die eta­blier­ten zweck­ra­tio­na­len Prak­ti­ken funk­tio­nie­ren bis­her gut und der Nut­zen neu­er Prak­ti­ken wird per se hin­ter­fragt und a prio­ri abge­lehnt. Damit eine Ver­än­de­rung in die­sem Span­nungs­feld gelin­gen kann, kommt der inter­nen und exter­nen Unter­neh­mens­kom­mu­ni­ka­ti­on sowie den Füh­rungs­kräf­ten eine über­ge­ord­ne­te Rol­le zu. Inso­fern zei­gen sich Trans­pa­renz und Par­ti­zi­pa­ti­on in Unter­neh­men als zen­tra­le Ele­men­te für eine erfolg­rei­che Veränderungskommunikation.

    Lite­ra­tur

    Ayd­emir, Fat­ma (2020). Arbeit. In: Ayd­emir, Fatma/Yaghoobifarah, Hen­g­ameh (Hg.). Eure Hei­mat ist unser Alb­traum. 2. Aufl. Ber­lin: Ulstein. S. 27–37.

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    Dhi­man, Satin­der (2017). Being the Chan­ge: A Hero’s Jour­ney and Lega­cy. Holi­stic Lea­der­ship. New York: Pal­gra­ve Macmil­lan US. S. 241–274.

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    Humm­rich, Merle/Terstegen, Saskia (2020). Ana­ly­ti­sche Betrach­tun­gen sys­te­mi­scher Bedin­gun­gen von Schu­le in der Migra­ti­ons­ge­sell­schaft: Insti­tu­tio­nel­le Dis­kri­mi­nie­rung und Ras­sis­mus­kri­tik. Migra­ti­on. Wies­ba­den: Sprin­ger Fach­me­di­en Wies­ba­den. 4. Jg. S. 35–51.

    Hür, Kemal (2013). Von Gast­ar­bei­tern zu deut­schen Bür­gern. URL: https://www.dw.com/de/von-gastarbeitern-zu-deutschen‑b%C3%BCrgern/a‑16475727 [Zugriffs­da­tum: 20. Mai 2021].

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    Ste­cker, Chris­ti­na (2002a). Altru­is­mus, Ego­is­mus, Gemein­sinn und Enga­ge­ment. In: Ste­cker, Chris­ti­na (Hg.). Ver­gü­te­te Soli­da­ri­tät und soli­da­ri­sche Ver­gü­tung: Zur För­de­rung von Ehren­amt und Enga­ge­ment durch den Sozi­al­staat. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten. S. 72–81.

    Ste­cker, Chris­ti­na (2002b). Moti­ve und Hand­lungs­ra­tio­na­li­tä­ten. In: Ste­cker, Chris­ti­na (Hg.). Ver­gü­te­te Soli­da­ri­tät und soli­da­ri­sche Ver­gü­tung: Zur För­de­rung von Ehren­amt und Enga­ge­ment durch den Sozi­al­staat. Wies­ba­den: VS Ver­lag für Sozi­al­wis­sen­schaf­ten. S. 82–97.

    Studt, Jür­gen F. (2016). Eine Ver­än­de­rungs­kul­tur ist die Vor­aus­set­zung für Diver­si­ty. In: Buchen­au, Peter (Hg.). Chef­sa­che Diver­si­ty Manage­ment. Wies­ba­den: Sprin­ger Fach­me­di­en. S. 159–180.

    Voigt, Vio­la (2013). Diver­si­ty (Manage­ment) – Cul­tu­ral Diver­si­ty (Manage­ment). Inter­kul­tu­rel­les Men­to­ring made in Ger­ma­ny. Wies­ba­den: Sprin­ger Fach­me­di­en Wies­ba­den. S. 29–106.

    Weiß, Anja (2013a). Die inter­ak­ti­ve Repro­duk­ti­on von Ras­sis­mus. Ras­sis­mus wider Wil­len. Wies­ba­den: Sprin­ger Fach­me­di­en Wies­ba­den. S. 61–122.

    Weiß, Anja (2013b). Die Repro­duk­ti­on von Ras­sis­mus im Kon­text macht­asym­me­tri­scher inter­kul­tu­rel­ler Kon­flik­te. Ras­sis­mus wider Wil­len. Wies­ba­den: Sprin­ger Fach­me­di­en Wies­ba­den. S. 239–266.

    Weiß, Anja (2013c). Anti­ras­sis­ti­sche sym­bo­li­sche Kämp­fe und ihre kurz­fris­ti­gen Effek­te. Ras­sis­mus wider Wil­len. Wies­ba­den: Sprin­ger Fach­me­di­en Wies­ba­den. S. 123–180.


    [1] „Die Orga­ni­sa­ti­ons­kul­tur ist das Mus­ter der Grund­an­nah­men, die jede Orga­ni­sa­ti­on prä­gen. Die­ses Mus­ter kommt in drei Ebe­nen zum Aus­druck: Basis­an­nah­men, Nor­men und Stan­dards sowie Sym­bol­sys­te­me.“ (sie­he Rahn­feld 2019a: 43)

    [2] Quel­le: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Fatma_Aydemir&oldid=207588936

    [3] “Mit einer ‚Rück­kehr­prä­mie’ ver­such­te die Kohl-Regie­rung, Aus­län­der in ihre Län­der zurück­zu­schi­cken. Zwi­schen 1982 und 1985 ver­lie­ßen über 300.000 Tür­ken Deutsch­land und gin­gen zurück” (sie­he Hür 2013).

    [4] Die­ses Zitat ist eine Para­phra­se eines län­ge­ren Zita­tes von Gan­dhi. „We but mir­ror the world. All the ten­den­ci­es pre­sent in the outer world are to be found in the world of our body. If we could chan­ge our­sel­ves, the ten­den­ci­es in the world would also chan­ge. As a man chan­ges his own natu­re, so does the atti­tu­de of the world chan­ge towards him. This is the divi­ne mys­tery supre­me. A won­derful thing it is and the source of our hap­pi­ness. We need not wait to see what others do.“ (sie­he Dhi­man 2017: 273)

  • Osna­brück eine Bildungslandschaft!?

    Osna­brück eine Bildungslandschaft!?

    Hand­out Bildungslandschaften Osnabrück eine Bildungslandschaft!? „Wie kann das Bildungssystem zukünftig so aufgestellt werden, dass alle Kinder die gleichen Voraussetzungen beim Lernen bekommen? Wie kann ein einheitliches Konzept für alle Schulen aussehen, sodass Unterschiede zwischen den Schulen verringert werden?“

    Sozi­al­raum als Per­spek­ti­ve der kom­mu­na­len „Schul­ent­wick­lung“

    Inhalts­ver­zeich­nis

    1. Regio­na­le Dis­pa­ri­tä­ten und ihre Aus­wir­kun­gen auf die Zufrie­den­heit mit Staat und Demo­kra­tie in Niedersachsen
    2. Was ist ein Sozialraum?
    3. Was ist eine Bildungslandschaft?
    4. Wie geht kom­mu­na­le Steuerung?
    5. Best Prac­ti­ce: Der Mün­che­ner Weg – Bil­dung als Teil inte­grier­ter Stadtentwicklung
    6. Quel­len
    7. Wei­ter­füh­ren­de Links

    Regio­na­le Dis­pa­ri­tä­ten und ihre Aus­wir­kun­gen auf die Zufrie­den­heit mit Staat und Demo­kra­tie in Niedersachsen

    Bil­dung als Spie­gel gesell­schaft­li­cher Ungleichheiten

    In Nie­der­sach­sen zeigt sich ein dif­fe­ren­zier­tes Bild der Bil­dungs­land­schaft. Zwar liegt das Land laut Umfra­gen „im Mit­tel­feld“, jedoch emp­fin­den vie­le Bürger*innen die Situa­ti­on als deut­lich schlech­ter. Dabei sind die regio­na­len Wahr­neh­mun­gen erstaun­lich ähn­lich – Unter­schie­de zei­gen sich vor allem auf Ebe­ne der ein­zel­nen Schulen.

    Regio­na­le Unter­schie­de in Aus­stat­tung und Lehrqualität

    Die größ­ten Her­aus­for­de­run­gen bestehen in:

    • Unter­schied­li­cher Aus­stat­tung der Schu­len (z. B. digi­ta­le Medi­en, Lernmittel)
    • Qua­li­fi­ka­ti­on und Anzahl des Lehrpersonals
    • Schul­ge­bäu­den mit teils erheb­li­chem Sanierungsbedarf

    Die­se Fak­to­ren füh­ren zu erheb­li­chen Unter­schie­den in den Bil­dungs­chan­cen von Kin­dern – abhän­gig davon, wel­che Schu­le sie besuchen.

    Feh­len­de Lehr­mit­tel­frei­heit: Eine zen­tra­le Belas­tung für Familien

    Beson­ders kri­ti­siert wird die feh­len­de Lehr­mit­tel­frei­heit. Hohe Kos­ten für Schul­bü­cher und Mate­ria­li­en tref­fen Fami­li­en mit meh­re­ren Kin­dern beson­ders hart. Die finan­zi­el­le Belas­tung stellt eine zusätz­li­che sozia­le Hür­de dar und wirkt bildungsbenachteiligend.

    Digi­ta­le Bil­dung: Zwi­schen Anspruch und Wirklichkeit

    Die Coro­na-Pan­de­mie hat Schwä­chen in der digi­ta­len Infra­struk­tur des Bil­dungs­sys­tems sicht­bar gemacht:

    • Kei­ne ein­heit­li­che Stra­te­gie für digi­ta­les Lernen
    • Feh­len­de Aus­stat­tung für Home-Schooling
    • Gro­ße Unter­schie­de in den digi­ta­len Kom­pe­ten­zen der Lehrkräfte

    Ein Zitat aus Osna­brück ver­deut­licht die Spannweite:

    „Es gibt Leh­rer, die stel­len mode­rier­te Vide­os online, ande­re wis­sen nicht, wie man eine E‑Mail schreibt.“

    Was es braucht: Vor­aus­set­zun­gen für Bildungsgerechtigkeit

    Für eine zukunfts­fä­hi­ge Bil­dungs­land­schaft in Nie­der­sach­sen braucht es:

    • Ein­heit­li­che Min­dest­stan­dards für Aus­stat­tung und Lehrpersonal
    • Mehr finan­zi­el­le Mit­tel für Bildung
    • Tech­ni­sche Infra­struk­tur auf dem aktu­el­len Stand
    • Qua­li­fi­zier­te und digi­tal kom­pe­ten­te Lehrkräfte
    • Pro­fes­sio­nel­le War­tung und Sup­port für digi­ta­le Geräte
    • Indi­vi­du­el­le För­de­rung der Schüler*innen

    Bil­dungs­po­li­ti­sche Zukunftsfragen

    Die Stu­die von Faus & Jur­rat (2020) bringt zen­tra­le Fra­gen auf den Punkt:

    „Wie kann das Bil­dungs­sys­tem zukünf­tig so auf­ge­stellt wer­den, dass alle Kin­der die glei­chen Vor­aus­set­zun­gen beim Ler­nen bekom­men? Wie kann ein ein­heit­li­ches Kon­zept für alle Schu­len aus­se­hen, sodass Unter­schie­de zwi­schen den Schu­len ver­rin­gert werden?“

    Ein­heit­lich­keit und Viel­falt: Kein Widerspruch

    Der Wunsch nach glei­chen Start­vor­aus­set­zun­gen ist berech­tigt – reicht jedoch allein nicht aus. Kin­der brin­gen unter­schied­li­che Vor­aus­set­zun­gen mit: kogni­ti­ve, sozia­le, fami­liä­re. Bil­dungs­po­li­tik darf die­se Viel­falt nicht igno­rie­ren, son­dern muss sie aktiv gestalten:

    • Indi­vi­du­el­le För­de­rung statt Standardisierung
    • Viel­falt der Bil­dungs­we­ge ermöglichen
    • Bil­dungs­ge­rech­tig­keit durch dif­fe­ren­zier­te Angebote

    Fazit: Bil­dungs­ge­rech­tig­keit braucht dif­fe­ren­zier­te Gleichheit

    Ein zukunfts­fä­hi­ges Bil­dungs­sys­tem in Nie­der­sach­sen muss zwei Zie­le mit­ein­an­der verbinden:

    1. Glei­che Vor­aus­set­zun­gen schaf­fen – durch Aus­stat­tung, Lehr­mit­tel­frei­heit und Standards.
    2. Indi­vi­du­el­le För­de­rung ermög­li­chen – durch fle­xi­ble Kon­zep­te und viel­fäl­ti­ge Lernangebote.

    Nur so kann Bil­dung nicht nur ein Spie­gel, son­dern ein Motor gesell­schaft­li­cher Teil­ha­be und Demo­kra­tie­zu­frie­den­heit sein.

    Was ist ein Sozialraum?

    Der Begriff Sozi­al­raum beschreibt mehr als nur einen geo­gra­fi­schen Ort. Er bezeich­net viel­mehr einen lebens­welt­lich gestal­te­ten Raum, der durch mensch­li­ches Han­deln, poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen und gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen sozi­al kon­stru­iert ist.

    „Stadt­tei­le und auch Quar­tie­re sind nicht vom Him­mel gefal­len. Sie sind Pro­duk­te mensch­li­chen Han­delns.“
    (vgl. Brü­sch­wei­ler & Fal­ken­reck, 2016)

    Der Dop­pel­cha­rak­ter des Sozialraums

    Sozi­al­räu­me haben einen Dop­pel­cha­rak­ter:

    1. Sie bil­den – also sie beein­flus­sen Lebens­rea­li­tä­ten, Hand­lungs­mög­lich­kei­ten und Teil­ha­be­chan­cen von Menschen.
    2. Sie wer­den gebil­det – durch All­tags­han­deln, sozia­le Bezie­hun­gen, insti­tu­tio­nel­le Struk­tu­ren und poli­ti­sche Rahmenbedingungen.

    Sozi­al­räu­me sind also sowohl Struk­tu­ren als auch Pro­zes­se – sie ent­ste­hen his­to­risch, ent­wi­ckeln sich wei­ter und sind stets im Wan­del begriffen.

    Sozi­al­raum als Ana­ly­se­ein­heit in der Sozia­len Arbeit

    Der Sozi­al­raum­be­griff erwei­tert den rein geo­gra­fisch-topo­gra­fi­schen Raum­be­griff um den Ein­fluss des Men­schen und sei­ner sozia­len Pra­xis. Damit wird es mög­lich, sozia­le Phä­no­me­ne wie:

    • Segre­ga­ti­on
    • sozi­al­räum­li­che Ungleichheit
    • Kon­zen­tra­ti­on von Bildungsbenachteiligung

    zu ana­ly­sie­ren und hand­lungs­ori­en­tiert zu bearbeiten.

    Ein typi­sches Bei­spiel ist die soge­nann­te „Brenn­punkt­schu­le“, die Aus­druck räum­lich ver­dich­te­ter sozia­ler Pro­blem­la­gen ist. Sozi­al­raum­ori­en­tier­te Bil­dungs­po­li­tik setzt hier an, indem sie nicht nur indi­vi­du­el­le För­de­rung, son­dern auch struk­tu­rel­le Ver­bes­se­run­gen im Quar­tier anstrebt.

    „Um die Zukunfts­chan­cen von Kin­dern und Jugend­li­chen in sozia­len Brenn­punk­ten zu ver­bes­sern, gibt es kei­ne Alter­na­ti­ve zur jugend­po­li­ti­schen Hand­lungs­ma­xi­me: den Ort, den Stadt­teil, als Orte der Bil­dung und Erzie­hung zu stär­ken und zu ent­wi­ckeln.“
    (Brü­sch­wei­ler & Fal­ken­reck, 2016)

    Rele­vanz für Bil­dung und Teilhabe

    Ein sozi­al­räum­li­cher Blick ermög­licht es, Bil­dung kon­text­sen­si­bel und gerecht zu gestal­ten. Er rich­tet sich nicht nur auf die Schu­le als Insti­tu­ti­on, son­dern auf das gesam­te Umfeld der Her­an­wach­sen­den: Wohn­raum, Frei­zeit­an­ge­bo­te, Unter­stüt­zungs­struk­tu­ren, sozia­le Netzwerke.

    Damit wird Bil­dungs­po­li­tik zur Raum­ge­stal­tungs­po­li­tik – mit dem Ziel, benach­tei­lig­te Räu­me zu för­dern und glei­che Teil­ha­be­chan­cen zu schaffen.

    Was ist eine Bildungslandschaft?

    Der Begriff Bil­dungs­land­schaft beschreibt weit mehr als ein loses Netz­werk von Bil­dungs­ak­teu­ren. Gemeint ist ein sys­te­ma­tisch ent­wi­ckel­tes, kom­mu­na­les Gefü­ge aus for­ma­len, non-for­ma­len und infor­mel­len Bil­dungs­an­ge­bo­ten, das sich an den Lern­be­dar­fen und Lebens­rea­li­tä­ten der Men­schen im Sozi­al­raum orientiert.

    „Lang­fris­ti­ge, pro­fes­sio­nell gestal­te­te, auf gemein­sa­mes plan­vol­les Han­deln abzie­len­de, kom­mu­nal­po­li­tisch gewoll­te Netz­wer­ke zum The­ma Bil­dung […], die aus­ge­hend von der Per­spek­ti­ve des ler­nen­den Sub­jekts – for­ma­le Bil­dungs­or­te und infor­mel­le Lern­wel­ten umfas­sen und sich auf einen defi­nier­ten loka­len Raum bezie­hen.“
    (Brü­sch­wei­ler & Fal­ken­reck, 2016)

    Bil­dungs­land­schaf­ten als kom­mu­na­les Steuerungskonzept

    In der Pra­xis bedeu­tet das: Bil­dungs­land­schaf­ten ent­ste­hen nicht zufäl­lig. Sie wer­den gezielt ent­wi­ckelt – als kom­mu­na­les Steue­rungs­kon­zept, das Bil­dung, Jugend­hil­fe, Sozi­al­po­li­tik und Fami­li­en­för­de­rung inte­griert.

    Bei­spiel­haf­te Pro­gram­me in Deutsch­land sind:

    • „Selbst­stän­di­ge Schule“
    • „Regio­na­le Bil­dungs­netz­wer­ke NRW“
    • „Ler­nen vor Ort“
    • „Lebens­welt Schule“
    • „Orte der Bil­dung im Stadtteil“

    Die­se Pro­gram­me set­zen auf Koope­ra­ti­on zwi­schen Schu­len, Kitas, Trä­gern der Jugend­hil­fe, Ver­ei­nen, Bera­tungs­stel­len und wei­te­ren Akteu­ren – mit dem Ziel, Bil­dung ganz­heit­lich und sozi­al­raum­be­zo­gen zu gestalten.

    Bil­dungs­land­schaf­ten: Mehr als die Sum­me der Bildungsorte

    Bil­dungs­land­schaf­ten umfassen:

    • For­ma­le Bil­dungs­or­te (Schu­len, Kitas, Hochschulen)
    • Non-for­ma­le Lern­or­te (Musik­schu­le, Sport­ver­ein, VHS)
    • Infor­mel­le Lern­or­te (Fami­lie, Peer­group, Sozialraum)

    Es geht nicht um eine blo­ße Addi­ti­on die­ser Ange­bo­te, son­dern um deren sys­te­ma­ti­sche Ver­net­zung und abge­stimm­te Gestal­tung. Die Schu­le bleibt dabei zen­tral, aber nicht allein ausschlaggebend.

    Gelin­gen­de Bil­dungs­land­schaf­ten ana­ly­sie­ren gesell­schaft­li­che Bedin­gun­gen, indi­vi­du­el­le Lebens­for­men und die sozia­len Orte von Kin­dern und Jugend­li­chen – nicht nur Institutionen.

    Bil­dungs­land­schaf­ten im Span­nungs­feld von Steue­rung und Subjekt

    In der Pra­xis zeigt sich ein Span­nungs­feld: Bil­dungs­land­schaf­ten sind oft steue­rungs­po­li­tisch moti­vier­te Opti­mie­rungs­stra­te­gien. Die Gefahr besteht, dass sie pri­mär auf Effi­zi­enz und Struk­tur­re­for­men abzie­len – und dabei das ler­nen­de Sub­jekt aus dem Blick gerät.

    Eine wirk­lich gelin­gen­de Bil­dungs­land­schaft stellt jedoch die Per­spek­ti­ve des Kin­des oder Jugend­li­chen ins Zen­trum. Sie fragt:

    • Wel­che Lern- und Lebens­or­te prä­gen das Aufwachsen?
    • Wel­che Res­sour­cen und wel­che Bar­rie­ren exis­tie­ren im Sozialraum?
    • Wie wir­ken gesell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen – etwa Digi­ta­li­sie­rung oder sozia­le Ent­gren­zung – auf loka­le Bildungsprozesse?

    Raum, Nähe und Bildungsmonitoring

    Die Bil­dungs­land­schaft ist eng mit dem Begriff des Sozi­al­raums ver­knüpft, unter­schei­det sich aber von rein ver­wal­tungs­be­zo­ge­nen Gebie­ten. Sie ori­en­tiert sich nicht an poli­ti­schen Gren­zen, son­dern an tat­säch­li­chen Lebens­wel­ten.

    Phy­si­sche Nähe bedeu­tet nicht auto­ma­tisch sozia­le Nähe.
    Bil­dungs­land­schaf­ten müs­sen die­se Dif­fe­renz erken­nen – und in ihren Pla­nungs­pro­zes­sen berücksichtigen.

    Das erfor­dert ein kon­ti­nu­ier­li­ches Bil­dungs­mo­ni­to­ring, das loka­le Daten, Bedar­fe und Ent­wick­lun­gen aus­wer­tet – nicht als „Drauf­sicht“, son­dern als „Ein­sicht“ in die rea­len Bedin­gun­gen vor Ort.

    Fazit: Bil­dungs­land­schaf­ten als Raum gerech­ter Bildungschancen

    Bil­dungs­land­schaf­ten bie­ten ein gro­ßes Poten­zi­al für mehr Bil­dungs­ge­rech­tig­keit – vor­aus­ge­setzt, sie:

    • ori­en­tie­ren sich am Sub­jekt und sei­nem Sozialraum,
    • erken­nen und inte­grie­ren infor­mel­le Bildungsorte,
    • reflek­tie­ren struk­tu­rel­le Ungleichheiten,
    • arbei­ten ver­netzt und interdisziplinär,
    • und sind lokal­po­li­tisch gewollt und getragen.

    Sie sind nicht ein­fach da – sie wach­sen his­to­rischent­wi­ckeln sich kon­ti­nu­ier­lich wei­ter und müs­sen kon­text­sen­si­bel gesteu­ert wer­den. Nur so kön­nen sie zu Lern- und Lebens­räu­men wer­den, die Kin­der und Jugend­li­che wirk­sam unterstützen.

    Wie geht kom­mu­na­le Steuerung?

    Best Prac­ti­ce: Der Mün­che­ner Weg – Bil­dung als Teil inte­grier­ter Stadtentwicklung

    Mün­chen ver­folgt seit Jah­ren einen kon­se­quent sozi­al­raum­ori­en­tier­ten Ansatz, um Bil­dungs­ge­rech­tig­keit struk­tu­rell zu för­dern. Unter dem Leit­mo­tiv „Bil­dung ist Stadt­ent­wick­lung“ wur­de ein umfas­sen­des Sys­tem kom­mu­na­ler Bil­dungs­steue­rung etabliert.

    „Bil­dungs­land­schaf­ten sind Ver­ant­wor­tungs­ge­mein­schaf­ten.“
    (PERSPEKTIVE Mün­chen)

    Aus­gangs­punkt: Bil­dungs­un­gleich­heit sozi­al­räum­lich adressieren

    Ziel ist es, sozi­al­räum­li­che Bil­dungs­un­gleich­hei­ten zu ver­rin­gern – ins­be­son­de­re den star­ken Zusam­men­hang zwi­schen sozia­ler Her­kunft und Bil­dungs­er­folg. Bil­dungs­an­ge­bo­te sol­len sich stär­ker an den Bedar­fen der Men­schen im jewei­li­gen Stadt­teil orientieren.

    Dazu nutzt Mün­chen einen spe­zi­fi­schen Sozi­al­in­dex, berech­net auf Ebe­ne der Grund­schul­be­zir­ke, basie­rend auf drei Parametern:

    • Anteil der Haus­hal­te mit Fach-/Hoch­schul­rei­fe
    • Kauf­kraft­in­dex
    • Anteil aus­län­di­scher Bevölkerung

    Die­ser Index erlaubt eine fein­glied­ri­ge Bedarfs­er­mitt­lung und unter­stützt eine gerech­te Ressourcenverteilung.

    Kom­mu­na­les Bil­dungs­ma­nage­ment: Stra­te­gisch, ver­netzt, haushaltswirksam

    Der „Mün­che­ner Weg“ setzt auf ein stra­te­gisch gesteu­er­tes Bil­dungs­ma­nage­ment, das zen­tral koor­di­niert und in die Gesamt­ent­wick­lung der Stadt ein­ge­bun­den ist:

    • Bil­dungs­be­rich­te als empi­ri­sche Grundlage
    • Leit­li­ni­en Bil­dung in der Stadt­ent­wick­lungs­pla­nung verankert
    • Jähr­li­ches Bil­dungs­ma­nage­ment ver­knüpft mit Haushaltsplanung
    • Kom­mu­na­les Bil­dungs­ma­nage­ment als Quer­schnitts­ein­heit mit Koordinierungsfunktion

    Steue­rung ent­lang der Bildungskette

    Im Rah­men der bei­den Pha­sen des Bun­des­pro­gramms „Ler­nen vor Ort“ hat Mün­chen ein ganz­heit­li­ches Bil­dungs­ver­ständ­nis entwickelt:

    1. Pha­se I: Fokus auf Chan­cen­gleich­heit und gerech­te Bildungszugänge
    2. Pha­se II: Steue­rung ent­lang der Bil­dungs­ket­te – von der frü­hen Bil­dung bis zum Berufseinstieg

    Die­ses Vor­ge­hen ver­bin­det Ganz­tags­bil­dungÜber­gangs­ma­nage­ment und frü­he För­de­rung in einem inte­grier­ten Gesamtkonzept.

    Münchener Weg

    Ver­net­zung von Schu­le, Jugend­hil­fe und Quartier

    Ein Herz­stück des Mün­che­ner Modells ist die Ver­knüp­fung von Schul­ent­wick­lung und Jugend­hil­fe­pla­nung – ins­be­son­de­re im Hin­blick auf Ganz­tags­bil­dung und prä­ven­ti­ve Angebote.

    • Frü­he För­de­rung: Unter­stüt­zungs­an­ge­bo­te für Kin­der und Fami­li­en in Risikolagen
    • Bil­dungs­Lo­ka­le: Stadt­teil­na­he Anlauf­stel­len für Bil­dungs­be­ra­tung und Vernetzung
    • Über­gangs­ma­nage­ment: Kon­ti­nu­ier­li­ches Moni­to­ring aller Bil­dungs­über­gän­ge (z. B. KiTa → Grund­schu­le, Schu­le → Beruf)
    Kooperationsstruktur: Übergang Schule-Beruf München

    Die „Mün­che­ner Förderformel“

    Die Mün­che­ner För­der­for­mel ist ein wei­te­res zen­tra­les Ele­ment. Sie erlaubt eine bedarfs­ori­en­tier­te För­de­rung von KiTas, basie­rend auf dem oben genann­ten Sozi­al­in­dex. Der Trans­fer die­ses Ansat­zes auf den Schul­be­reich wird aktiv vor­an­ge­trie­ben – mit Fokus auf:

    • Schul­so­zi­al­ar­beit
    • mul­ti­pro­fes­sio­nel­le Teams
    • Aus­bau ganz­tä­gi­ger Bildungsangebote
    Handlungsfelder bedarfsorientierter Schulentwicklung

    Fazit: Der Mün­che­ner Weg als Vor­bild für Bildungslandschaften

    Der Mün­che­ner Weg zeigt exem­pla­risch, wie kom­mu­na­le Bil­dungs­land­schaf­ten pro­fes­sio­nell, daten­ge­stützt und sozi­al­räum­lich gestal­tet wer­den kön­nen. Er steht für:

    • Geleb­te Ver­ant­wor­tungs­ge­mein­schaft aller Bildungsakteure
    • Stra­te­gi­sche Steue­rung mit gesell­schaft­li­cher Wirkung
    • Bil­dungs­ge­rech­tig­keit durch Bedarfsorientierung
    • Koope­ra­ti­on auf Augen­hö­he zwi­schen Poli­tik, Ver­wal­tung und Praxis

    Die­ses Modell bie­tet wert­vol­le Impul­se für ande­re Städ­te und Regio­nen – ins­be­son­de­re, wenn es dar­um geht, Bil­dung lokal ver­an­kertgerecht und lebens­welt­ori­en­tiert zu gestalten.

    Quel­len

    Coelen, T., Hein­rich, A. J., & Mil­li­on, A. (Hrsg.). (2015). Stadt­bau­stein Bil­dung. Sprin­ger VS.

    Brü­sch­wei­ler, B., & Fal­ken­reck, M. (2016). Bil­dungs­or­te und Bil­dungs­land­schaf­ten. In F. Kessl & C. Reut­lin­ger (Hrsg.), Hand­buch Sozi­al­raum (S. 1–15). Sprin­ger Fachmedien.

    Faus, J., & Jur­rat, A. (2020). Regio­na­le Dis­pa­ri­tä­ten und ihre Aus­wir­kun­gen auf die Zufrie­den­heit mit Staat und Demo­kra­tie in Nie­der­sach­sen (Fried­rich-Ebert-Stif­tung Lan­des­bü­ro Nie­dersch­sen, Hrsg.). Friedrich-Ebert-Stiftung. 

  • Reha­bi­li­ta­ti­on von Men­schen mit erwor­be­ner Hirnschädigung

    Reha­bi­li­ta­ti­on von Men­schen mit erwor­be­ner Hirnschädigung

    Fra­ge­stel­lung: Wel­che Mög­lich­kei­ten der Reha­bi­li­ta­ti­on gibt es für Men­schen mit erwor­be­ner Hirn­schä­di­gung in einer Werk­statt für Men­schen mit Behinderungen?

    Inhalts­ver­zeich­nis

    1. Ein­füh­rung
    2. Per­so­nen­kreis und Bedarfs­la­ge von Men­schen mit erwor­be­ner Hirnschädigung
    3. Per­zep­ti­on von erwor­be­ner Hirn­schä­di­gung in Werk­stät­ten für Men­schen mit Behinderungen
    4. Neu­ro­lo­gi­sche Grund­la­gen erwor­be­ner Hirnschädigung
    5. Inter­dis­zi­pli­nä­re Ansät­ze im Auf­ga­ben­feld erwor­be­ner Hirnschädigung
    6. Fazit
    7. Lite­ra­tur­ver­zeich­nis

    Ein­füh­rung

    Mit die­ser Arbeit sol­len die theo­re­ti­schen Hin­ter­grün­de für eine Reha­bi­li­ta­ti­on von Men­schen mit erwor­be­nen Hirn­schä­di­gun­gen in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen aus­ge­wer­tet und dar­ge­stellt wer­den. Die Bio­gra­phien von erwach­se­nen Men­schen mit erwor­be­ner Hirn­schä­di­gung (MeH) unter­schei­den sich jedoch stark von Men­schen mit geis­ti­gen Beein­träch­ti­gun­gen (sie­he Speck, 2013, S. 147 ff.), deren Beein­träch­ti­gun­gen bereits zum Zeit­punkt der Geburt oder im frü­hen Kin­des­al­ter auf­ge­tre­ten sind, und stel­len ein­schnei­den­de Ereig­nis­se im Leben die­ser betrof­fe­nen Men­schen dar (vgl. Sei­del, 2013a, S. 8 f., vgl. 2013b, S. 17 ff.). Nicht nur der erwerbs­bio­gra­fi­sche Bruch, son­dern auch das Ver­mö­gen sei­nen All­tag selbst­be­stimmt zu bestrei­ten, ver­än­dern sich schlag­ar­tig. Die­ser plötz­li­che Ein­schnitt stellt die Betrof­fe­nen und ihre Fami­li­en, aber auch die Ein­rich­tung, in der Teil­ha­be am Arbeits­le­ben ermög­licht wer­den soll, vor beson­de­re Her­aus­for­de­run­gen (vgl. Bie­ker, 2013a, S. 29 f.; vgl. Fries, 2013, S. 43 ff.; vgl. Fries & Fischer, 2008, S. 269 f.; vgl. Nie­hoff, 2013a, S. 369).

    In die­sem Pra­xis­trans­fer­pro­jekt soll ver­sucht wer­den, die diver­se Grup­pe von Men­schen mit erwor­be­nen Hirn­schä­di­gun­gen in ihren medi­zi­ni­schen Grund­la­gen zu erfas­sen und damit das Arbeits­feld mit Kooperationspartner*innen aus Medi­zin – Neu­ro­wis­sen­schaf­ten – und Reha­bi­li­ta­ti­ons­päd­ago­gik zu eröff­nen (sie­he Engel­hardt, 2012; sie­he Schul­ze, 2012; sie­he Zie­ger, 2012). Die Zusam­men­ar­beit von unter­schied­li­chen Akteu­ren zur För­de­rung der Par­ti­zi­pa­ti­on und Teil­ha­be am Arbeits­le­ben ist zen­tra­ler Bestand­teil der Arbeit einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen (WfbM) (vgl. Bie­ker, 2013b, S. 410 f.; vgl. Loe­ken & Win­disch, 2013, S. 65 f., S. 69; vgl. Trost, 2013a, S. 57 f.). Die theo­re­ti­schen Grund­la­gen und die aus dem aktu­el­len For­schungs­stand abge­lei­te­ten Emp­feh­lun­gen müs­sen im wei­te­ren For­schungs­ver­lauf mit den Gege­ben­hei­ten der Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen abge­gli­chen wer­den, um so Anknüp­fungs­punk­te für eine Arbeit mit MeH zu erschlie­ßen, aber auch kon­zep­tio­nel­le Wei­ter­ent­wick­lun­gen zu eröffnen.

    In dem vor­lie­gen­den Bericht soll dem­nach ein Über­blick über die Reha­bi­li­ta­ti­on für Men­schen mit erwor­be­nen Hirn­schä­di­gung gege­ben wer­den, um die Fra­ge­stel­lung zu beant­wor­ten, wie eine Reha­bi­li­ta­ti­on von MeH in einer Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen ermög­licht wer­den kann. Dabei wird der Aus­gangs­punkt die­ser Arbeit die Per­zep­ti­on von klas­si­schen Werk­stät­ten für Men­schen mit geis­ti­gen und kör­per­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen auf die Per­so­nen­grup­pe der MeH sein (sie­he Sei­del, 2013b). Die recht­lich und auf Ein­schrän­kun­gen der Teil­ha­be begrün­de­ten Ange­bo­te und Leis­tun­gen der WfbM (vgl. Trost, 2013b, S. 381 ff.) sind damit Grund­la­gen für mög­li­che Kon­zep­te für MeH und sol­len daher eben­falls dar­ge­stellt wer­den (vgl Fries, 2013, S. 43–38; vgl. Fries & Fischer, 2008, S. 271 ff.; vgl. Loe­ken & Win­disch, 2013, S. 14–17).

    Die Grup­pe der Men­schen mit erwor­be­nen Hirn­schä­di­gun­gen ist divers. Dem Namen nach lässt sie sich aber auf schad­haf­te Ver­än­de­run­gen im Gehirn zurück­füh­ren. Des­halb sind neu­ro­lo­gi­sche Grund­la­gen für ein Ver­ständ­nis von erwor­be­nen Hirn­schä­di­gun­gen (eH) essen­zi­ell, um die unter­schied­li­chen For­men und Aus­prä­gun­gen sowie ihre Aus­wir­kun­gen zu ver­ste­hen (sie­he Engel­hardt, 2012). Erst damit kann ein Über­blick der ver­schie­de­nen Krank­heits­bil­der gewon­nen wer­den. Jedoch ist nicht nur das Krank­heits­bild divers und viel­schich­tig, son­dern auch das Arbeits­feld mit MeH ist kom­plex und inter­dis­zi­pli­när mit ver­schie­de­nen Akteu­ren aus unter­schied­li­chen Arbeits­dis­zi­pli­nen besetzt. Dabei spie­len unter ande­rem die Neu­ro­wis­sen­schaf­ten und die Reha­bi­li­ta­ti­ons­päd­ago­gik eine ent­schei­den­de Rol­le bei der Ver­sor­gung und Reha­bi­li­ta­ti­on (vgl. Kulig, 2013a, S. 306 f.) der betrof­fe­nen Men­schen (sie­he Schul­ze, 2012; sie­he Zie­ger, 2012).

    Das Arbeits­feld und die unter­schied­li­chen Akteu­re bil­den die Basis für die ver­schie­dens­ten Ansät­ze in der Reha­bi­li­ta­ti­on von MeH. In einer spä­te­ren Arbeit sind die Pas­sung und die Mög­lich­kei­ten einer Umset­zung in den Werk­stät­ten zu unter­su­chen. Spe­zi­ell die Selbst­wahr­neh­mung und his­to­risch gewach­se­nen Struk­tu­ren von klas­si­schen WfbM, d.h. Werk­stät­ten für Men­schen mit geis­ti­gen und kör­per­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen, wer­den hier­bei eine gro­ße Rol­le spie­len, um die Fra­ge zu beant­wor­ten, inwie­fern eine kon­zep­tio­nel­le Umset­zung zur För­de­rung der Par­ti­zi­pa­ti­on (vgl. Nie­hoff, 2013b, S. 262 f.) und Teil­ha­be am Arbeits­le­ben für MeH sich auf eine WfbM über­tra­gen lässt.

    Per­so­nen­kreis und Bedarfs­la­ge von Men­schen mit erwor­be­ner Hirnschädigung

    In jedem Lebens­al­ter kön­nen Men­schen von erwor­be­nen Hirn­schä­di­gun­gen betrof­fen sein, d.h. „Kin­der, Jugend­li­che, Erwach­se­ne im erwerbs­fä­hi­gen Alter und Erwach­se­ne im Lebens­ab­schnitt nach der Erwerbs­fä­hig­keit“ (sie­he Schmidt-Ohle­mann, 2013, S. 69). Unter­schied­li­che trau­ma­ti­sche und nicht-trau­ma­ti­sche Erkran­kun­gen und Ereig­nis­se kön­nen die Ursa­che für eine erwor­be­ne Hirn­schä­di­gung sein.

    Schmidt-Ohle­mann (2013, S. 69) zählt dazu bspw. zere­bra­le Gefäß­er­kran­kun­gen, Schä­del-Hirn-Trau­ma­ta, zere­bra­le Hypo­xien, meta­bo­lisch-toxi­sche Schä­di­gun­gen, ent­zünd­li­che Erkran­kun­gen sowie Hirn­tu­mo­re. Aber auch chro­ni­sche-pro­gre­di­ent ver­lau­fen­de Krank­hei­ten, wenn sie das zen­tra­le Ner­ven­sys­tem betref­fen. Durch die Schä­di­gung blei­ben bei vie­len Men­schen „Beein­träch­ti­gun­gen auf der Ebe­ne der Funk­ti­on des Gehirns, der Akti­vi­tä­ten der Per­son und der sozia­len Teil­ha­be“ (ebd.) zurück, sodass nach der aku­ten Behand­lung und einer medi­zi­ni­schen Reha­bi­li­ta­ti­on die Ein­glie­de­rung in Gesell­schaft und Arbeits­le­ben ansteht. Dafür brau­chen die­se Men­schen oft dem Stö­rungs­bild ent­spre­chen­de Behand­lun­gen, aber auch Unter­stüt­zung, För­de­rung und Assis­tenz, um die Fol­gen der Hirn­schä­di­gung zu mildern.

    Zu den Fol­gen gehö­ren unter ande­rem ver­schie­de­ne Funk­ti­ons­stö­run­gen, aber auch neu­ro­psy­cho­lo­gi­sche Syn­dro­me. Schmidt-Ohle­mann (2013, S. 70) und Sei­del (2013a, S. 4f.) zäh­len dazu bspw.:

    • Funk­ti­ons­stö­run­gen:
      • Stö­run­gen der Spra­che und des Sprechens
      • moto­ri­sche Funk­ti­ons­stö­run­gen und Stö­run­gen der Koordination
      • sen­so­ri­sche Funktionsstörungen
      • kogni­ti­ve und mnes­ti­sche Funktionsstörungen
      • emo­tio­na­le und moti­va­tio­na­le Funktionsbeeinträchtigungen
      • epi­lep­ti­sche Anfälle
      • orga­nisch beding­te Per­sön­lich­keits- und Verhaltensänderungen
      • Stö­run­gen sexu­el­ler Funktionen
      • Schlaf­stö­run­gen
      • Dys­re­gu­la­ti­on vege­ta­ti­ver Funktionen
      • Chro­ni­sche Schmerzsyndrome
      • feh­len­de Krankheitseinsicht
    • neu­ro­psy­cho­lo­gi­sche Syndrome
      • zere­bra­le Sehstörungen
      • Stö­run­gen räum­li­cher Leistungen
      • Stö­run­gen von Auf­merk­sam­keit und Bewusstsein
      • Negle­ct-Phä­no­me­ne
      • Lern- und Gedächtnisstörungen
      • Fron­tal­hirn­syn­dro­me mit Fol­gen im Verhalten
      • Agno­sie
      • Lei­tungs­stö­run­gen
      • Dis­kon­nek­ti­ons­syn­dro­me
      • Ori­en­tie­rungs­stö­run­gen
      • dys­exek­ti­ve Störungen

    Um die Beein­träch­ti­gun­gen zu mil­dern und noch vor­han­de­ne Fähig­kei­ten und Res­sour­cen als Aus­gangs­punkt einer ver­än­der­ten Lebens­stra­te­gie zu nut­zen und zu för­dern, erge­ben sich für MeH beson­de­re Bedar­fe, damit sie ihre Teil­ha­be an der Gesell­schaft und am Arbeits­le­ben rea­li­sie­ren kön­nen. Nach Schmidt-Ohle­mann (2013, S. 71) gehö­ren zu den Bedar­fen von MeH:

    • Ange­bo­te und The­ra­pien und Hilfs­mit­tel­ver­sor­gung (Krank­heit)
    • Ange­bo­te der Pfle­ge (Pfle­ge­be­dürf­tig­keit)
    • Ange­bo­te der medi­zi­ni­schen, schu­li­schen, beruf­li­chen und sozia­len Reha­bi­li­ta­ti­on (Beein­träch­ti­gung der Funktionsfähigkeit)
    • Leis­tun­gen zur Teil­ha­be an der Gesell­schaft samt Ein­glie­de­rungs­hil­fe (Teil­ha­be und Inklusion)
    • Leis­tun­gen zur Teil­ha­be am Arbeits­le­ben (Arbeits- und Beschäftigungsfähigkeit)
    • Geld­leis­tun­gen wie bspw. Ren­te oder Grund­si­che­rung (Exis­tenz­si­che­rung bei Erwerbsunfähigkeit)

    Der Per­so­nen­kreis von MeH ist divers, eben­so divers wie das Bild ihrer Beein­träch­ti­gun­gen und dar­aus resul­tie­ren­den Bedar­fe. Im fol­gen­den Abschnitt sol­len des­halb die struk­tu­rel­len und sys­tem­im­ma­nen­ten Beson­der­hei­ten von WfbM geklärt wer­den. Als Ein­rich­tun­gen zur Teil­ha­be am Arbeits­le­ben ist die WfbM eine Mög­lich­keit für MeH, um ihrem Bedarf nach Arbeit und Beschäf­ti­gung zu ent­spre­chen. Aber auch WfbM sind his­to­risch gewach­se­ne Sys­te­me mit eige­nen Schwer­punk­ten und Gesetz­mä­ßig­kei­ten, die ihre Arbeit und damit auch die Mög­lich­kei­ten für die Rea­li­sie­rung einer Teil­ha­be am Arbeits­le­ben beein­flus­sen können.

    Per­zep­ti­on von erwor­be­ner Hirn­schä­di­gung in Werk­stät­ten für Men­schen mit Behinderungen

    Werk­stät­ten für Men­schen mit Behin­de­run­gen sind Ein­rich­tun­gen, die nach dem neun­ten Sozi­al­ge­setz­buch u.a. in §219 SGB IX gere­gelt sind (sie­he Mar­bur­ger, 2020, S. 164 f.). Sie sind kon­zi­piert als „[…] Einrichtung[en] der beruf­li­chen Reha­bi­li­ta­ti­on, die die Teil­ha­be behin­der­ter Men­schen am Arbeits­le­ben durch Ent­wick­lung und För­de­rung ihrer Leis­tungs- oder Erwerbs­fä­hig­keit sowie durch Wei­ter­ent­wick­lung ihrer Per­sön­lich­keit vor­be­rei­ten soll[en]“ (sie­he Bie­ker, 2013b, S. 410). Gleich­zei­tig fun­giert sie aber auch als Arbeits­stät­te für Men­schen mit Behin­de­run­gen, deren Ein­glie­de­rung auf den ers­ten „[…] Arbeits­markt nicht, noch nicht oder nicht wie­der mög­lich erscheint“ (ebd.). Für Men­schen, die nicht in eine WfbM auf­ge­nom­men wer­den kön­nen, besteht die Mög­lich­keit der Auf­nah­me in eine Tages­för­der­stät­te (vgl. West­ecker, 2013, S. 366). Der Pro­zess der beruf­li­chen Reha­bi­li­ta­ti­on in einer WfbM glie­dert sich in der Regel in ein drei­mo­na­ti­ges Ein­gangs­ver­fah­ren, in dem der För­der­be­darf erfasst und ers­te Zie­le und Maß­nah­men geplant wer­den, einen Berufs­bil­dungs­be­reich, in dem die zwei­jäh­ri­ge beruf­li­che Qua­li­fi­zie­rung statt­fin­det, und einen Arbeits­be­reich, der die Teil­ha­be am Arbeits­le­ben (sie­he Bie­ker, 2013a, S. 29 f.; sie­he Nie­hoff, 2013a, S. 369) über ein arbeit­neh­mer­ähn­li­ches Rechts­ver­hält­nis rea­li­siert. (vgl. Bie­ker, 2013b, S. 410 f.; vgl. Seyd, 2015, S. 151)

    Die Anfän­ge der Werk­stät­ten für Men­schen mit Behin­de­run­gen in ihrer heu­ti­gen Gestalt las­sen sich auf die Dis­kus­sio­nen in der Nach­kriegs­zeit in den 1950er Jah­ren zurück­da­tie­ren. Durch Inter­es­sens­ver­bän­de, wie bspw. der Lebens­hil­fe e.V., wur­den neue Betreu­ungs­for­men und ‑struk­tu­ren außer­halb der Fami­li­en gefor­dert (vgl. Stör­mer, 2013, S. 157). In den 1970er Jah­ren der „Deka­de der Reha­bi­li­ta­ti­on“ wur­de der Grund­stein deutsch­land­weit durch das Akti­ons­pro­gramm des Bun­des zur För­de­rung der Reha­bi­li­ta­ti­on gelegt, wovon ins­be­son­de­re WfbM pro­fi­tiert haben (vgl. Seyd, 2015, S. 143). Aus den Wur­zeln der Werk­stät­ten in Inter­es­sens­ver­bän­den von Fami­li­en mit Kin­dern mit geis­ti­gen Behin­de­run­gen und der Ver­ste­ti­gung in den dar­auf­fol­gen­den Jah­ren lässt sich der his­to­risch gewach­se­ne Fokus erken­nen. Der Weg aus einer För­der­schu­le in eine Werk­statt wur­de zur Selbst­ver­ständ­lich­keit für vie­le Men­schen mit geis­ti­ger Behin­de­rung und been­de­te in den meis­ten Fäl­len damit auch die beruf­li­che Inte­gra­ti­on auf den all­ge­mei­nen Arbeits­markt (vgl. Bie­ker, 2013b, S. 410 f.; vgl. Trost, 2013a, S. 57 f.). Eine sich ver­ste­ti­gen­de Segre­ga­ti­on des Arbeits­mark­tes war die Fol­ge. Durch Ent­wick­lun­gen, wie bspw. der unter­stütz­ten Beschäf­ti­gung in den 80er Jah­ren, bra­chen die­se Ver­ste­ti­gun­gen lang­sam auf (vgl. Trost, 2013b, S. 381 ff.), wur­den aber gleich­zei­tig durch Umstruk­tu­rie­run­gen des Arbeits­mark­tes in den 90er Jah­ren und die fort­schrei­ten­de Digi­ta­li­sie­rung sowie den damit ein­her­ge­hen­den Anfor­de­run­gen in der heu­ti­gen Arbeits­welt wie­der zurück­ge­wor­fen (vgl. Seyd, 2015, S. 152). Auch heu­te noch lässt sich in den Zah­len über die Ver­tei­lung der Beein­träch­ti­gungs­for­men in WfbM der Schwer­punkt auf Men­schen mit geis­ti­gen Beein­träch­ti­gun­gen erken­nen. Im Jahr 2016 hat­ten nach Zah­len der Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft Werk­stät­ten für Behin­der­te Men­schen 75,89% der beschäf­tig­ten Mitarbeiter*innen (bMA) in einer WfbM eine geis­ti­ge Beein­träch­ti­gung, 3,39% der bMA eine kör­per­li­che Beein­träch­ti­gung und 20,72% der bMA eine psy­chi­sche Beein­träch­ti­gung (sie­he Röh, 2018, S. 126). Der Fokus der WfbM lässt sich sozi­al- und arbeits­markt­po­li­tisch nach­voll­zie­hen, doch die Fra­ge bleibt, ob die Bedürf­nis­se von Men­schen mit erwor­be­nen Hirn­schä­di­gun­gen mit den Bedürf­nis­sen von Men­schen mit geis­ti­gen und kör­per­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen ein­her­ge­hen und mit den bestehen­den Struk­tu­ren auf­ge­fan­gen wer­den können.

    Unter­schei­dung von geis­ti­ger Behin­de­rung und erwor­be­ner Hirnschädigung

    Die Unter­schei­dung von Men­schen mit geis­ti­ger Behin­de­rung und Men­schen mit erwor­be­ner Hirn­schä­di­gung ist damit nicht nur eine sprach­li­che Spie­le­rei, son­dern soll als Aus­druck der unter­schied­li­chen Bedarfs­la­gen und Bedürf­nis­se von MeH und Men­schen mit geis­ti­ger Behin­de­rung (MgB) ver­stan­den sein. Oft wer­den die Bedarfs­la­gen und Bedürf­nis­se von MeH nicht aus­rei­chend erkannt und ver­stan­den (sie­he Sei­del, 2013a, S. 8 f.). Fol­gen sind eine unzu­rei­chen­de Ver­sor­gung, Beglei­tung und Unter­stüt­zung der Betrof­fe­nen und ihrer Angehörigen.

    Nach Sei­del (2013b, S. 12) ist die geis­ti­ge Behin­de­rung oder auch Intel­li­genz­min­de­rung ein Sam­mel­be­griff für eine dia­gnos­ti­sche Kate­go­rie der bei­den Klas­si­fi­ka­ti­ons­sys­te­me „Dia­gno­stic and Sta­tis­ti­cal Manu­al for Men­tal Dis­or­ders“ (DSM) und „Inter­na­tio­nal Clas­si­fi­ca­ti­on of Dise­a­ses“ (ICD). Die bei­den Begrif­fe wur­den in den aktu­el­len eng­li­schen Revi­sio­nen der bei­den Klas­si­fi­ka­ti­ons­sys­te­me über­ar­bei­tet und im ICD-11-Sys­tem als „intellec­tu­al deve­lo­p­men­tal dis­or­ders“ sowie im DSM-V-Sys­tem als „intellec­tu­al disa­bi­li­ty“ beschrie­ben (sie­he Har­ris, 2013, S. 260). Die Begrif­fe wer­den heu­te im Kon­text der „peo­p­le first“-Bewegung in der Syn­tax „Men­schen mit …“ benutzt (sie­he Schir­b­ort, 2013, S. 266 f.; vgl. Theunis­sen, 2013, S. 237). In der deut­schen Dik­ti­on des ICD-11 und DSM‑V wer­den jedoch die Begrif­fe geis­ti­ge Behin­de­rung und Intel­li­genz­min­de­rung bei­be­hal­ten (sie­he May­er & Lutz, 2017). Dem­nach wird von Men­schen mit geis­ti­ger Behin­de­rung oder auch Men­schen mit einer Intel­li­genz­min­de­rung gesprochen.

    Bei­den Defi­ni­tio­nen ist gemein, dass „[…] [ein] Intel­li­genz­quo­ti­en­ten (IQ) unter 70 [ange­nom­men] sowie wesent­li­che Ein­schrän­kun­gen in den Berei­chen der Kom­mu­ni­ka­ti­on, der lebens­prak­ti­schen Selbst­ver­sor­gung, der Haus­halt­füh­rung, der sozia­len und zwi­schen­mensch­li­chen Fer­tig­kei­ten, der Nut­zung von öffent­li­chen Ein­rich­tun­gen, der Selbst­be­stimmt­heit, der funk­tio­na­len Schul­leis­tung, der Arbeit, der Frei­zeit, Gesund­heit und der Beach­tung von eige­ner Sicher­heit als Merk­ma­le [gese­hen wer­den]. In bei­den Klas­si­fi­ka­ti­ons­sys­te­men wird das Auf­tre­ten der Stö­rung vor das 18. Lebens­jahr gelegt“ (sie­he Sei­del, 2013b, S. 12). Die unter­schied­li­chen Ursa­chen, wie gene­ti­sche Fak­to­ren, prä‑, peri- und post­na­ta­le Schä­di­gun­gen, haben dem­nach einen eher frü­hen bio­gra­fi­schen Fokus bis hin­ein ins Jugend­al­ter. (vgl. Sei­del, 2013b, S. 11 ff.)

    Dem Sam­mel­be­griff erwor­be­ne Hirn­schä­di­gung liegt kei­ne dia­gnos­ti­sche Kate­go­rie zugrun­de (sie­he Sei­del, 2013b, S. 16). Ursa­chen sind trau­ma­ti­sche sowie nicht­trau­ma­ti­sche Schä­di­gun­gen des Gehirns, teils wer­den auch neu­ro­de­ge­nera­ti­ve Krank­hei­ten zu den erwor­be­nen Hirn­schä­di­gun­gen gezählt. Sie tre­ten nach der Geburt, in vie­len Fäl­len im Erwach­se­nen­al­ter als unter­schied­lich aus­ge­dehn­te und unter­schied­lich loka­li­sier­te Schä­di­gung der Hirn­struk­tu­ren und ‑funk­tio­nen auf. (vgl. Sei­del, 2013b, S. 16)

    Der Ver­gleich der bei­den Sam­mel­be­grif­fe zeigt, dass sich geis­ti­ge Behin­de­rung und erwor­be­ne Hirn­schä­di­gung durch ihre bio­gra­fi­sche Per­spek­ti­ve unter­schei­den. Wäh­rend die geis­ti­ge Behin­de­rung eher im Kon­text Geburt und frü­her Kind­heit ver­or­tet wird, wird von einer erwor­be­nen Hirn­schä­di­gung erst nach der Geburt und im Kon­text spä­te­rer Kind­heit und Jugend gespro­chen. Der Fokus liegt jedoch auf dem Erwach­se­nen­al­ter. Zu den Beein­träch­ti­gun­gen geis­ti­ger Behin­de­rung gehö­ren u.a. intel­lek­tu­el­le und kogni­ti­ve Beein­träch­ti­gun­gen sowie Beein­träch­ti­gun­gen der All­tags­kom­pe­tenz. Men­schen mit erwor­be­nen Hirn­schä­di­gun­gen wei­sen vor allem kogni­ti­ve und mnes­ti­sche Beein­träch­ti­gun­gen auf. Die Ursa­chen und Schwe­re­gra­de sind für bei­de Beein­träch­ti­gungs­for­men unter­schied­lich und kön­nen unter­schied­lich aus­ge­prägt sein. Wäh­rend bei geis­ti­gen Behin­de­run­gen zusätz­li­che Erkran­kun­gen als Kom­or­bi­di­tä­ten auf­ge­fasst wer­den, spricht man im Kon­text erwor­be­ner Hirn­schä­den von einem kom­ple­xen Behin­de­rungs­bild. Der Ver­gleich zeigt, dass es einen sich über­lap­pen­den zeit­li­chen Bereich der bei­den Beein­träch­ti­gungs­for­men im Zeit­raum des Kin­des- und Jugend­al­ters gibt. Die Unter­schei­dung ist trotz­dem not­wen­dig, da erwor­be­ne Hirn­schä­di­gun­gen bei Kin­dern und Jugend­li­chen ande­re Beein­träch­ti­gun­gen auf­wei­sen als Beein­träch­ti­gun­gen bei Kin­dern, die schon vor dem bewuss­ten Leben eine geis­ti­ge Beein­träch­ti­gung haben. (vgl. Sei­del, 2013b, S. 17 ff.)

    Im Zusam­men­hang mit der Unter­schei­dung von erwor­be­nen Hirn­schä­di­gun­gen und geis­ti­ger Behin­de­rung, ist der Begriff der beruf­li­chen Reha­bi­li­ta­ti­on von dem Begriff der beruf­li­chen Inte­gra­ti­on abzu­gren­zen. Die­se bei­den Begrif­fe wer­den oft syn­onym ver­wen­det, was aber gera­de in der Unter­schei­dung von geis­ti­gen Behin­de­run­gen (sie­he Speck, 2013, S. 147 ff.) und erwor­be­nen Hirn­schä­di­gun­gen (sie­he Sei­del, 2013b, S. 17 ff.) ver­wor­fen wer­den soll­te, um die bio­gra­fi­sche Per­spek­ti­ve nicht zu igno­rie­ren. Die­se ist das zen­tra­le Unter­schei­dungs­merk­mal für die Arbeit mit MeH. Nach Trost (2013a, S. 57) bezeich­net die beruf­li­che Inte­gra­ti­on „den Pro­zess des Über­gangs und der Ein­glie­de­rung eines Men­schen mit Behin­de­rung in ein Arbeits­ver­hält­nis auf dem all­ge­mei­nen Arbeits­markt“, wäh­rend die beruf­li­che Reha­bi­li­ta­ti­on die „Wie­der­ein­glie­de­rung bzw. (Re-)Integration eines vor­mals bereits beschäf­tig­ten, jedoch arbeits­los gewor­de­nen Arbeit­neh­mers mit Behin­de­rung“ bedeu­tet. Ins­be­son­de­re für Men­schen mit erwor­be­nen Hirn­schä­di­gun­gen trifft letz­te­re Defi­ni­ti­on auf­grund ihrer Bio­gra­fie und Krank­heits­ge­ne­se zu. Die Erin­ne­run­gen von MeH an ihre bio­gra­fi­schen Erfah­run­gen, Kom­pe­ten­zen und Erfol­ge sind Anknüp­fungs­punk­te der Betrof­fe­nen sowie ihrer Ange­hö­ri­gen und beein­flus­sen damit den Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zess. Die Bio­gra­fie und der Zeit­punkt der Schä­di­gung ist damit nicht nur ein wich­ti­ges Unter­schei­dungs­merk­mal, son­dern auch Aus­gangs­punkt für die Bedarfs­la­gen und Bedürf­nis­se der Betrof­fe­nen und ihrer Ange­hö­ri­gen. Der Zeit­punkt in der Bio­gra­fie hat Aus­wir­kun­gen auf „die Iden­ti­tät, Kom­pe­ten­zen und Erwar­tun­gen der Betrof­fe­nen und auf die Anfor­de­run­gen an den Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zess […]“ (sie­he Sei­del, 2013b, S. 18). (vgl. Sei­del, 2013b, S. 17 ff.)

    Ein­schrän­kun­gen der Teil­ha­be bei Men­schen mit erwor­be­ner Hirnschädigung

    Die Werk­stät­ten für Men­schen mit Behin­de­run­gen bie­ten Leis­tun­gen nach dem neu­en Sozi­al­ge­setz­buch an. Nur „Men­schen mit Behin­de­run­gen oder von Behin­de­rung bedroh­te Men­schen erhal­ten Leis­tun­gen nach die­sem Buch […]“ (§ 1 SGB IX). „Men­schen mit Behin­de­run­gen sind Men­schen, die kör­per­li­che, see­li­sche, geis­ti­ge oder Sin­nes­be­ein­träch­ti­gun­gen haben, die sie in Wech­sel­wir­kung mit ein­stel­lungs- und umwelt­be­ding­ten Bar­rie­ren an der gleich­be­rech­tig­ten Teil­ha­be an der Gesell­schaft […] hin­dern kön­nen“ (§ 2 SGB IX) (sie­he Mar­bur­ger, 2020, S. 77). Die Leis­tun­gen wer­den nach Fries (2013, S. 43) „unab­hän­gig von den Ursa­chen der Behin­de­rung“ erbracht. Zu den Auf­ga­ben und Zie­len der Leis­tun­gen zur Teil­ha­be nach § 4 SGB IX gehören:

    „1. die Behin­de­rung abzu­wen­den, zu besei­ti­gen, zu min­dern, ihre Ver­schlim­me­rung zu ver­hü­ten oder ihre Fol­gen zu mil­dern,
    2. Ein­schrän­kun­gen der Erwerbs­fä­hig­keit oder Pfle­ge­be­dürf­tig­keit zu ver­mei­den, zu über­win­den, zu min­dern oder eine Ver­schlim­me­rung zu ver­hü­ten sowie den vor­zei­ti­gen Bezug ande­rer Sozi­al­leis­tun­gen zu ver­mei­den oder lau­fen­de Sozi­al­leis­tun­gen zu min­dern,
    3. die Teil­ha­be am Arbeits­le­ben ent­spre­chend den Nei­gun­gen und Fähig­kei­ten dau­er­haft zu sichern oder
    4. die per­sön­li­che Ent­wick­lung ganz­heit­lich zu för­dern und die Teil­ha­be am Leben in der Gesell­schaft sowie eine mög­lichst selb­stän­di­ge und selbst­be­stimm­te Lebens­füh­rung zu ermög­li­chen oder zu erleich­tern.“ (sie­he Mar­bur­ger, 2020, S. 77 f.)

    Der Teil­ha­be­be­griff im SGB IX ist an den Ter­mi­nus der Teil­ha­be aus der Behin­der­ten­rechts­kon­ven­ti­on ange­lehnt (vgl. Kulig, 2013b, S. 50) und ent­spricht damit dem bio-psycho-sozia­len Modell der Inter­na­tio­na­len Klas­si­fi­ka­ti­on der Funk­ti­ons­fä­hig­keit, Behin­de­rung und Gesund­heit (ICF) (vgl. Lind­mei­er, 2013, S. 175 ff.). Nach Lind­mei­er (2013, S. 175) beschreibt die ICF die gesund­heit­li­che Situa­ti­on als Ergeb­nis von Wech­sel­wir­kun­gen von sog. gesund­heits­zu­sam­men­hän­gen­den Domä­nen und Kon­text­fak­to­ren. Behin­de­rung ergibt sich damit aus den nega­ti­ven Zusam­men­hän­gen die­ser Wech­sel­wir­kun­gen. Fries (2013, S. 43 f.) nennt als Hin­der­nis­se und Bar­rie­ren für Teil­ha­be im Kon­text von erwor­be­nen Hirn­schä­di­gun­gen „die gestör­te oder beein­träch­tig­te Funk­ti­on der Per­son.“ Als per­so­nen­be­zo­ge­ne Kon­text­fak­to­ren nennt er „Krän­kun­gen des Selbst­ide­als, über­trie­be­ne oder sogar unrea­lis­ti­sche eige­ne Ziel­vor­ga­ben, die Beschä­mung über die eige­nen Insuf­fi­zi­en­zen, Angst und Depres­si­on.“ Zu den Umwelt­fak­to­ren zählt er „pro­ble­ma­ti­sche Rah­men­be­din­gun­gen struk­tu­rel­ler, sozia­ler und finan­zi­el­ler Art sowie Über- und Unter­für­sorg­lich­keit von Angehörigen […]“.

    In einer Pilot­stu­die mit MeH (vgl. Fries & Fischer, 2008, S. 265) konn­te er für sei­ne Unter­su­chung zei­gen, dass die Stö­rung der Kör­per­funk­tio­nen mit 59% den größ­ten Teil einer Behin­de­rung aus­mach­te. Die Umwelt­fak­to­ren (15%) und per­so­nen­be­zo­ge­ne Fak­to­ren (26%) mach­ten zusam­men 41% aus. Jedoch konn­te auch gezeigt wer­den, dass wenn die Bedeu­tung der funk­tio­nel­len Fak­to­ren abnahm, die Bedeu­tung der Kon­text­fak­to­ren für die Beein­träch­ti­gung zunahm (vgl. Fries & Fischer, 2008, S. 270 f.). Als Bei­spiel wird von Fries (2013, S. 46) die Scham von Betrof­fe­nen ange­führt, da sie sich als Abwei­chung von einer selbst gesetz­ten oder ver­mu­te­ten gesell­schaft­li­chen Norm wahr­neh­men. Die­se Scham kann Betrof­fe­ne in ihren Akti­vi­tä­ten hem­men und sie in ihrer Ent­fal­tung stop­pen. Die­se Beein­träch­ti­gung kann schwe­rer wie­gen als die Ein­schrän­kun­gen der Kör­per­funk­tio­nen und damit ein grö­ße­rer Fak­tor für eine Behin­de­rung sein als die eigent­li­chen funk­tio­nel­len Defizite.

    Der Ein­fluss der Kon­text­fak­to­ren zeigt, dass eine Reha­bi­li­ta­ti­on, die sich nur auf funk­tio­nel­le Defi­zi­te kon­zen­triert, kei­nen nach­hal­ti­gen Erfolg ver­zeich­nen wird. Viel­mehr müs­sen hem­men­de und för­der­li­che Kon­text­fak­to­ren mit in einen Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zess mit ein­be­zo­gen wer­den, um ihn effek­tiv und effi­zi­ent zu gestal­ten. Als för­dern­de Fak­to­ren wer­den von Fries (2013, S. 45) bspw. „Resi­li­enz, Zuver­sicht, Selbst­kon­zept, Fle­xi­bi­li­tät oder auch Anpas­sungs­fä­hig­keit und Humor“ ange­führt. Als Indi­ka­tor für wirk­sa­me Reha­bi­li­ta­ti­on führt Fries (2013, S. 47) des­halb an, die­se „dar­an zu mes­sen, in wel­chem Maß die erwor­be­nen Ver­bes­se­run­gen tat­säch­lich im All­tag und im wirk­li­chen sozia­len Umfeld für den Pati­en­ten nutz­bar sind, genutzt wer­den und auch lang­dau­ernd nutz­bar bleiben.“

    Die WfbM sind Ein­rich­tun­gen für die Teil­ha­be am Arbeits­le­ben und aus den Bedarfs­la­gen und Bedürf­nis­sen von Men­schen mit geis­ti­gen Behin­de­run­gen erwach­sen. Auch heu­te noch domi­niert die­se Grup­pe von Men­schen mit Beein­träch­ti­gun­gen die Land­schaft der WfbM und zeigt damit den immer noch vor­herr­schen­den Fokus auf ihren Bedürf­nis­sen. Auch wenn die Beein­träch­ti­gun­gen von Men­schen mit Behin­de­run­gen und Men­schen mit Hirn­schä­di­gun­gen sich teils über­schnei­den und auch ihre Ent­ste­hun­gen in der Bio­gra­phie der Betrof­fe­nen zeit­li­che Über­schei­dun­gen haben, zeigt sich aber genau in der Bio­gra­phie, die Men­schen mit erwor­be­nen Hirn­schä­di­gun­gen mit in die WfbM brin­gen, der gro­ße Unter­schied. Ihre Bedarfs­la­gen und Bedürf­nis­se sind nicht mit den WfbM gewach­sen und konn­ten sich dort nicht ver­ste­ti­gen. Dar­über hin­aus brin­gen sie ihre eige­nen bio­gra­fi­schen Beson­der­hei­ten mit. Sie waren in der Regel ein Teil des all­ge­mei­nen Arbeits­mark­tes, in dem sie Erfah­run­gen, Kom­pe­ten­zen und Erfol­ge sam­mel­ten. Aus die­sem Sys­tem fie­len sie her­aus, ihre Erwar­tun­gen an ein Berufs­le­ben blei­ben bei ihnen und ihren Ange­hö­ri­gen jedoch die Glei­chen. Reha­bi­li­ta­ti­on zur Teil­ha­be am Arbeits­le­ben heißt in die­sem Zusam­men­hang auch, dass sie und ihre Ange­hö­ri­gen ler­nen, sich in der neu­en Situa­ti­on zurecht­zu­fin­den. Denn nicht allein die Schä­di­gung des Gehirns als gestör­te Kör­per­funk­ti­on darf Teil eines Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zes­ses sein, son­dern auch die per­so­nen­be­zo­ge­nen und umwelt­be­zo­ge­nen Kon­tex­te müs­sen berück­sich­tigt wer­den, um eine wirk­sa­me Teil­ha­be zu erreichen.

    Um die Bedarfs­la­ge und Bedürf­nis­se von MeH zu erfas­sen, wer­den im wei­te­ren Ver­lauf die­ser Arbeit die medi­zi­nisch-neu­ro­lo­gi­schen Grund­la­gen sowie For­men und Fol­gen der Schä­di­gun­gen geklärt. Außer­dem wird ein Ein­blick in die neu­ro­bio­lo­gi­schen und neu­ro­psy­cho­lo­gi­schen Grund­la­gen der Reha­bi­li­ta­ti­on gege­ben, um ein grund­le­gen­des Ver­ständ­nis für die Reha­bi­li­ta­ti­on und ihre Schwer­punk­te zu legen.

    Neu­ro­lo­gi­sche Grund­la­gen erwor­be­ner Hirnschädigung

    Das Gehirn ist das zen­tra­le Organ für die Ver­ar­bei­tung von Rei­zen aus unse­rer Umwelt. Bewuss­tes Den­ken, Füh­len und Han­deln sind nur über ein funk­tio­nie­ren­des Gehirn rea­li­sier­bar. Bewuss­te und reflek­tier­te Pro­zes­se machen nur einen klei­nen Teil der Ver­ar­bei­tung in unse­rem Gehirn aus. Sie sind jedoch essen­zi­ell für die Wahr­neh­mung der Iden­ti­tät und der eige­nen Bio­gra­fie. Erwor­be­ne Hirn­schä­di­gun­gen stel­len damit einen Bruch in unse­rer Bio­gra­fie und in der Inter­ak­ti­on mit unse­rer Umwelt dar. (vgl. Engel­hardt, 2012, S. 13)

    Bei einer Hirn­schä­di­gung ster­ben Ner­ven­zel­len ab und ver­lie­ren damit ihre Funk­ti­on. Die­ser Ver­lust ist gra­vie­rend für den mensch­li­chen Orga­nis­mus, da die Ner­ven­zel­len nur noch in sehr begrenz­tem Aus­maß dazu in der Lage sind sich zu tei­len und zu ver­meh­ren. Die Grund­la­ge für eine Wie­der­her­stel­lung von Hirn­funk­tio­nen liegt des­halb pri­mär in der Neu­ro­plas­ti­zi­tät des Gehirns. Die Neu­ro­plas­ti­zi­tät ist eine Fähig­keit des Gehirns, die auch bei Men­schen ohne eine Hirn­schä­di­gung vor­han­den ist. Sie ist die Grund­la­ge für die Fähig­keit, ein Leben lang zu ler­nen. Dies wird nicht etwa durch die Neu­bil­dung von Ner­ven­zel­len rea­li­siert, son­dern über die Neu­bil­dung von Ver­bin­dun­gen zwi­schen bereits exis­tie­ren­den Ner­ven­zel­len. Durch die­se Fähig­keit kön­nen sich Hirn­struk­tu­ren umor­ga­ni­sie­ren und an ver­än­der­te Bedin­gun­gen anpas­sen. Damit eine sol­che lang­jäh­ri­ge Reha­bi­li­ta­ti­on gelin­gen kann, braucht es ent­spre­chen­de neu­ro­re­ha­bi­li­ta­ti­ve Maß­nah­men. (vgl. Engel­hardt, 2012, S. 14)

    Epi­de­mio­lo­gie erwor­be­ner Hirnschädigungen

    Die Neu­ro­re­ha­bi­li­ta­ti­on war bis zur Jahr­tau­send­wen­de durch die Erkennt­nis­se aus den Hirn­ver­let­zung der bei­den Welt­krie­ge (vgl. From­melt, 2010, S. 44–50) und die Zunah­me von Ver­kehrs­un­fäl­len durch trau­ma­ti­sche Ereig­nis­se geprägt. Heut­zu­ta­ge zeigt sich jedoch ein Wech­sel mit abneh­men­der Zahl von bspw. Schä­del-Hirn-Trau­ma­ta durch Unfäl­le im Stra­ßen­ver­kehr und einem Anstieg von Stür­zen im hei­mi­schen Umfeld, eben­so neh­men Hirn­schä­di­gun­gen durch Schlag­an­fäl­le und Demenz zu. Die­se Ent­wick­lung geht mit der altern­den Gesell­schaft ein­her und wird sich auch in den kom­men­den Jah­ren fort­set­zen. Ledig­lich für Män­ner unter 45 Jah­ren trifft die­se Ent­wick­lung nicht zu. In ihrer Alters­grup­pe sind Trau­ma­ta immer noch die vor­herr­schen­de Ursa­che für Hirn­schä­di­gun­gen. (vgl. Engel­hardt, 2012, S. 14 f, 18)

    Nach Sün­ke­l­er (2010, S. 58) ist die häu­figs­te neu­ro­lo­gi­sche Neu­erkran­kung, Inzi­denz, die zu einer schwe­ren Behin­de­rung füh­ren kann das Schä­del-Hirn-Trau­ma mit einer Inzi­denz von 280 Fäl­len pro 100.000 Einwohner*innen und einer Prä­va­lenz der Behin­de­rung von 160–200 Betrof­fe­nen pro 100.000 Einwohner*innen. Nur bei Schlag­an­fäl­len liegt die Prä­va­lenz, Gesamt­an­zahl der Erkran­kun­gen, höher. Für Schlag­an­fäl­le wird eine Inzi­denz von 200 Fäl­len pro 100.000 Einwohner*innen und eine Prä­va­lenz von 320 Fäl­len pro 100.000 Einwohner*innen angegeben.

    Hirn­schä­di­gun­gen las­sen sich anhand ihrer Stö­run­gen dif­fe­ren­zie­ren und loka­li­sie­ren. So kön­nen sie einen Teil des Gehirns betref­fen oder das gesam­te Gehirn. Im ers­ten Fall wird von foka­len Hirn­schä­di­gun­gen gespro­chen. Sie las­sen einen Rück­schluss auf die Loka­li­sa­ti­on der Hirn­schä­di­gung zu. In letz­te­rem Fall wird von dif­fu­sen Hirn­schä­di­gun­gen gespro­chen. Dif­fu­se Hirn­schä­di­gun­gen las­sen kei­ne Rück­schlüs­se auf eine bestimm­te Loka­li­sa­ti­on zu, da das gesam­te Gehirn von der Schä­di­gung betrof­fen ist und immer mit einer schwe­ren Schä­di­gung zu rech­nen ist. Foka­le Hirn­schä­di­gun­gen der lin­ken Groß­hirn­hälf­te kön­nen zu Sprach­stö­run­gen und Läh­mun­gen der rech­ten Kör­per­sei­te füh­ren. Wäh­rend Schä­den auf der rech­ten Hirn­hälf­te zu einer Ver­nach­läs­si­gung der lin­ken Kör­per­hälf­te, Negle­ct, oder auch einer Agno­sie füh­ren kön­nen. Schä­den am Hirn­haupt­lap­pen füh­ren zu Gesichts­feld­ein­schrän­kun­gen nach der Gegen­sei­te und Schä­den am Scheitel­lap­pen zu Sen­si­bi­li­täts­ver­lust oder auch Hand­lungs­stö­run­gen. Schä­den am Tem­po­ral­lap­pen mit Schä­di­gun­gen am Hip­po­cam­pus füh­ren zu Gedächt­nis­stö­run­gen. Zu unkon­trol­lier­ten Bewe­gun­gen oder auch Tie­fen­sen­si­bi­li­täts­stö­run­gen füh­ren Klein­hirn­schä­di­gun­gen. Sind die auf- und abstei­gen­den Lei­tungs­bah­nen betrof­fen, kön­nen Läh­mungs­er­schei­nun­gen oder Sen­si­bi­li­täts­stö­run­gen einer oder bei­der Kör­per­hälf­ten die Fol­ge sein. Foka­le Schä­den am Hirn­stamm sind beson­ders risi­ko­reich, da es zu tie­fer Bewusst­lo­sig­keit, Läh­mung aller Extre­mi­tä­ten oder auch Atem­still­stand kom­men kann. Dif­fu­se Hirn­schä­di­gun­gen sind bspw. eine Fol­ge von Sau­er­stoff­man­gel, Stoff­wech­sel­stö­run­gen, dia­be­ti­schem Koma auf­grund von Unter­zu­cke­rung, Leber- und Nie­ren­schä­den, Ver­gif­tun­gen, Ent­zün­dun­gen des Gehirns, schwe­ren Schä­del-Hirn-Trau­ma­ta oder auch Gefäß­er­kran­kun­gen des Gehirns. Die Fol­ge von schwe­ren Schä­di­gun­gen im Groß- oder Stamm­hirn kön­nen bis zum Koma füh­ren. Epi­lep­sien sind die Fol­ge von Hirn­schä­di­gun­gen der Groß­hirn­rin­de. (vgl. Engel­hardt, 2012, S. 16 ff.)

    Die Neu­ro­psy­cho­lo­gie unter­sucht die „Bezie­hung zwi­schen patho­lo­gi­schen Zustän­den und Funk­tio­nen des Gehirns und psy­cho­lo­gi­schen Grund­funk­tio­nen“ (sie­he Schoof-Tams, 2013, S. 20). Neu­ro­psy­cho­lo­gi­sche Stö­run­gen, die bei einer erwor­be­nen Hirn­schä­di­gung auf­tre­ten kön­nen sind Stö­run­gen der Kogni­ti­on, des Erle­bens, Sozi­al­ver­hal­tens und der Per­sön­lich­keit, wobei die Stö­run­gen der Kogni­ti­on und des Erle­bens die Letz­te­ren bedin­gen. Zu den häu­figs­ten Stö­run­gen der Kogni­ti­on gehö­ren Stö­run­gen der visu­el­len Wahr­neh­mung, wie bspw. Gesichts­feld­de­fek­te, und Stö­run­gen der Auf­merk­sam­keit, wobei die­se sich viel­schich­tig aus­prä­gen kön­nen. So kann etwa die all­ge­mei­ne Reak­ti­ons­be­reit­schaft oder auch die Fähig­keit zur Fokus­sie­rung der Auf­merk­sam­keit betrof­fen sein, wodurch es bspw. zu Gedächt­nis­stö­run­gen kom­men kann. Genau­so kön­nen aber auch die Dau­er und Kapa­zi­tät sowie die räum­li­che Aus­rich­tung der Auf­merk­sam­keit in Form eines Negle­cts betrof­fen sein. Dif­fu­se Schä­di­gun­gen betref­fen ins­be­son­de­re Exe­ku­tiv­funk­tio­nen, d.h. die Initi­ie­rung von Hand­lun­gen, das Arbeits­ge­dächt­nis, die Auf­merk­sam­keits­kon­trol­le, logi­sches Den­ken, Hand­lungs­pla­nung und ‑kon­trol­le sowie die Kon­trol­le der Wahrnehmungs‑, Gedächt­nis- und moto­ri­schen Pro­zes­se und Affek­te sowie letzt­lich die Stö­rungs­ein­sicht. (vgl. Schoof-Tams, 2013, S. 20 ff.)

    Neu­ro­bio­lo­gi­sche Grund­la­gen der Plas­ti­zi­tät des Gehirns

    Die Plas­ti­zi­tät des Gehirns oder auch Neu­ro­plas­ti­zi­tät beschreibt einen Mecha­nis­mus der Reor­ga­ni­sa­ti­on von Hirn­funk­tio­nen. Sie ist der grund­le­gen­de Mecha­nis­mus, der in der Neu­ro­re­ha­bi­li­ta­ti­on genutzt wird. Wie genau die Reor­ga­ni­sa­ti­on funk­tio­niert ist noch nicht end­gül­tig geklärt, aber die bis­he­ri­gen Ergeb­nis­se zei­gen ein mul­ti­fak­to­ri­el­les Gesche­hen, das in nicht gerin­gem Maß von psy­cho­so­zia­len und Umwelt­fak­to­ren beein­flusst wird. (vgl. Ende-Hen­ningsen & Hen­ningsen, 2010, S. 68)

    Im Rah­men von Hirn­schä­di­gun­gen las­sen sich bspw. Dia­schi­sis-Phä­no­me­ne beob­ach­ten, d.h. durch die Schä­di­gung sind auch ent­fernt loka­li­sier­te Area­le funk­tio­nell betrof­fen. Die beein­träch­tig­ten Area­le erho­len sich aber wie­der im wei­te­ren Ver­lauf. So beruht bspw. die funk­tio­nel­le Ver­schie­bung von kor­ti­ka­len Reprä­sen­ta­ti­ons­fel­dern auf der Red­un­danz. Bis­her nicht benutz­te, aber vor­han­de­ne neu­ro­na­le Ver­bin­dun­gen wer­den im Gehirn akti­viert, wenn die ursprüng­li­che neu­ro­na­le Ver­schal­tung nicht mehr funk­tio­niert. Aber auch neue syn­ap­ti­sche Ver­bin­dun­gen kön­nen gebil­det wer­den. Das sog. Sprou­ting beschreibt, wie Ner­ven­zel­len nach einem Trau­ma dazu pro­gram­miert sind, ihre ursprüng­li­chen den­dri­ti­schen und axo­na­len Endi­gun­gen wie­der­her­zu­stel­len. Ins­be­son­de­re neu­ro­na­le Wachs­tums­fak­to­ren sind an die­sem Pro­zess betei­ligt. Dies sind Sub­stan­zen, die ein Ner­ven­wachs­tum indu­zie­ren und spe­zi­ell bei der Aus­bil­dung von syn­ap­ti­schen Ver­bin­dun­gen und der neu­ro­na­len Plas­ti­zi­tät aus­ge­schüt­tet wer­den. Unter­su­chun­gen haben gezeigt, wie kör­per­li­ches Trai­ning die Pro­duk­ti­on die­ser neu­ro­na­len Fak­to­ren sti­mu­lie­ren kann. Beson­ders das Sprou­ting scheint für die Plas­ti­zi­tät ent­schei­dend zu sein, da die syn­ap­ti­schen Ver­bin­dun­gen wich­tig für die Regu­la­ti­on der Erre­gungs­lei­tung sind. (vgl. Ende-Hen­ningsen & Hen­ningsen, 2010, S. 69–74)

    Neue­re Erkennt­nis­se legen nahe, dass der ange­nom­me­ne post­mito­ti­sche Zustand, also der kom­plet­te Ver­lust der Tei­lungs­fä­hig­keit der Ner­ven­zel­len, nicht für alle Hirn­re­gio­nen gilt, da in bestimm­ten Regio­nen wie dem Hip­po­cam­pus lebens­lang neu­ro­na­le Stamm­zel­len zu fin­den sind, die sich tei­len kön­nen und auch zu ande­ren Area­len wan­dern kön­nen, um sich dort aus­zu­dif­fe­ren­zie­ren. Aber nicht nur die neu­ro­bio­lo­gi­sche Kom­po­nen­te hat Ein­fluss auf eine auf Neu­ro­plas­ti­zi­tät basie­ren­de The­ra­pie. Aus empi­ri­schen Beob­ach­tun­gen zeigt sich seit lan­gem, dass per­sön­li­che Fak­to­ren, wie Moti­va­ti­on, selbst­ge­steck­te Zie­le, sozia­le Kon­tak­te, beruf­li­che und pri­va­te Inter­es­sen, Selbst­stän­dig­keit in den All­tags­ak­ti­vi­tä­ten einen posi­ti­ven Ein­fluss auf das The­ra­pie­ge­sche­hen haben kön­nen. Umwelt und per­so­nen­be­zo­ge­ne Fak­to­ren haben im Sin­ne von Kon­text­fak­to­ren eine ent­schei­den­de Rol­le für die Wirk­sam­keit. (vgl. Cic­cia & Thre­ats, 2015; vgl. Ende-Hen­ningsen & Hen­ningsen, 2010, S. 76)

    Hirn­schä­di­gun­gen im Kon­text von Iden­ti­tät und Biografie

    Hirn­schä­di­gun­gen haben einen nicht uner­heb­li­chen Ein­fluss auf die Iden­ti­tät und die Bio­gra­fie der Betrof­fe­nen, da Hirn­schä­di­gun­gen von ihnen als Brü­che im eige­nen Leben wahr­ge­nom­men wer­den. Iden­ti­tät und Bio­gra­fie wie­der­um haben einen Ein­fluss auf die Bewäl­ti­gungs­pro­zes­se und damit auf Akti­vi­tät und Par­ti­zi­pa­ti­on. (vgl. Luci­us-Hoe­ne & Nerb, 2010, S. 94)

    Iden­ti­tät lässt sich als „akti­ve psy­chi­sche Syn­the­ti­sie­rungs- oder Inte­gra­ti­ons­leis­tung“ (sie­he Luci­us-Hoe­ne & Nerb, 2010, S. 94) beschrei­ben, mit der sich Indi­vi­du­en ihrer Kon­ti­nui­tät und Kohä­renz ver­ge­wis­sern. Sie sind die Vor­aus­set­zung für Hand­lungs- und Inter­ak­ti­ons­fä­hig­kei­ten und stel­len damit die Vor­aus­set­zung für per­sön­li­che Auto­no­mie. Iden­ti­tät setzt sich aus per­sön­li­chen Eigen­schaf­ten und Fähig­kei­ten, Zuge­hö­rig­keit zu Grup­pen, sozia­len Rol­len und poli­ti­schen oder mora­li­schen Wert­hal­tun­gen zusam­men. Damit ist sie die Basis für sozia­le Ver­läss­lich­keit in Form einer ver­läss­li­chen Iden­ti­tät, die in unse­rem Kul­tur­raum als wich­ti­ger Bestand­teil der Per­sön­lich­keit gese­hen wird. Hirn­schä­den wer­den des­halb „als beson­ders per­sön­lich­keits­re­le­vant und ich-nah erlebt, weil sie iden­ti­täts­re­le­van­te Eigen­schaf­ten und Fähig­kei­ten in Mit­lei­den­schaft zieht und gleich­zei­tig das für die psy­chi­sche Bewäl­ti­gung wich­tigs­te Organ beeinträchtig[en]“ (sie­he Luci­us-Hoe­ne & Nerb, 2010, S. 95). (vgl. Luci­us-Hoe­ne & Nerb, 2010, S. 94 f.)

    Die Iden­ti­täts­ar­beit ist in drei Dimen­sio­nen von den Aus­wir­kun­gen der Hirn­schä­di­gun­gen betrof­fen. Sie wir­ken sich auf die zeit­li­che, refle­xi­ve und sozia­le Dimen­si­on der Kon­ti­nui­tät und Kohä­renz aus. In der zeit­li­chen Dimen­si­on geht es um das „Gewor­den­sein“ (sie­he Luci­us-Hoe­ne & Nerb, 2010, S. 95) also die eige­ne aktu­el­le Situa­ti­on in der Retro­spek­ti­ve zum Ver­gan­ge­nen und als Aus­gangs­punkt für eine Pro­jek­ti­on in die Zukunft. Durch Hirn­schä­den ent­ste­hen hier Kon­ti­nui­täts­brü­che und Lücken für die Betrof­fe­nen. In der refle­xi­ven Dimen­si­on geht es um das „Selbst­ver­ständ­nis und die Selbst­ver­ge­wis­se­rung“ (ebd.), d.h. die eige­ne Wahr­neh­mung und Selbst­bil­der spie­len hier eine Rol­le. Im Zusam­men­hang mit Hirn­schä­di­gun­gen ist hier die man­geln­de Krank­heits­ein­sicht eine wich­ti­ger Fak­tor. Die Erkran­kung muss von den Indi­vi­du­en selbst­re­fle­xiv bewäl­tigt wer­den. In der sozia­len Dimen­si­on geht es um die „sozia­le Aus­hand­lung“ (ebd.). Damit ist dem Umstand Rech­nung getra­gen, dass auch Iden­ti­tät sich in sozia­ler Inter­ka­ti­on durch Aner­ken­nung ande­rer Men­schen formt und ein wich­ti­ger Fak­tor in sozia­len Bezie­hun­gen ist. Durch Hirn­schä­di­gun­gen kann die Wahr­neh­mung und damit die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­fä­hig­keit selbst gestört wer­den. Rück­zug, Ängs­te und Kon­flik­te kön­nen die Fol­ge sein. Ob MeH eine Iden­ti­täts­kri­se durch­lau­fen müs­sen, hängt stark von der Loka­li­sa­ti­on der Hirn­schä­di­gung und dem Umfang der Beein­träch­ti­gung ab. Dabei kön­nen weni­ger stark Betrof­fe­ne sogar stär­ker von Iden­ti­täts­kri­sen betrof­fen sein, als Men­schen mit einer star­ken Beein­träch­ti­gung der Stö­rungs­wahr­neh­mung, weil sie ihre Wahr­neh­mung noch rea­lis­tisch ein­schät­zen kön­nen (vgl. Luci­us-Hoe­ne & Nerb, 2010, S. 95–98)

    Die Bio­gra­fie ist die Basis für das Gewor­den­sein der Iden­ti­tät, das auf den bio­gra­fi­schen Erfah­run­gen auf­baut. Damit ist das Ver­ständ­nis von Bio­gra­fie mehr als nur ein Lebens­lauf. Sie inte­griert auch die gegen­wär­ti­gen Zie­le und rele­van­ten Aspek­te mit den ver­gan­ge­nen Ereig­nis­sen und Erfah­run­gen. Über die Art und Wei­se, was ein Mensch für sei­ne Lebens­ge­schich­te hält und wie er sie inter­pre­tiert, ein­ord­net, bewer­tet und dar­aus sei­ne Zukunft gestal­tet, kann ein Ein­blick in sei­ne moti­va­tio­na­len Zusam­men­hän­ge gewon­nen wer­den. Auto­bio­gra­fi­sche Erzäh­lun­gen stel­len daher einen wich­ti­gen Ansatz für die Arbeit mit Betrof­fe­nen und Ange­hö­ri­gen dar. Sie set­zen sich mit den Ereig­nis­sen der Schä­di­gung und den ein­her­ge­hen­den Brü­chen aus­ein­an­der. In der Bio­gra­phie­ar­beit wer­den bspw. Vor­her-/Nach­her-Ver­glei­che gezo­gen, der Ver­lust des Selbstwertes/ der Partner*in/ der Ange­hö­ri­gen, eben­so wie die eige­nen Bewäl­ti­gungs­leis­tun­gen the­ma­ti­siert. Für den Umgang mit MeH lässt sich dar­aus ablei­ten, dass „alle Inter­ka­tio­nen zwi­schen den Betrof­fe­nen und ande­ren Men­schen als Aus­hand­lungs­pro­zes­se zwi­schen Fremd- und Selbst­wahr­neh­mung zu ver­ste­hen“ sind (sie­he Luci­us-Hoe­ne & Nerb, 2010, S. 103).

    Luci­us-Hoe­ne und Nerb (2010, S. 104) pos­tu­lie­ren des­halb, dass jeg­li­che Inter­ak­ti­on mit den Betrof­fe­nen wich­tig für die Iden­ti­täts­ar­beit sei und dem­nach Aus­wir­kun­gen auf die Selbst­wahr­neh­mung habe, weil die Arbeit ent­we­der durch die Ver­mitt­lung von Wert­schät­zung oder aber durch Ver­tie­fung von Ver­sa­gens­er­leb­nis­sen geprägt sein kön­ne. Des­halb fin­det Bio­gra­phie- und Iden­ti­täts­ar­beit nicht nur in spe­zi­el­len The­ra­pie­set­tings statt, son­dern in allen Begeg­nun­gen mit den Betrof­fe­nen, wes­sen sich auch Partner*innen und Ange­hö­ri­ge bewusst wer­den soll­ten. (vgl. Luci­us-Hoe­ne & Nerb, 2010, S. 104 f.)

    Erwor­be­ne Hirn­schä­di­gun­gen waren lan­ge durch die neu­ro­lo­gi­schen Trau­ma-Erfah­run­gen von Krieg und Unfäl­len geprägt, was sich jedoch ins­be­son­de­re durch den demo­gra­fi­schen Wan­del lang­sam ändert. Schlag­an­fäl­le und Schä­del-Hirn-Trau­ma­ta stel­len aber immer noch eine gro­ße Grup­pe unter den Hirn­schä­di­gun­gen dar. Meh­re­re hun­dert­tau­sen­de Neu­erkran­kun­gen wer­den jedes in Deutsch­land regis­triert. Die Hirn­schä­di­gun­gen kön­nen teils star­ke Stö­rungs­bil­der ver­ur­sa­chen und damit die Lebens­ent­wür­fe der betrof­fe­nen eben­so stark beein­träch­ti­gen. Als Grund­la­ge einer neu­ro­re­ha­bi­li­ta­ti­ven Ver­sor­gung wird die Neu­ro­plas­ti­zi­tät, die Fähig­keit des Gehirns zur Reor­ga­ni­sa­ti­on von neu­ro­na­len Funk­tio­nen, gese­hen. Sie ist bei jedem Men­schen die Grund­la­ge für Lern- und Gedächt­nis­pro­zes­se. Obwohl noch nicht voll­ends geklärt, las­sen die bis­he­ri­gen Erkennt­nis­se Fach­kräf­te wei­ter­hin auf die­sen Mecha­nis­mus bau­en. Beson­ders die Abhän­gig­keit der Neu­ro­plas­ti­zi­tät von per­so­nen­be­zo­ge­nen Fak­to­ren und Umwelt­fak­to­ren spie­gelt nicht nur die Viel­schich­tig­keit die­ses Pro­zes­ses wie­der, son­dern ist auch ein Bei­spiel für die ver­schie­de­nen Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen Gesund­heits­pro­ble­men und Kon­text­fak­to­ren, wie sie auch in der ICF beschrie­ben wer­den. Für eine Reha­bi­li­ta­ti­on von erwor­be­nen Hirn­schä­di­gun­gen hat die­se Kon­text­ab­hän­gig­keit weit­rei­chen­de Fol­gen. So kann sich nicht mehr nur auf die neu­ro­bio­lo­gi­schen Defi­zi­te kon­zen­triert wer­den, son­dern auch per­so­nen­be­zo­ge­ne Pro­zes­se wie Bio­gra­phie- und Iden­ti­täts­ar­beit müs­sen in den Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zes­sen eine Rol­le spie­len. Fra­gen zur Iden­ti­tät und Bio­gra­fie sind für die betrof­fe­nen Men­schen all­ge­gen­wär­tig und müs­sen des­halb von Fach­kräf­ten aber auch Partner*innen und Ange­hö­ri­gen in allen Inter­ak­tio­nen berück­sich­tigt werden.

    Für die Prü­fung von Ansät­zen zur beruf­li­chen Reha­bi­li­ta­ti­on wird im fol­gen­den Abschnitt das Arbeits­feld der Reha­bi­li­ta­ti­on von MeH eröff­net und anhand des kon­text­sen­si­ti­ven Ansat­zes sowie der Akteurs- und Ver­sor­gungs­struk­tur the­ma­ti­siert. Im Abschluss wird ein Ein­blick in die Prin­zi­pi­en der neu­ro­psy­cho­lo­gi­schen Reha­bi­li­ta­ti­on sowie die inter­dis­zi­pli­nä­re Team­ar­beit und Ziel­set­zung gege­ben, um damit Qua­li­täts­merk­ma­le für die Arbeit mit Men­schen mit erwor­be­nen Hirn­schä­di­gun­gen herauszuarbeiten.

    Inter­dis­zi­pli­nä­re Ansät­ze im Auf­ga­ben­feld erwor­be­ner Hirnschädigung

    Aus his­to­ri­scher Sicht wur­de das Auf­ga­ben­feld durch den Ver­sor­gungs­druck der Welt­krie­ge stark beein­flusst. Ärz­te, Psy­cho­lo­gen und Päd­ago­gen arbei­te­ten unter einem Dach als mul­ti­dis­zi­pli­nä­res Team zusam­men (vgl. McGrath & Kisch­ka, 2010, S. 109; vgl. Zie­ger, 2012, S. 41). Der Fokus lag auf der Wie­der­her­stel­lung ein­zel­ner Kör­per­funk­tio­nen mit­tels hier­ar­chisch struk­tu­rier­ter Auf­ga­ben­set­tings. Schon Ende der 70er Jah­re wur­de kri­ti­siert, dass Auf­ga­ben sich an die Per­son rich­ten müss­ten (vgl. From­melt & Grötz­bach, 2010, S. 4). Im Kon­text der ICF muss heu­te die Ori­en­tie­rung auf indi­vi­du­el­le Kom­pe­ten­zen, Kon­text­fak­to­ren und Teil­ha­be aus­ge­rich­tet sein. Damit ver­bun­den ist eine inter­dis­zi­pli­nä­re und mul­ti­per­spek­ti­vi­sche Sicht­wei­se sowie eine koope­ra­ti­ve und par­ti­zi­pa­ti­ve wis­sen­schaft­li­che Grund­hal­tung und Metho­dik (vgl. Zie­ger, 2012, S. 42).

    Das Koope­ra­ti­ons­feld von Päd­ago­gik und Medi­zin bzw. Neu­ro­wis­sen­schaf­ten ist durch­drun­gen von zwei Per­spek­ti­ven. Der „intrin­sisch, selbst­be­stimm­ten Per­spek­ti­ve, die auf inne­re Hand­lungs­in­ten­tio­nen, sub­jek­ti­ve Ent­wick­lungs­lo­gik, Auto­no­mie und Per­sön­lich­keit zielt [und] der extrin­si­schen Per­spek­ti­ve, die Men­schen von außen und fremd­be­stimmt betrach­tet und bewer­tet sowie Inter­ven­tio­nen unter­nimmt“ (sie­he Zie­ger, 2012, S. 44). Zusam­men haben sie die Auf­ga­be der Ent­wick­lung von Auto­no­mie eines Men­schen in sei­ner indi­vi­du­el­len und sozia­len Lebens­si­tua­ti­on und die Ent­wick­lung mit medi­zi­nisch, (neuro)-psychologischen und päd­ago­gi­schen Mit­teln zu begrei­fen und zu för­dern, d.h. sie unter­stüt­zen Men­schen mit erwor­be­nen Hirn­schä­di­gun­gen mit päd­ago­gi­schen Mit­teln umfas­send beim Ler­nen und der Wie­der­erlan­gung einer all­tags­prak­ti­schen selbst­stän­di­gen Lebens­tä­tig­keit. (vgl. Zie­ger, 2012, S. 44 f.)

    Das Koope­ra­ti­ons- und Anwen­dungs­feld glie­dert sich anhand der Pha­sen der neu­ro­lo­gi­schen Reha­bi­li­ta­ti­on von A‑F (sie­he Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft für Reha­bi­li­ta­ti­on, 1999, sie­he 2003, sie­he 2013; sie­he Deut­sche Ver­ei­ni­gung für Reha­bi­li­ta­ti­on, 2014) und in sta­tio­nä­re, teil­sta­tio­nä­re und ambu­lan­te Ange­bo­te. Eine Über­sicht wird in Zie­ger (sie­he 2012, S. 45f.) auf­ge­zeigt und soll an die­ser Stel­le einen Ein­blick in die Ver­sor­gungs­struk­tur für Men­schen mit erwor­be­nen Hirn­schä­di­gun­gen geben:

    • Sta­tio­när (Reha­pha­se A‑D)
      • Neu­ro­päd­ago­gi­sche Dia­gnos­tik und The­ra­pie, Team­ar­beit, Rekrea­ti­ons­an­ge­bo­te, Ange­hö­ri­gen­ar­beit, Haus­be­su­che, all­tags­prak­ti­sche Belas­tungs­er­pro­bung, Case Manage­ment, Kran­ken­haus­schu­le, Gesundheitserziehung
    • Teil­sta­tio­när (Reha­pha­se E)
      • Teil­sta­tio­nä­re neu­ro­lo­gi­sche Reha­bi­li­ta­ti­on: Beur­tei­lung, Bera­tung, Edu­ka­ti­on, Beglei­tung, Case Manage­ment, all­tags­prak­ti­sche Assis­tenz (Pati­ent, Ange­hö­ri­ge und Fami­lie), Tagesstätte
      • Schu­lisch-beruf­li­che Reha­bi­li­ta­ti­on: berufs­vor­be­rei­ten­de Maß­nah­men wie Lern­bü­ro und kauf­män­ni­sche Übungs­fir­ma, Assis­tenz bei schu­li­scher Erpro­bung, Aus­bil­dungs- und Arbeits­er­pro­bung, Werk­statt für Men­schen mit Behin­de­run­gen (WfbM)
    • Ambu­lant
      • Nach­sor­ge und ambu­lan­te (mobi­le) neu­ro­lo­gi­sche Rehabilitation
      • Assis­tenz im All­tags- und Berufsleben
      • Assis­tenz in häus­lich ambu­lan­ter Lang­zeit­ver­sor­gung Schwerst-pfle­ge­be­dürf­ti­ger und Inten­siv­pfle­ge­be­dürf­ti­ger (Pha­se F, auch sta­tio­när), ambu­lant betreu­te Wohn­ge­mein­schaft, Tagestätte
      • För­de­rung von fami­liä­rer (sozia­ler) Integration/Inklusion, Lebens­qua­li­tät, Teil­ha­be und Lebens­zu­frie­den­heit trotz (Schwerst-)Behinderung

    Ins­be­son­de­re die Reha­pha­sen E und F sind rele­vant für die WfbM und die ihnen ange­glie­der­ten Tages­för­der­stät­ten. In Pha­se E wird die schu­lisch-beruf­li­che Reha­bi­li­ta­ti­on durch­ge­führt (sie­he Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft für Reha­bi­li­ta­ti­on, 2013; sie­he Deut­sche Ver­ei­ni­gung für Reha­bi­li­ta­ti­on, 2014). Aber auch in Pha­se F sind WfbM und Tages­för­der­stät­ten an der medi­zi­nisch-akti­vie­ren­den Behand­lungs­pfle­ge betei­ligt (sie­he Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft für Reha­bi­li­ta­ti­on, 2003).

    Bedeu­tung von kon­text­sen­si­ti­ver Rehabilitation

    Das Kon­zept der kon­text­sen­si­ti­ven Reha­bi­li­ta­ti­on sieht die Betrof­fe­nen in ihrer sozia­len und bio­gra­phi­schen Lebens­welt und rich­tet die Auf­ga­ben und The­ra­pien auf die Teil­ha­be an den ver­schie­de­nen Lebens­wel­ten aus (vgl. From­melt & Grötz­bach, 2010, S. 5 f.). Damit stellt das Kon­zept die Funk­tio­nen immer in Bezug zu einer Per­son und ihren Akti­vi­tä­ten, wie es im ICF gefor­dert wird (From­melt & Grötz­bach, 2010, S. 8 f.). Dabei soll die Auto­no­mie der Klient*innen respek­tiert wer­den, indem sie ihre Zie­le selbst bestim­men, was einen Wech­sel von pater­na­lis­ti­schen hin zu par­ti­zi­pa­ti­ven Zie­len dar­stellt. Dafür müs­sen die Fach­kräf­te sich auf die Welt der Klient*innen ein­las­sen kön­nen. Nur so kann das über­ge­ord­ne­te Ziel der Reha­bi­li­ta­ti­on erreicht wer­den und Auto­no­mie, Selbst­be­stim­mung und Wachs­tum geför­dert wer­den. Damit geht es der Reha­bi­li­ta­ti­on im Kern um die Stär­kung der per­so­nen­be­zo­ge­nen Fak­to­ren (sie­he Abbil­dung 5‑2, S. 23) (vgl. From­melt & Grötz­bach, 2010, S. 13 f.).

    Reha­bi­li­ta­ti­on ori­en­tiert sich an den Arbeits­fel­dern nach Ver­nooij (sie­he Schul­ze, 2012, S. 54) und glie­dert sich in vier zen­tra­le Auf­ga­ben der För­de­rung, vier Kern­auf­ga­ben und vier Ori­en­tie­rungs­fel­der. Zu den zen­tra­len Auf­ga­ben der För­de­rung gehö­ren die frü­he, schu­li­sche, entwicklungsunterstützende/berufliche und lebens­lan­ge För­de­rung. Zu den vier Kern­auf­ga­ben zäh­len Prä­ven­ti­on, Inter­ven­ti­on, Reha­bi­li­ta­ti­on und Par­ti­zi­pa­ti­on. Dabei müs­sen die Entwicklungs‑, Bedürfnis‑, Auto­no­mie- und Res­sour­cen­ori­en­tie­rung beach­tet wer­den. In die­sem Kon­text ver­lie­ren die Son­der­päd­ago­gi­schen Prin­zi­pi­en nach Bach (sie­he Schul­ze, 2012, S. 56 f.) nicht an Bedeu­tung. Auch wei­ter­hin sol­len die Leit­ge­dan­ken der Reha­bi­li­ta­ti­ons­pla­nung die Akti­vie­rung, Prä­ven­ti­on, Kom­mu­ni­ka­ti­on, Spe­zi­fi­ka­ti­on, Kom­ple­xi­tät, Koope­ra­ti­on, Inte­gra­ti­on, Nor­ma­li­täts­ori­en­tie­rung und Effek­ti­vi­tät sein.

    Rehabilitation von Menschen mit erworbener Hirnschädigung Fragestellung: Welche Möglichkeiten der Rehabilitation gibt es für Menschen mit erworbener Hirnschädigung in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen?
    Abbil­dung 5‑1 Per­son-Umfeld-Ana­ly­se nach Schul­ze (sie­he Alber, 2012, S. 99)

    Eine Mög­lich­keit einer kon­text­sen­si­ti­ven Reha­bi­li­ta­ti­ons­pla­nung und Ana­ly­se von Lebens­la­gen von MeH ist das auf der Feld­theo­rie von Kurt Lewin basier­te Modell der Per­son-Umfeld-Ana­ly­se nach Schul­ze (PUA). Die PUA ermög­licht es, Men­schen als Mit­tel­punkt ihres Lebens­rau­mes dar­zu­stel­len (sie­he Abbil­dung 5‑1, S. 22). Der Feld­theo­rie fol­gend, wer­den die mensch­li­chen Lebens­zu­sam­men­hän­ge als Ver­hal­tens­glei­chun­gen dar­ge­stellt. Dabei wer­den inne­re Aspek­te wie Bedürf­nis­se und Zie­le von äuße­ren Umwelt­ein­flüs­sen unter­schie­den. Ver­hal­ten ist nach Lewin eine Funk­ti­on aus Per­son und Umwelt, wobei Per­son und Umwelt den Lebens­raum bil­den. (vgl. Alber, 2012, S. 98)

    Die als Wir­kungs­räu­me bezeich­ne­ten Regio­nen in der PUA beinhal­ten ande­re Per­so­nen und Insti­tu­tio­nen mit direk­tem Ein­fluss auf die Per­son, auf die die Per­son selbst aber auch Ein­fluss neh­men kann. Die Wir­kungs­räu­me ste­hen also in Wech­sel­wir­kung mit der Per­son. Die Epo­che bzw. Gesell­schaft stellt den Rah­men dar, da gesamt­ge­sell­schaft­li­che Ent­wick­lun­gen und Erwar­tun­gen sich in den jewei­li­gen Fel­dern wie­der­fin­den. Auch die Umwelt und situa­ti­ve Bedin­gun­gen wer­den reprä­sen­tiert. Sie stel­len mate­ri­el­le, räum­li­che und zeit­li­che Res­sour­cen dar. Die­se Umwelt­fak­to­ren bedin­gen die Wech­sel­wir­kun­gen zwi­schen den Wir­kungs­räu­men und der Per­son. In der Ana­ly­se wer­den die Wir­kungs­räu­me mit sog. Valen­zen, die posi­tiv oder nega­tiv sein kön­nen, besetzt. Dabei kann ein Wir­kungs­raum sowohl posi­ti­ve als auch nega­ti­ve Valen­zen ent­hal­ten. Das heißt am Bei­spiel des Wir­kungs­raums Fami­lie könn­te so dar­ge­stellt wer­den, wel­che Per­so­nen posi­tiv und wel­che Per­so­nen nega­tiv besetzt sind. In der Gesamt­heit zeigt sich dadurch, ob die Fami­lie eine hilf­rei­che Res­sour­ce für die Per­son sein kann. (vgl. Alber, 2012, S. 99)

    Rehabilitation von Menschen mit erworbener Hirnschädigung Fragestellung: Welche Möglichkeiten der Rehabilitation gibt es für Menschen mit erworbener Hirnschädigung in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderungen?
    Abbil­dung 5‑2 Modell der Reha­bi­li­ta­ti­on bei erwor­be­ner Hirn­schä­di­gung nach Schul­ze (sie­he Schul­ze, 2012, S. 60)

    Das mit der PUA ent­stan­de­ne Kon­strukt ermög­licht es die psy­cho­lo­gi­schen Kräf­te, die zu einem bestimm­ten Zeit­punkt auf eine Per­son wir­ken, dar­zu­stel­len und zu ana­ly­sie­ren. Es stellt nicht nur die betrof­fe­ne Per­son, son­dern auch die Regi­on der Umwelt mit posi­ti­ver und nega­ti­ver Valenz dar. Posi­ti­ve Valen­zen haben einen Auf­for­de­rungs­cha­rak­ter, wäh­rend nega­ti­ve Valen­zen Ver­mei­dung pro­vo­zie­ren. Damit kann durch die­ses Modell den in der ICF defi­nier­ten Kon­text­fak­to­ren, per­sön­li­che Res­sour­cen und Umwelt­fak­to­ren, sowie ihren För­der­fak­to­ren bzw. Bar­rie­ren ent­spro­chen wer­den (sie­he Abbil­dung 5‑1, S. 22). (vgl. Alber, 2012, S. 100; vgl. From­melt & Grötz­bach, 2010, S. 8 f.)

    Prin­zi­pi­en der Neurorehabilitation

    Die Basis eines jeden neu­ro­re­ha­bi­li­ta­ti­ven Pro­zes­ses ist die Neu­ro­plas­ti­zi­tät. Die Reha­bi­li­ta­ti­on baut auf der Fähig­keit des Gehirns, sei­ne Funk­tio­nen anzu­pas­sen, auf. Alle Maß­nah­men, die jedoch auf der Neu­ro­plas­ti­zi­tät beru­hen, müs­sen die Bio­gra­fie der MeH berück­sich­ti­gen. Bio­gra­fie und Iden­ti­tät stel­len ihrer­seits per­sön­li­che Res­sour­cen im Sin­ne der ICF dar (sie­he Abbil­dung 5‑1, S. 22). Die Kon­text­fak­to­ren, per­sön­li­che Res­sour­cen und Umwelt­fak­to­ren, haben einen direk­ten Ein­fluss auf das Gesund­heits­ver­hal­ten der Betrof­fe­nen bezüg­lich ihrer erwor­be­nen Hirn­schä­di­gung. So beein­flus­sen sie das Aus­maß der Ver­bes­se­rung, d.h. die Art und Wei­se wie die Betrof­fe­nen den Pro­zess bewäl­ti­gen, erheb­lich. Gera­de des­halb rich­ten sich moder­ne Ansät­ze der Reha­bi­li­ta­ti­on an Per­so­nen­zen­trie­rung und Ganz­heit­lich­keit aus. (vgl. Kos­ki­nen & Sara­ju­uri, 2010, S. 116 f.)

    Per­so­nen­zen­trie­rung heißt dabei aber nicht, dass alles, was die Betrof­fe­nen wün­schen umge­setzt wer­den soll, viel­mehr soll die Sicht­wei­se der Betrof­fe­nen das größ­te Gewicht in der Ent­schei­dungs­fin­dung haben. Dafür müs­sen sich die Fach­kräf­te auf die Moti­va­ti­on der Betrof­fe­nen ein­las­sen und sie nicht auf ein­zel­ne Aspek­te redu­zie­ren. Ganz­heit meint auch, die Fak­to­ren außer­halb der Ein­rich­tung mit zu berück­sich­ti­gen. Im Kon­text von Iden­ti­tät und Bio­gra­fie muss des­halb auch das Emp­fin­den der Betrof­fe­nen berück­sich­tigt wer­den. Im Sin­ne eines ganz­heit­li­chen Ansat­zes sind des­halb inter­dis­zi­pli­nä­re Teams eine Not­we­nig­keit. Inter­dis­zi­pli­när bedeu­tet in die­sem Zusam­men­hang, dass ver­schie­de­ne Berufs­grup­pen zusam­men an einem Ziel arbei­ten und nicht iso­liert von­ein­an­der ihre Maß­nah­men ver­fol­gen. Inso­fern muss eine Ziel­pla­nung die Zie­le in par­ti­zi­pa­ti­ver Art und Wei­se mit den MeH pla­nen und die Maß­nah­men inter­dis­zi­pli­när aus­füh­ren, um sie so erfolg­reich in den All­tag der betrof­fe­nen Per­so­nen ein­zu­bin­den. Dabei hat der Drei­klang aus Ziel­for­mu­lie­rung, ‑über­prü­fung und ‑anpas­sung wei­ter­hin Bestand. (vgl. McGrath & Kisch­ka, 2010, S. 108–112)

    Für die Umset­zung der geplan­ten Maß­nah­men wird von Kos­ki­nen & Sara­ju­uri (2010) ein Milieu gefor­dert, in dem die Betrof­fe­nen ein Gefühl von Sicher­heit haben. Damit kön­nen sie sich auf die gemein­sa­me Ziel­pla­nung ein­las­sen und die inter­dis­zi­pli­nä­ren Teams in die­sem Milieu die sozia­len Kom­pe­ten­zen der Betrof­fe­nen för­dern. Neben der Umset­zung von gemein­sam geplan­ten Maß­nah­men spie­len die psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Ange­bo­te eine wich­ti­ge Rol­le, damit MeH ler­nen, „sich in ihrem eige­nen bes­ten Selbst­in­ter­es­se zu ver­hal­ten“ (sie­he Kos­ki­nen & Sara­ju­uri, 2010, S. 118). Die ver­hal­tens­the­ra­peu­ti­schen Ange­bo­te sol­len dafür einen psy­cho­edu­ka­ti­ven Cha­rak­ter haben. Sie hel­fen damit den Betrof­fe­nen, ihre Ein­schrän­kun­gen zu kom­pen­sie­ren, mit ihrer ver­än­der­ten Lebens­si­tua­ti­on umzu­ge­hen und ihre Funk­ti­ons­fä­hig­keit und beruf­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit zu ver­bes­sern. Eben­so wie die Betrof­fe­nen brau­chen auch die Ange­hö­ri­gen Bera­tungs­mög­lich­kei­ten. Auch sie müs­sen die­se Situa­ti­on bewäl­ti­gen. Dar­über hin­aus bie­tet ein geschütz­tes Arbeits­ver­hält­nis den Betrof­fe­nen die Mög­lich­keit, ihrer Pro­duk­ti­vi­tät Aus­druck zu ver­lei­hen und einer Berufs­tä­tig­keit nach­zu­ge­hen. Sie haben damit die Chan­ce, ihre eige­nen Fähig­kei­ten und die Aus­wir­kun­gen auf ihre Arbeits­fä­hig­keit zu erle­ben. Um den kogni­ti­ven Beein­träch­ti­gun­gen zu begeg­nen und ihre Funk­ti­ons­fä­hig­keit zu för­dern, schla­gen Kos­ki­nen & Sara­ju­uri (2010) fer­ner resti­tu­ti­ves Trai­ning, die Ver­mitt­lung von Kom­pen­sa­ti­ons­stra­te­gien, den Ein­satz exter­ner Kom­pen­sa­ti­ons­mit­tel und die Stär­kung der Selbst­wahr­neh­mung vor. Für Schwer­be­trof­fe­ne wird der Fokus auf die Rea­li­täts­ori­en­tie­rung gelegt, d.h. die Ver­bes­se­rung des Bewusst­seins für Zeit, Ort und Per­so­nen, die Ver­bes­se­rung der Ange­mes­sen­heit der Reak­tio­nen auf das Umfeld und die Ver­bes­se­rung der Selbstwahrnehmung.

    Das Auf­ga­ben­feld der Reha­bi­li­ta­ti­on von MeH ist beein­flusst durch zahl­rei­che Fak­to­ren und Akteu­re. So zeigt sich schon in der Ver­sor­gungs­la­ge das inter­dis­zi­pli­nä­re Feld, in dem Medi­zin und Reha­bi­li­ta­ti­ons­päd­ago­gik zusam­men­ar­bei­ten und sich in die viel­schich­ti­ge Reha­bi­li­ta­ti­on ein­brin­gen. Gera­de für WfbM, die in den letz­ten bei­den Pha­sen E und F tätig sind, stellt dies eine beson­de­re Her­aus­for­de­rung dar. Sie bie­ten MeH eine Mög­lich­keit zur beruf­li­chen Reha­bi­li­ta­ti­on und Teil­ha­be am Arbeits­le­ben. Gleich­zei­tig sind sie aber auch über die Tages­för­der­stät­ten in die Lang­zeit­pfle­ge ein­ge­bun­den. Für eine gemein­sa­me Arbeit mit MeH ist dabei die Beach­tung ihrer Kon­tex­te wich­tig, um dem Ein­fluss der per­sön­li­chen und umwelt­be­zo­ge­nen Fak­to­ren gerecht zu wer­den. Die Per­son-Umfeld-Ana­ly­se hat sich in die­sem Zusam­men­hang als ein Instru­ment für die Erfas­sung und Ana­ly­se der Lebens­zu­sam­men­hän­ge von MeH bewehrt. Die­se Ana­ly­se kann als Aus­gang­punkt für eine gemein­sa­me Pla­nung des Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zes­ses genutzt wer­den. Für die wirk­sa­me Rea­li­sie­rung eines sol­chen Pro­zes­ses ist es dem­nach wich­tig, die Pla­nung per­so­nen- und ziel­ori­en­tiert durch­zu­füh­ren und die Maß­nah­men, all­tags­nah mit einem inter­dis­zi­pli­nä­ren Team umzu­set­zen. Neben der Umset­zung des Reha­bi­li­ta­ti­ons­pla­nes haben sich psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Ange­bo­te für Betrof­fe­ne und Ange­hö­ri­ge bewehrt, um sie bei der Bewäl­ti­gung ihrer Lebens­si­tua­ti­on zu unterstützen.

    Zum Abschluss die­ser Arbeit wird im fol­gen­den Fazit eine Zusam­men­fas­sung des dar­ge­stell­ten For­schungs­stan­des gege­ben, eben­so wie ein Aus­blick auf das wei­te­re Forschungsvorgehen.

    Fazit

    In die­ser Arbeit wur­de ein Über­blick über den For­schungs­stand in der Reha­bi­li­ta­ti­on von MeH gege­ben. Dafür wur­de in den Per­so­nen­kreis mit sei­nen Bedarfs­la­gen auf Basis der his­to­risch gewach­se­nen Struk­tu­ren der WfbM ein­ge­führt. Im wei­te­ren Ver­lauf wur­de in die neu­ro­lo­gi­schen Grund­la­gen eH ein­ge­führt, um den Zusam­men­hang zwi­schen Schä­di­gun­gen und Stö­run­gen auf­zu­zei­gen. Die Neu­ro­plas­ti­zi­tät und die Abhän­gig­keit der Reha­bi­li­ta­ti­on von Iden­ti­tät und Bio­gra­phie wur­den eben­so her­vor­ge­ho­ben. Abschlie­ßend wur­de ein Ein­blick in das Auf­ga­ben­feld mit sei­nem inter­dis­zi­pli­nä­ren und kon­text­sen­si­blen Metho­den und Kon­zep­ten gegeben.

    Zusam­men­fas­sung

    Die WfbM sind Ein­rich­tun­gen für die Teil­ha­be am Arbeits­le­ben und aus den Bedarfs­la­gen und Bedürf­nis­sen von Men­schen mit geis­ti­gen Behin­de­run­gen erwach­sen und auch heu­te noch zeigt sich dort die­ser Fokus. Selbst wenn die Beein­träch­ti­gun­gen von Men­schen mit Behin­de­run­gen und Men­schen mit Hirn­schä­di­gun­gen sich in ihrer bio­gra­fi­schen Ent­ste­hung zeit­lich über­schnei­den, zeigt sich aber genau dar­in der gro­ße Unter­schied. MeH brin­gen ihre eige­nen bio­gra­fi­schen Beson­der­hei­ten mit. Sie waren in der Regel ein Teil des all­ge­mei­nen Arbeits­mark­tes. Aus die­sem Sys­tem fie­len sie her­aus, ihre Erwar­tungs­la­ge an ein Berufs­le­ben bleibt bei ihnen und ihren Ange­hö­ri­gen jedoch gleich. Reha­bi­li­ta­ti­on zur Teil­ha­be am Arbeits­le­ben heißt des­halb auch, dass sie und ihre Ange­hö­ri­gen unter­stützt wer­den, um sich in der neu­en Situa­ti­on zurecht­zu­fin­den. Denn nicht allein die Schä­di­gung des Gehirns darf Teil eines Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zes­ses sein, son­dern auch die per­so­nen­be­zo­ge­nen und umwelt­be­zo­ge­nen Kon­tex­te müs­sen Berück­sich­ti­gung fin­den. Schlag­an­fäl­le und Schä­del-Hirn-Trau­ma­ta stel­len immer noch die größ­te Grup­pe unter den Hirn­schä­di­gun­gen mit behin­de­rungs­re­le­van­ten Beein­träch­ti­gun­gen dar. Meh­re­re hun­dert­tau­sen­de Neu­erkran­kun­gen wer­den jedes in Deutsch­land regis­triert. Die Hirn­schä­di­gun­gen kön­nen teils star­ke Stö­rungs­bil­der mit eben­so star­ken Beein­träch­ti­gun­gen ver­ur­sa­chen. Als Grund­la­ge einer neu­ro­re­ha­bi­li­ta­ti­ven Ver­sor­gung wird die Neu­ro­plas­ti­zi­tät gese­hen. Die Neu­ro­plas­ti­zi­tät ist abhän­gig von per­so­nen­be­zo­ge­nen Fak­to­ren und Umwelt­fak­to­ren, wie sie die ICF beschreibt. Für eine Reha­bi­li­ta­ti­on von erwor­be­nen Hirn­schä­di­gun­gen hat die Kon­text­ab­hän­gig­keit weit­rei­chen­de Fol­gen. So müs­sen im Pro­zess neu­ro­bio­lo­gi­sche Defi­zi­te, eben­so wie per­so­nen­be­zo­ge­ne Pro­zes­se wie Bio­gra­phie- und Iden­ti­täts­ar­beit berück­sich­tigt wer­den. Die WfbM sind in die­sem inter­dis­zi­pli­nä­ren Auf­ga­ben­feld in den letz­ten bei­den Reha­pha­sen E und F tätig. Sie bie­ten MeH eine Mög­lich­keit zur beruf­li­chen Reha­bi­li­ta­ti­on und Teil­ha­be am Arbeits­le­ben. Gleich­zei­tig sind sie über die Tages­för­der­stät­ten in die Lang­zeit­pfle­ge ein­ge­bun­den. Die Per­son-Umfeld-Ana­ly­se hat sich in der Arbeit mit MeH als ein Instru­ment für die Erfas­sung und Ana­ly­se der Lebens­zu­sam­men­hän­ge und der Kon­text­fak­to­ren bewehrt. Die­se Ana­ly­se kann als Aus­gang­punkt für eine gemein­sa­me Pla­nung des Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zes­ses genutzt wer­den. Für die wirk­sa­me Rea­li­sie­rung eines sol­chen Pro­zes­ses, sind die Pla­nun­gen per­so­nen- und ziel­ori­en­tiert durch­zu­füh­ren und die Maß­nah­men all­tags­nah mit einem inter­dis­zi­pli­nä­ren Team umzu­set­zen sowie psy­cho­the­ra­peu­ti­sche Ange­bo­te mit einzubeziehen.

    Aus­blick

    Im wei­te­ren For­schungs­ver­lauf wür­de auf Basis des erar­bei­te­ten Fach­wis­sens, die Erstel­lung eines For­schungs­de­sign fol­gen. Um die Fra­ge­stel­lung zu beant­wor­ten, ob eine Reha­bi­li­ta­ti­on in den Werk­stät­ten für Men­schen mit Behin­de­run­gen für Men­schen mit erwor­be­nen Hirn­schä­di­gun­gen rea­li­siert wer­den kann, müss­ten die Kon­zep­te und Struk­tu­ren der Werk­statt eva­lu­iert wer­den. Für die­se Eva­lua­ti­on wür­de es sich anbie­ten, einen Kri­te­ri­en­ka­ta­log aus die­sem For­schungs­stand zu erar­bei­ten und damit die Gege­ben­hei­ten der Werk­statt zu über­prü­fen. Mit dem Ergeb­nis könn­te dann ent­we­der ein zu den Struk­tu­ren pas­sen­des Kon­zept aus­ge­wählt und umge­setzt wer­den oder die vor­han­de­nen Struk­tu­ren so ange­passt wer­den, dass eine Reha­bi­li­ta­ti­on ermög­licht oder ver­bes­sert wer­den kann.

    Lite­ra­tur­ver­zeich­nis

    Alber, J. (2012). Die Bedeu­tung der feld­theo­re­tisch basier­ten Per­son-Umfeld-Ana­ly­se zur Gestal­tung von Reha­bi­li­ta­ti­ons­pro­zes­sen für Pati­en­ten mit Schlag­an­fall und ihren Part­nern. In G.C. Schul­ze & A. Zie­ger (Hrsg.), Erwor­be­ne Hirn­schä­di­gun­gen: neue Anfor­de­run­gen an eine inter­dis­zi­pli­nä­re Reha­bi­li­ta­ti­ons­päd­ago­gik (S. 92–102). Bad Heil­brunn: Klinkhardt.

    Bie­ker, R. (2013a). Arbeit. In G. Theunis­sen, W. Kulig & K. Schir­b­ort (Hrsg.), Hand­le­xi­kon Geis­ti­ge Behin­de­rung Schlüs­sel­be­grif­fe aus der Heil- und Son­der­päd­ago­gik, Sozia­len Arbeit, Medi­zin, Psy­cho­lo­gie, Sozio­lo­gie und Sozi­al­po­li­tik (S. 29–30). Stutt­gart: W. Kohl­ham­mer. Zugriff am 23.4.2020.

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    Bun­des­ar­beits­ge­mein­schaft für Reha­bi­li­ta­ti­on (Hrsg.). (1999). Emp­feh­lun­gen zur Neu­ro­lo­gi­schen Reha­bi­li­ta­ti­on von Pati­en­ten mit schwe­ren und schwers­ten Hirn­schä­di­gun­gen in den Pha­sen B und C. Frank­furt am Main. Zugriff am 8.9.2020. Ver­füg­bar unter: https://www.bar-frankfurt.de/fileadmin/dateiliste/_papierkorb/Rahmenempfehlung_neurologische_Reha_Phasen_B_und_C.pdf

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  • Sozi­al­po­li­ti­ken aus dem Blick­win­kel der Sozia­len Arbeit

    Sozi­al­po­li­ti­ken aus dem Blick­win­kel der Sozia­len Arbeit

    Inhalts­ver­zeich­nis

    1. Ein­lei­tung: Sozi­al­po­li­tik im Spie­gel der Sozia­len Arbeit – Lebens­la­gen erken­nen, Teil­ha­be ermög­li­chen, Gerech­tig­keit gestalten
    2. Sozi­al­po­li­tik aus der Per­spek­ti­ve der Sozia­len Arbeit: Zwi­schen struk­tu­rel­ler Rah­mung und indi­vi­du­el­ler Befähigung
    3. Geschlech­ter- und Gleich­stel­lungs­po­li­tik aus der Per­spek­ti­ve der Sozia­len Arbeit – Zwi­schen Aner­ken­nung, Ambi­va­lenz und struk­tu­rel­ler Verfestigung
    4. Fami­li­en­po­li­tik aus der Per­spek­ti­ve der Sozia­len Arbeit: Zwi­schen Aner­ken­nung, Instru­men­ta­li­sie­rung und struk­tu­rel­ler Überforderung
    5. Gesund­heits­po­li­tik aus der Per­spek­ti­ve der Sozia­len Arbeit – Zwi­schen Öko­no­mi­sie­rung, Lebens­welt und sozia­ler Gerechtigkeit
    6. Bil­dungs­po­li­tik aus der Per­spek­ti­ve der Sozia­len Arbeit – Zwi­schen gesell­schaft­li­cher Teil­ha­be und markt­för­mi­ger Verwertung
    7. Jugend­po­li­tik als Bewäl­ti­gungs­po­li­tik – Eine sozi­al­po­li­ti­sche Ein­ord­nung aus Sicht der Sozia­len Arbeit
    8. Sozi­al­po­li­tik des Alters als Lebens­la­gen­po­li­tik – Eine Per­spek­ti­ve der Sozia­len Arbeit
    9. Migra­ti­ons­po­li­tik aus der Per­spek­ti­ve der Sozia­len Arbeit – Zwi­schen öko­no­mi­scher Instru­men­ta­li­sie­rung und sozia­ler Teilhabe
    10. Gesamt­fa­zit: Sozi­al­po­li­tik als Ermög­li­chungs- und Teil­ha­be­po­li­tik – Per­spek­ti­ven der Sozia­len Arbeit
    11. Lite­ra­tur

    Ein­lei­tung: Sozi­al­po­li­tik im Spie­gel der Sozia­len Arbeit – Lebens­la­gen erken­nen, Teil­ha­be ermög­li­chen, Gerech­tig­keit gestalten

    Die Sozia­le Arbeit ist eine Pro­fes­si­on, die sich an den Grund­wer­ten von Men­schen­wür­de, sozia­ler Gerech­tig­keit und Teil­ha­be ori­en­tiert. Sie agiert im Span­nungs­feld zwi­schen indi­vi­du­el­len Lebens­wel­ten und gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren, zwi­schen bio­gra­fi­scher Viel­falt und sozi­al­po­li­ti­scher Rah­mung. In die­sem Span­nungs­feld über­nimmt die Sozia­le Arbeit eine dop­pel­te Rol­le: Sie beglei­tet Men­schen in her­aus­for­dern­den Lebens­la­gen – und wirkt zugleich kri­tisch-refle­xiv auf die poli­ti­schen, öko­no­mi­schen und gesell­schaft­li­chen Bedin­gun­gen ein, die die­se Lebens­la­gen prägen.

    Sozi­al­po­li­tik ist dabei ein zen­tra­les Hand­lungs- und Bezugs­feld der Sozia­len Arbeit. Sie ist nicht neu­tral, son­dern Aus­druck gesell­schaft­li­cher Macht­ver­hält­nis­se, nor­ma­ti­ver Vor­stel­lun­gen und wirt­schaft­li­cher Prio­ri­tä­ten. Ob Familien‑, Bildungs‑, Gesundheits‑, Migrations‑, Jugend- oder Alters­po­li­tik – in all die­sen Berei­chen ent­schei­det sich, wie eine Gesell­schaft mit den Bedürf­nis­sen, Rech­ten und Poten­zia­len ihrer Mit­glie­der umgeht. Die Sozia­le Arbeit ana­ly­siert die­se Poli­tik­fel­der nicht nur aus fach­li­cher Per­spek­ti­ve, son­dern bewer­tet sie auch im Hin­blick auf ihre Aus­wir­kun­gen auf sozia­le Ungleich­heit, Teil­ha­be­ge­rech­tig­keit und demo­kra­ti­sche Entwicklung.

    In der heu­ti­gen Gesell­schaft zei­gen sich tief­grei­fen­de Trans­for­ma­tio­nen: die Öko­no­mi­sie­rung sozia­ler Lebens­be­rei­che, die Ent­gren­zung von Arbeit und Bil­dung, die Indi­vi­dua­li­sie­rung sozia­ler Risi­ken und die Plu­ra­li­sie­rung von Lebens­for­men. Die­se Ent­wick­lun­gen stel­len nicht nur die Betrof­fe­nen vor neue Bewäl­ti­gungs­an­for­de­run­gen, son­dern auch die Sozia­le Arbeit vor die Her­aus­for­de­rung, ihre Pra­xis kon­ti­nu­ier­lich an ver­än­der­te Bedin­gun­gen anzu­pas­sen – ohne ihre ethi­schen Grund­la­gen aus dem Blick zu verlieren.

    Die fol­gen­den Bei­trä­ge neh­men zen­tra­le sozi­al­po­li­ti­sche Fel­der in den Blick und ana­ly­sie­ren sie aus der Per­spek­ti­ve der Sozia­len Arbeit. Sie zei­gen, wie sich poli­ti­sche Steue­rungs­lo­gi­ken, gesell­schaft­li­che Erwar­tun­gen und sozia­le Rea­li­tä­ten gegen­sei­tig beein­flus­sen – und wel­che Rol­le die Sozia­le Arbeit dabei spielt, Lebens­la­gen zu ver­ste­hen, Hand­lungs­spiel­räu­me zu erwei­tern und sozia­le Gerech­tig­keit aktiv mitzugestalten.

    Sozi­al­po­li­tik aus der Per­spek­ti­ve der Sozia­len Arbeit: Zwi­schen struk­tu­rel­ler Rah­mung und indi­vi­du­el­ler Befähigung

    Die Sozia­le Arbeit agiert im Span­nungs­feld zwi­schen gesell­schaft­li­cher Struk­tur und indi­vi­du­el­ler Lebens­ge­stal­tung. Ihre Per­spek­ti­ve auf Sozi­al­po­li­tik ist geprägt von der Aus­ein­an­der­set­zung mit Lebens­la­gen, den Bedin­gun­gen der Hil­fe­er­brin­gung und dem Ziel, Men­schen zur selbst­be­stimm­ten Lebens­füh­rung zu befä­hi­gen. Der sozi­al­wis­sen­schaft­li­che Rah­men hier­für ist dyna­misch – beein­flusst durch Ent­wick­lun­gen wie Glo­ba­li­sie­rung, Wis­sens­ge­sell­schaft und die Öko­no­mi­sie­rung sozia­ler Prozesse.

    Lebens­la­ge­ori­en­tie­rung – der Blick von Struk­tu­ren auf Menschen

    Im Zen­trum sozi­al­ar­bei­te­ri­schen Han­delns steht die Lebens­la­ge von Men­schen – ver­stan­den als Gesamt­heit der mate­ri­el­len, sozia­len, kul­tu­rel­len und poli­ti­schen Bedin­gun­gen, unter denen Indi­vi­du­en ihr Leben füh­ren. Die Lebens­la­ge­per­spek­ti­ve betont, dass indi­vi­du­el­le Pro­blem­la­gen nicht iso­liert, son­dern als Aus­druck struk­tu­rel­ler Ungleich­hei­ten ver­stan­den wer­den müs­sen. Armut, sozia­le Aus­gren­zung oder man­geln­de Teil­ha­be sind nicht nur per­sön­li­che Her­aus­for­de­run­gen, son­dern Spie­gel gesell­schaft­li­cher Ver­hält­nis­se. Sozi­al­po­li­tik, die die­sen Zusam­men­hang ver­kennt, läuft Gefahr, Hil­fe zu indi­vi­dua­li­sie­ren und struk­tu­rel­le Ursa­chen zu vernachlässigen.

    Bewäl­ti­gungs­la­gen – sozio­struk­tu­rel­le Bedin­gun­gen der Hilfe

    Hil­fe­be­dürf­tig­keit ent­steht häu­fig im Kon­text kom­ple­xer sozio­struk­tu­rel­ler Bedin­gun­gen. Die Bewäl­ti­gungs­la­gen von Adressat*innen Sozia­ler Arbeit sind nicht nur durch sub­jek­ti­ve Hand­lungs­fä­hig­keit bestimmt, son­dern auch durch gesell­schaft­li­che Bar­rie­ren, insti­tu­tio­nel­le Aus­schlüs­se und poli­ti­sche Rah­men­be­din­gun­gen. Die Sozia­le Arbeit erkennt die­se struk­tu­rel­len Bedingt­heit an und for­dert eine Sozi­al­po­li­tik, die Unter­stüt­zungs­leis­tun­gen nicht als Gna­de, son­dern als Aus­druck sozia­ler Gerech­tig­keit und Teil­ha­be begreift.

    Capa­bi­li­ty-Ansatz – indi­vi­du­el­le Befä­hi­gung und sozia­le Gerechtigkeit

    Ein zen­tra­les Refe­renz­mo­dell der Sozia­len Arbeit im sozi­al­po­li­ti­schen Kon­text ist das Capa­bi­li­ty-Kon­zept von Amar­tya Sen und Mar­tha Nuss­baum. Es ver­schiebt den Fokus von der Ver­sor­gung mit Res­sour­cen hin zur rea­len Mög­lich­keit, die­se in ein gutes Leben zu trans­for­mie­ren. Sozi­al­po­li­tik soll dem­nach nicht nur Armut lin­dern, son­dern Men­schen befä­hi­gen, ihre eige­nen Lebens­ent­wür­fe zu ver­wirk­li­chen. Die Sozia­le Arbeit unter­stützt die­sen Pro­zess durch Empower­ment, Res­sour­cen­ak­ti­vie­rung und sozi­al­raum­ori­en­tier­te Ansätze.

    Wis­sens­ge­sell­schaft und Ressourcenorientierung

    In der heu­ti­gen Wis­sens­ge­sell­schaft gewin­nen Bil­dungs- und Qua­li­fi­ka­ti­ons­pro­zes­se zen­tra­le Bedeu­tung für gesell­schaft­li­che Teil­ha­be. Sozi­al­po­li­tik, die die­sem Wan­del gerecht wer­den will, muss Bil­dungs­zu­gän­ge sichern, lebens­lan­ges Ler­nen för­dern und sozia­le Ungleich­hei­ten in der Ver­tei­lung von Human­ka­pi­tal abbau­en. Die Sozia­le Arbeit beglei­tet Indi­vi­du­en in Bil­dungs­pro­zes­sen, erkennt aber auch, dass Res­sour­cen nicht gleich ver­teilt sind und sozia­le Her­kunft nach wie vor ent­schei­dend über Chan­cen und Teil­ha­be mitbestimmt.

    Öko­no­mi­sie­rung und Ent­gren­zung – Her­aus­for­de­run­gen glo­ba­ler Entwicklungen

    Die fort­schrei­ten­de Öko­no­mi­sie­rung sozia­ler Lebens­be­rei­che stellt die Sozia­le Arbeit vor neue Her­aus­for­de­run­gen. Die Logik von Effi­zi­enz, Kon­kur­renz und Nut­zen­ma­xi­mie­rung durch­dringt zuneh­mend auch das sozia­le Feld. Gleich­zei­tig ver­schie­ben sich sozi­al­po­li­ti­sche Ver­ant­wort­lich­kei­ten durch Pro­zes­se der Ent­gren­zung und Glo­ba­li­sie­rung: Migra­ti­on, trans­na­tio­na­le Lebens­ver­hält­nis­se und inter­na­tio­na­le Ungleich­heit for­dern natio­na­le Sozi­al­po­li­ti­ken her­aus und ver­lan­gen trans­na­tio­na­le Soli­da­ri­tät. Die Sozia­le Arbeit plä­diert für eine Poli­tik, die sozia­le Grund­rech­te glo­bal denkt und das Men­schen­recht auf sozia­le Sicher­heit unab­hän­gig von Her­kunft oder Auf­ent­halts­sta­tus anerkennt.

    Fazit: Sozia­le Arbeit als sozi­al­po­li­ti­sche Akteurin

    Sozi­al­po­li­tik aus der Per­spek­ti­ve der Sozia­len Arbeit ist mehr als die Gestal­tung von Hil­fe­sys­te­men – sie ist ein Aus­druck von Gesell­schafts­ge­stal­tung im Sin­ne sozia­ler Gerech­tig­keit. Sie ver­langt die Aner­ken­nung struk­tu­rel­ler Bedingt­heit indi­vi­du­el­ler Lebens­la­gen, för­dert die indi­vi­du­el­le Befä­hi­gung zur Teil­ha­be und setzt sich kri­tisch mit den Fol­gen gesell­schaft­li­cher Trans­for­ma­tio­nen aus­ein­an­der. Die Sozia­le Arbeit bringt in die­se Debat­te ihre pro­fes­si­ons­ethi­schen Grund­sät­ze, ihren Pra­xis­be­zug und ihre Nähe zu den Lebens­wel­ten der Men­schen ein – und ist damit unver­zicht­ba­re Mit­ge­stal­te­rin einer demo­kra­ti­schen, soli­da­ri­schen und inklu­si­ven Sozialpolitik.

    Geschlech­ter- und Gleich­stel­lungs­po­li­tik aus der Per­spek­ti­ve der Sozia­len Arbeit – Zwi­schen Aner­ken­nung, Ambi­va­lenz und struk­tu­rel­ler Verfestigung

    Die Sozia­le Arbeit ver­steht sich als men­schen­rechts­ori­en­tier­te Pro­fes­si­on, deren Han­deln stets auch im Licht gesell­schaft­li­cher Macht­ver­hält­nis­se und Ungleich­heits­struk­tu­ren steht. Geschlech­ter- und Gleich­stel­lungs­po­li­tik ist daher ein zen­tra­les Hand­lungs­feld der Sozia­len Arbeit, da sie unmit­tel­bar mit Fra­gen sozia­ler Gerech­tig­keit, Teil­ha­be und Selbst­be­stim­mung ver­knüpft ist. Der Blick auf femi­nis­ti­sche Bewe­gun­gen, die Trans­for­ma­tio­nen des Sozi­al­staats und die Ambi­va­len­zen post­fe­mi­nis­ti­scher Ent­wick­lun­gen offen­bart eine kom­ple­xe Gemenge­la­ge, die sozi­al­ar­bei­te­ri­sches Han­deln her­aus­for­dert – und Ori­en­tie­rung verlangt.

    Femi­nis­ti­sche Impul­se und der Sozi­al­staat: Anspruch, Zumut­bar­keit und Ermessensspielräume

    Die Erfol­ge der femi­nis­ti­schen Bewe­gun­gen der 1970er und 1980er Jah­re führ­ten zu einem tief­grei­fen­den Wan­del in der Wahr­neh­mung von Geschlech­ter­ver­hält­nis­sen. Femi­nis­mus wur­de zuneh­mend aka­de­mi­siert und in staat­li­che Struk­tu­ren inte­griert – ein Pro­zess, der mit dem Begriff des Staats­fe­mi­nis­mus beschrie­ben wird. Gleich­stel­lungs­po­li­tik wur­de Teil der sozi­al­staat­li­chen Regu­la­ti­ons­lo­gik, mit der Fol­ge, dass vie­le For­de­run­gen in recht­lich abge­si­cher­te Ansprü­che über­führt wur­den. Die­se For­ma­li­sie­rung führ­te jedoch nicht auto­ma­tisch zu rea­ler Gleich­stel­lung: In infor­mel­len Ermes­sens­spiel­räu­men bestehen wei­ter­hin struk­tu­rel­le Zumut­bar­kei­ten, die Frau­en in For­men pas­si­ver Unter­ord­nung hal­ten. Hier wird deut­lich: Gleich­stel­lung als Gesetz­ge­bung ersetzt nicht die akti­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit struk­tu­rel­ler Diskriminierung.

    Post­fe­mi­nis­ti­sche Resul­ta­te und neue Herausforderungen

    Die post­fe­mi­nis­ti­sche Ära ist gekenn­zeich­net durch eine sozi­al­staat­li­che Moder­ni­sie­rung, in der das „Frau­sein“ zuneh­mend bio­gra­fi­siert wird. Der femi­nis­ti­sche Dis­kurs wird durch Glo­ba­li­sie­rungs­pro­zes­se über­la­gert, die eine Ten­denz zur sozia­len Ent­bet­tung beför­dern. Gesell­schaft­li­che Struk­tu­ren ori­en­tie­ren sich wei­ter­hin an einem männ­lich gepräg­ten Prin­zip von Exter­na­li­sie­rung und Abspal­tung – ins­be­son­de­re in der Öko­no­mie, wo Ratio­na­li­sie­rung, Fle­xi­bi­li­sie­rung und das Ide­al des ent­grenz­ten „ver­füg­ba­ren Sub­jekts“ domi­nie­ren. Die­se Ent­wick­lung führt nicht nur zu einer Femi­ni­sie­rung pre­kä­rer Erwerbs­ar­beit, son­dern auch zu einer neu­en Belas­tung: Frau­en tra­gen wei­ter­hin die Haupt­ver­ant­wor­tung für Sor­ge­ar­beit und erle­ben eine zuneh­men­de Doppelbelastung.

    Die Män­ner­fra­ge – Zwi­schen Ero­si­on und Restruk­tu­rie­rung männ­li­cher Macht

    Par­al­lel zur Ver­än­de­rung weib­li­cher Lebens­rea­li­tä­ten gerät auch das männ­li­che Rol­len­bild unter Druck. Die klas­si­sche männ­li­che Domi­nanz ver­liert an Deu­tungs­macht, wird jedoch nicht auf­ge­löst, son­dern in wider­sprüch­li­che For­men über­führt. Das Nor­mal­ar­beits­ver­hält­nis – lan­ge Zeit Aus­druck männ­li­cher Erwerbs­i­den­ti­tät – ero­diert. Gleich­zei­tig bleibt das Prin­zip der Ver­füg­bar­keit und öko­no­mi­schen Funk­tio­na­li­tät zen­tral. Die Fas­sa­de männ­li­cher Macht brö­ckelt, doch neue geschlech­ter­ge­rech­te Arran­ge­ments ent­ste­hen nur zöger­lich. Auch die Sozia­le Arbeit muss sich stär­ker mit Fra­gen von Männ­lich­keit, Ver­letz­lich­keit und der Neu­de­fi­ni­ti­on von Geschlech­ter­rol­len auseinandersetzen.

    Gen­der Main­strea­ming und Diver­si­tät – poli­ti­sche Stra­te­gien mit ambi­va­len­ter Wirkung

    Das Kon­zept des Gen­der Main­strea­ming ziel­te ursprüng­lich auf die gleich­be­rech­tig­te Teil­ha­be aller Geschlech­ter in poli­ti­schen Ent­schei­dungs­pro­zes­sen. In sei­ner Umset­zung ent­wi­ckel­te es sich jedoch oft zu einer admi­nis­tra­ti­ven Steue­rungs­lo­gik mit tech­no­kra­ti­schem Cha­rak­ter. Die geschlech­ter­po­li­ti­sche Per­spek­ti­ve wird in den Hin­ter­grund gedrängt, Diver­si­tät wird zur Human­res­sour­ce im Kon­text neo­li­be­ra­ler Effi­zi­enz- und Ver­wer­tungs­lo­gi­ken. Statt eines gesell­schaft­li­chen Dis­kur­ses über Geschlech­ter­ge­rech­tig­keit fin­det eine Befrie­dung poten­zi­el­ler Stö­run­gen statt – ohne tat­säch­li­chen Wan­del in Arbeits- oder Sorgeverhältnissen.

    Impli­ka­tio­nen für die Sozia­le Arbeit

    Die Sozia­le Arbeit steht im Zen­trum die­ser gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen: Sie begeg­net all­täg­lich den Aus­wir­kun­gen unglei­cher Geschlech­ter­ver­hält­nis­se – sei es in der Fami­li­en­hil­fe, der Jugend­hil­fe, der Arbeit mit woh­nungs­lo­sen Frau­en oder in geschlechts­spe­zi­fi­schen Gewalt­kon­tex­ten. Dabei erkennt sie sowohl struk­tu­rel­le Benach­tei­li­gun­gen als auch indi­vi­du­el­le Bewäl­ti­gungs­stra­te­gien. Sie ist gefor­dert, Geschlech­ter­po­li­tik nicht nur als Quer­schnitts­the­ma zu behan­deln, son­dern aktiv in ihre pro­fes­sio­nel­le Hal­tung und Pra­xis zu inte­grie­ren – zum Bei­spiel durch gen­der­sen­si­ble Bera­tung, Empower­ment-Ansät­ze und die kri­ti­sche Refle­xi­on eige­ner Rollenbilder.

    Fazit: Gleich­stel­lung als sozi­al­po­li­ti­scher Auftrag

    Eine eman­zi­pa­to­ri­sche Geschlech­ter- und Gleich­stel­lungs­po­li­tik im Sin­ne der Sozia­len Arbeit muss mehr leis­ten als admi­nis­tra­ti­ves Gen­der Main­strea­ming. Sie muss gesell­schaft­li­che Ver­hält­nis­se ana­ly­sie­ren, Benach­tei­li­gun­gen sicht­bar machen und Räu­me für selbst­be­stimm­tes Han­deln eröff­nen. In einer glo­ba­li­sier­ten, öko­no­mi­sier­ten Welt ist dies eine zuneh­mend anspruchs­vol­le Auf­ga­be – aber auch ein unver­zicht­ba­rer Bei­trag zur sozia­len Gerechtigkeit.

    Fami­li­en­po­li­tik aus der Per­spek­ti­ve der Sozia­len Arbeit: Zwi­schen Aner­ken­nung, Instru­men­ta­li­sie­rung und struk­tu­rel­ler Überforderung

    Fami­li­en­po­li­tik ist ein zen­tra­les Feld gesell­schaft­li­cher Gestal­tung, das tief­grei­fen­de Aus­wir­kun­gen auf sozia­le Gerech­tig­keit, Geschlech­ter­ver­hält­nis­se und Gene­ra­tio­nen­ge­rech­tig­keit hat. Die Sozia­le Arbeit begeg­net täg­lich den Fol­gen fami­li­en­po­li­ti­scher Wei­chen­stel­lun­gen – sei es in der Unter­stüt­zung von Allein­er­zie­hen­den, der Arbeit mit benach­tei­lig­ten Fami­li­en oder in der Bera­tung zu Ver­ein­bar­keits­fra­gen. Aus ihrer Per­spek­ti­ve offen­ba­ren sich in der Fami­li­en­po­li­tik grund­le­gen­de Span­nungs­fel­der zwi­schen nor­ma­ti­ven Leit­bil­dern, öko­no­mi­schen Funk­ti­ons­zu­schrei­bun­gen und rea­len Lebensverhältnissen.

    Funk­ti­on der Fami­li­en­po­li­tik: Sta­bi­li­sie­rung durch Überforderung

    Ziel der Fami­li­en­po­li­tik ist tra­di­tio­nell die Sta­bi­li­sie­rung der fami­lia­len Funk­ti­on – ins­be­son­de­re als Ort der Repro­duk­ti­on, Sozia­li­sa­ti­on und inter­ge­ne­ra­tio­nel­len Für­sor­ge. Doch die­se Funk­ti­on gerät zuneh­mend unter Druck. Die moder­ne Arbeits­ge­sell­schaft ver­langt nach mobi­len, fle­xi­blen und „fun­gi­blen“ Lebens­for­men, wäh­rend fami­liä­re Arran­ge­ments nach wie vor an klas­si­sche Rol­len­mus­ter geknüpft sind. Män­ner und Frau­en wer­den dabei struk­tu­rell in wider­sprüch­li­che Rol­len gedrängt: Män­ner als unbe­grenzt ver­füg­ba­re Erwerbs­per­so­nen, Frau­en als zustän­di­ge Sor­ge­ar­bei­te­rin­nen. Die­ser Wider­spruch zwi­schen öko­no­mi­scher Funk­tio­na­li­tät und fami­lia­ler Rea­li­tät bleibt ein unge­lös­tes Dilemma.

    Leis­tung und Last: Fami­li­en­po­li­ti­scher Fokus auf Ungleichverteilung

    Fami­li­en­po­li­tik adres­siert zuneh­mend die geschlech­ter­spe­zi­fi­sche Ungleich­ver­tei­lung von Sor­ge- und Erwerbs­ar­beit sowie die unglei­che Belas­tung zwi­schen Haus­hal­ten mit und ohne Kin­der. Die Mit­tel rei­chen von direk­ten Trans­fer­leis­tun­gen über steu­er­min­dern­de Frei­be­trä­ge bis hin zu ren­ten­recht­li­chen Anrech­nun­gen. Doch die­se Maß­nah­men blei­ben ambi­va­lent: Einer­seits aner­ken­nen sie Fami­li­en­leis­tun­gen, ande­rer­seits repro­du­zie­ren sie struk­tu­rel­le Ungleich­hei­ten, etwa durch Begüns­ti­gung bestimm­ter Fami­li­en­for­men oder öko­no­mi­scher Milieus.

    Fami­lie als Zukunfts­res­sour­ce – und Ort sozia­ler Spaltung

    Kin­der wer­den poli­tisch zuneh­mend als Leis­tung zur Siche­rung gesell­schaft­li­cher Zukunfts­fä­hig­keit ver­stan­den. Die­se Per­spek­ti­ve ver­schiebt die Ver­ant­wor­tung für demo­gra­fi­sche und sozia­le Ent­wick­lun­gen auf die Fami­li­en selbst. Die Mög­lich­keit, Kin­der­er­zie­hung in ren­ten­po­li­ti­schen Model­len zu berück­sich­ti­gen, ist Aus­druck die­ser öko­no­mi­schen Exter­na­li­sie­rung. Zugleich droht eine gesell­schaft­li­che Spal­tung zwi­schen tra­di­tio­nel­len Fami­li­en­for­men, kin­der­lo­sen Dop­pel­ver­die­nen­den und plu­ra­len Lebens­mo­del­len. Eine sozi­al gerech­te Fami­li­en­po­li­tik muss hier gegen­steu­ern, statt die­se Unter­schie­de zu vertiefen.

    Ver­ein­bar­keits­po­li­tik – von der Aus­gleichs­lo­gik zur Anerkennung?

    Die soge­nann­te Ver­ein­bar­keits­po­li­tik will mehr sein als ein klas­si­scher Las­ten- und Leis­tungs­aus­gleich: Sie strebt gesell­schaft­li­che Aner­ken­nung der Sor­ge­ar­beit an. In der Rea­li­tät jedoch bleibt die­se Poli­tik oft an neo­li­be­ra­le Mobi­li­täts­an­for­de­run­gen gekop­pelt. Das tra­di­tio­nel­le Drei­pha­sen­mo­dell weib­li­cher Erwerbs­bio­gra­fien (Aus­bil­dung – Erwerbs­un­ter­bre­chung – Wie­der­ein­stieg) weicht einer durch­öko­no­mi­sier­ten Logik per­ma­nen­ter Ver­füg­bar­keit. Die Über­for­de­rung der fami­liä­ren Unter­stüt­zungs­leis­tung wird dabei häu­fig über­se­hen, eben­so wie die zuneh­men­de Instru­men­ta­li­sie­rung von Fami­lie zur Kom­pen­sa­ti­on staat­li­cher Versorgungsdefizite.

    Män­ner, Milieus und die ver­dräng­te Bedürftigkeit

    Der Zusam­men­hang zwi­schen Geschlech­ter­ver­hält­nis­sen und sozia­len Milieus wird in der Fami­li­en­po­li­tik oft aus­ge­blen­det. Die Vor­aus­set­zung einer funk­tio­nie­ren­den Öko­no­mie bleibt wei­ter­hin die unbe­grenz­te Ver­füg­bar­keit des Man­nes. Männ­li­che Bedürf­tig­keit – sei sie emo­tio­nal, sozi­al oder exis­ten­zi­ell – wird kaum the­ma­ti­siert. Sie wird öko­no­misch aus­ge­blen­det, wäh­rend Män­ner zugleich unter einem Exter­na­li­sie­rungs­druck ste­hen, der jede Form von Still­stand oder Rück­zug als Schwä­che wer­tet. Auch hier ist die Sozia­le Arbeit gefor­dert, neue nar­ra­ti­ve Räu­me für geschlech­ter­ge­rech­te Iden­ti­täts­kon­struk­tio­nen zu schaffen.

    Öko­no­mi­sie­rung und funk­tio­na­le Familiensicht

    Fami­li­en­po­li­tik folgt zuneh­mend einem öko­no­mi­schen Para­dig­ma: Fami­lie wird als bil­dungs- und beschäf­ti­gungs­po­li­ti­sche Res­sour­ce ver­stan­den. Kon­flik­te, etwa im schu­li­schen Kon­text oder bei der Inte­gra­ti­on von Betreu­ung und Beruf, wer­den ent­po­li­ti­siert und an die Fami­li­en dele­giert – meist an die Müt­ter. Das Bild der „Fami­li­en­ma­na­ge­rin“ wird zum Sym­bol eines neu­en Mut­ter­ide­als, das Effi­zi­enz, Mul­ti­tas­king und Selbst­op­ti­mie­rung ver­kör­pert. Die­se Fas­sa­de ver­deckt jedoch die Rea­li­tät vie­ler Frau­en, ins­be­son­de­re in sozi­al benach­tei­lig­ten Milieus, die unter pre­kä­ren Bedin­gun­gen Fami­lie und Exis­tenz­si­che­rung leis­ten müssen.

    Impli­ka­tio­nen für die Sozia­le Arbeit

    Die Sozia­le Arbeit begeg­net der Fami­lie nicht als nor­ma­ti­ve Insti­tu­ti­on, son­dern als viel­fäl­ti­ge Lebens­form in ihren sozia­len, öko­no­mi­schen und emo­tio­na­len Rea­li­tä­ten. Sie erkennt struk­tu­rel­le Über­for­de­run­gen, beglei­tet beim Zugang zu Leis­tun­gen, ver­mit­telt in Unter­stüt­zungs­netz­wer­ke und reflek­tiert geschlech­ter­be­zo­ge­ne Zuschrei­bun­gen kri­tisch. In einer Fami­li­en­po­li­tik, die zuneh­mend von wirt­schaft­li­cher Ratio­na­li­tät geprägt ist, bleibt die Sozia­le Arbeit eine wich­ti­ge Stim­me für sozia­le Aus­ge­wo­gen­heit, Gerech­tig­keit und Aner­ken­nung fami­lia­ler Leis­tun­gen jen­seits öko­no­mi­scher Verwertbarkeit.

    Fazit: Fami­li­en­po­li­tik zwi­schen Aner­ken­nung und Zumutung

    Fami­li­en­po­li­tik muss sich ent­schei­den: Will sie Fami­lie als resi­li­en­te Res­sour­ce im Dienst gesell­schaft­li­cher Sta­bi­li­tät oder als zu unter­stüt­zen­de Lebens­form in ihrer Plu­ra­li­tät ernst neh­men? Die Sozia­le Arbeit steht auf der Sei­te der Men­schen – sie for­dert eine Fami­li­en­po­li­tik, die nicht instru­men­tell, son­dern soli­da­risch denkt, die nicht struk­tu­rell über­for­dert, son­dern befä­higt, und die nicht still­schwei­gend Ungleich­hei­ten ver­fes­tigt, son­dern ihnen mutig entgegenwirkt.

    Gesund­heits­po­li­tik aus der Per­spek­ti­ve der Sozia­len Arbeit – Zwi­schen Öko­no­mi­sie­rung, Lebens­welt und sozia­ler Gerechtigkeit

    Gesund­heit ist nicht nur ein indi­vi­du­el­les Gut, son­dern ein kol­lek­ti­ves Gut mit hoher gesell­schaft­li­cher Rele­vanz. Gesund­heits­po­li­tik ist daher ein zen­tra­ler Bestand­teil der Sozi­al­po­li­tik. Aus Sicht der Sozia­len Arbeit geht es jedoch nicht nur um die Abwe­sen­heit von Krank­heit oder um den Zugang zu medi­zi­ni­scher Ver­sor­gung – viel­mehr rückt die Fra­ge nach den sozia­len Bedin­gun­gen von Gesund­heit in den Vor­der­grund. Die Sozia­le Arbeit for­dert, Gesund­heit nicht ledig­lich funk­tio­nal im Kon­text von Erwerbs­fä­hig­keit zu den­ken, son­dern sie im Sin­ne sozia­ler Teil­ha­be und Lebens­qua­li­tät umfas­send zu begreifen.

    Arbeits­markt­po­li­ti­sche Wur­zeln – Gesund­heit als Vor­aus­set­zung von Leistungsfähigkeit

    Die Wur­zeln moder­ner Gesund­heits­po­li­tik lie­gen im arbeits­markt­zen­trier­ten Wohl­fahrts­staat des indus­tria­li­sier­ten Kapi­ta­lis­mus: Gesund­heit wur­de pri­mär als Fähig­keit zur Erwerbs­ar­beit ver­stan­den. Die­ses Ver­ständ­nis präg­te lan­ge Zeit die gesund­heits­po­li­ti­sche Ziel­set­zung – die Her­stel­lung und Erhal­tung der Arbeits­fä­hig­keit als zen­tra­les gesell­schaft­li­ches Ziel. Erst durch die Impul­se der WHO kam es zu einer Erwei­te­rung des Gesund­heits­be­griffs, der heu­te auch psy­chi­sches, sozia­les und emo­tio­na­les Wohl­be­fin­den einbezieht.

    Sozia­le Gesund­heit und Prä­ven­ti­on – jen­seits des Pathologiemodells

    Der Begriff der sozia­len Gesund­heit erwei­tert die Per­spek­ti­ve auf gesell­schaft­li­che Bedin­gun­gen des Gesund­seins: Wohn­ver­hält­nis­se, Erwerbs­be­din­gun­gen, Bil­dung, sozia­le Bezie­hun­gen und Lebens­si­cher­heit sind zen­tra­le Ein­fluss­fak­to­ren. Gesund­heits­po­li­tik wird damit zum Feld sozia­ler Gerech­tig­keit. Ins­be­son­de­re prä­ven­ti­ve Ansät­ze gewin­nen an Bedeu­tung – nicht im Sin­ne von Kon­trol­le oder Selbst­op­ti­mie­rung, son­dern als Ermög­li­chung gelin­gen­der Lebens­füh­rung. Die Sozia­le Arbeit ori­en­tiert sich hier­bei am salu­to­ge­ne­ti­schen Para­dig­ma: Nicht die Ver­mei­dung von Krank­heit steht im Zen­trum, son­dern die Fra­ge, wie Gesund­heit unter wid­ri­gen Bedin­gun­gen erhal­ten und gestärkt wer­den kann.

    Öko­no­mi­sie­rung und Selbst­ver­ant­wor­tung – Gesund­heit im Span­nungs­feld neo­li­be­ra­ler Politik

    Die zuneh­men­de Öko­no­mi­sie­rung des Gesund­heits­we­sens hat weit­rei­chen­de Fol­gen: Gesund­heit wird zur Ware, der Mensch zur Arbeits­kraft und zum Kon­sum­sub­jekt zugleich. Der neo­li­be­ra­le Staat pro­pa­giert Selbst­ver­ant­wor­tung – Gesund­heit wird indi­vi­dua­li­siert und ent­po­li­ti­siert. Wer krank wird, gerät schnell unter Legi­ti­ma­ti­ons­druck. Die Logik: Wer schei­tert, hat zu wenig in sei­nen Kör­per inves­tiert. Der Kör­per wird zum Pro­jekt, zum Trä­ger gesell­schaft­li­cher Ideo­lo­gie. Die­se Ent­wick­lung ist mit erheb­li­chen psy­cho­so­zia­len Risi­ken ver­bun­den, die sich in stress­be­ding­ten Erkran­kun­gen, Depres­sio­nen, Angst­stö­run­gen oder soma­ti­schen Beschwer­den zei­gen – zen­tra­le Arbeits­fel­der der Sozia­len Arbeit.

    Gesund­heit als Spie­gel sozia­ler Ungleichhei

    Sozia­le Ungleich­heit schlägt sich in der Gesund­heit nie­der. Stu­di­en bele­gen eine star­ke Kor­re­la­ti­on zwi­schen Bil­dungs­grad, sozia­lem Sta­tus und Gesund­heits­chan­cen. Men­schen in pre­kä­ren Lebens­la­gen leben kür­zer, sind häu­fi­ger chro­nisch krank und haben gerin­ge­ren Zugang zu gesund­heit­li­cher Ver­sor­gung. Die­se struk­tu­rel­le Benach­tei­li­gung ist Aus­druck sozia­ler Ungleich­ver­tei­lung – und zugleich eine Legi­ti­ma­ti­on für die Sozia­le Arbeit, sich ver­stärkt in gesund­heits­po­li­ti­sche Dis­kur­se einzubringen.

    Sozia­le Arbeit als Akteu­rin psy­cho­so­zia­ler Gesundheit

    Die Sozia­le Arbeit begeg­net tag­täg­lich den Fol­gen psy­cho­so­zia­ler und psy­cho­so­ma­ti­scher Belas­tun­gen. Ihre beson­de­re Per­spek­ti­ve ist eine inte­gra­ti­ve: Sie ver­bin­det kol­lek­ti­ve Struk­tu­ren mit indi­vi­du­el­len Bewäl­ti­gungs­la­gen, Lebens­ver­hält­nis­se mit sub­jek­ti­vem Erle­ben. Gesund­heits­be­zo­ge­ne Sozia­le Arbeit setzt dort an, wo medi­zi­ni­sche Sys­te­me oft an ihre Gren­zen sto­ßen: bei Armut, Aus­gren­zung, Gewalt, Migra­ti­on, chro­ni­scher Über­for­de­rung oder feh­len­der Selbst­wirk­sam­keit. Ihre Auf­ga­be ist es, lebens­welt­ori­en­tier­te, res­sour­cen­ak­ti­vie­ren­de und befä­hi­gungs­för­dern­de Zugän­ge zu schaf­fen – und dabei struk­tu­rel­le Zusam­men­hän­ge sicht­bar zu machen.

    Gesund­heits­po­li­tik zwi­schen Lebens­zen­trie­rung und Disziplinierung

    Die Sozia­le Arbeit tritt für eine Abkehr von der Erwerbs­zen­trie­rung zuguns­ten einer lebens­zen­trier­ten Gesund­heits­po­li­tik ein. Dies bedeu­tet nicht nur einen Per­spek­tiv­wech­sel, son­dern auch eine Umver­tei­lung von Ver­ant­wor­tung: Gesund­heit darf nicht zur allei­ni­gen Auf­ga­be des Indi­vi­du­ums wer­den. Die Erhal­tung von Gesund­heit ist eine gesamt­ge­sell­schaft­li­che Auf­ga­be, die sozi­al­staat­li­che Ver­ant­wor­tung, öffent­li­che Inves­ti­tio­nen und struk­tu­rel­le Unter­stüt­zung ver­langt. Gleich­wohl muss die Sozia­le Arbeit wach­sam blei­ben gegen­über einer dis­zi­pli­nie­ren­den Gesund­heits­po­li­tik, die Kör­per nor­miert, abwei­chen­des Ver­hal­ten sank­tio­niert und psy­cho­so­zia­le Pro­ble­me als „Wachs­tums­stö­run­gen“ etikettiert.

    Gesund­heit als Medi­um der Ver­ge­sell­schaf­tung – neue Herausforderungen

    Gesund­heit ist längst zu einem gesell­schaft­li­chen Ord­nungs­mit­tel gewor­den: Wer gesund ist, gilt als leis­tungs­fä­hig, auto­nom, steu­er­bar. Wer krank ist, muss sich recht­fer­ti­gen. Die Sozia­le Arbeit muss sich die­sem Trend ent­ge­gen­stel­len und dafür ein­tre­ten, dass Gesund­heit nicht zur Vor­aus­set­zung gesell­schaft­li­cher Teil­ha­be wird, son­dern ein Recht für alle bleibt – unab­hän­gig von öko­no­mi­scher Ver­wert­bar­keit. Gesund­heits­po­li­tik braucht einen neu­en soli­da­ri­schen Rah­men, in dem sozia­le Bedin­gun­gen, öko­no­mi­sche Vor­aus­set­zun­gen und mensch­li­che Lebens­la­gen in den Mit­tel­punkt rücken.

    Fazit: Gesund­heits­po­li­tik als sozi­al­po­li­ti­sche Querschnittsaufgabe

    Aus Sicht der Sozia­len Arbeit ist Gesund­heits­po­li­tik untrenn­bar mit Fra­gen sozia­ler Gerech­tig­keit ver­bun­den. Eine ver­ant­wor­tungs­vol­le Gesund­heits­po­li­tik muss den Zusam­men­hang von Lebens­la­gen, Res­sour­cen und Gesund­heits­chan­cen aner­ken­nen und gezielt aus­glei­chen. Die Sozia­le Arbeit bringt in die­sen Dis­kurs ihre pro­fes­sio­nel­le Kom­pe­tenz im Umgang mit psy­cho­so­zia­len Pro­blem­la­gen, ihre Nähe zu benach­tei­lig­ten Lebens­wel­ten und ihre Ori­en­tie­rung an Men­schen­rech­ten ein – als unver­zicht­ba­re Mit­ge­stal­te­rin einer inklu­si­ven, prä­ven­ti­ven und soli­da­ri­schen Gesundheitspolitik.

    Bil­dungs­po­li­tik aus der Per­spek­ti­ve der Sozia­len Arbeit – Zwi­schen gesell­schaft­li­cher Teil­ha­be und markt­för­mi­ger Verwertung

    Bil­dung ist weit mehr als eine indi­vi­du­el­le Res­sour­ce oder Qua­li­fi­ka­ti­on für den Arbeits­markt. Aus der Per­spek­ti­ve der Sozia­len Arbeit ist Bil­dung ein zen­tra­les Men­schen­recht und eine sozia­le Pra­xis, die gesell­schaft­li­che Teil­ha­be, kri­ti­sche Urteils­fä­hig­keit und per­sön­li­che Ent­wick­lung ermög­li­chen soll. Den­noch zeigt sich, dass Bil­dungs­po­li­tik zuneh­mend im Zei­chen öko­no­mi­scher Ver­wert­bar­keit steht – mit tief­grei­fen­den Fol­gen für gesell­schaft­li­che Gerech­tig­keit und die Aus­ge­stal­tung päd­ago­gi­scher Institutionen.

    Von Bil­dung zu Aus­bil­dung – Die Öko­no­mi­sie­rung des Bildungsbegriffs

    Die poli­ti­sche Steue­rung des Bil­dungs­we­sens, ins­be­son­de­re der öffent­li­chen Erzie­hungs­in­sti­tu­tio­nen, folgt zuneh­mend einer arbeits­markt- und wirt­schafts­po­li­ti­schen Logik. Unter dem Druck des inter­na­tio­na­len Stand­ort­wett­be­werbs wird Bil­dung vor­ran­gig als Mit­tel zur Siche­rung von Beschäf­ti­gungs­fä­hig­keit ver­stan­den. Die enge Ver­knüp­fung von Bil­dung und ver­wer­tungs­ori­en­tier­ter Aus­bil­dung führt dazu, dass Bil­dung nicht mehr als Erwei­te­rung indi­vi­du­el­ler und gesell­schaft­li­cher Mög­lich­kei­ten gedacht wird, son­dern als Vor­be­rei­tung auf den Arbeits­markt. Der Mensch wird dabei zum Trä­ger markt­fä­hi­ger Kom­pe­ten­zen reduziert.

    Sozia­le Bil­dungs­kri­tik – Segre­ga­ti­on, Ver­drän­gung und Ungleichheit

    Die­se Öko­no­mi­sie­rung hat nicht nur bil­dungs­theo­re­ti­sche Kon­se­quen­zen, son­dern auch sozi­al­po­li­ti­sche. So führt die Ver­wer­tungs­lo­gik zu Segre­ga­ti­ons- und Ver­drän­gungs­ef­fek­ten, wie sie von der sozia­len Bil­dungs­kri­tik her­aus­ge­ar­bei­tet wur­den: Men­schen, die nicht in die markt­för­mi­ge Bil­dungs­lo­gik pas­sen – dar­un­ter beson­ders Frau­en, eth­ni­sche Min­der­hei­ten, gering qua­li­fi­zier­te und älte­re Per­so­nen – wer­den struk­tu­rell benach­tei­ligt. Bil­dung repro­du­ziert damit bestehen­de Ungleich­hei­ten, anstatt sie auszugleichen.

    His­to­ri­scher Wan­del des Human­ka­pi­tal­be­griffs – Von Mit­be­stim­mung zu Marktverwertung

    Wäh­rend in den 1970er Jah­ren Bil­dung noch in enger Ver­bin­dung zu gesell­schaft­li­cher Mit­be­stim­mung, Eman­zi­pa­ti­on und der Aus­bil­dung eines kri­ti­schen Bewusst­seins stand, hat sich der Human­ka­pi­tal­be­griff heu­te fun­da­men­tal gewan­delt. Bil­dung dient weni­ger der poli­ti­schen Teil­ha­be oder Per­sön­lich­keits­ent­wick­lung, son­dern wird zur Res­sour­ce, die es zu ver­wal­ten, zu opti­mie­ren und markt­ge­recht ein­zu­set­zen gilt. Der Mensch wird zum Anbie­ter sei­nes eige­nen „bio­gra­fisch erwor­be­nen Human­ver­mö­gens“, das per­ma­nent aktua­li­siert und öko­no­misch ver­wert­bar gehal­ten wer­den muss.

    Bil­dung in der Wis­sens­ge­sell­schaft – Selbst­ver­ant­wor­tung und Bewältigungsdruck

    Die soge­nann­te Wis­sens­ge­sell­schaft bringt mit ihrer Ori­en­tie­rung an lebens­lan­gem Ler­nen und Selbst­steue­rung eine neue Form des bio­gra­fi­schen Drucks mit sich: Bil­dung wird zur dau­er­haf­ten Auf­ga­be indi­vi­du­el­ler Lebens­be­wäl­ti­gung. Wer schei­tert, gilt als unzu­rei­chend anpas­sungs­fä­hig – eine Vor­stel­lung, die ins­be­son­de­re für sozi­al benach­tei­lig­te Men­schen fata­le Fol­gen hat. Kom­pe­tenz­dis­kur­se ver­stär­ken die­sen Druck: Kom­pe­tenz wird als zen­tra­les Maß sozia­ler und öko­no­mi­scher Ver­wert­bar­keit begrif­fen, ohne die struk­tu­rel­len Vor­aus­set­zun­gen die­ser Ent­wick­lung aus­rei­chend zu reflektieren.

    Sozia­le Arbeit im Span­nungs­feld von Bil­dungs­auf­trag und Verwertungslogik

    Für die Sozia­le Arbeit ergibt sich aus die­ser Ent­wick­lung ein Ori­en­tie­rungs­pro­blem: Einer­seits arbei­tet sie auf Basis eines sozi­al­staat­lich fun­dier­ten Bil­dungs­be­griffs, der den Men­schen in sei­ner Wür­de, Ent­wick­lung und Teil­ha­be för­dert. Ande­rer­seits gerät sie zuneh­mend unter den Ein­fluss einer Bil­dungs­po­li­tik, die nach Effi­zi­enz, Out­put und Ver­wert­bar­keit fragt. Ihre Auf­ga­be ist es daher, Räu­me zu rekla­mie­ren, in denen Bil­dung nicht öko­no­misch funk­tio­na­li­siert, son­dern als Teil gesell­schaft­li­cher Ent­wick­lung gedacht wird.

    Regio­na­li­sie­rung und Bil­dungs­land­schaf­ten – Chan­cen für lebens­welt­ori­en­tier­te Zugänge

    In der Kom­mu­nal­po­li­tik und ins­be­son­de­re durch den Auf­bau soge­nann­ter Bil­dungs­land­schaf­ten ent­ste­hen neue Chan­cen, Bil­dung sozi­al ein­zu­bet­ten. Kom­mu­nal gesteu­er­te Netz­wer­ke ver­bin­den for­ma­le und infor­mel­le Lern­or­te und schaf­fen Schnitt­stel­len zwi­schen Schu­le, Jugend­hil­fe, Kin­der- und Jugend­ar­beit sowie zivil­ge­sell­schaft­li­chen Akteu­ren. Beson­ders in der Kin­der- und Jugend­ar­beit kann die Sozia­le Arbeit hier Brü­cken­funk­tio­nen über­neh­men: Sie schafft nie­der­schwel­li­ge Zugän­ge, för­dert Bil­dungs­pro­zes­se in All­tags­si­tua­tio­nen und kom­pen­siert struk­tu­rel­le Bildungsbenachteiligung.

    Bil­dungs­po­li­tik als sozi­al­po­li­ti­sche Verantwortung

    Eine eman­zi­pa­to­ri­sche Bil­dungs­po­li­tik aus Sicht der Sozia­len Arbeit muss sich gegen die blo­ße Ver­wert­bar­keit von Bil­dung stel­len. Sie muss Bil­dung als Mit­tel gesell­schaft­li­cher Inte­gra­ti­on und demo­kra­ti­scher Teil­ha­be den­ken – beson­ders für jene, die durch öko­no­mi­sche Pro­zes­se an den Rand gedrängt wer­den. Die Sozia­le Arbeit for­dert damit einen Para­dig­men­wech­sel: von der markt­ori­en­tier­ten Human­ka­pi­tal­bil­dung hin zu einer sozi­al­staat­lich ver­an­ker­ten Bildungsgerechtigkeit.

    Fazit: Bil­dung als Ort sozia­ler Aus­ein­an­der­set­zung und Entwicklung

    Bil­dungs­po­li­tik ist mehr als Schul­po­li­tik – sie ist ein zen­tra­les Feld der Sozi­al­po­li­tik. Aus Sicht der Sozia­len Arbeit geht es dar­um, Bil­dungs­räu­me zu schaf­fen, die Teil­ha­be ermög­li­chen, Ungleich­hei­ten abbau­en und Men­schen nicht auf ihre öko­no­mi­sche Ver­wert­bar­keit redu­zie­ren. Bil­dung muss wie­der als gesell­schaft­li­cher Mög­lich­keits­raum begrif­fen wer­den – nicht als dis­zi­pli­nie­ren­de Res­sour­ce im Diens­te des Mark­tes. Die Sozia­le Arbeit bringt hier­für ihre Exper­ti­se, ihre Nähe zu den Lebens­wel­ten und ihre ethi­sche Ori­en­tie­rung an Men­schen­wür­de und sozia­ler Gerech­tig­keit ein.

    Jugend­po­li­tik als Bewäl­ti­gungs­po­li­tik – Eine sozi­al­po­li­ti­sche Ein­ord­nung aus Sicht der Sozia­len Arbeit

    Die Jugend­po­li­tik steht heu­te im Span­nungs­feld zwi­schen nor­ma­ti­ven Erwar­tun­gen, struk­tu­rel­len Anfor­de­run­gen und den rea­len Lebens­la­gen jun­ger Men­schen. Aus der Per­spek­ti­ve der Sozia­len Arbeit ist Jugend­po­li­tik nicht nur ein admi­nis­tra­ti­ves Hand­lungs­feld, son­dern Aus­druck gesell­schaft­li­cher Aus­ein­an­der­set­zung mit einer Lebens­pha­se, die zuneh­mend von Ent­gren­zung, Unsi­cher­heit und Bewäl­ti­gungs­druck geprägt ist. Anstel­le einer umfas­sen­den Poli­tik des Auf­wach­sens domi­niert eine selek­ti­ve, oft instru­men­tell aus­ge­rich­te­te Maß­nah­men­po­li­tik, die das Poten­zi­al der Jugend ver­nach­läs­sigt und sie zugleich überfordert.

    Kin­der- und Jugend­hil­fe als seg­men­tier­te Maßnahmenpolitik

    Das Kin­der- und Jugend­hil­fe­ge­setz (SGB VIII) bil­det den recht­li­chen Rah­men für Jugend­po­li­tik. Es adres­siert jun­ge Men­schen vor allem durch Maß­nah­men sozia­ler Unter­stüt­zung – meist rand­grup­pen­be­zo­gen, admi­nis­tra­tiv gesteu­ert und pro­blem­zen­triert. Eine kohä­ren­te Jugend­po­li­tik im Sin­ne einer Poli­tik des Auf­wach­sens fehlt weit­ge­hend. Viel­mehr erfolgt Jugend­po­li­tik frag­men­tiert über benach­bar­te Poli­tik­fel­der wie Fami­li­en­po­li­tik (mit eltern- und kin­der­po­li­ti­schem Fokus), Bil­dungs­po­li­tik (mit infor­mel­len Bil­dungs­zie­len) und kom­mu­na­le Sozi­al­po­li­tik (mit punk­tu­el­len Maßnahmen).

    Jugend als Mora­to­ri­um – ein über­hol­tes Leitbild

    Das tra­di­tio­nel­le Ver­ständ­nis von Jugend als Mora­to­ri­um – also als geschütz­ter Zeit­raum des „Nicht-mehr-Kind-Seins“ und „Noch-nicht-Erwach­sen­seins“ – erscheint ange­sichts aktu­el­ler Ent­wick­lun­gen zuneh­mend unzu­rei­chend. Die Lebens­pha­se Jugend ist heu­te durch eine Viel­zahl sozia­ler Zumu­tun­gen und Unsi­cher­hei­ten geprägt: Bil­dungs­kar­rie­ren sind ver­län­gert, Über­gän­ge insta­bil, Arbeits­märk­te fle­xi­bi­li­siert. Wäh­rend bestimm­te Pri­vi­le­gi­en des Mora­to­ri­ums (z. B. Spiel­raum zur Selbst­fin­dung) erhal­ten blei­ben, wer­den die­se gleich­zei­tig selek­tiv gewährt – abhän­gig von Her­kunft, Geschlecht, Bil­dung und sozia­lem Kapital.

    Öko­no­mi­sie­rung statt Par­ti­zi­pa­ti­on – Jugend­po­li­tik als Verwertungsinstrument

    Die zuneh­men­de Ori­en­tie­rung an Beschäf­ti­gungs­fä­hig­keit und Human­ka­pi­tal führt zu einer Instru­men­ta­li­sie­rung der Jugend: Nicht mehr die För­de­rung demo­kra­ti­scher Teil­ha­be oder poli­ti­scher Mit­ge­stal­tung steht im Fokus, son­dern die Vor­be­rei­tung auf den Arbeits­markt. Jugend­po­li­tik wird zur Anpas­sungs­po­li­tik. Die Ent­gren­zung der Jugend – räum­lich (durch glo­ba­le Medi­en­ver­net­zung), zeit­lich (durch das Aus­deh­nen der Jugend­pha­se), sozi­al (durch flie­ßen­de Über­gän­ge) – kol­li­diert mit einem Poli­tik­ver­ständ­nis, das jun­ge Men­schen als Res­sour­ce und nicht als akti­ve gesell­schaft­li­che Sub­jek­te begreift.

    Bewäl­ti­gung statt Gestal­tung – Lebens­la­gen­ori­en­tie­rung als poli­ti­sche Leerstelle

    Die tat­säch­li­chen Lebens- und Bewäl­ti­gungs­for­men Jugend­li­cher ent­zie­hen sich viel­fach dem poli­ti­schen Dis­kurs. Anstatt Jugend als poli­ti­sche Gestal­tungs­pha­se ernst zu neh­men, wer­den Debat­ten häu­fig über Jugend­kri­mi­na­li­tät, Medi­en­kon­sum oder dis­zi­pli­nie­ren­de Prä­ven­ti­on geführt. Dabei zeigt sich eine Zuspit­zung bio­gra­fi­scher Risi­ken: Jugend­li­che befin­den sich in Über­gangs­fäl­len (z. B. zwi­schen Schu­le und Beruf), in Bil­dungs­fal­len (etwa durch feh­len­de Anschluss­op­tio­nen trotz Qua­li­fi­ka­ti­on), Männ­lich­keits­fal­len (durch restrik­ti­ve Rol­len­er­war­tun­gen), oder Medi­en­fal­len (durch Ambi­va­lenz zwi­schen Teil­ha­be und Über­for­de­rung). Dies sind kei­ne indi­vi­du­el­len Defi­zi­te, son­dern Aus­druck eines poli­tisch-sozia­len Strukturversagens.

    Ent­grenz­te Jugend – hohe Fle­xi­bi­li­täts­an­for­de­run­gen bei unkla­rer Absicherung

    Die Lebens­pha­se Jugend erstreckt sich heu­te über ein wei­tes Zeit­fens­ter – von etwa 12 bis 27 Jah­ren. Sie ist geprägt durch unsi­che­re Über­gän­ge, offe­ne Optio­nen und zugleich hohe Anfor­de­run­gen an Selbst­steue­rung und Selbst­ver­ant­wor­tung. Jun­ge Men­schen befin­den sich in einer „Selbst­stän­dig­keits­fal­le“: Sie sol­len sich selbst orga­ni­sie­ren, digi­ta­le Medi­en sou­ve­rän nut­zen, sich beruf­lich ori­en­tie­ren und sozi­al enga­gie­ren – und das bei unkla­ren Per­spek­ti­ven, brü­chi­gen Sicher­hei­ten und wach­sen­der Kon­kur­renz. Ein „geschütz­tes Mora­to­ri­um“ exis­tiert für vie­le Jugend­li­che nicht mehr.

    Jugend­po­li­tik als Bewäl­ti­gungs­po­li­tik – ein sozi­al­po­li­ti­scher Imperativ

    Die Sozia­le Arbeit erkennt in die­ser Gemenge­la­ge die Not­wen­dig­keit, Jugend­po­li­tik als Bewäl­ti­gungs­po­li­tik zu den­ken: Es geht nicht nur dar­um, Mög­lich­kei­ten der Ent­fal­tung zu eröff­nen, son­dern Jugend­li­che bei der Bear­bei­tung sozia­ler Zumu­tun­gen zu unter­stüt­zen. Eine jugend­ge­rech­te Sozi­al­po­li­tik muss sich an den rea­len Her­aus­for­de­run­gen jun­ger Men­schen ori­en­tie­ren – etwa der Ver­ein­bar­keit von Bil­dung und Lebens­füh­rung, der Gestal­tung siche­rer Über­gän­ge, der För­de­rung von Teil­ha­be­rech­ten und der Wahr­neh­mung poli­ti­scher Potenziale.

    Fokus auf sozia­le Teil­ha­be­rech­te – jen­seits von Generationendiskursen

    Eine pro­gres­si­ve Jugend­po­li­tik darf sich nicht auf mora­li­sche Appel­le oder Gene­ra­tio­nen­rhe­to­rik beschrän­ken. Sie muss sozi­al­recht­lich ver­bind­li­che Teil­ha­be­rech­te für jun­ge Men­schen schaf­fen, die nicht an Ver­wer­tung, son­dern an sozia­ler Gerech­tig­keit ori­en­tiert sind. Die Per­spek­ti­ve der Sozia­len Arbeit zielt dar­auf, bio­gra­fi­sche Brü­che abzu­fe­dern, Räu­me für Erpro­bung zu schaf­fen, Hand­lungs­kom­pe­tenz zu för­dern und struk­tu­rel­le Ungleich­hei­ten sicht­bar zu machen. Dies ist beson­ders im Hin­blick auf sozi­al benach­tei­lig­te Jugend­li­che essen­zi­ell, deren Chan­cen auf Teil­ha­be durch kumu­la­ti­ve Exklu­si­ons­me­cha­nis­men ein­ge­schränkt sind.

    Fazit: Jugend­po­li­tik zwi­schen Zumu­tung und Ermöglichung

    Die Lebens­pha­se Jugend ist heu­te zugleich von Ver­lus­ten und neu­en Chan­cen geprägt. Sie ist poli­tisch unter­be­lich­tet, aber gesell­schaft­lich hoch bean­sprucht. Die Sozia­le Arbeit for­dert daher eine Jugend­po­li­tik, die nicht län­ger mora­li­sie­rend oder defi­zit­ori­en­tiert agiert, son­dern sich an den rea­len Bewäl­ti­gungs­la­gen zwi­schen Erwar­tun­gen, Zumu­tun­gen und bio­gra­fi­scher Offen­heit ori­en­tiert. Es braucht eine Poli­tik, die Jugend­li­che als Sub­jek­te ernst nimmt, sie unter­stützt, wo Struk­tu­ren ver­sa­gen, und ihnen Räu­me zur Mit­ge­stal­tung gesell­schaft­li­cher Zukunft eröffnet.

    Sozi­al­po­li­tik des Alters als Lebens­la­gen­po­li­tik – Eine Per­spek­ti­ve der Sozia­len Arbeit

    Das Alter ist längst kei­ne klar umris­se­ne Lebens­pha­se mehr, son­dern ein kom­ple­xes gesell­schaft­li­ches Kon­strukt, das in viel­fa­cher Wei­se von sozi­al­po­li­ti­schen, öko­no­mi­schen und kul­tu­rel­len Fak­to­ren beein­flusst wird. Die Sozia­le Arbeit sieht sich in der Auf­ga­be, die Lebens­la­gen älte­rer Men­schen dif­fe­ren­ziert wahr­zu­neh­men, sozia­le Teil­ha­be zu för­dern und Aus­gren­zung ent­ge­gen­zu­wir­ken. Die Per­spek­ti­ve auf Alter als Lebens­la­gen­po­li­tik bedeu­tet, indi­vi­du­el­le Bio­gra­fien in ihren sozia­len Bezü­gen zu ver­ste­hen und sozi­al­po­li­tisch zu gestal­ten – jen­seits defi­zit­ori­en­tier­ter oder rein für­sor­ge­be­zo­ge­ner Altersbilder.

    Öko­no­mi­sie­rung und Bio­gra­fi­sie­rung des Alters – ein kri­ti­scher Befund

    Die gegen­wär­ti­ge Alters­po­li­tik ist stark durch öko­no­mi­sche Logi­ken geprägt. Alter wird zuneh­mend öko­no­mi­siert und bio­gra­fi­siert: Die gesell­schaft­li­che Wahr­neh­mung älte­rer Men­schen ist dif­fe­ren­ziert nach Kauf­kraft, Kon­sum­fä­hig­keit und phy­si­scher Leis­tungs­fä­hig­keit. Wer als aktiv, gesund und kon­sum­freu­dig gilt, wird öffent­lich sicht­bar und aner­kannt – wer nicht mit­hal­ten kann, läuft Gefahr, gesell­schaft­lich aus­ge­blen­det zu wer­den. Das Alter wird so zur Zer­streu­ung­sze­ne­rie, in der akti­ve Lebens­füh­rung oft mit wirt­schaft­li­chem Poten­zi­al gleich­ge­setzt wird. Die­se Ent­wick­lung erzeugt neue Selek­ti­ons­ef­fek­te und ver­stärkt sozia­le Ungleich­hei­ten im Alter.

    Von der Für­sor­ge zur Teil­ha­be – Öffent­li­che Alten­ar­beit im Wandel

    Die Sozia­le Arbeit setzt dem eine ande­re Per­spek­ti­ve ent­ge­gen: Sie begreift Alter nicht als Ver­sor­gungs­pro­blem, son­dern als Lebens­pha­se mit sozia­ler, kul­tu­rel­ler und poli­ti­scher Teil­ha­be­mög­lich­keit. Die öffent­li­che Alten­ar­beit ver­folgt daher ein sozi­al-inte­gra­ti­ves Ziel: Älte­re Men­schen sol­len nicht ver­wal­tet oder sepa­riert, son­dern gesell­schaft­lich ein­ge­bun­den wer­den – durch sozi­al­räum­lich inte­grier­te Ange­bo­te, durch fle­xi­bel kom­bi­nier­ba­re Hil­fen der Alten­hil­fe und durch indi­vi­du­ell abge­stimm­te Unter­stüt­zungs­for­men. Dies ermög­licht nicht nur mehr Selbst­be­stim­mung, son­dern auch die gesell­schaft­li­che Auf­wer­tung des Alters.

    Lebens­la­gen­po­li­tik statt Ver­sor­gungs­mo­dell – Sozi­al­staat­li­che Neuverortung

    Eine sozi­al­po­li­ti­sche Per­spek­ti­ve auf das Alter, wie sie die Sozia­le Arbeit ver­tritt, zielt auf eine Lebens­la­gen­po­li­tik, die sowohl bio­gra­fi­sche Ver­läu­fe als auch gesell­schaft­li­che Rah­men­be­din­gun­gen berück­sich­tigt. Dies erfor­dert eine Abkehr vom tra­di­tio­nel­len linea­ren Gene­ra­tio­nen­ver­ständ­nis, das Alter pri­mär als Rück­zugs­zeit nach Erwerbs­tä­tig­keit defi­niert. Statt­des­sen braucht es ein dyna­mi­sches Ver­ständ­nis, in dem Alter Teil eines fort­lau­fen­den gesell­schaft­li­chen Moder­ni­sie­rungs­pro­zes­ses ist – mit indi­vi­du­el­len, sozia­len und poli­ti­schen Potenzialen.

    Altern­de Gesell­schaft – Gesell­schafts­pro­blem oder sozia­ler Gestaltungsauftrag?

    Die oft beschwo­re­ne „altern­de Gesell­schaft“ wird meist als Pro­blem für Sozi­al­sys­te­me dar­ge­stellt. Die Per­spek­ti­ve der Sozia­len Arbeit hin­ge­gen ver­steht Alter als Gesell­schafts­ka­te­go­rie, nicht als rei­ne Ver­sor­gungs­last. Es geht um die sozia­le Inte­gra­ti­on des Alters in den gesell­schaft­li­chen Ent­wick­lungs­pro­zess – durch Gestal­tungs­mög­lich­kei­ten, kul­tu­rel­le Teil­ha­be, poli­ti­sche Mit­spra­che und akti­ve Selbst­or­ga­ni­sa­ti­on. Die alters­in­te­grier­te Gesell­schaft ist dabei das Gegen­mo­dell zur altern­den Gesell­schaft: Eine Gesell­schaft, die nicht nach Alters­grup­pen sepa­riert, son­dern alters­über­grei­fen­de Teil­ha­be ermöglicht.

    Der neue Gene­ra­tio­nen­ver­trag – Teil­ha­be statt Rückzug

    Der Über­gang in den Ruhe­stand muss nicht als Rück­zug inter­pre­tiert wer­den, son­dern kann im Sin­ne einer „Ruhe­tä­tig­keit“ neu gedacht wer­den – als eine Pha­se, in der Men­schen ihre Erfah­run­gen ein­brin­gen, gesell­schaft­lich mit­ge­stal­ten und neue Rol­len ent­wi­ckeln. Die­se Neu­be­wer­tung setzt eine sozi­al­po­li­ti­sche Absi­che­rung vor­aus, die sowohl exis­ten­zi­el­le Sicher­heit (Min­dest­ver­sor­gung) als auch Gestal­tungs­frei­heit erlaubt. Der „neue Gene­ra­tio­nen­ver­trag“ ist also nicht nur eine öko­no­mi­sche Umver­tei­lungs­fra­ge, son­dern ein gesell­schaft­li­cher Inte­gra­ti­ons­ver­trag, der soli­da­ri­sche Per­spek­ti­ven für alle Gene­ra­tio­nen eröffnet.

    Sozia­le Diens­te als Ermög­li­chungs­struk­tur – Sozia­le Arbeit als Schlüsselakteurin

    In die­ser Neu­ver­or­tung des Alters spielt die Sozia­le Arbeit eine zen­tra­le Rol­le: Sie bie­tet nicht nur Ver­sor­gung und Pfle­ge, son­dern schafft Zugän­ge, Räu­me und Gele­gen­hei­ten für sozia­le Teil­ha­be. Durch sozi­al­räum­li­che Ver­an­ke­rung, auf­su­chen­de Kon­zep­te und lebens­welt­be­zo­ge­ne Unter­stüt­zung wird Alter nicht iso­liert betrach­tet, son­dern als Teil eines sozia­len Netz­werks. Sozia­le Diens­te wer­den zu Sta­tus­vor­tei­len, weil sie nicht nur kom­pen­sie­ren, son­dern sozia­le Spiel­räu­me erwei­tern und Eigen­in­itia­ti­ve fördern.

    Fazit: Altern in Wür­de – Sozi­al­po­li­tik als Ermöglichungspolitik

    Die Sozi­al­po­li­tik des Alters muss sich an der Ermög­li­chung gleich­be­rech­tig­ter Teil­ha­be, nicht an der Ver­wal­tung von Defi­zi­ten ori­en­tie­ren. Die Sozia­le Arbeit bringt dabei ihre spe­zi­fi­sche Kom­pe­tenz ein: Sie erkennt indi­vi­du­el­le Lebens­la­gen, gestal­tet sozia­le Räu­me und wirkt auf eine Gesell­schaft hin, in der Alter nicht aus­grenzt, son­dern inte­griert. Alters­po­li­tik wird so zur Zukunfts­po­li­tik, in der sozia­le Gerech­tig­keit, bio­gra­fi­sche Viel­falt und gesell­schaft­li­che Soli­da­ri­tät mit­ein­an­der ver­bun­den werden.

    Migra­ti­ons­po­li­tik aus der Per­spek­ti­ve der Sozia­len Arbeit – Zwi­schen öko­no­mi­scher Instru­men­ta­li­sie­rung und sozia­ler Teilhabe

    Migra­ti­on ist ein fes­ter Bestand­teil gesell­schaft­li­cher Ent­wick­lung – his­to­risch, gegen­wär­tig und zukünf­tig. Deutsch­land ist längst ein fak­ti­sches Ein­wan­de­rungs­land. Doch die poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Gestal­tung die­ses Umstands bleibt ambi­va­lent. Die Sozia­le Arbeit nimmt Migra­ti­ons­po­li­tik nicht nur als Ver­wal­tung von Zuwan­de­rung wahr, son­dern als sozi­al­po­li­ti­sches Gestal­tungs­feld mit grund­le­gen­der Bedeu­tung für Teil­ha­be, Gerech­tig­keit und demo­kra­ti­sche Inte­gra­ti­on. Dabei geht es nicht allein um öko­no­mi­sche Ver­wert­bar­keit, son­dern um die Aner­ken­nung von Migra­ti­on als sozia­le Rea­li­tät und Ressource.

    Migra­ti­on als Res­sour­ce – zwi­schen wirt­schaft­li­chem Nut­zen und sozia­lem Ausschluss

    Migra­ti­ons­po­li­tik ist zuneh­mend vom öko­no­mi­schen Nut­zen geprägt: Migra­ti­on wird als Res­sour­ce für Wohl­stands­pro­duk­ti­on im Auf­nah­me­land und zur Armuts­be­kämp­fung im Her­kunfts­land betrach­tet. In wirt­schaft­li­chen Debat­ten domi­niert der Begriff des Human­ka­pi­tals – Migrant*innen erschei­nen als Arbeits­kräf­te­po­ten­zi­al zur Siche­rung des Wachs­tums. Die­se Per­spek­ti­ve führt zu einer Objek­ti­vie­rung von Men­schen: „Es soll­ten Arbeits­kräf­te geholt wer­den, es sind Men­schen gekom­men.“ (Böh­nisch & Schrö­er, 2012)

    Die Sozia­le Arbeit hält dage­gen: Sie betont die indi­vi­du­el­le Lebens­la­ge, die All­tags­be­wäl­ti­gung, das Stre­ben nach Selbst­be­stim­mung, nach sozia­ler Aner­ken­nung und gleich­be­rech­tig­ter poli­ti­scher Teil­ha­be – als zen­tra­le Zie­le einer inte­gra­ti­ven Migrationspolitik.

    Trans­na­tio­na­le Per­spek­ti­ven – Abkehr vom binä­ren Denken

    Die Rea­li­tät vie­ler Migrant*innen ist trans­na­tio­nal geprägt: Sie leben, arbei­ten, kom­mu­ni­zie­ren und gestal­ten ihre Bio­gra­fien in meh­re­ren sozia­len Räu­men gleich­zei­tig. Migra­ti­on ist heu­te weni­ger ein ein­ma­li­ger Über­gang, son­dern ein dyna­mi­scher Pro­zess zwi­schen ver­schie­de­nen sozia­len, kul­tu­rel­len und wirt­schaft­li­chen Kon­tex­ten. Die bis­he­ri­ge Poli­tik hin­ge­gen folgt meist einem natio­nal­staat­li­chen Inte­gra­ti­ons­pa­ra­dig­ma, das Men­schen ent­we­der als „inte­griert“ oder „nicht inte­griert“ klassifiziert.

    Die Sozia­le Arbeit for­dert hier ein Umden­ken: Von der binä­ren zur trans­na­tio­na­len Per­spek­ti­ve, von der Kon­trol­le zur Ermög­li­chung, von der Objek­ti­vie­rung zur Aner­ken­nung. Migra­ti­on ist nicht nur ein Aus­nah­me­zu­stand, son­dern ein Nor­mal­fall sozia­ler Rea­li­tät – und muss als sol­cher sozi­al­po­li­tisch gestal­tet werden.

    Gespal­te­ne Migra­ti­ons­po­li­tik – zwi­schen Abschot­tung und Öffnung

    Die gegen­wär­ti­ge Migra­ti­ons­po­li­tik ist gespal­ten: Einer­seits gibt es selek­ti­ve Öff­nun­gen für qua­li­fi­zier­te Arbeits­mi­gra­ti­on – ande­rer­seits mas­si­ve Restrik­tio­nen bei sozia­len Rech­ten, Teil­ha­be und Auf­ent­halts­mög­lich­kei­ten. Die­se Poli­tik schafft Ungleich­hei­ten: Vie­le Migrant*innen wer­den zu abs­tract workers“, redu­ziert auf ihre öko­no­mi­sche Funk­ti­on, ohne ech­te Ent­wick­lungs­per­spek­ti­ven oder poli­ti­sche Gestaltungsräume.

    Die Sozia­le Arbeit kri­ti­siert die­se Ver­en­gung auf den Nut­zen und stellt den Men­schen in sei­ner sozia­len Ganz­heit in den Mit­tel­punkt. Sie ver­steht Migra­ti­on nicht als Pro­blem, son­dern als Her­aus­for­de­rung und Chan­ce, gesell­schaft­li­che Viel­falt, Soli­da­ri­tät und demo­kra­ti­sche Ent­wick­lung neu zu denken.

    Ver­weh­rungs­zu­sam­men­hän­ge – Aus­schluss und feh­len­de Anerkennung

    Zen­tra­le Erfah­run­gen vie­ler Migran­tin­nen bestehen in einem Ver­weh­rungs­zu­sam­men­hang: Sozia­le Aus­schlüs­se durch recht­li­che Restrik­tio­nen, insti­tu­tio­nel­le Hür­den oder dis­kri­mi­nie­ren­de Prak­ti­ken gehen mit einem Man­gel an sozia­ler und sym­bo­li­scher Aner­ken­nung ein­her. Dies betrifft ins­be­son­de­re Men­schen mit unsi­che­rem Auf­ent­halts­sta­tus, Geflüch­te­te, aber auch lang­jäh­rig hier leben­de Migran­tin­nen, die den­noch struk­tu­rell benach­tei­ligt bleiben.

    Die Sozia­le Arbeit erkennt in die­sen Kon­stel­la­tio­nen zen­tra­le Her­aus­for­de­run­gen: Sie muss indi­vi­du­el­le Bewäl­ti­gungs­pro­zes­se beglei­ten und gleich­zei­tig auf struk­tu­rel­le Ver­än­de­rung hin­wir­ken – durch poli­ti­sche Stel­lung­nah­men, pro­fes­sio­nel­le Refle­xi­on und trans­kul­tu­rel­le Handlungskompetenz.

    Von der Steue­rung zur Teil­ha­be – For­de­run­gen an die Migra­ti­ons- und Sozialpolitik

    Die Sozia­le Arbeit for­dert eine Migra­ti­ons­po­li­tik, die nicht auf Selek­ti­on und Nütz­lich­keit redu­ziert ist, son­dern auf Teil­ha­be, Gleich­be­rech­ti­gung und sozia­le Gerech­tig­keit aus­ge­rich­tet ist. Migra­ti­on darf nicht län­ger auf arbeits­markt­po­li­ti­sche Kri­te­ri­en redu­ziert wer­den. Viel­mehr bedarf es:

    • sozi­al­staat­li­cher Ver­an­ke­rung sozia­ler Rech­te für alle, unab­hän­gig von Her­kunft und Aufenthaltsstatus,
    • einer akti­ven Aner­ken­nungs­kul­tur, die Viel­falt nicht als Bedro­hung, son­dern als Berei­che­rung begreift,
    • einer offe­nen Sozi­al­po­li­tik, die Trans­na­tio­na­li­sie­rungs­pro­zes­se in ihrer Pra­xis berücksichtigt,
    • sowie lebens­la­gen­ori­en­tier­ter Unter­stüt­zungs­struk­tu­ren, die All­tags­be­wäl­ti­gung, Bil­dung, Arbeit, Gesund­heit und poli­ti­sche Teil­ha­be mit­ein­an­der verbinden.

    Fazit: Migra­ti­ons­po­li­tik als sozi­al­po­li­ti­sche Verantwortung

    Migra­ti­on ist kein Rand­the­ma, son­dern eine zen­tra­le Her­aus­for­de­rung moder­ner Sozi­al­po­li­tik. Die Sozia­le Arbeit bringt in die­sen Dis­kurs ihre Pra­xis­nä­he, ihren Men­schen­rechts­be­zug und ihre lebens­welt­ori­en­tier­te Hand­lungs­per­spek­ti­ve ein. Sie erkennt Migra­ti­on als gesell­schaft­li­che Rea­li­tät, als Ent­wick­lungs­po­ten­zi­al und als Prüf­stein für die demo­kra­ti­sche Rei­fe eines Gemeinwesens.

    Migra­ti­ons­po­li­tik aus der Sicht der Sozia­len Arbeit heißt daher: Gestal­ten statt ver­wal­ten, Teil­ha­be statt Objek­ti­vie­rung, Men­schen­rech­te statt Nützlichkeitslogik.

    Gesamt­fa­zit: Sozi­al­po­li­tik als Ermög­li­chungs- und Teil­ha­be­po­li­tik – Per­spek­ti­ven der Sozia­len Arbeit

    Die Sozia­le Arbeit ver­steht Sozi­al­po­li­tik nicht als rei­ne Steue­rungs­in­stanz zur Ver­wal­tung von Pro­blem­la­gen, son­dern als gesell­schaft­li­che Gestal­tungs­kraft zur Her­stel­lung sozia­ler Gerech­tig­keit, Teil­ha­be und Men­schen­wür­de. In allen sozi­al­po­li­ti­schen Fel­dern – von Fami­li­en- über Bildungs‑, Gesund­heits- und Migra­ti­ons­po­li­tik bis hin zur Jugend- und Alters­po­li­tik – offen­ba­ren sich tief­grei­fen­de Span­nungs­fel­der zwi­schen öko­no­mi­scher Ver­wer­tungs­lo­gik, indi­vi­du­el­ler Selbst­ver­ant­wor­tung und sozia­ler Ungleichheit.

    In einer zuneh­mend öko­no­mi­sier­ten Gesell­schaft, die Lebens­pha­sen und sozia­le Grup­pen nach ihrer Leis­tungs­fä­hig­keit bewer­tet, wird die Sozia­le Arbeit zur Anwäl­tin der Lebens­la­gen: Sie erkennt struk­tu­rel­le Ungleich­hei­ten, unter­stützt indi­vi­du­el­le Bewäl­ti­gungs­pro­zes­se und for­dert zugleich die poli­ti­sche und gesell­schaft­li­che Aner­ken­nung sozia­ler Viel­falt. Dabei rückt sie das Recht auf Selbst­be­stim­mung, sozia­le Sicher­heit und demo­kra­ti­sche Teil­ha­be ins Zentrum.

    Die Ana­ly­se zeigt:

    • Fami­li­en­po­li­tik bleibt in tra­di­tio­nel­len Rol­len­vor­stel­lun­gen und öko­no­mi­schen Ratio­na­li­tä­ten ver­haf­tet, wäh­rend Sor­ge­ar­beit und Ver­ein­bar­keit unge­lös­te Her­aus­for­de­run­gen bleiben.
    • Bil­dungs­po­li­tik drif­tet in Rich­tung Markt­för­mig­keit und Leis­tungs­druck, statt Räu­me für Ent­fal­tung, Par­ti­zi­pa­ti­on und sozia­le Gerech­tig­keit zu eröffnen.
    • Gesund­heits­po­li­tik setzt auf Selbst­ver­ant­wor­tung und Effi­zi­enz, wäh­rend sozia­le Deter­mi­nan­ten von Gesund­heit sys­te­ma­tisch unter­schätzt werden.
    • Jugend­po­li­tik bleibt defi­zit­ori­en­tiert und ver­wal­tungs­fi­xiert, statt Lebens­la­gen ernst zu neh­men und poli­ti­sche wie kul­tu­rel­le Selbst­be­stim­mung zu ermöglichen.
    • Migra­ti­ons­po­li­tik folgt dem Nut­zen­prin­zip, ohne trans­na­tio­na­le Lebens­rea­li­tä­ten, All­tags­be­wäl­ti­gung und Aner­ken­nungs­be­dar­fe zu berücksichtigen.
    • Alters­po­li­tik schwankt zwi­schen Ver­sor­gungs­lo­gik und Akti­vie­rungs­phan­ta­sie, ohne der Viel­falt der Lebens­la­gen im Alter gerecht zu werden.

    In all die­sen Fel­dern zeigt sich: Sozi­al­po­li­tik darf nicht län­ger an Markt­lo­gi­ken, Nor­mie­rungs­an­sprü­chen oder abs­trak­ten Steue­rungs­zie­len aus­ge­rich­tet sein. Aus Sicht der Sozia­len Arbeit muss sie sich statt­des­sen als Ermög­li­chungs­po­li­tik ver­ste­hen – als Poli­tik, die Men­schen unab­hän­gig von Lebens­la­ge, Her­kunft, Geschlecht, Alter oder Sta­tus dazu befä­higt, ihre Lebens­füh­rung in Wür­de, Sicher­heit und Selbst­be­stim­mung zu gestalten.

    Die Sozia­le Arbeit bringt in die­sen Pro­zess ihre spe­zi­fi­schen Kom­pe­ten­zen ein: Lebens­welt­ori­en­tie­rung, struk­tu­rel­le Ana­ly­se­fä­hig­keit, pro­fes­sio­nel­le Bezie­hungs­ge­stal­tung und men­schen­recht­li­che Ver­or­tung. Damit wird sie nicht nur zur beglei­ten­den Instanz gesell­schaft­li­cher Pro­zes­se, son­dern zu einer akti­ven Mit­ge­stal­te­rin eines soli­da­ri­schen und demo­kra­ti­schen Sozialstaats.

    Lite­ra­tur

    Böh­nisch, L. & Schrö­er, W. (2012). Sozi­al­po­li­tik und Sozia­le Arbeit: eine Ein­füh­rung. Wein­heim, Basel: Beltz Juven­ta. https://content-select.com/de/portal/media/view/5aa7b7a0-adbc-4def-a8aa-6955b0dd2d03

    Lei­sink, P. (1994). Bil­dungs­po­li­tik, Spal­tung des Arbeits­mark­tes und Eman­zi­pa­ti­on (Suhr­kamp-Taschen­buch Wis­sen­schaft). In H. Sün­ker (Hrsg.), Bil­dung, Gesell­schaft, sozia­le Ungleich­heit: inter­na­tio­na­le Bei­trä­ge zur Bil­dungs­so­zio­lo­gie und Bil­dungs­theo­rie (1. Auf­la­ge, S. 145–171). Frank­furt am Main: Suhr­kamp. ISBN: 9783518286852

  • Pro­fes­sio­nel­le Sozia­le Arbeit zwi­schen Wahr­neh­mung, Kom­mu­ni­ka­ti­on und Ver­ant­wor­tung: Refle­xio­nen zu zen­tra­len Brenn­punk­ten im Hilfeprozess

    Pro­fes­sio­nel­le Sozia­le Arbeit zwi­schen Wahr­neh­mung, Kom­mu­ni­ka­ti­on und Ver­ant­wor­tung: Refle­xio­nen zu zen­tra­len Brenn­punk­ten im Hilfeprozess

    Hand­out Sozia­le Arbeit Reflexion Professionelle Soziale Arbeit zwischen Wahrnehmung, Kommunikation und Verantwortung: Reflexionen zu zentralen Brennpunkten im Hilfeprozess Reflexion ist Schlüssel professionellen Handelns in der Sozialen Arbeit. Wahrnehmung, Kommunikation, Motivation und Diagnostik stehen dabei im Spannungsfeld fachlicher Verantwortung und struktureller Bedingungen. Dieser Beitrag beleuchtet zentrale Brennpunkte im Hilfeprozess – mit dem Ziel, Partizipation zu fördern, Stigmatisierung zu vermeiden und die Würde der Klient*innen jederzeit zu wahren.

    Inhalts­ver­zeich­nis

    1. Vor­wort
    2. Die Bedeu­tung der All­tags­be­ob­ach­tung – Wahr­neh­mung kri­tisch reflektieren
    3. Kom­mu­ni­ka­ti­on auf Augen­hö­he in insti­tu­tio­nel­len Kon­tex­ten – Wunsch und Wirklichkeit
    4. Emo­tio­na­le und moti­va­tio­na­le Ein­bin­dung – Vor­aus­set­zung für nach­hal­ti­gen Lernerfolg
    5. Dia­gnos­tik und Stig­ma­ti­sie­rung – Refle­xi­on über fach­li­che Verantwortung
    6. Resü­mee
    7. Lite­ra­tur

    Vor­wort

    In den fol­gen­den vier Kom­men­ta­ren wer­den zen­tra­le Aspek­te the­ma­ti­siert, die im Hil­fe­pro­zess beson­de­re Rele­vanz besit­zen. Dabei ste­hen punk­tu­el­le Brenn­punk­te einer pro­fes­sio­nel­len Sozia­len Arbeit im Vor­der­grund, die nicht nur die mensch­li­che Wür­de als obers­tes Gebot betrach­tet, son­dern auch aner­kennt, dass unse­re Klient:innen Indi­vi­du­en sind, die ihre Umwelt indi­vi­du­ell wahr­neh­men und verarbeiten.

    Ein zen­tra­ler Punkt pro­fes­sio­nel­ler Hil­fe ist daher sowohl die Wahr­neh­mung der Sozi­al­ar­bei­terinnen als auch die der Kli­entinnen, wel­che im Hil­fe­pro­zess berück­sich­tigt wer­den müs­sen. Durch Wahr­neh­mung set­zen wir uns in Bezie­hung zu unse­rer Umwelt, inter­agie­ren mit ihr und gewin­nen not­wen­di­ge visu­el­le und ande­re Infor­ma­tio­nen, die wir zur Hand­lungs­pla­nung benötigen.

    Ein wesent­li­ches Hand­lungs­mus­ter in der Sozia­len Arbeit ist die sozia­le Inter­ak­ti­on, ins­be­son­de­re das Gespräch. Neben der visu­el­len Wahr­neh­mung tre­ten Sozialarbeiter:innen mit ihrer Kli­en­tel in wech­sel­sei­ti­ge Bezie­hun­gen. Pro­fes­sio­nel­le Set­tings beein­flus­sen dabei maß­geb­lich, wie Kli­en­tin­nen Situa­tio­nen wahrnehmen.

    Im Mit­tel­punkt fach­li­cher Arbeit ste­hen stets die Bedürf­nis­se der Kli­entinnen, die Sozi­al­ar­bei­terinnen jedoch gegen­über Gesetz­ge­ber und Trä­gern recht­fer­ti­gen müs­sen. Daher sind Lern­pro­zes­se ent­schei­dend für Ver­hal­tens­ver­än­de­run­gen im Hil­fe­pro­zess. Die Art und Wei­se, wie Klient:innen Infor­ma­tio­nen auf­neh­men und umset­zen, ent­schei­det wesent­lich dar­über, wie wirk­sam die ange­bo­te­ne Hil­fe ist.

    Nicht nur die Gestal­tung des Hilf­e­set­tings ist für Klient:innen rele­vant. Hil­fe­pro­zes­se, beson­ders sol­che mit dia­gnos­ti­scher Ursa­chen­for­schung, wir­ken sich auf die Klient:innen und deren Umfeld sowie auf die Sozialarbeiter:innen selbst aus. Des­halb bedür­fen die­se Pro­zes­se stän­di­ger Refle­xi­on, um die Wür­de der Kli­en­tin­nen jeder­zeit zu wahren.

    Die Bedeu­tung der All­tags­be­ob­ach­tung – Wahr­neh­mung kri­tisch reflektieren

    „Ich den­ke, also bin ich“ (Des­car­tes, 1644) beschreibt den Kern ratio­na­lis­ti­scher Phi­lo­so­phie: Die Welt ent­steht im Kopf des Indi­vi­du­ums, und nur das eige­ne Den­ken gilt als ver­läss­li­che Gewiss­heit (vgl. Hagen­dorf et al., 2011, S. 4). Für die Ver­ar­bei­tung von Sin­nes­ein­drü­cken ist die­ser Ansatz bis heu­te von Rele­vanz – auch für die All­tags­be­ob­ach­tun­gen in der Sozia­len Arbeit (vgl. Bräu­ti­gam, 2018, S. 16; Ger­rig & Zim­bar­do, 2008, S. 75).

    Wahr­neh­mung beginnt mit der Auf­nah­me von Sin­nes­rei­zen durch Sin­nes­or­ga­ne. Die­ser ers­te Schritt, die Sin­nes­emp­fin­dung, wird im Gehirn wei­ter­ver­ar­bei­tet. In einem soge­nann­ten bot­tom-up-Pro­zess gelan­gen Sin­nes­rei­ze über das Ner­ven­sys­tem zur Ver­ar­bei­tung. Ergän­zend dazu wirkt eine top-down-gesteu­er­te Wahr­neh­mung, beein­flusst durch men­ta­le Pro­zes­se wie Wis­sen, Erfah­rung und Erwar­tun­gen. Die­se Wahr­neh­mungs­sets prä­gen unse­re Inter­pre­ta­ti­on von Rei­zen und wir­ken – teils unbe­wusst – auch als Schutz­me­cha­nis­mus im Arbeits­all­tag (vgl. Myers, 2014a, S. 234 ff.).

    Beob­ach­tung im enge­ren Sin­ne ist vor allem visu­el­le Sin­nes­emp­fin­dung. Bereits mit dem mor­gend­li­chen Öff­nen der Augen beginnt die­ser Pro­zess (vgl. Gaz­z­ani­ga et al., 2017, S. 263 ff.; Myers, 2014a, S. 245 ff.). Auch in der Pra­xis der Sozia­len Arbeit ist das Sehen zen­tral. Die visu­el­le Inau­gen­schein­nah­me ist eines der wich­tigs­ten Werk­zeu­ge zur Ein­schät­zung von Situa­tio­nen und Per­so­nen (vgl. Bräu­ti­gam, 2018, S. 62 ff.).

    All­tags­be­ob­ach­tun­gen sind jedoch stets von sub­jek­ti­ven Fak­to­ren beein­flusst. Den­noch behal­ten sie ihre Bedeu­tung als Aus­gangs­punkt unse­rer pro­fes­sio­nel­len Arbeit. Die Welt mag indi­vi­du­ell kon­stru­iert sein, doch ist sie für jeden Ein­zel­nen die ein­zig wahr­nehm­ba­re Rea­li­tät. Dar­aus ergibt sich die Not­wen­dig­keit, sen­si­bel für Ver­än­de­run­gen zu blei­ben, Wahr­neh­mun­gen zu hin­ter­fra­gen und ins­be­son­de­re sich selbst kri­tisch zu reflek­tie­ren. Eine pro­fes­sio­nel­le Hal­tung drückt sich daher auch in fol­gen­der Maxi­me aus: „Wie man selbst die Welt wahr­nimmt, sagt mehr über sich aus als über die Umwelt.“

    Kom­mu­ni­ka­ti­on auf Augen­hö­he in insti­tu­tio­nel­len Kon­tex­ten – Wunsch und Wirklichkeit

    Gesprä­che bil­den einen essen­zi­el­len Bestand­teil der Sozia­len Arbeit als metho­di­sches Hand­lungs­in­stru­ment (vgl. Widul­le, 2012, S. 30). Kom­mu­ni­ka­ti­on wird dabei als wech­sel­sei­ti­ge, inten­tio­na­le Ver­stän­di­gung über Sinn­zu­sam­men­hän­ge ver­stan­den, die durch Sym­bo­le – ins­be­son­de­re Spra­che – ver­mit­telt wird (ebd., S. 23). Wäh­rend Kom­mu­ni­ka­ti­on im All­ge­mei­nen kei­nen zwi­schen­mensch­li­chen Kon­takt vor­aus­setzt, ist die­ser für ein Gespräch unab­ding­bar (ebd., S. 27 f.). In insti­tu­tio­nel­len Kon­tex­ten, etwa in der Jugend­hil­fe oder der Ein­glie­de­rungs­hil­fe, sind Gesprächs­si­tua­tio­nen häu­fig von unglei­chen Macht­ver­hält­nis­sen geprägt (vgl. Brock & Meer, 2004, S. 2).

    Kon­zep­te wie Macht, Hier­ar­chie und Asym­me­trie wer­den im kom­mu­ni­ka­ti­ons­ana­ly­ti­schen Dis­kurs oft­mals unein­heit­lich ver­wen­det. Nach Fou­cault lässt sich Macht als Ergeb­nis struk­tu­rel­ler Ungleich­hei­ten zwi­schen Gesprächs­be­tei­lig­ten begrei­fen, die in spe­zi­fi­schen insti­tu­tio­nel­len Kon­tex­ten wirk­sam wer­den (ebd., S. 18). Hier­ar­chie ver­weist auf insti­tu­tio­nel­le Rang­un­ter­schie­de, wäh­rend Asym­me­trie kom­mu­ni­ka­ti­ve Ungleich­ver­tei­lun­gen beschreibt – etwa hin­sicht­lich des Rede­rechts oder der Ein­fluss­nah­me auf den Gesprächs­ver­lauf (ebd., S. 19).

    Das dop­pel­te Man­dat der Sozia­len Arbeit – Hil­fe und Kon­trol­le – führt zwangs­läu­fig zu Hier­ar­chien im Hil­fe­pro­zess (vgl. Widul­le, 2012, S. 45 ff.). Die­se struk­tu­rel­len Gege­ben­hei­ten beein­flus­sen die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­be­zie­hun­gen zwi­schen Fach­kräf­ten und Klient:innen maß­geb­lich. Um den­noch eine mög­lichst gleich­be­rech­tig­te Kom­mu­ni­ka­ti­on zu ermög­li­chen, bedarf es einer pro­fes­sio­nel­len Gesprächs­füh­rung, die auf Trans­pa­renz, Mode­ra­ti­on und Eva­lua­ti­on setzt (vgl. Brock & Meer, 2004, S. 42 ff.).

    Auch Sozialarbeiter:innen unter­lie­gen Macht­struk­tu­ren: Sie gestal­ten Hil­fe­pro­zes­se, kon­trol­lie­ren deren Umset­zung und beein­flus­sen somit maß­geb­lich die Gesprächs­dy­na­mik. Den­noch kön­nen sie durch reflek­tier­te Gesprächs­füh­rung einen Bei­trag dazu leis­ten, Macht­asym­me­trien abzu­bau­en und sich dem Ide­al einer Kom­mu­ni­ka­ti­on auf Augen­hö­he anzu­nä­hern. In die­sem Sin­ne soll­te Kom­mu­ni­ka­ti­on in der Sozia­len Arbeit als gesell­schaft­lich mit­struk­tu­rier­ter Mög­lich­keits­raum ver­stan­den wer­den, in dem Sym­me­trien und Asym­me­trien gleich­zei­tig und wech­sel­sei­tig wirk­sam sind (ebd., S. 2).

    Emo­tio­na­le und moti­va­tio­na­le Ein­bin­dung – Vor­aus­set­zung für nach­hal­ti­gen Lernerfolg

    Nach­hal­ti­ger Lern­erfolg meint lang­an­hal­ten­de Ver­än­de­run­gen im Ver­hal­ten oder in men­ta­len Pro­zes­sen, die auf wahr­ge­nom­me­nen Erfah­run­gen beru­hen (vgl. Edel­mann & Witt­mann, 2012, S. 220). In der beruf­li­chen Bil­dung und Wei­ter­bil­dung ste­hen vor allem kogni­ti­ves Ler­nen (Aneig­nung von Wis­sen und Begrif­fen) sowie Beob­ach­tungs­ler­nen (Ler­nen durch Modell­ver­hal­ten) im Vor­der­grund (vgl. Bräu­ti­gam, 2018, S. 78 f.; Myers, 2014b, S. 290 ff.).

    Lern­pro­zes­se sind untrenn­bar mit Emo­tio­nen und Moti­va­ti­on ver­bun­den. Dabei wird in der Moti­va­ti­on zwi­schen intrin­si­schen und extrin­si­schen Antrie­ben unter­schie­den. Wäh­rend extrin­si­sche Moti­va­ti­on auf äuße­re Anrei­ze zurück­geht (z. B. mate­ri­el­le Beloh­nung), basiert intrin­si­sche Moti­va­ti­on auf inne­rem Antrieb, etwa durch Neu­gier, Inter­es­se oder Freu­de am Ler­nen (vgl. Myers, 2014b, S. 309; Edel­mann & Witt­mann, 2012, S. 229 ff.).

    Beson­ders nach­hal­ti­ge Lern­ef­fek­te zei­gen sich bei intrin­sisch moti­vier­ten Per­so­nen. Nach der Selbst­be­stim­mungs­theo­rie von Deci und Ryan beru­hen opti­ma­le Lern­pro­zes­se auf drei Grund­be­dürf­nis­sen: Kom­pe­tenz, Auto­no­mie und sozia­ler Ein­ge­bun­den­heit. Ler­nen gelingt dann beson­ders gut, wenn Ler­nen­de sich kom­pe­tent, eigen­ver­ant­wort­lich und sozi­al ein­ge­bet­tet erle­ben (vgl. Edel­mann & Witt­mann, 2012, S. 233 ff.).

    In der Ein­glie­de­rungs­hil­fe wird des­halb auf Ziel­pla­nung gesetzt. Sie för­dert Selbst­steue­rung, Akti­vie­rung und Par­ti­zi­pa­ti­on und greift damit die genann­ten Prin­zi­pi­en auf (vgl. Schä­fer, 2017, S. 8). Eine indi­vi­dua­li­sier­te Ziel­pla­nung kann auch in Bil­dungs­kon­tex­ten för­der­lich sein. Denn Lern­erfolg lässt sich nicht erzwin­gen – er ent­steht im Zusam­men­spiel von Moti­va­ti­on, Emo­ti­on und einer lern­för­der­li­chen Umgebung.

    Dia­gnos­tik und Stig­ma­ti­sie­rung – Refle­xi­on über fach­li­che Verantwortung

    Die WHO defi­niert Gesund­heit als einen Zustand „voll­kom­me­nen kör­per­li­chen, see­li­schen und sozia­len Wohl­be­fin­dens“ (vgl. Fal­ler, 2019, S. 4). Die­se ide­al­ty­pi­sche Defi­ni­ti­on führt dazu, dass nahe­zu jede Abwei­chung als Krank­heit ver­stan­den wird. Unter­su­chun­gen zei­gen jedoch, dass die­ses Ide­al in unse­rer Gesell­schaft sel­ten erreicht wird und somit ein dau­er­haft uner­reich­ba­rer Zustand bleibt – mit mög­li­chen nega­ti­ven Kon­se­quen­zen für das indi­vi­du­el­le Wohl­be­fin­den (vgl. Böh­nisch & Schrö­er, 2012, S. 188).

    In der medi­zi­ni­schen und psy­cho­lo­gi­schen Pra­xis wer­den zur Fest­stel­lung von Stö­run­gen dia­gnos­ti­sche Ver­fah­ren ange­wen­det. Dia­gnos­tik ist ein struk­tu­rier­tes Sys­tem zur Erhe­bung psy­chisch rele­van­ter Merk­ma­le und erfor­dert eine recht­lich wie ethisch ver­ant­wor­tungs­vol­le Umset­zung. Dabei spie­len ins­be­son­de­re die Sorg­falts­pflicht, Trans­pa­renz und der Schutz sen­si­bler Daten eine zen­tra­le Rol­le (vgl. Ame­lang et al., 2006, S. 2; Schmidt-Atz­ert & Ame­lang, 2012, S. 4, 27 ff.).

    Dia­gno­sen die­nen in der Fach­pra­xis als Grund­la­ge für ziel­ge­rich­te­te Hil­fe­pla­nung. Gleich­zei­tig kön­nen sie jedoch zur Stig­ma­ti­sie­rung bei­tra­gen. Eine Eti­ket­tie­rung ver­än­dert nicht nur die Wahr­neh­mung durch Drit­te, son­dern mög­li­cher­wei­se auch das Selbst­bild der betrof­fe­nen Per­so­nen. Der Mensch wird mit­un­ter auf sei­ne Dia­gno­se redu­ziert – ein Phä­no­men, das beson­ders bei psy­chi­schen Stö­run­gen deut­lich wird (vgl. Myers, 2014c, S. 660 ff.).

    Ein Bei­spiel hier­für ist die Arbeit mit Men­schen, die auf Hilfs­mit­tel wie einen Roll­stuhl ange­wie­sen sind: Die­se Per­so­nen wer­den häu­fig auf das sicht­ba­re Hilfs­mit­tel redu­ziert. Ähn­lich ver­hält es sich mit psy­chi­schen Dia­gno­sen. Die Gefahr besteht, dass sich das Umfeld ent­spre­chend der Dia­gno­se ver­hält – und somit das Sym­ptom­ver­hal­ten ver­stärkt oder sogar unge­wollt bestä­tigt. Dia­gno­sen kön­nen so zu sich selbst bestä­ti­gen­den Pro­phe­zei­un­gen werden.

    Die Sozia­le Arbeit steht daher in beson­de­rer Ver­ant­wor­tung, Dia­gno­sen reflek­tiert und dif­fe­ren­ziert zu nut­zen. Fach­lich begrün­de­te Dia­gno­sen dür­fen nicht zur Her­ab­wür­di­gung der Klient:innen füh­ren. Viel­mehr müs­sen sie als Grund­la­ge für eine men­schen­wür­di­ge, par­ti­zi­pa­ti­ve und res­sour­cen­ori­en­tier­te Hil­fe­pla­nung die­nen. Die Wah­rung der Wür­de der Klient:innen steht dabei über jeder dia­gnos­ti­schen Klassifikation.

    Resü­mee

    Für eine pro­fes­sio­nel­le Sozia­le Arbeit ist die kri­ti­sche Refle­xi­on der eige­nen Wahr­neh­mung unver­zicht­bar. Dabei ist es essen­zi­ell, den kon­ti­nu­ier­li­chen und zykli­schen Cha­rak­ter die­ses Refle­xi­ons­pro­zes­ses zu ver­in­ner­li­chen. Sowohl unse­re Wahr­neh­mung als auch die dar­aus ent­ste­hen­den Schluss­fol­ge­run­gen unter­lie­gen wie­der­keh­ren­den Mus­tern und soll­ten regel­mä­ßig hin­ter­fragt wer­den. Fach­li­che Wei­ter­ent­wick­lung ist auf Kri­tik und kon­struk­ti­ves Feed­back ange­wie­sen, um neue Per­spek­ti­ven zu inte­grie­ren und das eige­ne Han­deln zu schärfen.

    Zen­tral ist zudem die Refle­xi­on der eige­nen Rol­le und ihres Ein­flus­ses im Hil­fe­pro­zess. Sozialarbeiter:innen agie­ren aus einer struk­tu­rell über­le­ge­nen Posi­ti­on her­aus mit oft­mals benach­tei­lig­ten Men­schen. Die­se Kon­stel­la­ti­on erzeugt Hier­ar­chien und asym­me­tri­sche Macht­ver­hält­nis­se, die auch bei reflek­tier­tem Han­deln nicht voll­stän­dig auf­ge­ho­ben wer­den kön­nen. Die bewuss­te Aus­ein­an­der­set­zung mit die­sen Dyna­mi­ken ist des­halb ein zen­tra­ler Bestand­teil pro­fes­sio­nel­len Handelns.

    Im Zen­trum sozi­al­ar­bei­te­ri­scher Pra­xis steht das Ziel, Klient:innen in ihrer Ein­zig­ar­tig­keit wahr­zu­neh­men, ihre Rech­te zu ach­ten und sie im Hil­fe­pro­zess zu selbst­be­stimm­tem Han­deln zu befä­hi­gen. Par­ti­zi­pa­ti­on und Selbst­be­stim­mung sind fach­lich unver­zicht­ba­re Vor­aus­set­zun­gen für gelin­gen­de Hil­fe­pro­zes­se. Sie för­dern nicht nur die Wirk­sam­keit von Unter­stüt­zungs­leis­tun­gen, son­dern stär­ken auch die Selbst­wahr­neh­mung und das Selbst­wert­ge­fühl der Klientinnen.

    Ein auf Selbst­be­stim­mung aus­ge­rich­te­ter Hil­fe­pro­zess schützt dar­über hin­aus wirk­sam vor der Stig­ma­ti­sie­rung von Hil­fe­ge­su­chen und der Hil­fe durch die Sozia­le Arbeit selbst. Es darf nicht dar­um gehen, staat­li­che Kon­trol­le und Für­sor­ge als auto­ri­tä­res Macht­in­stru­ment zu leben. Viel­mehr müs­sen Dia­gno­sen und insti­tu­tio­nel­le Ver­fah­ren als fach­li­che Dis­kus­si­ons­grund­la­gen für par­ti­zi­pa­ti­ve Hil­fe­pla­nun­gen genutzt wer­den. Im Mit­tel­punkt steht nicht die Dia­gno­se – son­dern die Ent­wick­lung hilf­rei­cher, wirk­sa­mer und wür­de­vol­ler Settings.

    Lite­ra­tur

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